Show Less
Open access

Niederdeutsch und regionale Umgangssprache in Mecklenburg-Vorpommern

Strukturelle, soziolinguistische und didaktische Aspekte

Series:

Edited By Birte Arendt, Andreas Bieberstedt and Klaas-Hinrich Ehlers

Im Mittelpunkt des Bandes steht der Wandel des Niederdeutschen und der regionalen Umgangssprache in Mecklenburg-Vorpommern. Er vereint linguistische Beiträge, die Aspekte der Entwicklung und Struktur sowie des Gebrauchs regionaler Sprachformen in diesem Bundesland in den Blick nehmen. Der Fokus der Darstellungen liegt auf jüngeren und aktuellen Entwicklungen. Zugleich beziehen die Beiträge die Vorgeschichte der gegenwärtigen Sprachverhältnisse seit dem 19. Jahrhundert ein. Ein eigener Themenblock ist der institutionellen Vermittlung und Förderung des Niederdeutschen gewidmet. Damit trägt der Band der Tatsache Rechnung, dass sich die Vermittlung des Niederdeutschen heute zunehmend auf Bildungsinstitutionen verlagert und zum Gegenstand amtlicher Sprachpolitik geworden ist.

Show Summary Details
Open access

„Wir haben’s zwar gehört, konnten’s verstehen und… aber selbst so richtig benutzt haben wir’s auch nicht.“ Eine Fallstudie zum Wandel des Dialektgebrauchs in der Generationsfolge in einer mecklenburgischen Gemeinde (Mona Biemann)

Mona Biemann

„Wir haben’s zwar gehört, konnten’s verstehen und… aber selbst so richtig benutzt haben wir’s auch nicht.“ Eine Fallstudie zum Wandel des Dialektgebrauchs in der Generationsfolge in einer mecklenburgischen Gemeinde

Abstract: This article discusses aspects of dialect change in Mecklenburg-Western Pomerania over the last seven decades from a biographical point of view. It presents results of a biographical study with Low German dialect speakers of three generations from the community of Satow near Rostock. The participants of this study belong to the old, middle and younger speaker generation who have aquired their first and second language in a period in which the Low German dialect underwent a severe change with regard to both the number of its speakers and the patterns of its acquisition and usage. The article discusses autobiographical statements about the participants’ linguistic socialization and language experiences and in that way it reveals individual and collective concepts about the usage and change of the Low German dialect in Mecklenburg on a sociological micro-, meso- and macro-level.

1 Einleitung

Dieser Beitrag befasst sich mit dem Gebrauchswandel der mecklenburgischen Mundart der letzten 60 Jahre. Präsentiert werden Ergebnisse sprachbiografischer Tiefeninterviews mit Dialektsprechern verschiedener Generationen aus der Gemeinde Satow im Landkreis Rostock. Vergleicht man die individuellen Sprachbiografien der Probanden, lassen sich wiederkehrende Prozessstrukturen erkennen, die diesen Wandel begünstigt haben. Diese umfassen unterschiedliche gesellschaftliche Ebenen, die regionale Ebene bzw. regionale Sprachgemeinschaft (Makroebene) ebenso wie die lokale Ebene oder örtliche Sprachgemeinschaft (Mesoebene). Aber auch im kleinen gesellschaftlichen Rahmen, der Familie (Mikroebene), lassen sich wesentliche regionalsprachliche Entwicklungstendenzen aufzeigen.

Ziel dieser Fallstudie ist es, ausgehend von der Mikroebene den Wandel in der Sprachvermittlung und des Sprachgebrauchs bezüglich der mecklenburgischen Mundart in verschiedenen sozialen Kontexten aufzuzeigen. Die Frage ist, wie die Bewohner meines Untersuchungsortes den Sprachwandel der vergangenen sechs Jahrzehnte beschreiben und welche sozialen Faktoren sie dafür verantwortlich←167 | 168→ machen. Hierfür bedient sich die Untersuchung eines qualitativen sprachbiografischen Ansatzes, indem die subjektiven Erfahrungen der Sprachteilnehmer als Erkenntnisquelle in den Mittelpunkt gestellt werden.

2 Vorüberlegungen

2.1 Problemaufriss

Während ihrer Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte unterlag die mecklenburgisch-vorpommersche Mundart permanenten Veränderungen. Der Wandelprozess des Mecklenburgischen in Bezug auf seine Struktur, seine Sprecher, den Erwerb und die Verwendung sowie hinsichtlich der Einstellungen ihm gegenüber erfuhr besonders in der jüngeren Vergangenheit des 19. und 20. Jahrhunderts eine zunehmende Dynamik und veränderte die sprachliche Situation in Mecklenburg-Vorpommern gerade in den vergangenen sechs Jahrzehnten grundlegend. Schon die soziolinguistische Forschung der 1970er Jahre zeigte, dass sich im regionalen Varietätenspektrum Mecklenburg-Vorpommerns deutliche Konvergenzerscheinungen erkennen lassen,1 d. h. dass der Basisdialekt2 strukturell und funktional fortlaufend abgebaut wird.3 Das Niederdeutsche nähert sich über Interferenzerscheinungen einerseits strukturell dem Standarddeutschen an und wird andererseits auch in der Kommunikation immer weiter von regiolektalen bzw. standardnahen Sprechlagen ersetzt. Dabei nehmen die Anzahl der Dialektsprecher sowie deren dialektale Kompetenzen stetig ab.4 Als Konsequenz verschwindet die Mundart aus den relevanten Kommunikationsbereichen, z. B. aus dem Arbeitsleben oder dem Familien- und Freundeskreis, und verliert damit ihre Funktion als Mittel der Alltagskommunikation.

Auch der Regiolekt in Mecklenburg-Vorpommern weist Abbauprozesse und eine wachsende Nähe zum standardsprachlichen Pol auf.5 So konstatiert etwa←168 | 169→ Kehrein in seiner aktuellen Studie zu den regionalsprachlichen Spektren im Raum Stralsund unter Verweis auf Dahls frühere Untersuchungen zur „mundartnahen Umgangssprache“ (Um) im Raum Rostock6, dass viele der für diese „standardfernste Sprachschicht der hochdeutschen Umgangssprache konstitutiven regionalsprachlichen Varianten“ in den Sprachproben der von ihm beobachteten Probanden nicht mehr nachweisbar seien.7 Der hier umrissene Wandelprozess beeinflusst also den Aufbau des Gefüges regionaler Varietäten und Sprechlagen insgesamt ebenso wie die sprachliche Struktur der einzelnen Varietäten.

Versucht man diese Entwicklungsprozesse modellhaft abzubilden, bietet sich der Vorschlag von Schmidt an, der die Entwicklung der regionalen Varietäten und Sprechlagen zwischen den Polen Basisdialekt und Standardsprache im deutschen Sprachraum in einem mehrstufigen Ablaufmodell darstellt.8 Basis ist die Annahme ursprünglich diglossischer, hochdeutsch-dialektaler Sprachverhältnisse und deren diachrone Entwicklung hin zu monoglossischen Verhältnissen durch die Auflösung des dialektalen Anteils am Varietätenspektrum.9 Die erste Entwicklungsphase, die vom Basisdialekt als hauptsächlichem Kommunikationsmittel wegführt, ist demnach von einer klassischen Diglossie geprägt. Zwischen Mundart und Standardsprache gibt es eine klare, sich stetig verfestigende Domänenverteilung. Der Dialekt wird beispielsweise in der Familie bzw. im Privaten gebraucht, während die Standardsprache im Berufsleben oder in Behörden verwendet wird. In der zweiten Entwicklungsphase konstituieren sich neben Dialekt und Standardsprache weitere Schichten der gesprochenen Sprache. In der folgenden Phase stellt Schmidt eine „Entdiglossierung“ zwischen Dialekt und Standardsprache fest. In der Kommunikation ist ein breites Spektrum im mittleren Varietätenbereich zu finden, das weder den basisdialektalen noch den standardsprachlichen Pol erreicht.10 Sprachvariation innerhalb dieses mittleren Spektrums besteht nicht mehr im Wechsel zwischen Varietäten, die mehr oder weniger fest an soziale oder situative Gegebenheiten gebunden sind, sondern beläuft sich auf graduelle Verschiebungen zwischen „Sprech←169 | 170→lagenschwerpunkten“, die situationsbezogen als Stilmittel eingesetzt werden. In der vierten Entwicklungsphase sind die Dialekte, bis auf einige Dialektreste, aus der Kommunikation verschwunden. Es herrscht eine standardsprachliche Monoglossie, die nur noch wenige regionalsprachliche Merkmale enthält. Diese Stufe stellt nach Schmidt den Endpunkt der Dialektentwicklung dar, die von einer Auflösung des dialektalen Spektrums gekennzeichnet ist.

Im norddeutschen (und damit auch im mecklenburgisch-vorpommerschen) Sprachraum ist Schmidt zufolge dieser Endpunkt der dialektalen Entwicklung in der Gegenwart bereits erreicht. Die hier verwendete Alltagssprache entspreche weitgehend der Standardsprache, die lediglich einige norddeutsche Aussprachevarianten enthält. Allerdings verweist Schmidt gleichzeitig auf Menke und Stellmacher, die für den norddeutschen Sprachraum in einigen (ruralen) dialektstarken Regionen weiterhin eine niederdeutsch-hochdeutsche Diglossie annehmen, wenngleich Dialektkompetenzen lediglich bei einer stark schrumpfenden Minderheit vorhanden seien.11 Außerdem betont Schmidt eine weitere Besonderheit des norddeutschen Sprachraums. Anders als beispielsweise im Ruhrgebiet, das eine ähnliche sprachliche Entwicklungsstufe erreicht habe, sei im Norden „das Niederdeutsche als historisch eigenständige Sprache aber fest im Sprecherbewusstsein verankert […]“.12 Gestützt wird diese Annahme u. a. durch die neueren Untersuchungsergebnisse von Arendt, der zufolge die von ihr befragten Probanden „sich zumeist zustimmend zu der auch allgemein weit verbreiteten These, dass Niederdeutsch eine eigenständige Sprache sei und kein Dialekt“, äußern.13

Es liegt daher nahe, Schmidts Zuordnung des Mecklenburgisch-Vorpommerschen zur vierten und letzten Stufe der Entdiglossierung einmal auf empirischer Grundlage zu hinterfragen. Die nachgewiesenen Restbereiche der Diglossie sowie die Verankerung des Niederdeutschen im Sprecherbewusstsein als eigenständige Sprache deuten darauf hin, dass der Endpunkt der Entwicklung, die standardsprachliche Monoglossie, hier noch nicht endgültig erreicht ist. Meine vorliegende Studie zielt darauf, das Modell von Schmidt auf seine Aktualität und Anwendbarkeit auf die gegenwärtige Sprachsituation in Mecklenburg-Vorpommern hin zu überprüfen. Dabei soll in erster Linie der Sprachgebrauchswandel des Niederdeutschen im Vordergrund stehen.←170 | 171→

2.2 Zum sprachbiografischen Untersuchungsansatz

Die mecklenburgisch-vorpommersche Mundart ist seit langem Untersuchungsgegenstand der Dialektologie und dementsprechend relativ gut erforscht.14 Dabei dominierten allerdings meist dialektografische und dialektgeografische Ansätze, die auch für die vergleichsweise wenigen Untersuchungen zur gegenwärtigen Dialektentwicklung in der Region bestimmend sind.15 Seltener werden soziolinguistische Methoden und Erklärungsmodelle herangezogen, um das Niederdeutsche der Gegenwart zu beschreiben und zu analysieren. Dabei sind unter anderem Fragen nach der Sprachkompetenz, den bevorzugten Gesprächspartnern, -themen und -situationen, den sozialen Merkmalen der Dialektsprecher sowie den Phasen und Motiven des Spracherwerbs von besonderer Bedeutung, um den Sprachwandel des Niederdeutschen zu erfassen. Derartige Forschungsansätze blieben bislang für den ostniederdeutschen Sprachraum, zu dem auch Mecklenburg-Vorpommern gehört, meist außerhalb der Betrachtung.16 Gleiches gilt für Studien zur Spracheinstellung und zur sozialsymbolischen Funktion des mecklenburgisch-vorpommerschen Dialektes, obgleich mit den aktuellen Untersuchungen von Arendt und Scharioth bereits wesentliche Forschungsdesiderate aufgearbeitet werden konnten.17

Abgesehen von der Untersuchung Scharioths zu Spracheinstellungen und Identitätskonstruktionen von Frauen in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern und der Untersuchung von Ehlers zur sprachlichen Akkulturation zugewanderter Vertriebener in Mecklenburg18 liegen sprachbiografische Untersuchungen, „bei denen die subjektive Sichtweise linguistischer Laien auf ihren sprachlichen Lebenslauf im Mittelpunkt des Forschungsinteresses steht“,19 mit Bezug auf das Mecklenburgische gegenwärtig noch nicht vor. Als Sprachbiografie oder auch Sprecherbiografie kann hierbei mit Bieberstedt „eine spezielle Form von Biographie bezeichnet werden, die den sprachlichen Lebenslauf eines Individuums, d. h. seine essentiellen sprachprägenden, sprachverändernden und sprachbezogenen Aktivitäten, Erlebnisse und Statusübergänge, verarbeitet und←171 | 172→ ihnen retrospektiv einen kohärenten Sinnzusammenhang zuschreibt“.20 Scharioth geht mit Bezug auf Macha von der Annahme aus, „dass der spezifische sprachliche Lebensweg mit seinen Implikationen für Einstellungen und Verhaltensdispositionen die entscheidende Prägung für aktuelles Sprachhandeln im Feld Dialekt/Standardsprache darstellt“.21 Dieser individuenzentrierte Ansatz liegt auch der vorliegenden Fallstudie zugrunde, in der ausgewählte mecklenburgische Dialektsprecher aus der Gemeinde Satow zu ihrem sprachlichen Werdegang und Verhalten sowie zu ihren Spracheinstellungen interviewt wurden. Gleichzeitig wird angenommen, dass die individuellen Sprachbiografien exemplarischen Charakter besitzen und in gewisser Weise die allgemeine Sprachentwicklung in der Region widerspiegeln. So weist etwa Fix darauf hin, dass es berechtigt sei, „individuelle Erfahrung und Erinnerung als Quelle von Sprachwandel heranzuziehen“, und betont den ‚sozialen Bezugsrahmen’, innerhalb dessen sich der individuelle Erinnerungsprozess vollziehe:22 „Wenn man Erinnerungen erhebt, ist man also auf den Einzelnen verwiesen, kann sich aber zugleich darauf verlassen, eine sozial relevante Auskunft zu erhalten.“23 In der vorliegenden sprachbiografischen Fallstudie wurde der Sprachwandel primär auf familiärer Ebene (Mikroebene) analysiert. Dieser sollte Rückschlüsse bezüglich der Wandlungsprozesse auf der Meso- und Makroebene ermöglichen.

2.3 Erhebungsort, Vorgehensweise und Korpus

Die Erhebung der sprachbiografischen Interviews wurde in der Gemeinde Satow durchgeführt. Diese liegt im Norden des mecklenburgischen Dialektgebiets und besteht heute aus rund 5600 Einwohnern. Die Hansestädte Rostock und Wismar sind jeweils 25 km entfernt und die kleineren Städte Bad Doberan und Bützow etwa 20 km.24

Vor dem Zweiten Weltkrieg umfasste der Ortskern Satows etwa 1000 Einwohner und fungierte mit landwirtschaftlichen Betrieben, Kleinhandel und Handwerk als eine Art wirtschaftliches Zentrum der näheren agrarischen Umgebung.25 Noch heute ist die Gemeinde, welche nun mehrere eingemeindete kleine Ortsteile←172 | 173→ umfasst, stark landwirtschaftlich geprägt. Im mecklenburgischen Sprachgebiet ist die Gemeinde Satow eine prototypische Kommunikationsgemeinschaft im ländlich-kleinstädtischen Milieu, dennoch ist sie besonders durch ihre Nähe zu Rostock auch von Urbanisierungsprozessen beeinflusst. Viele Einwohner arbeiten in der Stadt, erledigen Einkäufe oder nutzen auf dem Land fehlende Freizeitangebote. Seit dem massiven Aufbau der Schwerindustrie im nahegelegenen Rostock in den 1950er Jahren und dem damit einhergehenden Ausbau einer weitreichenden Verkehrsinfrastruktur ist Satow in den wirtschaftlichen Verflechtungsraum der Großstadt Rostock eingebunden. Ein Großteil der Bevölkerung pendelt heute über die unmittelbar am Ort vorbeiführende Autobahn A 20 regelmäßig bzw. häufig zu Arbeit, Ausbildung und Einkauf in die Großstadt. Wie die meisten Ortschaften in Mecklenburg-Vorpommern war auch Satow nach dem Kriegsende von einer außerordentlich umfangreichen Zuwanderung von Flüchtlingen und Vertriebenen aus den östlichen deutschen Sprachgebieten betroffen, deren Anteil an der Wohnbevölkerung in Mecklenburg-Vorpommern nach dem Krieg zwischen 40 % und 54 % lag.26 Ein Spezifikum des Ortes Satow ist dabei, dass hier eine kompakte, etwa 300 Personen umfassende Gruppe von karpatendeutschen Vertriebenen aus dem Ort Oberstuben (Horná Štubňa) aus dem sogenannten Hauerland, einer ehemaligen deutschen Sprachinsel in der Mittelslowakei, angesiedelt worden ist.27

Um Aussagen über den Sprachwandel in der Gemeinde und über Zusammenhänge zur Sprecherbiografie treffen zu können, wurden narrative Interviews mit neun ortsansässigen Dialektsprechern durchgeführt. Da die Befragung Teil meines umfassenderen Dissertationsprojektes ist, bei dem es neben der Erhebung von Daten zu Spracheinstellung und Sprachgebrauch auch darum ging, objektsprachliche Daten zur strukturellen Entwicklung des Niederdeutschen zu erfassen, war eine aktive Sprachkompetenz in der mecklenburgischen Mundart das erste Kriterium bei der Wahl der Probanden. Wie stark diese Dialektkompetenz ausgeprägt ist, war bei der Auswahl der Probanden zunächst nicht ausschlaggebend. Zweitens sollten die Probanden über eine gewisse Ortsfestigkeit verfügen, damit diachrone Aussagen über die örtlichen Wandlungsprozesse getroffen werden können. Die Befragten sollten im Erhebungsort (Gemeinde Satow, inklusive der Ortsteile) wohnen. Aber sie sollten auch in der Gemeinde aufgewachsen und sozialisiert worden sein. ←173 | 174→

Zur diachronen Untersuchung des lokalen Sprachwandels wurden Probanden aus drei verschiedenen Generationen befragt. Die Fallstudie untersucht damit Sprachwandel als apparent-time change. Die Abgrenzung der untersuchten Alterskohorten als „Generationen“ trägt der Tatsache Rechnung, dass die lebensgeschichtlichen Erfahrungshorizonte der Angehörigen dieser Altersgruppen angesichts der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung, mit denen sie konfrontiert waren, jeweils große Übereinstimmungen aufweisen.28 Durch die Gegenüberstellung der Erfahrungsberichte und Einstellungsäußerungen von Angehörigen verschiedener Generationen sollte es ermöglicht werden, auch Aussagen über den Zusammenhang von sprachlichem und gesellschaftlichem Wandel zu treffen.

Die älteste Generation (Generation 1), mit der Interviews durchgeführt wurden, kann man als Kriegs- und Nachkriegsgeneration bezeichnen. Zu dieser Generation zählen die Probanden, die bis 1950 geboren worden sind. Die Probanden dieser Generation erlebten ihre Kindheit in der Zeit während des Zweiten Weltkriegs und/oder in der Notzeit der ersten Nachkriegsjahre und wurden in dieser Zeit (auch sprachlich) sozialisiert. Ihr Berufsleben fällt in die Phase des fortschreitenden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Aufbaus der DDR, die vielfach gute Bedingungen für einen beruflichen und sozialen Aufstieg bot. Diese Altersgruppe deckt sich weitestgehend mit der „funktionierenden Generation“ im Generationenmodell der DDR-Geschichte von Ahbe und Gries.29

Zur zweiten Generation, die hier untersucht wird, zählen die Probanden, die zwischen 1950 und 1975 geboren wurden. Diese Generation erfuhr ihren Spracherwerb und ihre kindliche und schulische Sozialisation in der gesellschaftlich und wirtschaftlich konsolidierten Deutschen Demokratischen Republik, in der die jüngeren Angehörigen dieser Gruppe auch bereits das Berufsleben aufnahmen. Die Familien der Angehörigen dieser Generation profitierten von der sozialen Sicherheit und dem relativen wirtschaftlichen Wohlstand in der DDR, wurden aber durch die Erfahrung des Mauerbaus und der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 mit der Alternativlosigkeit ihrer Lebenssituation konfrontiert. In ihrer beruflichen Karriere erlebten diese Personen nach der politischen Wende 1989 häufig einschneidende Veränderungen. In dem feiner ausdifferenzierten Generationenmodell von Ahbe/Gries umspannt die hier zusammengefasste Altersgruppe etwa die „integrierte Generation“ und die „entgrenzte Generation“.30←174 | 175→

In die dritte hier untersuchte Generation fallen die Probanden, die nach 1975 geboren und sozialisiert worden sind. Ihre Kindheit verlebten diese Personen noch in der Endphase der DDR, die Ausbildung bzw. ihr Berufsleben begannen die Angehörigen dieser Generation nach 1989 dann aber in den stark veränderten sozialen und gesellschaftlichen Verhältnissen der Bundesrepublik. Von ihren Eltern übernahmen diese Personen häufig im Gefolge der weltweiten Protestbewegungen der späten 1960er Jahre, welche auch in die DDR vordrangen und im Kontext des Prager Frühlings wahrgenommen wurden,31 eine distanzierte bis kritische Haltung gegenüber der DDR. Sie erlebten außerdem als Kinder häufig die Karriereeinbrüche ihrer Eltern nach 1989 und deren z. T. gravierende Folgen für die Familien. Mit Ahbe/Giese kann diese Generation als die Generation der „Wendekinder“ beschrieben werden.32

Zusammenfassend lässt sich die Einteilung meiner Probanden in folgender Tabelle darstellen:

image

Es ist anzunehmen, dass auch andere Einflussfaktoren wie Geschlecht, Beruf, Einkommen oder die jeweilige Zugehörigkeit zu sozialen Schichten auf den persönlichen Spracherwerb und -gebrauch einwirken können. Diese wurden aber bei der Auswahl der Probanden nicht berücksichtigt, da der Sprachwandel hier vor allem in seiner zeitlichen Entwicklung untersucht werden sollte.

Pro Generation sollten ursprünglich vier Probanden in einem narrativen Interview von ihrer Sprecherbiografie berichten. Während der Vorbereitung der←175 | 176→ Untersuchung stellte sich jedoch heraus, dass es mit jünger werdenden Generationen zunehmend schwerer wurde, kompetente Dialektsprecher im Ort zu finden. Daher begrenzt sich das Datenmaterial für die zweite Generation auf drei und für die dritte Generation auf nur zwei Interviews.

Inhaltliche Schwerpunkte der Interviews waren Spracherwerb, Sprachgebrauch und Einstellungen zur Sprache. Die Datenerhebung erfolgte also durch die Durchführung eines (sprach)biografischen Interviews. Es wurde ein Leitfaden genutzt, der auf verschiedene Bereiche der Sprachbiografie eingeht. Gefragt wurde nach dem Spracherwerb in der frühen Kindheit, dem Sprachgebrauch während der Schulzeit und des Arbeitslebens, dem gegenwärtigen Sprachgebrauch im privaten und öffentlichen Raum, dem persönlichen und örtlichen Sprachwandel sowie nach den Spracheinstellungen. Außerdem wurden die Probanden gebeten, die hochdeutschen und plattdeutschen Sprachkompetenzen für sich und ihre Familienmitglieder einzuschätzen. Zunächst wurde den Gewährspersonen im Sinne des narrativen Interviews die Möglichkeit gegeben, ihre Biografie und Erinnerungen an die Sprachverhältnisse am Ort frei zu schildern. Daher wurden Fragen des Leitfadens nur dann herangezogen, wenn die Gewährsperson nicht schon selbstständig auf die gewünschten Aspekte eingegangen war. Ehepartner wurden in einem gemeinsamen Interview zur Sprecherbiografie befragt, denn ihre Sprecherbiografien entwickeln sich spätestens seit der Hochzeit gemeinsam und beeinflussen sich gegenseitig. Außerdem ergänzen sich die Partner im gemeinsamen Gespräch durch Denkanstöße, Fragen oder Beispiele gegenseitig.33 Die Interviews wurden literarisch transkribiert und orthografisch standardisiert. Für←176 | 177→ die Interpretation wurden die Aussagen der Gewährspersonen inhaltsanalytisch untersucht und miteinander verglichen, um auf diese Weise Aufschluss über individuelle, individuell übergreifende bzw. generationenspezifische Erwerbs-, Gebrauchs- und Einstellungsmuster und sprachbezogene Konzeptualisierungen zu erlangen.

Die Gewährspersonen werden nachfolgend in Kürze vorgestellt:

Vier Gewährspersonen aus der Generation 1

Gewährsperson 1, männlich, wurde 1934 geboren. Aufgewachsen ist die Gewährsperson in der Nähe von Kröpelin. Kröpelin gehört zwar nicht mehr zur Gemeinde Satow, liegt aber nur ca. zehn Kilometer von Satow entfernt, sodass stets enge Verbindungen zwischen den Gemeinden bestanden. Außerdem wurde GP1 in die Untersuchung aufgenommen, da sie seit der Hochzeit 1957 in der Gemeinde Satow lebt und dort gearbeitet hat. GP1war zunächst als Traktorist und Brigadier tätig, wechselte am Ende der 1950er Jahre jedoch zunächst in die Buchhaltung der LPG und später in die Verwaltung. Anfang der 1990er Jahr ging GP1 in Rente.

Gewährsperson 2 ist die Ehefrau von GP1. Die Gewährsperson wurde 1936 in der Gemeinde Satow geboren, im Nachbarhaus ihres jetzigen Wohnhauses. Sie besuchte die Schule im Nachbardorf und arbeitete anschließend in einem landwirtschaftlichen Betrieb und später bei der LPG des Dorfes. In den 1980er Jahren war sie als Reinigungskraft in einem Studentenwohnheim in Rostock tätig, bis sie eine Stelle in der Strohaufbereitung des VEGs Hohen Luckow bekam, wo sie bis zur Rente 1990 arbeitete. Das Ehepaar GP1 und GP2 hat drei Kinder, welche allesamt heute im gleichen Ort oder im näheren Umkreis leben. Die Eltern beider Gewährspersonen stammen ebenfalls aus der näheren Umgebung Satows, seit 1934 ist die Familie im jetzigen Ortsteil Satows ansässig.

GP5 wurde 1930 in Rostock geboren, die Familie väterlicherseits stammt aus der Hansestadt, die Mutter aus Westpreußen. Nach dem Bombenangriff auf Rostock 1942 zog die Familie in die Gemeinde Satow, wo die Gewährsperson noch heute lebt. Dort besuchte sie auch die Schule und war dort beruflich in verschiedenen Bereichen tätig. Nach dem Schulabschluss arbeitete sie als Dienstmädchen beim örtlichen Pastor. Später arbeitete sie im Hort der Satower Schule und übernahm schließlich die Leitung der örtlichen Bibliothek. Seit der Wiedervereinigung ist die Gewährsperson in Rente. Der verstorbene Ehemann stammte aus dem deutschsprachigen „Hauerland“ in der Slowakei. Die einzige Tochter der Gewährsperson lebt in Rostock. Von 2001–2007 wohnte GP5 in Stuttgart bei ihrem damaligen Lebensgefährten. Die Gewährsperson ist Mitglied der örtlichen Plattdeutsch-Gruppe.←177 | 178→

GP9 wurde 1930 in der Gemeinde Satow geboren. Die Familie väterlicherseits stammt aus Rostock, die der Mutter aus der Gemeinde Satow. Die Gewährsperson besuchte zunächst die Grundschule und dann die Mittelschule in Rostock, die sie aufgrund des Krieges jedoch nicht abschließen konnte. Zunächst war sie dann als Hausmädchen tätig, bevor sie eine Stelle als Telefonistin bei der Post begann. Bevor sie in Rente ging, war sie bei einer Versicherung angestellt. 1950 heiratete die Gewährsperson einen Karpatendeutschen aus der Slowakei, in dem Jahr wurde auch das erste Kind, eine Tochter, geboren. Der Sohn kam 1966 zur Welt. Die Gewährsperson lebt noch immer in ihrem Elternhaus, in welchem nun auch die Familie der Enkeltochter lebt. Der Sohn wohnt im Haus nebenan, die Tochter ist nach Rostock gezogen.

Drei Gewährspersonen aus der Generation 2

Gewährsperson 3 wurde 1954 geboren und wuchs in der Gemeinde Satow auf, wo sie noch heute lebt. Die Gewährsperson besuchte die Schule des Dorfes und ging später auf die Erweiterte Oberschule in Bad Doberan, dann auf die Pädagogische Hochschule Bad Doberan, wo sie eine Ausbildung zur Lehrerin machte. 36 Jahre lang war sie als Lehrkraft tätig, davon 24 Jahre als Schulleiterin. 2013 ging die Gewährsperson in den Ruhestand, jedoch veranstaltet sie weiterhin Plattdeutsch-Angebote an ihrer ehemaligen Schule. Der Vater der Gewährsperson stammt ebenfalls aus der Gemeinde Satow, die Mutter kam als eine deutschsprachige Vertriebene aus der Slowakei nach Satow. Beide Kinder der Gewährsperson leben ebenfalls in der Gemeinde Satow.

Die zweite Gewährsperson dieser Generation, GP6, wurde 1956 geboren. Ihre Familie mütterlicherseits ist seit ca. 1880 im Wohnort in der Gemeinde Satow ansässig, die Familie väterlicherseits seit 1930. Und auch die zwei Kinder der Gewährsperson wohnen noch dort. 1977 heiratete die Gewährsperson, der Ehepartner stammt aus Sachsen. Die Gewährsperson besuchte die Schule in Satow, machte eine Ausbildung in der Rechtspflege und ist momentan als Versicherungsfachkraft tätig.

Gewährsperson 8 wurde 1951 geboren und befindet sich damit an der genauen Grenze zwischen den Generationen 1 und 2. Auch die Mutter der Gewährsperson stammt aus der Gemeinde. Der Vater stammte aus Ostpreußen. Die Gewährsperson besuchte erst die Satower Schule und ging anschließend auf die Erweiterte Oberschule in Bad Doberan. Heute ist die Gewährsperson in einem Kindergarten beschäftigt. Auch der Ehepartner der Gewährsperson stammt aus der Umgebung, einer Nachbargemeinde Satows. Sowohl die Geschwister als auch der einzige Sohn der Gewährsperson wohnen noch immer in der Gemeinde Satow.←178 | 179→

Zwei Gewährspersonen aus der Generation 3

Gewährsperson 4 wurde 1991 geboren. Die Gewährsperson wuchs in der Gemeinde Satow auf und ging dort zur Grundschule. Anschließend besuchte sie das Gymnasium in Bad Doberan. Momentan studiert die Gewährsperson an der Universität Rostock. Durch das Studium bedingt wechselte GP4 auch den Wohnort und zog in die Universitätsstadt. Dadurch, dass jedoch ihre Familie weiterhin in Satow lebt, sie dort noch viele Freunde hat und Mitglied im Satower Karnevalsverein ist, sind die Bindungen an Satow nach wie vor sehr stark, sie hält sich regelmäßig am Ort auf. Die Familie der Gewährsperson ist seit mehreren Generationen, mindestens seit 1910, in Satow ansässig.

Gewährsperson 7 ist 30 Jahre alt, sie wurde 1983 geboren. Sie verbrachte ihr gesamtes Leben in der Gemeinde Satow, besuchte die Satower Grund- und Realschule und machte in einem örtlichen Betrieb eine Ausbildung im Groß- und Außenhandel, wo sie noch immer tätig ist. Die Gewährsperson ist außerdem Mitglied des örtlichen Posaunenchors. Die Familie von GP7 ist väterlicherseits seit über 100 Jahren im Ort ansässig. GP7 wohnt noch immer mit ihrer Großmutter und ihrem Vater in demselben Haus, das 1916 von der Familie gebaut wurde. Die Mutter der Gewährsperson stammt jedoch aus Thüringen, der Bruder lebt mittlerweile in Wilhelmshaven.

3 Sprachgebrauchswandel in der Gemeinde Satow: Untersuchungsergebnisse

Die durchgeführten Interviews zeigen deutlich, dass es im Sprachgebrauch in der Gemeinde Satow einen starken Wandel gegeben hat. Die Interviewaussagen legen nahe, dass die Wandlungsprozesse alle gesellschaftlichen Ebenen betreffen. Sowohl im familiären Kontext, auf der Mikroebene, als auch auf der übergeordneten Makro- und Mesoebene lassen sich sprachrelevante Entwicklungstendenzen aufzeigen. Es wird deutlich, dass sich die Verwendung des Dialekts zunehmend auf die private Kommunikation und auf bestimmte Gesprächspartner bzw. -situationen beschränkt. Die Ursachen und Auswirkungen auf allen gesellschaftlichen Ebenen scheinen sich diesbezüglich wechselseitig zu beeinflussen.

3.1 Individueller Sprachgebrauchswandel im Generationenvergleich

3.1.1 Generation 1 (geb. bis 1950)

Die Probanden der ersten Generation berichten, dass sie den Dialekt noch regelmäßig verwenden. Das Ehepaar GP1 und GP2 spricht nach eigenen Aussagen untereinander ausschließlich Plattdeutsch. „Wir beide sprechen nur Platt. Da gibt’s←179 | 180→ gar nichts anderes“, äußert sich GP2. Die anderen beiden Gewährspersonen dieser Generation (GP 5 und GP9) haben jeweils einen zugewanderten Vertriebenen geheiratet und dementsprechend in der Familie nur wenig Plattdeutsch gesprochen. Diese beiden Probanden berichten jedoch, dass ihre Ehepartner im Laufe der Zeit eine passive Dialektkompetenz entwickelten und deshalb von niederdeutschen Kommunikationen nicht gänzlich ausgeschlossen waren. GP9 berichtet:

„Der [Ehemann, M. B.] hat sich sehr gequält, um die plattdeutsche Sprache zu erlernen. Nämlich hier in der Schmiede wurde nur Plattdeutsch gesprochen. Mein Mann hat dann auch hier mitgearbeitet. Und 1950 haben wir geheiratet. […] Mein Mann verstand jedes Wort, aber Plattdütsch reden hat er nie gelernt.“

Auffällig ist, dass selbst GP1 und GP2, die bis heute Niederdeutsch miteinander sprechen, ihre eigenen Kinder im Hochdeutschen erzogen haben und bis in die Gegenwart mit ihren Kindern und Enkelkindern ausschließlich Hochdeutsch sprechen. Lediglich der älteste Sohn des Ehepaares versteht noch das Plattdeutsche, nur mit ihm wird gelegentlich im Dialekt gesprochen. Bei der sprachlichen Erziehung ihrer Kinder haben sich die Gewährspersonen dem Vernehmen nach aber nicht bewusst für das Hochdeutsche oder gegen das Plattdeutsche entschieden. Die Frage, warum sie mit ihren Kindern Hoch- und nicht Plattdeutsch sprachen, hatten sich die Gewährspersonen nach eigener Aussage vor der Interviewsituation nie gestellt. GP2 berichtet über die Kommunikation mit ihrer Tochter:

„Ja, gleich vom Kind an wurde immer Hochdeutsch gesprochen. Das ist nachher schon zur Gewohnheit geworden. Das hat sich so ergeben. Ich weiß es auch nicht warum. Ich weiß es nicht.“

Wahrscheinlich haben allgemein verbreitete negative Einstellungen gegenüber dem Niederdeutschen den Abbruch der innerfamiliären Weitergabe des Dialekts an die Kinder der Generation 1 befördert. GP5 erinnert sich: „Plattdeutsch war ja damals nicht fein. Sogar die Bauern hier haben mit ihren Kindern Hochdeutsch gesprochen. Das Plattdeutsche war ja eine gewöhnliche Sprache.“

Eventuell widerspiegelt das Sprachverhalten gegenüber den Kindern auch einfach die außerfamiliären Sprachverhältnisse der Zeit. Die drei Kinder von GP1 und GP2 sind zwischen 1965 und 1971 geboren, eine Zeit, in der das Plattdeutsche bereits in vielen Domänen des Alltags, beispielsweise im öffentlichen Leben oder in der Arbeitswelt stark rückläufig war. GP2 berichtet beispielsweise: „Ich hab ja denn in Rostock gearbeitet und bei der Uni war ich denn hin und hab da sauber gemacht und hier auf der LPG hab ich ja auch gearbeitet. Da war denn nachher auch schon… Denn hat man da auch schon Hochdeutsch gesprochen, weil da auch viele waren, die gar kein Platt verstanden.“←180 | 181→

Im Allgemeinen lässt sich für die Generation 1 feststellen, dass der Personenkreis, mit dem Plattdeutsch gesprochen wird, aktuell fast ausschließlich gleichaltrige Personen umfasst. GP1 und GP2 sprechen mit dem Bruder von GP2 ebenfalls Plattdeutsch, aber auch der ist nur wenige Jahre jünger. Ansonsten wird nur mit einigen gleichaltrigen Nachbarn und anderen Einwohnern aus dem Dorf Platt geredet, die man gut und lange kennt und von denen man weiß, dass sie ebenfalls den Dialekt beherrschen. GP1 erklärt, dass sie an der Färbung des Hochdeutschen erkennen könne, ob jemand Plattdeutsch beherrscht oder nicht. Nur in diesen Fällen spricht die Gewährsperson auch fremde Leute im Dialekt an. GP1 erklärt:

„Also, ich krieg das mit. Wenn eine Person Hochdeutsch spricht, dann hab ich schon zu manchen gesagt, mit mir kannst du Platt sprechen. Man hört das raus, dass die auch Platt sprechen. Die haben ‘ne andere… wie sagt man das… Die sprechen Hochdeutsch, aber das klingt irgendwie anders, als wenn das Mecklenburger da drin hängt. Zum Beispiel M., die spricht Hoch, aber die ist Mecklenburgerin. Die stammt aus K., und das hörst du auch, wenn sie Hochdeutsch spricht. Das klingt anders.“

GP5 und GP9 sind beide Mitglieder der örtlichen Plattdeutschgruppe, die plattdeutsche Gedichte und Sketche einübt und aufführt. Die Gruppe wurde nach der Wende gegründet. Auch in diesem Kreis wird mehrheitlich der Dialekt verwendet, allerdings sind alle Mitglieder der Gruppe ebenfalls über 70 Jahre alt. Das Niederdeutsche fungiert hier also als Medium für kulturelle und organisierte gesellschaftliche Unternehmungen. Die Pflege des Niederdeutschen ist dabei für die Mitglieder der „Plattschnakers“ eine wichtige Motivation für ihr Engagement in der Plattdeutschgruppe. Ein weiteres Gruppenmitglied erklärt:

„Aus der Öffentlichkeit ist es ganz verschwunden, bis auf solche Gruppen, wie unsere Plattschnakers, die das also noch pflegen und die versuchen, die Plattdeutsche Sprache zu erhalten. Wir suchen ganz dringend jüngere Leute, junge Leute, die mit uns gemeinsam pflegen. Aber da haben wir bis jetzt wenig Erfolg gehabt.“34

Eine Konversation auf Plattdeutsch mit jüngeren Menschen kommt in der ältesten Generation so gut wie gar nicht vor. Eine Ausnahme stellt dabei GP9 dar. Die Gewährsperson lebt mit der Familie der Enkeltochter unter einem Dach. Mittlerweile hat auch die Enkeltochter begonnen Plattdeutsch zu lernen, um die Tradition des Dialekts in der Familie zu erhalten. GP9: ←181 | 182→

„Miene Enkeldochter, die hie im Hus wahnt, […] un die versäucht nu Plattdeutsch zu schnacken, versäucht. Un ich würd seggen, die kann dat eigentlich all ganz gaud. Sie kann dat eigentlich. Aber mit ihrer Kinder, A. is nu zweite Klass, die antworten mi up Hochdeutsch. Un ich spreck Plattdeutsch mit ehr in der Hoffnung, sie liern dat.“

Durch diese bewusste Entscheidung wird in dem Vier-Generationen-Haushalt auch mit den Urenkeln der Gewährsperson wieder vermehrt Plattdeutsch gesprochen. Wie das Zitat zeigt, befindet sich die Familie gegenwärtig noch in einer Phase der Wiedereinführung des plattdeutschen Sprachgebrauchs, die maßgeblich von der (Ur)Großmutter aus der Generation 1 initiiert wird.

3.1.2 Generation 2 (geb. 1951–1975)

In der Generation 2 ist der Gebrauch des Plattdeutschen den Erzählungen der drei Gewährspersonen nach stärker eingeschränkt als in der Generation 1. GP8 berichtet zum Beispiel, dass sie selbst kaum Plattdeutsch spricht. Obwohl der Ehepartner und auch der Sohn Plattdeutsch sprechen könnten, wird in der Familie nur Hochdeutsch kommuniziert. Gelegentlich nutzt die Gewährsperson den Dialekt in der Kommunikation mit der kleinen Enkeltochter, jedoch nur zum Schimpfen, weil das Platt weniger hart klinge als auf Hochdeutsch, erklärt GP8. Auch viele andere Gewährspersonen teilen die Auffassung, dass das Plattdeutsche weniger hart bzw. lustiger klingt. GP2 erklärt beispielsweise: „Aber manchmal kannst du auf Platt besser sagen wie auf Hochdeutsch, gibt’s auch. Ja, es gibt auch lustige Wörter. Aber man kann auf Platt manche gar nicht so beleidigen als wenn man auf Hochdeutsch spricht.“35

Die einzige Person, mit der sich GP8 noch häufiger auf Platt verständigt, ist der Bruder. Auch im Ort findet der Dialekt nach Aussagen der Angehörigen dieser Generation nicht mehr viel Verwendung, lediglich wenn man ältere Menschen trifft, von denen die Gewährsperson weiß, dass sie Platt sprechen, werden einige Worte auf Platt gewechselt. Seit kurzer Zeit verwendet die Gewährsperson das Plattdeutsche vermehrt während der Arbeit im Kindergarten, um die Kinder an den Dialekt heranzuführen. „Wir machen Plattdeutsch hier im Kindergarten. Die Kinder haben Freude dran und lernen schnell, wenn man das so spielerisch macht“, sagt GP8. ←182 | 183→

Auch GP3 bemüht sich um den Erhalt des Plattdeutschen und gibt Kurse in der Satower Schule. Sie erzählt: „Als ich eben älter wurde und gemerkt habe in der Schule…Halt, Stopp! Das ist vielleicht zehn Jahre her. Jetzt bin ich 36 Jahre im Dienst. Sagen wir mal vor zehn Jahren, da hab ich gedacht: Meine Güte, das verschwindet, wenn wir nichts machen.“ GP3 schildert ihren Plattdeutsch-Unterricht folgendermaßen:

„So, und man muss sie neugierig machen und sie motivieren. Und das versuchen wir nun eben, indem wir… na, in R. ist doch dieser Denkmalhof, wie haben die Leute früher gelebt. Dass man da eben den Anknüpfungspunkt findet. Und über Lieder, schöne Gedichte, man sucht jetzt. Und wir haben auch überlegt, ich hab da auch Material, richtig für Stundenaufbau und so, aber man muss sie erst mal ein bisschen motivieren und da fängt man mit Liedern am besten an und guckt, wie sie früher gelebt haben, und erzählt dies und das und jenes. Und versucht, dass sie sich das auch ein bisschen erschließen.“

Niederdeutschkompetente Angehörige der Generation 2, die in Bildungsinstitutionen arbeiten, ergreifen in den Jahren zwischen 1989 und etwa 2000 die Initiative und beginnen sich innerhalb ihres Arbeitsumfeldes für den Spracherhalt einzusetzen. Dabei steht aber weniger die Alltagskommunikation im Vordergrund, sondern Gedichte und Lieder. Schüler und Kindergartenkinder müssen dabei an das Plattdeutsche bereits wie an eine Fremdsprache herangeführt werden.

Ganz ähnliche Sprachverhältnisse beschreiben auch die Gewährspersonen GP3 und GP6. Das Plattdeutsche wird auch von ihnen allenfalls gegenüber älteren Nachbarn, Bekannten und Familienmitgliedern verwendet. Mit Gleichaltrigen wird der Dialekt nur dann verwendet, wenn man von der Dialektkompetenz des Gesprächspartners weiß. Gegenüber jüngeren Personen wird der Dialekt kaum im Alltag verwendet, sondern wenn überhaupt, dann auch bei diesen beiden Gewährspersonen in der bewussten Absicht, sie an den Dialekt heranzuführen. „Und wenn sie [die Großmutter von GP6, M.B.] mit uns geredet hat: ‚Mak de Dör tau!‘, denn… wenn ich das zu meinen Enkeltöchtern sage, die sind elf und acht. Denn ‚Was hast du gesagt Oma?‘ Ich sag: ‚Ihr sollt das nebenbei lernen‘“, erzählt GP6.

3.1.3 Generation 3 (geb. nach 1975)

Am stärksten begrenzt ist der Dialektgebrauch in der jüngsten Generation. Beide Gewährspersonen dieser Altersgruppe haben jeweils nur noch eine Bezugsperson, mit der die Kommunikation häufig auf Plattdeutsch stattfindet. GP7 nutzt das Plattdeutsche darüber hinaus noch vereinzelt, z. B. im Gespräch mit einem Arbeitskollegen und einem ehemaligen Mitschüler. Erinnert werden einzelne Kommunikationssituationen, so beim Bäcker. GP7 erzählt: ←183 | 184→

„Was ich schon mal gemacht habe beim Bäcker, da stand ein älterer Mann, so Renter war er schon, und quatschte mich an ‚Oh, de Diern kümmt!‘ Und da hat er wohl nicht mit gerechnet, dass ich auf Plattdeutsch antworten könnte oder dass ich ihn überhaupt verstehe. Und dann habe ich ihm aber auch auf Platt geantwortet und dann war er erst mal überrascht. Und die Bäckersfrau stand auch hinterm Tresen und machte große Augen. Und dann habe ich ihr auf Platt meine Bestellung aufgegeben.“

Derartige Situationen werden aber ausdrücklich als Ausnahmesituationen dargestellt, die keine langen, umfangreichen Konversationen beinhalten. Außerdem ergäben sich solche Ausnahmen nur selten.

Auch innerhalb der eigenen Familien verwenden die Gewährspersonen der Generation 3 das Plattdeutsche nur noch selten. GP4 erzählt:

„Also, früher war ich ja jeden Tag bei meiner Oma. Sie hat mich ja zur Schule gebracht und, wenn Mutti und Papa arbeiten mussten, mich wieder abgeholt. Ich war jeden Nachmittag da und sie wohnt ja auch direkt neben mir und dadurch hab ich jeden Tag Platt gesprochen. Aber als ich nachher aufs Gymnasium gegangen bin mit der siebten Klasse, und ich selbstständiger wurde, meine Schulzeiten anders wurden und ich dann mehr zuhause war, ist das alles abgeschwächt.“

GP4 erklärt sogar, dass sie außer im Gespräch mit der eigenen Großmutter innerhalb wie außerhalb der Familie ausschließlich Hochdeutsch spricht. „Also wir untereinander reden alle Hochdeutsch und nur mit meiner Oma reden wir Plattdeutsch. […] Also, es herrschte immer das Hochdeutsche vor. Und wie gesagt, wenn meine Oma da nicht so dieser treibende Kern wäre, dann wäre das auch in unserer Familie nicht“, sagt sie. Und sie vermutet, dass sie nach deren Tod wahrscheinlich gar kein Plattdeutsch mehr sprechen wird.

3.2 Lokaler Sprachgebrauchswandel im Kontext historischen Wandels

3.2.1 Phase I: Niederdeutsch als dominantes lokales Kommunikationsmittel vor 1945

Die Gewährspersonen der ältesten Generation berichten einheitlich, dass vor 1945 in der Gemeinde fast ausschließlich Plattdeutsch gesprochen wurde, der Dialekt war in allen Lebensbereichen die dominante Sprachform. Eine hochdeutsche Sprachdomäne stellte in dieser Zeit lediglich die örtliche Schule dar. GP9 erinnert sich, dass sie während ihrer Kindheit nur Plattdeutsch gesprochen habe, in der Familie, mit Freunden, mit den Lehrlingen des elterlichen Handwerksbetriebes oder beim Einkaufen. Ihrer Erinnerung nach haben auch alle anderen Dorfbewohner untereinander ausschließlich Plattdeutsch miteinander gesprochen. „Hier waren ja die ganzen Bauern und so, die haben unter sich [Platt gesprochen,←184 | 185→ M. B.]“, so beschreibt GP5, die als Jugendliche aus der Stadt nach Satow zog, als „objektive“ Beobachterin den frühen Sprachgebrauch in Satow. Für sie erklärt sich dieser Sprachgebrauch im Unterschied zur Großstadt aus dem ländlichen Charakter Satows zur damaligen Zeit. Arendt spricht in diesem Zusammenhang von einem „Ländlichkeitstopos“, den sie „als Verstehensressource mit beeindruckender Erklärungskraft“ beschreibt, „der die eigenen Erfahrungen ebenso prägt wie er auch die Prognosen zum Sprachwandel determiniert“.36 Die Aussagen der beiden ersten Probanden werden auch durch die Gewährspersonen GP1 und GP2 bestätigt. Beide können sich nicht erinnern, dass sie vor dem Schuleintritt überhaupt Kontakt zum Hochdeutschen hatten: „Wir haben ja… Das Einzigste, was wir gelernt haben, war Hochdeutsch nachher in der Schule. Wir haben ja auch alle… wir haben ja hier Platt gesprochen. Wir sind ja mit Platt aufgewachsen“, sagt GP2. Auch GP1 erinnert sich:

„Ich bin 1941 zur Schule gekommen und da ging das ja mit Hochdeutsch los und da musste der Lehrer erst mal Platt mit uns sprechen und sagen, das ist das und das ist das. Wir hatten so einen ganz alten Herrn als Lehrer. Da habe ich erst Hochdeutsch gelernt. Das hat sich dann so ergeben, zuhause Platt und [in der Schule Hochdeutsch, M. B.].“

Vor 1945 war für die damals jungen Angehörigen der Generation 1 die Schule dem Vernehmen nach die einzige Domäne ihres sprachlichen Umfeldes, in der Hochdeutsch gesprochen wurde. GP1 beschreibt hier gewissermaßen eine klassische Diglossie-Situation.

3.2.2 Phase II: Rückgang des Niederdeutschgebrauchs nach 1945

Einen massiven Umbruch im Sprachgebrauch in der Gemeinde Satow sehen die Gewährsleute nach dem Zweiten Weltkrieg. GP2 berichtet beispielsweise folgendermaßen: „Also verändert hat sich das nachher nach ’45, wie dann die Umsiedler gekommen sind. Und die konnten sowieso kein Platt. Und da mussten wir ja mit denen auch Hochdeutsch sprechen.“ Unter anderem durch eine hohe Anzahl nicht-mecklenburgischer Einwohner in der Gemeinde sei das Plattdeutsche zunehmend aus der Kommunikation in öffentlichen Bereichen, auch aus der Arbeitswelt verschwunden. Die Gewährspersonen GP1 und GP2 arbeiteten beide in der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG). Selbst in einer typisch plattdeutschen Domäne, der Landwirtschaft, ging die Verwendung des Dialekts demnach zurück. Die Gewährspersonen erklären dies damit, dass viele sogenannte „Umsiedler“ in der LPG beschäftigt waren. Plattdeutsch sei nur←185 | 186→ noch mit einzelnen Kollegen gesprochen worden, von denen man gewusst habe, dass sie Mecklenburger sind. Über die Kommunikation mit Arbeitskollegen der LPG sagt GP1: „Wenn man weiß oder wusste, das ist ein Mecklenburger, der kann das, dann haben wir dann Platt gesprochen.“ Die Ehefrau GP2 schildert die Sprachverhältnisse in den heterogen zusammengesetzten Belegschaften am Arbeitsplatz wie folgt:

„Mit einigen schon ja… und auch wie ich nach Rostock gefahren bin, da wurde auch Hochdeutsch gesprochen und nachher, wie ich in H. [bei der LPG, M. B.] gearbeitet hab, ja… da war ja dann Herr S. als Schichtleiter, da haben wir Platt mit gesprochen. Aber die anderen haben alle Hochdeutsch gesprochen. Und Herr J., der hat ja auch Platt gesprochen. Und Frau S., mit der sprechen wir auch Platt.“

Aber auch auf den privaten, familiären Sprachgebrauch habe sich die Zuwanderung von Ortsfremden ausgewirkt. Die Hälfte der Gewährspersonen aus der ersten und zweiten Generation berichtet, dass entweder ein Elternteil von ihnen „Umsiedler“ war und/oder dass sie selbst einen Vertriebenen bzw. einen Nicht-Mecklenburger geheiratet haben. Dadurch sei auch in der Familie zunehmend Hochdeutsch gesprochen worden, weil entweder in der elterlichen oder in der eigenen Ehe ein Partner das Mecklenburgische nicht beherrscht habe. Dies habe sich besonders auf die sprachliche Biografie der Kinder ausgewirkt, da diese entsprechend meist auf Hochdeutsch erzogen worden seien. GP9 berichtet zum Beispiel, dass der karpatendeutsche Ehepartner zwar gelernt habe, Plattdeutsch zu verstehen, es aber nicht sprechen gelernt habe. Die Kinder dieses Ehepaares können den Dialekt zwar sprechen, tun dies jedoch nur sehr selten. Sie erzählt: „F. [der Sohn, M. B.] kann auch Plattdütsch schnaken. Und C. [die ältere Tochter, M. B.] noch viel besser. Die schnacken auch mal Plattdütsch. Mit mir reden sie Plattdütsch.“

Dass die massive Zuwanderung von Ortsfremden in die lokalen Kommunikationsgemeinschaften von der alteingesessenen Bevölkerung regelmäßig als Erklärung für den Rückzug des Niederdeutschen aus den öffentlichen Domänen angeführt wird, berichtet auch Ehlers aus seiner umfangreichen Befragung von Zeitzeugen im Großraum Rostock. Der Verweis auf die Immigranten bietet nach Ehlers einen vordergründig sehr plausiblen Argumentationstopos, mit dem die komplexen Rahmenbedingungen des Sprachgebrauchswandels auf eine einfache Ursache reduziert werden und die Beteiligten sich von ihrem eigenen Anteil an der Entwicklung entlasten können.37 Erfahrungen, die dieser verbreiteten Erklärung zuwiderlaufen, werden dagegen von befragten Zeitzeugen kaum relevant←186 | 187→ gemacht. So berichten meine Gewährspersonen aus Satow durchaus auch von einigen ihnen bekannten Zuwanderern, die den örtlichen Dialekt erworben und auch aktiv verwendet hätten.38 Gelegentlich stellen Gewährsleute klar, dass die Migrationsbewegungen der Kriegs- und Nachkriegsjahre eben nicht der alleinige Grund für den Rückgang des Dialekts sein können. So beschreibt es auch GP9. Sie erinnert sich, dass zwar mit dem Zuzug der Ortsfremden vermehrt Hochdeutsch gesprochen wurde, es aber trotzdem keinen schlagartigen Abriss in der Verwendung des Mecklenburgischen gegeben habe. Sie erinnert sich: „Dann kamen ja Umsiedler. Die kamen aus Ostpreußen. Später waren es welche aus Sudetenland und aus Schlesien und so weiter. Und die konnten ja kein Plattdeutsch. Und mit den Menschen mussten wir ja dann Hochdeutsch reden.“ Ihrer Erinnerung nach war der Rückgang des Dialekts ein langwieriger Prozess, der sich über viele Jahre hinweg gezogen habe. Das lässt sich durch die bereits zitierten Aussagen von GP2 stützen, die aussagte, dass auch andere Faktoren zum Rückgang des Plattdeutschen führten. Sie nannte zum Beispiel das Pendeln zur Arbeit in Rostock. Und auch die Gründung der LPG trug wie bereits erwähnt dazu bei, da dort Menschen aus unterschiedlichen Regionen und Dialektgebieten in großen Belegschaften zusammenarbeiteten.

3.2.3 Phase III: negative Einstellungen gegenüber dem Dialektgebrauch seit den 1960er Jahren

Die Gewährspersonen beschreiben die den Nachkriegsjahren folgenden Jahrzehnte als eine Zeit, in der die Verwendung des Plattdeutschen bewusst vermieden wurde.

„Und nun, ‘ne Zeit lang, fand ich persönlich, da haben die Leute sich geziert, auf Plattdeutsch zu schnacken. Das wier in den 60er/70er Jahren. Die haben sich geziert in dem Sinne, wer Pladdüütsch schnaken det, dei künn das Hochdeutsche nich, die künn das nich richtig. Un die ha Angst, dat sei mir un mich verwesseln un ut det Grund heben sei Hochdeutsch reden.“,

erinnert sich GP9. GP6 erinnert sich an ein Gespräch mit einem Freund aus der Stadt. Sie fragte ihn, warum er kein Platt sprechen kann. GP6 erzählt:

„Wenn wi platt hebben spraken, denn het dat so heiten, ach dat is ja nur n dumm Buernjung. Dat is ja nicht fin. Un wenns nich fin is, denn bruchst dat ok nich liern. Un dat is so trurich. Un dorvun könn di ganzen jung Lüüd tu min Tied, die künn dat all verstan, aber spreken is nich. Un dat wier hier nich wirklich anners.“ ←187 | 188→

Eine ähnliche Aussage machte auch GP5, sie beschreibt eine Zeit, in der das Plattdeutsche „nicht modern war.“ Die Gewährspersonen ordnen diese Phase ungefähr in den 1960er und 1970er Jahren ein. Das Niederdeutsche war in dieser Zeit nach der Erinnerung der Gewährspersonen als ‚bäurisch‘ und ‚unfein‘ stigmatisiert. Gegen die hochdeutsche Prestige-Norm zu verstoßen war, wie GP9 ausdrücklich erzählt, mit „Angst“ besetzt.

Hier bestätigen meine Gewährsleute aus Satow die Ergebnisse ähnlicher Befragungen von Bieberstedt im ländlich geprägten Hamburger Stadtrandviertel Kirchwerder, in denen die Befragten ebenfalls die entscheidende Umbruchphase im Gebrauch des Niederdeutschen in die 1960er Jahre verlegen. Diese Umbruchphase wird von den Hamburger Probanden ebenfalls als Periode des Sprachbewertungswandels und der Stigmatisierung des Dialektgebrauchs gekennzeichnet.39

3.2.4 Phase IV: weiterer kommunikativer Dialektabbau neben bewusster Dialektpflege seit 1989

GP5 stellte jedoch auch fest, dass sich nach der Wende der Sprachgebrauch des Plattdeutschen wieder verstärkt habe, als sich sowohl in Satow als auch in der Umgebung zahlreiche Plattdeutsch-Gruppen gründeten, die sich die Dialektpflege zur Aufgabe machten. Der politische Umbruch hatte nach Ansicht von GP5 einen entscheidenden Einfluss auf die Gründung der Plattdeutsch-Gruppen und damit die verstärkte Pflege des Dialekts. Die Freiheit der Vereinsgründung und der ungehinderten kulturellen Betätigung werden offensichtlich als wesentliche neue politische Rahmenbedingungen für eine institutionelle Dialektpflege angesehen. GP5:

„Das wurde dann ja besser noch. Schon die Gruppen, die sich dann so… Dann kam Doberan, hatt schon ne Gruppe, Warnemünde hatte schon ne Gruppe, Kühlungsborn hatte ne Gruppe und alles diese kleinen Orte, Satow denn. Und so haben sie sich denn so zusammen, so. Und haben dann, wie die Chöre, die entstanden ja nachher auch, und so kam Plattdeutsch auch. Ich finde, man hatte…Wir wollen mal ganz ehrlich sagen. Man konnte sagen, was man mal wollte. Bei dem andern… war ja nur immer…du durftest ja nicht viel sagen. Ich mein Plattdeutsch ja, aber du durftest ja nicht alles so bringen. Heute bist du frei und offen und kannst das einfach mal so bringen. […] Wir sind doch jetzt frei, wir können doch jetzt sagen und tun was wir wollen.“ ←188 | 189→

Das Engagement für den Dialekterhalt führte jedoch nicht zu einer stärkeren Verwendung des Plattdeutschen außerhalb dieser Gruppen. In der Alltagskommunikation nahm und nimmt der Dialektgebrauch im Ort nach wie vor ab. Der Rückzug des Plattdeutschen sowohl aus der öffentlichen als auch aus der privaten Kommunikation hat sich bis heute von Generation zu Generation verstärkt. Für die Phase seit der politischen Wende 1989 lässt sich feststellen, dass sich jenseits bewusster Dialektpflege der alltägliche Gebrauch des Dialekts inzwischen auf bestimmte Gesprächssituation und sogar auf bestimmte einzelne Gesprächspartner beschränkt. Diese sind meist gleichaltrige Nachbarn oder ehemalige Arbeitskollegen, in jedem Fall handelt es sich um Gesprächspartner, von deren Niederdeutschkompetenz man weiß. Den gegenwärtigen Sprachgebrauch beschreibt GP2 folgendermaßen:

„Überall [wird] nur Hochdeutsch gesprochen. […] Man mag ja auch heute gar nicht mehr einfach Platt sprechen. Man müsste … an und für sich müsste man ja eigentlich nur Platt sprechen, auch wenn man einkauft. Aber das macht man ja eigentlich gar nicht. […] Man traut sich auch überhaupt gar nicht, die Leute mit Plattdeutsch anzusprechen, weil man genau weiß, die sprechen sowieso kein Platt.“

Der Personenkreis der Gesprächspartner, mit denen die Gewährspersonen Plattdeutsch sprechen, wird von Generation zu Generation kleiner.

4 Fazit

Die sprachbiografischen Erzählungen der neun Gewährspersonen aus Satow belegen, dass die eingangs beschriebene Entwicklung der Entdiglossierung nach dem Modell von Schmidt in Mecklenburg noch nicht vollständig ihre vierte und letzte Stufe erreicht hat. Es gibt am Untersuchungsort bis heute eine „verborgene hochdeutsche-niederdeutsche Zweisprachigkeit“.40 Bei diesem Befund ist allerdings in Rechnung zu stellen, dass es sich um einen Untersuchungsort im Übergang zum ländlichen Raum handelt und dass es auch in diesem Ort bereits recht schwierig war, noch dialektkompetente Gewährspersonen in den jüngeren Generationen zu finden. Die hochdeutsch-niederdeutsche Diglossie nimmt also selbst in diesem ländlichen Kommunikationsraum nur einen marginalen Stellenwert ein. In den meisten Familien am Ort ist auch heute schon mit monoglossischen Sprachverhältnissen zu rechnen, in denen Sprachvariation nur noch innerhalb der standardnahen regiolektalen Sprachlagen, aber nicht mehr unter aktiver Einbeziehung auch des Niederdeutschen vollzogen wird. ←189 | 190→

Die Gewährpersonen stellen in ihren Interviews selbst einen Zusammenhang zwischen dem Sprachwandel auf der Mikroebene (Sprachgebrauch in der eigenen Familie) und der Mesoebene (Sprachgebrach am Ort) mit allgemeinen gesellschaftlichen Makroentwicklungen her. Hier dominiert sehr deutlich der Verweis auf die Immigrationsbewegungen nach dem Krieg (Immigration von Flüchtlingen und Vertriebenen und spätere Arbeitsbinnenmigration innerhalb der DDR). Auf gesellschaftliche Makrobedingungen des eigenen und des örtlichen Sprachgebrauchswandels wird aber auch verwiesen, wenn ein Zusammenhang mit den Arbeitsverhältnissen in den seit 1952 gegründeten LPGs, mit den allgemein verbreiteten negativen Einstellungen gegenüber dem Dialektgebrauch (vor allem 1960er Jahre), mit der Arbeitsaufnahme als Berufspendler in der nahen Großstadt (mit der Industrialisierung Rostocks seit den 1950er Jahren zunehmend) hergestellt wird. Als einschneidende Zäsur in der persönlichen und örtlichen Sprachentwicklung ist offenbar auch die politische Wende 1989 erfahren worden, nach der niederdeutschkompetente Personen zum Teil zu einem aktiven Engagement für den Dialekterhalt übergingen.

Die Interviews dokumentieren dabei eindrucksvoll, wie schnell und durchgreifend sich der kommunikative Dialektabbau in Mecklenburg in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert im familiären Mikroumfeld und in der Kommunikationsgemeinschaft des Dorfes vollzogen hat. Vor 1945 war der Dialekt demnach die gängige Alltagssprache in der Gemeinde. Plattdeutsch wurde von allen in allen Lebenslagen gesprochen. Mit dem starken Zuzug der nichtmecklenburgischen Einwohner nach dem Krieg verschwand nach Darstellung der Gewährspersonen die mecklenburgische Mundart aber zunehmend aus der Öffentlichkeit. Allerdings muss die in der älteren Forschung getroffene Feststellung, die Migrationsbewegungen der Kriegs- und Nachkriegsjahre seien ein entscheidender Auslöser für das Schwinden der Mundart in Mecklenburg gewesen,41 als zu pauschal zurückgewiesen werden. Die Aussagen der Gewährspersonen aus der Gemeinde Satow bestätigen nämlich auch die neueren Untersuchungsergebnisse von Ehlers,42 denen zufolge viele Umsiedler die mecklenburgische Mundart annahmen und verwendeten. Jedoch scheinen diese demografischen Prozesse für eine Bewusstseinsänderung bei den Alteingesessenen gesorgt zu haben. Sie setzten die Dialektkompetenz bei ihren Gesprächspartnern nun nicht mehr voraus und nutzten in der Öffentlichkeit oder im Gespräch mit weniger gut bekannten Personen das Hochdeutsche. Dadurch verschob sich der Sprachgebrauch der mecklenburgischen Mundart in den privaten Bereich.←190 | 191→

Die Aussagen der Gewährspersonen machen aber auch deutlich, dass auch weitere gesellschaftliche Faktoren den Sprachwandel vorantrieben. Beispielsweise wuchs die Mobilität der Arbeitnehmer und es gab ein verstärktes Pendeln zum Arbeitsplatz. GP2 verdeutlichte den damals vorherrschenden Topos, in der Stadt, Rostock, müsse man Hochdeutsch reden. Aber auch die Gründung der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften, die die landwirtschaftlichen Familienbetriebe und traditionellen Gutswirtschaften ablösten, trug erheblich zum Rückgang des niederdeutschen Sprachgebrauchs am Arbeitsplatz bei. Dort arbeiteten viele Menschen aus unterschiedlichen Regionen und Dialektgebieten zusammen. Das Hochdeutsche übernahm die Funktion einer Mittlersprache am Arbeitsplatz.

So zeigt der Vergleich der Aussagen von Gewährsleuten verschiedener Generationen, dass der Gebrauch des Mecklenburgischen seit der Nachkriegszeit permanent rückläufig ist. Schon die Generation 1 hat den Dialekt meist nicht mehr an ihre Kinder weitergegeben. Die 1960er und 1970er Jahre werden von den Probanden als besonders dialektfeindlich dargestellt. Gegenwärtig wird der Dialekt nur noch in Situationen genutzt, in denen sich die Gesprächspartner gut kennen. Denn die Dialektkompetenz kann nicht mehr vorausgesetzt werden, sodass Plattdeutsch nur noch gesprochen wird, wenn sicher ist, dass der Gesprächspartner ebenfalls dialektkompetent ist. Die lokale Alltagskommunikation findet nur noch selten auf Plattdeutsch statt, da es in der Gemeinde, besonders unter den jüngeren Einwohnern, nur noch wenige Dialektsprecher gibt.

Damit in Zusammenhang lässt sich eine veränderte funktionale Differenzierung hinsichtlich des Gebrauchs des Plattdeutschen und des Hochdeutschen feststellen. Die Wahl zwischen dem Hochdeutschen und dem Niederdeutschen ist nicht mehr an bestimmte Kommunikationsräume, wie etwa den Unterschied zwischen Stadt und Land oder zwischen dem öffentlichen (z. B. vor 1945 die Schule, später der Arbeitsplatz) und dem privaten Bereich (Familie, Freunde) gebunden. Auch in den ehemaligen Domänen des Niederdeutschen dominiert inzwischen das Hochdeutsche. Vielmehr wird – innerhalb der Nahkommunikation – der Varietätengebrauch heute vorrangig vom Alter des Gesprächspartners bestimmt. Während älteren Einwohnern gegenüber noch oftmals Platt gesprochen wird, wird jüngeren Personen gegenüber Hochdeutsch gesprochen, selbst wenn diese über (wenn auch geringe oder nur passive) Dialektkompetenzen verfügen.

Die Gewährspersonen können genau aufzählen, mit wem sie Plattdeutsch sprechen. Von Generation zu Generation nimmt die Anzahl der dialektkompetenten Gesprächspartner ab. Vor allem in der Generation 2 und 3 handelt es sich dabei zum Großteil um ältere Verwandte und Bekannte aus der Generation 1.←191 | 192→ Aus diesem Grund ist mit hoher Wahrscheinlichkeit anzunehmen, dass der Gebrauch des Plattdeutschen ca. in den nächsten zehn Jahren nochmals einen gewaltigen Rückschritt machen wird, wenn die erste Generation nicht mehr existiert. Sämtliche Probanden sind aus diesem Grund überzeugt, dass das Plattdeutsche in der Gemeinde bald aussterben wird. GP2 sagt: „Ja, die älteren Leute sind alle ausgestorben und die jetzt so wohnen, die sprechen alle Hochdeutsch. Und da spricht auch keiner von Platt. Ja, so ist das so, wenn die Älteren aussterben, dann ist Schluss [mit dem Niederdeutschen, M. B.].“ Insofern bestätigen die Aussagen der linguistischen Laien also grundsätzlich das theoretische Modell von Schmidt, wonach sich auch im Sprachraum Satow eine hochdeutsche Monoglossie in naher Zukunft durchsetzen wird.

Es ist andererseits aber auch festzustellen, dass etwa seit der politischen Wende 1989 für viele Dialektsprecher in der Gemeinde Satow der Erhalt des Niederdeutschen ein wichtiges Ziel geworden ist. Nach Aussagen der Probanden bemühen sich viele Mitglieder der restlichen niederdeutschen Sprachgemeinschaft um den Erhalt des mecklenburgisch-vorpommerschen Dialekts. Sie achten deshalb auf eine verstärkte Verwendung des Dialekts und bemühen sich, ihre Mundart an jüngere Generationen in ihren Familien weiterzugeben. Außerdem wird der Dialekt zunehmend als Kulturgut bei gesellschaftlichen Veranstaltungen gepflegt, zum Beispiel in den Kindergarten- und Schulunterricht oder bei Feiern und Festen, für die die örtliche Plattdeutschgruppe gern gebucht wird. Diese Art des Sprachgebrauchs wird neben einem bewussten, zielgerichteten Sprachgebrauch im Alltag genutzt, um Dialekt an jüngere Generationen weiterzugeben. „Nun muss man ihnen das natürlich auch ein bisschen nahebringen“, schlussfolgert GP3 über den Sinn des Plattdeutschkurses an der Satower Schule.

Während das Niederdeutsche nach den Erzählungen der Gewährspersonen in seiner Funktion als Kommunikationsmittel heute stark eingeschränkt ist, erfüllt es zunehmend eine kulturelle und identitätsstiftende Funktion.43 Die mecklenburgische Mundart gilt als Symbol für die Region und die Dialektkompetenz als Zeugnis der regionalen Verbundenheit. Ob aber die Bemühungen der Gewährspersonen und sprachpolitische Maßnahmen zum Erhalt der Mundart erfolgreich sein werden, ob jüngere Generationen zunehmend die Identitätsfunktion des Plattdeutschen für sich erkennen und ob dadurch der Dialekt doch überleben kann, muss in den nächsten Jahren erneut untersucht werden. ←192 | 193→

Literatur

Ahbe, Thomas/Gries, Rainer: Gesellschaftsgeschichte als Generationengeschichte. Theoretische und methodologische Überlegungen am Beispiel der DDR. In: Schüle, Annegret/Ahbe, Thomas/Gries, Rainer (Hrsg.): Die DDR aus generationengeschichtlicher Perspektive. Eine Inventur. Leipzig 2006, S. 475–571.

Arendt, Birte: Niederdeutschdiskurse. Spracheinstellungen im Kontext von Laien, Printmedien und Politik. Berlin 2010.

Beer, Mathias: Flucht und Vertreibung der Deutschen. Voraussetzungen, Verlauf, Folgen. München 2011.

Bieberstedt, Andreas: „In meinem Elternhaus wurde nur Plattdeutsch gesprochen.“ Sprachbiographische Konzeptionen Hamburger Dialektsprecher zum frühen Spracherwerb. In: Langhanke, Robert (Hrsg.): Sprache, Literatur, Raum. Festgabe für Willy Diercks. Bielefeld 2015, S. 205–237.

Bieberstedt, Andreas: „Das hieß dann, die können kein richtiges Deutsch in der Schule.“ Autobiographische Äußerungen Hamburger Dialektsprecher zu ihrer schulischen Sprachsozialisation. In: Bieberstedt, Andreas/Ruge, Jürgen/ Schröder, Ingrid (Hrsg.): Hamburgisch. Struktur, Gebrauch, Wahrnehmung der Regionalsprache im urbanen Raum (Sprache in der Gesellschaft; 34). Frankfurt a. M. [u. a.] 2016, S. 251–306.

Bieberstedt, Andreas: Lebenslauf und Sprachbiographie. Versuch einer sprachbiographischen Modellbildung aus dialektologischer Perspektive. In: Jürgens, Carolin/Schröder, Ingrid (Hrsg.): Sprachliche Variation in autobiographischen Interviews. Theoretische und methodische Zugänge. Frankfurt a. M. [u. a.] 2017, S. 47–80. (i. Dr.)

Dahl, Eva-Sophie: Interferenz und Alternanz – zwei Typen der Sprachschichtenmischung im Norden der Deutschen Demokratischen Republik. In: Ising, Gerhard (Hrsg.): Aktuelle Probleme der sprachlichen Kommunikation. Berlin 1974, S. 339–388.

Ehlers, Klaas-Hinrich: Schlesische und sudetendeutsche Plattschnacker. Eine Fallstudie zur sprachlichen Integration der Vertriebenen in Mecklenburg-Vorpommern. In: Bohemia. Zeitschrift für Geschichte und Kultur der böhmischen Länder 51, H. 2 (2011), S. 345–357.

Ehlers, Klaas-Hinrich: Führte die Immigration der Heimatvertriebenen nach 1945 zu Dialektverlust und Nivellierung regionalsprachlicher Differenzen? Beobachtungen aus einer Untersuchungsregion in Mecklenburg. In: Niederdeutsches Jahrbuch 136 (2013), S. 97–116.

Ehlers, Klaas-Hinrich: „Uns’re Leut“ – Akkulturation und Abgrenzung einer karpatendeutschen Vertriebenengruppe in Mecklenburg. In: Zückert, Martin/Schvarc, Michal/Meier, Jörg (Hrsg.): Migration – Zentrum und Peripherie –←193 | 194→ kulturelle Vielfalt. Neue Zugänge zur Geschichte der Deutschen in der Slowakei (Reihe Digi-Ost 2016). Leipzig 2016, S. 161–197.

Ehlers, Klaas-Hinrich: Von der Sprachbiografie zur Sprachgebrauchsgeschichte: Die Rekonstruktion des Varietätengebrauchs auf den Rostocker Werften. In: Jürgens, Carolin/Schröder, Ingrid (Hrsg.): Sprachliche Variation in autobiographischen Interviews. Theoretische und methodische Zugänge. Frankfurt a. M. [u. a.] 2017, S. 143–165.

Elmentaler, Michael/Rosenberg, Peter (Hrsg.): Norddeutscher Sprachatlas (NOSA). Bd. 1: Regiolektale Sprachlagen (Reihe: Deutsche Dialektgeographie, Sprachvariation in Norddeutschland; 113.1). Hildesheim/Zürich/New York 2015.

Fix, Ulla: Das Generationengedächtnis und der Sprachwandel. Sprachbiographisches Erinnern als Methode zum Erfassen von Sprachgebrauchswandel. In: Lerchner, Gotthard (Hrsg.): Chronologische, areale und situative Varietäten des Deutschen in der Sprachhistoriographie. Festschrift für Rudolf Große. Frankfurt a. M. [u. a.] 1995, S. 31–38.

Fix, Ulla/Barth, Dagmar: Sprachbiographien. Sprache und Sprachgebrauch vor und nach der Wende von 1989 im Erinnern und Erleben von Zeitzeugen aus der DDR. Inhalte und Analysen narrativ-diskursiver Interviews (Leipziger Arbeiten zur Sprach- und Kommunikationsgeschichte; 7). Unter Mitarbeit von Franziska Beyer, Frankfurt a. M. [u. a.] 2000.

Föllner, Ursula: Zum Gebrauch des Niederdeutschen in der Gegenwart – soziolinguistische und pragmatische Aspekte. In: Stellmacher, Dieter (Hrsg.): Niederdeutsche Sprache und Literatur der Gegenwart, Hildesheim [u. a.] 2004, S. 99–148.

Gehrke, Bernd: Die 68er Proteste in der DDR. 2008. [Online-Ressource: http://www.bpb.de/apuz/31327/die-68er-proteste-in-der-ddr?p=all (Stand 28.02.2017)]

Gemeinde Satow. [Online-Ressource: http://www.gemeinde-satow.de/ (Stand 09.09.2013)]

Gernentz, Hans Joachim: Wann und wie wird heute niederdeutsch gesprochen? In: Theil, Hans-Joachim (Red.): Niederdeutsch heute. Materialien einer Arbeitstagung des Freundeskreises Niederdeutsche Sprache und Literatur im Kulturbund der DDR, Kreisleitung Rostock 16.–17. November 1974. Rostock 1975, S. 12–19.

Gernentz, Hans Joachim: Niederdeutsch – gestern und heute. Beiträge zur Sprachsituation in den Nordbezirken der Deutschen Demokratischen Republik in Gegenwart und Geschichte, Rostock 1980.←194 | 195→

Hansen, Martin: Zum Wandel des Niederdeutschen auf der Insel Rügen zwischen dem 19. und 21. Jahrhundert – Ein diachronischer Vergleich anhand ausgewählter Sprachmerkmale. Masterarbeit Greifswald 2009.

Herrmann-Winter, Renate: Auswirkungen der sozialistischen Produktionsweise in der Landwirtschaft auf die sprachliche Kommunikation in den Nordbezirken der Deutschen Demokratischen Republik. In: Ising, Gerhard (Hrsg.): Aktuelle Probleme der sprachlichen Kommunikation. Soziolinguistische Studien zur sprachlichen Situation in der Deutschen Demokratischen Republik. Berlin 1974, S. 135–190.

Herrmann-Winter, Renate: „Der Dialekt erlaubt keine eigene Sprache, aber eine eigene Stimme …“ Überlegungen zur Bewertung des Niederdeutschen. In: Mattheier, Klaus J./Wiesinger, Peter (Hrsg.): Dialektologie des Deutschen. Forschungsstand und Entwicklungstendenzen. Tübingen 1994, S. 457–464.

Herrmann-Winter, Renate: Sprachatlas für Rügen und die vorpommersche Küste. Kartographie Martin Hansen. Rostock 2013.

Jürgens, Carolin: Niederdeutsch im Wandel. Sprachgebrauchswandel und Sprachwahrnehmung in Hamburg (Deutsche Dialektgeographie; 119). Hildesheim/Zürich/New York 2015.

Jürgens, Carolin/Schröder, Ingrid: Sprachstereotype und ihre Realisierungen im Gespräch am Beispiel des Niederdeutschen. In: Bieberstedt, Andreas/Ruge, Jürgen/Schröder, Ingrid (Hrsg.): Hamburgisch. Struktur, Gebrauch, Wahrnehmung der Regionalsprache im urbanen Raum (Sprache in der Gesellschaft; 34). Frankfurt a. M. [u. a.] 2016, S. 345–385.

Kehrein, Roland: Regionalsprachliche Spektren im Raum. Zur linguistischen Struktur der Vertikale (ZDL Beihefte; 152). Stuttgart 2012.

Köhncke, André: Mecklenburgisch heute – Bestandsaufnahme eines niederdeutschen Dialekts. Rostock 2010. [Online-Ressource: urn:nbn:de:gbv:28-diss2011-0137–3 (Stand: 24.11.2016)]

Lenz, Alexandra: Hyperdialektalismen und Hyperkorrektionen – Indizien für Varietätengrenzen. In: Lenz, Alexandra/Mattheier, Klaus J. (Hrsg.): Varietäten – Theorie und Empirie. Frankfurt a. M. [u. a.] 2005, S. 75–95.

Macha, Jürgen: Der flexible Sprecher. Untersuchungen zu Sprache und Sprachbewusstsein rheinischer Handwerksmeister. Köln/Weimar/Wien 1991.

Menke, Hubertus: Niederdeutsch – Eigenständige Sprache oder Varietät einer Sprache? In: Schmitsdorf, Eva/Hartl, Nina/Meurer, Barbara (Hrsg.): Lingua Germanica. Studien zur deutschen Philologie. Jochen Splett zum 60. Geburtstag. Münster/New York 1998, S. 171–184.

Möhn, Dieter: Missingsch. In: Munske, Horst Haider (Hrsg.): Deutsch im Kontakt mit germanischen Sprachen. Tübingen 2004, S. 119–140.←195 | 196→

Möller, Frerk: Plattdeutsch im 21. Jahrhundert. Bestandsaufnahme und Perspektiven. Mit einem Aufsatz von Michael Windzio (Schriften des Instituts für Niederdeutsche Sprache; 34). Leer 2008.

Möller, Frerk: Niederdeutsch im 21. Jahrhundert. Bestandsaufnahme und Perspektiven. In: Niederdeutsches Jahrbuch 133 (2010), S. 141–163.

Ruge, Jürgen: Der landwirtschaftliche Wortschatz in der Wilstermarsch. Generationenspezifische Untersuchungen zu seiner Entwicklung. Hamburg 1995.

Scharioth, Claudia: Regionales Sprechen und Identität: Eine Studie zum Sprachgebrauch, zu Spracheinstellungen und Identitätskonstruktionen von Frauen in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern (Deutsche Dialektgeographie; 120). Hildesheim/Zürich/New York 2015.

Schmidt, Jürgen Erich: Moderne Dialektologie und regionale Sprachgeschichte. In: Zeitschrift für deutsche Philologie 117, Sonderheft (1998), S. 163–179.

Schmidt, Jürgen Erich/Herrgen, Joachim: Sprachdynamik. Eine Einführung in die moderne Regionalsprachenforschung (Grundlagen der Germanistik; 49). Berlin 2011.

Seils, Mirjam: Die fremde Hälfte. Aufnahme und Integration der Flüchtlinge und Vertriebenen in Mecklenburg nach 1945. Schwerin 2012.

Stellmacher, Dieter: Niederdeutsche Sprache. Eine Einführung. Bern [u. a.] 1990.

Stellmacher, Dieter: Sprachsituation in Norddeutschland. In: Stickel, Gerhard (Hrsg.): Varietäten des Deutschen. Regional- und Umgangssprachen (Institut für deutsche Sprache 1996). Berlin/New York 1997, S. 88–108.

Tophinke, Doris: Lebensgeschichte und Sprache. Zum Konzept der Sprachbiografie aus linguistischer Sicht. In: Adamzik, Kirsten/Roos, Eva (Hrsg.): Biografie linguistiche – Biographies langagieres – Biografias linguisticas – Sprachbiografien (Bulletin suisse de linguistique appliquee; 76). Neuchâtel 2002, S. 1–14. ←196 | 197→


1 Erscheinungen von Interferenz und Alternanz im Dialekt werden von Dahl bereits in den 1970er Jahren konstatiert, vgl. Dahl 1974. Ähnlich u. a. Gernentz 1974.

2 Unter Basisdialekt ist mit Schmidt 1998, S. 163 die „standardfernste Sprechlage der jeweils ältesten immobilen Sprecher“ zu verstehen.

3 Lenz 2005, S. 85 unterscheidet Prozesse „eines strukturellen Dialektwandels (‚Dialektabbau‘)“, die auf „systemische Veränderungen des Dialekts“ hinauslaufen, von Prozessen „eines funktionalen Dialektwandels […] (‚Dialektabnahme‘)“, die sich in einer „Abnahme der Verwendungshäufigkeit des Dialekts“ niederschlagen.

4 Vgl. dazu etwa die Ergebnisse des Sprachzensus von 2007 in Möller 2008 und Möller 2010.

5 So bereits Herrmann-Winter 1974, S. 173.

6 Vgl. Dahl 1974.

7 Kehrein 2012, S. 313. Zum Regiolekt in Mecklenburg-Vorpommern vgl. auch die aktuellen Daten aus dem Norddeutschen Sprachatlas, Elmentaler/Rosenberg 2015.

8 Vgl. Schmidt, 1998, S. 163–179.

9 Für den norddeutschen Sprachraum umfasst dies in etwa die Phase des Neuniederdeutschen seit dem 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Vgl. dazu auch das ähnlich gelagerte sprachdynamische Modell zur Genese der modernen Regionalsprachen seit 1700 in Schmidt/Herrgen 2011, S. 63–67.

10 Hierzu gehört in Norddeutschland etwa das sogenannte „Missingsch“ (als inzwischen historische Varietät), vgl. Möhn 2004.

11 Vgl. Schmidt, 1998, S. 172. Schmidt bezieht sich hier auf Menke 1998 und Stellmacher 1997.

12 Schmidt, 1998.

13 Arendt 2010, S. 197–198. Diesen weit verbreiteten „Sprachtopos“ (Arendt 2010, S. 197–205) weist bereits Herrmann-Winter 1994, S. 460 nach, vgl. Arendt 2010, S. 198, Fußnote 302.

14 Zum Forschungsstand vgl. auch den Beitrag von Rosenberg sowie die wissenschaftliche Bibliografie in diesem Band.

15 Vgl. etwa die Studien von Herrmann-Winter 2013; Hansen 2009; Köhncke 2010.

16 Vgl. Föllner 2004, S. 99–100.

17 Arendt 2010; Scharioth 2015.

18 Vgl. Ehlers 2011; Ehlers 2013; Ehlers 2017.

19 Bieberstedt 2017, S. 47.

20 Bieberstedt 2017, S. 60. Zum Konzept der Sprachbiografie vgl. insb. Tophinke 2002.

21 Scharioth 2015, S. 32 unter Verweis auf Macha 1991, S.  217.

22 Fix 1995, S. 34.

23 Fix 1995, S. 34–35. Zur Verallgemeinerbarkeit des sprachbiografischen Einzelfalles vgl. auch Bieberstedt 2015; Bieberstedt 2017; Ehlers 2017.

24 Vgl. Gemeinde Satow. URL: http://www.gemeinde-satow.de/ [Zugriff am 09.09.2013].

25 Vgl. Seils 2012, S. 211.

26 Vgl. Beer 2011, S. 106.

27 Vgl. Seils 2012, 206–217; Ehlers 2016.

28 Zum Begriff der Generation vgl. Ruge 1995, S. 5–9. Der Begriff Generation wird hier somit nicht biologisch, sondern soziologisch-historisch aufgefasst.

29 Vgl. Ahbe/Gries 2006, S. 518–531.

30 Vgl. Ahbe/Gries 2006, S. 531–556.

31 Vgl. Gehrke 2008.

32 Vgl. Ahbe/Gries 2006, S. 556–569.

33 Vgl. Fix/Barth 2000, S. 11. Im Anschluss an das Interview wurden die Probanden gebeten, einige Sprachproben abzugeben. Zunächst sollten einige Testsätze, eine Auswahl aus den sogenannten „Wenker-Sätzen“, in den Ortsdialekt übersetzt werden. Diese Übersetzungstests bieten eine einfache Möglichkeit, durch Merkmalsanalysen die Dialektkompetenz der Gewährspersonen zu bestimmen. Für eine standardsprachliche Gegenprobe lasen die Gewährspersonen anschließend die Äsop-Fabel „Nordwind und Sonne“ auf Hochdeutsch vor, um auch für die standardnahen Sprechlagen Befunde zu strukturellen Veränderungen über die Generationsfolge zu gewinnen. Die Erhebung von Sprachproben schloss mit einem freien Monolog in der Mundart zu einem möglichst emotionalen Thema, um eine Probe von spontanen dialektalen Äußerungen zu erhalten. Dazu wurde den Probanden zur Anregung, je nach Alter, ein Foto vom zerbombten Rostock im Jahr 1942 oder vom Berliner Mauerfall gezeigt. Eine Ausnahme gab es hier bei der Gewährsperson 4. Da diese Gewährsperson beide Ereignisse nicht miterlebte, wurde sie gebeten, von ihrem letzten Urlaub zu berichten. Die Auswertung dieser objektsprachlichen Daten ist noch nicht abgeschlossen, sie werden in diesem Beitrag nicht berücksichtigt.

34 Diese Gewährsperson ist männlich und wurde 1939 in Hinterpommern geboren. Sie wurde im Rahmen der Datenerhebung interviewt. Da diese Gewährsperson erst seit 1978 vor Ort wohnhaft ist, wurde sie bei den weiteren Analysen nicht berücksichtigt. Die Gewährsperson war von 1994–2003 ehrenamtlicher Bürgermeister von Satow und ist Mitglied der örtlichen Plattdeutschgruppe.

35 Die Annahme, dass Schimpfen auf Niederdeutsch weniger verletzend wirke als auf Hochdeutsch, ist ein auch weit über Mecklenburg-Vorpommern hinaus weitverbreiteter Topos in Einstellungsäußerungen gegenüber dem Dialekt, vgl. Arendt 2010, S. 197 zum „Humortopos“; zu nahezu identischen Einstellungsäußerungen bei Hamburger Probanden Jürgens 2015, S. 305–309 sowie aktuell Jürgens/Schröder 2016.

36 Arendt 2010, S. 156. Vgl. dazu auch Jürgens/Schröder 2016, S. 346–349 und 374–376.

37 Ehlers 2013, S. 114.

38 Ähnliche Fälle dokumentiert Ehlers 2011 und 2013.

39 Bieberstedt 2015, S. 232–233. Vgl. ebenso Bieberstedt 2016. Zum stereotypen Kategorisierung des Plattdeutschen als ‚ländlich‘ und ‚Unterschichtssprache‘ vgl. Arendt 2010, S. 156, 192–195 und für den Raum Hamburg Jürgens 2015, S. 324–344.

40 Stellmacher 1990, S. 12.

41 Z. B. Gernentz, 1980, S. 134–135.

42 Vgl. Ehlers 2013.

43 Einen ähnlichen Statuswechsel des Niederdeutschen von einer „Kommunikationssprache“ zu einer „Identifikationssprache“ stellt Jürgens 2015, S. 374–392 für Hamburg fest.