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Niederdeutsch und regionale Umgangssprache in Mecklenburg-Vorpommern

Strukturelle, soziolinguistische und didaktische Aspekte

Series:

Edited By Birte Arendt, Andreas Bieberstedt and Klaas-Hinrich Ehlers

Im Mittelpunkt des Bandes steht der Wandel des Niederdeutschen und der regionalen Umgangssprache in Mecklenburg-Vorpommern. Er vereint linguistische Beiträge, die Aspekte der Entwicklung und Struktur sowie des Gebrauchs regionaler Sprachformen in diesem Bundesland in den Blick nehmen. Der Fokus der Darstellungen liegt auf jüngeren und aktuellen Entwicklungen. Zugleich beziehen die Beiträge die Vorgeschichte der gegenwärtigen Sprachverhältnisse seit dem 19. Jahrhundert ein. Ein eigener Themenblock ist der institutionellen Vermittlung und Förderung des Niederdeutschen gewidmet. Damit trägt der Band der Tatsache Rechnung, dass sich die Vermittlung des Niederdeutschen heute zunehmend auf Bildungsinstitutionen verlagert und zum Gegenstand amtlicher Sprachpolitik geworden ist.

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Das Projekt „Niederdeutsch in der Kita“ – Bedingungen, Formen und Perspektiven der Niederdeutschvermittlung in Kindergärten Mecklenburg-Vorpommerns (Julia Mittelstädt)

Julia Mittelstädt

Das Projekt „Niederdeutsch in der Kita“ – Bedingungen, Formen und Perspektiven der Niederdeutschvermittlung in Kindergärten Mecklenburg-Vorpommerns

Abstract: Due to the decreasing number of speakers with Low German as a first language, the institutional teaching of Low German has become more and more important. The article presents results of a pilot study from the year 2010 that examined conditions, forms and methods of teaching Low German as a second language to preschool children. Participants of this study were 20 preschools in different regions of Mecklenburg-Western Pomerania. In order to survey the outcome of the pilot study ex post the participating preschool teachers were asked to fill in a comprehensive questionnaire about their experiences with the project. The article discusses the basic results of that questionnaire survey.

1 Einleitung

Der nachfolgende Beitrag thematisiert die Vermittlung des Niederdeutschen in vorschulischen Einrichtungen Mecklenburg-Vorpommerns. Grundlage der Ausführungen ist eine Reihe von Fragebögen, die im Rahmen einer Pilotstudie aus den Jahren 2010–2011 zum Niederdeutsch-Erwerb in ausgewählten Kindergärten Mecklenburg-Vorpommerns erstellt wurden. Die Fragebögen wurden von den beteiligten Kindergärtnerinnen im Anschluss an das Projekt ausgefüllt und geben Auskunft über die jeweiligen sprachlichen Voraussetzungen, Ziele, Methoden und Ergebnisse des Projektes in den einzelnen Kindergärten. Ihre Auswertung liefert aufschlussreiche Ergebnisse zu den Konditionen, Möglichkeiten und Problemen vorschulischer Niederdeutsch-Vermittlung in Kindertageseinrichtungen und zeigt damit Wege zur Förderung des frühkindlichen niederdeutschen Dialekterwerbs auf.

2 Niederdeutsch und frühkindlicher Zweitspracherwerb

Der Atlas oft the World’s Languages in Danger der UNESCO führt insgesamt 13 Varietäten des Deutschen bzw. in Deutschland gesprochene Sprachen auf, die mehr oder weniger stark gefährdet sind. Fünf der deutschen Regional- bzw. Minderheitensprachen werden heute durch die Charta der Regional- oder Min←199 | 200→derheitensprachen geschützt.1 Auch Niederdeutsch – klassifiziert in der Charta als Regionalsprache – gehört zu diesen Sprachen. Laut UNESCO ist der Status des Niederdeutschen „vulnerable“, was so viel wie verwundbar, gefährdet bedeutet und noch der geringste Grad der Gefährdung ist. Viele Menschen identifizieren sich weiterhin mit der niederdeutschen Sprache, in einigen Gegenden ist sie aber nur noch rudimentär vertreten. Besonders deutlich wird das im Vergleich von Stadt und Land. In den Städten wird kaum Niederdeutsch gesprochen, auf dem Land noch verhältnismäßig häufiger, wenngleich ebenfalls stark rückläufig.2 Der Dialektgebrauch ist weitgehend auf die älteste Sprechergeneration beschränkt, zudem wird das Niederdeutsche nur noch in wenigen Fällen innerhalb der Familie an die nachfolgenden Generationen weitergegeben. Als Erstsprache wird nahezu ausnahmslos das Hochdeutsche erworben, aber auch als Zweitsprache wird das Niederdeutsche gegenwärtig kaum noch vermittelt. Diese und weitere Faktoren führen dazu, dass die Zahl der Sprecher mit einer niederdeutschen Dialektkompetenz permanent abnimmt. Dem drohenden Verlust des Niederdeutschen muss folglich verstärkt durch eine gezielte institutionelle Sprachförderung begegnet werden.

Eine erfolgversprechende Möglichkeit, diese Sprache zu erhalten und wieder mehr zu etablieren, bildet eine möglichst frühe Heranführung von Kindern an das Niederdeutsche im Bereich der vorschulischen Erziehung. Dies ist inzwischen auch von der Landespolitik erkannt worden. Bezüglich Teil III der Sprachencharta hat sich Mecklenburg-Vorpommern verpflichtet, „falls die staatlichen Stellen keine unmittelbare Zuständigkeit im Bereich der vorschulischen Erziehung haben,←200 | 201→ die Anwendung der unter den Ziffern i bis iii vorgesehenen Maßnahmen zu begünstigen und/oder dazu zu ermutigen“3. Die Ziffern i bis iii fordern,

„die vorschulische Erziehung in den betreffenden Regional- oder Minderheitensprachen anzubieten (i) oder einen erheblichen Teil der vorschulischen Erziehung in den betreffenden Regional- oder Minderheitensprachen anzubieten (ii) oder eine der unter Ziffern i und ii vorgesehenen Maßnahmen zumindest auf diejenigen Schüler anzuwenden, deren Familien dies verlangen, wenn die Zahl der Schüler als genügend groß angesehen wird.“4

In diesem Zusammenhang wurde im Jahre 2010 ein Modellprojekt „Niederdeutsch im Kindergarten“ gestartet, welches vom Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur des Landes Mecklenburg-Vorpommern gefördert wurde. Ziel des Projektes war die Überprüfung von Möglichkeiten, Formen und Methoden des frühkindlichen Erwerbs des Niederdeutschen als Zweitsprache in vorschulischen Bildungseinrichtungen. Damit sollte die konzeptionelle Basis für eine intendierte umfassende Niederdeutsch-Vermittlung im vorschulischen Bereich gelegt werden. Träger dieses Projektes war die „Stiftung Mecklenburg“5, die sich schon seit längerem für die Pflege der niederdeutschen Sprache und Kultur einsetzt.6 Insgesamt nahmen zwanzig Kindergärten an dem Projekt teil, die in ganz Mecklenburg-Vorpommern verteilt lagen. So beteiligten sich Einrichtungen aus den Städten Schwerin, Rostock und Greifswald, aber auch Einrichtungen aus kleineren Gemeinden, wie Banzkow, Lüssow, Plate oder Rambin auf Rügen.7 Es wurden ausschließlich Kindergärten ausgewählt, in denen bereits vorher Niederdeutsch angeboten wurde oder zumindest ein Erzieher oder eine Erzieherin Dialektkenntnisse aufweisen konnte. Das Projekt wurde in der Pilotphase 2010–2011 von Fachwissenschaftlern der Universitäten Rostock und Greifswald begleitet.8

Dass ein Zweitspracherwerb, in dem Fall der des Niederdeutschen, im frühen Kindesalter viele Vorteile hat, ist vielen Menschen oft nicht bewusst. Häufig bestehen Bedenken, ob man schon Kindern eine solche Aufgabe abverlangen←201 | 202→ kann und dass ein früher Zweitspracherwerb den Erwerb der Erstsprache zu beeinträchtigen vermag. Innerhalb der Spracherwerbsforschung besteht heute allerdings weitgehender Konsens, dass ein Kind in einem Alter von etwa vier Jahren die grundlegenden Merkmale der Muttersprache gelernt hat und diese auch weitgehend fehlerfrei gebrauchen kann.9 Kinder haben zudem besonders günstige kognitive Voraussetzungen, mehrere Sprachen zu erlernen. Denn in der Zeit, in der sich Kinder im Kindergarten befinden, also bis etwa zum siebenten Lebensjahr, spricht man von der „sensiblen Phase“ des Spracherwerbs. Während dieses Entwicklungsabschnittes sind sie besonders aufnahmefähig für sprachliche Strukturen. Das Gehirn hat eine erhöhte Flexibilität und ist sehr gut in der Lage, Neues zu erfassen und zu verarbeiten.10 Dadurch fällt es Kindern leichter, Sprachen zu lernen, als Erwachsenen und sie beherrschen diese schneller und besser. Bei einem frühen Zweitspracherwerb verstehen sich die Kinder später sehr gut darauf, diese Sprache anzuwenden. Für Erwachsene ist es hingegen bedeutend mühsamer, eine weitere Sprache zu lernen und erfolgreich damit umzugehen.11

Des Weiteren ist das menschliche Gehirn im Allgemeinen für Mehrsprachigkeit geschaffen. Mehr als 70 % der Weltbevölkerung benutzen täglich mehr als eine Sprache. So ist Mehrsprachigkeit global betrachtet schon mehr die Regel als eine Ausnahme.12

Der Zeitraum zwischen dem sukzessiven Erlernen der Erstsprache und Zweitsprache ist bei Kindern noch gering. So können sie beim Zweitspracherwerb auf Strategien und Erfahrungen beim Lernen ihrer Muttersprache zurückgreifen. Damit haben sie bessere Voraussetzungen, die zweite Sprache zu lernen. Der Zweitspracherwerb wiederum verbessert die Kompetenzen in der Erstsprache, da die angeeigneten Spracherwerbsmechanismen und -strategien auf beide Sprachen angewendet werden können.

Darüber hinaus lernt man nicht nur, sich mit der Sprache auszudrücken, das heißt, mit anderen zu kommunizieren, sondern erwirbt auch das dazugehörige kulturelle und soziale Hintergrundwissen. Die mit dem Zweitspracherwerb verbundenen erweiterten Kommunikationsmöglichkeiten erhöhen zugleich auch die sozialen Kompetenzen der Kinder.13 Nicht zuletzt ist das Sprachbewusstsein dieser←202 | 203→ Kinder stärker ausgeprägt. Sie verfügen über ein spezielles Sprachempfinden und eine höhere kommunikative Flexibilität.14

Die Vorteile eines frühen Zweitspracherwerbs liegen damit deutlich auf der Hand. Der Erwerb einer weiteren Sprache im Kindesalter ist in Hinsicht auf den potenziell erreichbaren Kompetenzgrad dem Zweitspracherwerb eines Erwachsenen deutlich überlegen. Für eine Sprache wie das Niederdeutsche, die im Regelfall nicht mehr als Erstsprache im Familienkreis erworben wird, bietet sich eine solche frühe Zweitsprachvermittlung im Kontext vorschulischer Bildungseinrichtungen folglich in besonderer Weise an.

3 Das Pilotprojekt „Niederdeutsch in der Kita“

3.1 Zielsetzung und Durchführungsphase

Im Folgenden stelle ich das Projekt „Niederdeutsch in der Kita“ genauer vor und werde dabei zunächst das Ziel, den Projektbeginn und die Durchführung in Augenschein nehmen. Das Hauptaugenmerk liegt in der anschließenden Auswertung eines Fragebogens15, der von den Erzieherinnen der Kitas im Rahmen des Projektes ausgefüllt wurde.

Ziel des Projektes war im engeren Sinne die Überprüfung von Formen und Methoden der Niederdeutschvermittlung in den ausgewählten Kindergärten. Die Erfahrungen des Pilotprojektes sollten als Fernziel die Basis für eine feste Etablierung des Niederdeutschen an Kindergärten in Mecklenburg-Vorpommern schaffen. Man wollte erreichen, dass die Sprache nach dem Prinzip der Immersion in den normalen Tagesablauf, beispielsweise beim Morgenkreis oder am Essenstisch, einfließt. Es wurde ein frühes Erlernen der Sprache bis hin zum selbstständigen Gebrauch angestrebt. Außerdem sollte den Kindern so der Einstieg in einen angestrebten Niederdeutschunterricht in der Schule erleichtert werden.16

Zum Start des Projektes wurde allen Kindergärten von der „Stiftung Mecklenburg“ je eine Materialbox übergeben. Diese enthielt niederdeutsche Bücher, Lieder, Gedichte und Spiele. Außerdem wurden den Erzieherinnen Spracherwerbskurse angeboten, um ihre eigenen Kenntnisse zu erweitern und auszubilden. In mehreren Workshops wurden unter Anleitung der damaligen Landesbeauftragten für Niederdeutsch in Mecklenburg-Vorpommern, Susanne Bliemel,←203 | 204→ Erfahrungen untereinander ausgetauscht und Materialien entwickelt und ausprobiert, die als Ergebnis in der Broschüre „lürlürlütt“ (‚klitzeklitzeklein‘) veröffentlicht wurden.17 Diese beinhaltete didaktische Hinweise für die Vermittlung des Niederdeutschen sowie Lieder, Gedichte und Geschichten auf Niederdeutsch, die an den Kindergärten benutzt werden konnten.18 Zusätzlich dazu besuchte die Landesbeauftragte jede Einrichtung persönlich und gestaltete dort eine Unterrichtseinheit und gab Anregungen für neue Vermittlungsformen und -methoden.

3.2 Datengrundlage und analytischer Zugang

Um genau zu erfahren, wie in jedem Kindergarten der „Unterricht“ des Niederdeutschen vonstattenging und welche Resonanz die Erzieherinnen erfuhren, wurde von Wissenschaftlern der Universitäten Greifswald und Rostock ein Fragebogen entwickelt, der im Jahr 2011 an die Kindergärten verschickt wurde.19 Der Fragebogen diente unter anderem dazu, genauer herauszufinden, wie die Niederdeutschvermittlung in den einzelnen Kindertagesstätten integriert wurde, welche sprachlichen Voraussetzungen in den jeweiligen Einrichtungen herrschten, welche Erfahrungen die beteiligten Erzieherinnen sammeln konnten, welche Formen des Erlernens zum größten Erfolg führten und ab welchem Alter folglich der Erwerb einer Zweitsprache Niederdeutsch angebracht ist.

Vierzehn der insgesamt zwanzig teilnehmenden Kindergärten beantworteten den Fragebogen. Dieser war unterteilt in folgende Kategorien: Grunddaten, Struktur des Kindergartens, sprachliche Voraussetzungen und Erfahrungen, Rahmen und Zielsetzungen, Durchführung, Erfahrungen, Perspektive und weitere Anmerkungen. Gefragt wurde unter der Kategorie ‚sprachliche Voraussetzungen und Erfahrungen‘ nach bereits vorhandenen Kompetenzen im Niederdeutschen sowohl bei den Erzieherinnen und den Kindern als auch den auswärtigen Personen, sofern solche an der Niederdeutschvermittlung beteiligt waren. Weiterhin ging es bei den Fragen zu ‚Rahmen und Zielsetzungen‘ darum, seit wann Niederdeutsch in der Kita angeboten wurde und welche Personen an der Vermittlung beteiligt waren. Beim Fragenkomplex zur ‚Durchführung‘ wurde nach dem Vermittlungsprinzip gefragt sowie nach der Form der Vermittlung, der Regelmäßigkeit und dem zur Verfügung stehendem Lehrmaterial. Unter der Kategorie ‚Erfahrungen‘←204 | 205→ wurde untersucht, welche Vermittlungsformen nach Ansicht der Erzieherinnen sehr gut und welche weniger gut geeignet waren und welche Probleme auftraten. Auch ob bereits Lerneffekte an den Kindern beobachtet wurden und welche Resonanz diese Vermittlung erfuhr, sei es von den Kindern selbst, den Eltern, Kollegen oder weiteren Personen, wurde hier erfragt. Der Punkt ‚Perspektive‘ beinhaltete Fragen nach Wünschen und Forderungen an das Projekt, seine Verantwortlichen und an die Politik. Die Erzieherinnen berichteten von ihren Erfahrungen beim Umgang mit dem Plattdeutschen, der Etablierung in den Alltag und den Entwicklungen der Kinder.

3.3 Ergebnisse

Im Folgenden werden eine Auswahl der Fragen und ihre Auswertung vorgestellt. Diese Auswahl erfolgte nach dem Kriterium, einen guten Überblick über die Art und Weise der Niederdeutschvermittlung an den Kitas in Mecklenburg-Vorpommern zu geben und es nachvollziehbar zu machen, ob und welchen Fortschritt und Erfolg diese Vermittlung erzielte. So bleiben beispielsweise die Punkte ‚Grunddaten‘ und ‚Struktur des Kindergartens‘ in der Auswertung unberücksichtigt, da sie im hier besprochenen Zusammenhang lediglich von untergeordneter Bedeutung sind. Generell erfolgt die Auswertung aber strukturiert in der oben genannten Reihenfolge und baut so systematisch aufeinander auf.

Es wird jeweils zuerst die Frage genannt und dementsprechend erfolgt die Auswertung der gegebenen Antworten. Stehen mehrere Antwortmöglichkeiten zur Auswahl, helfen Balkendiagramme, einen besseren Überblick zu geben und die Auswertung bildlich nachvollziehbarer zu gestalten. So wird bei den betreffenden Fragen immer vorweg das Diagramm gezeigt und anschließend ausgewertet und interpretiert. Die Auswertung erfolgt ausschließlich in anonymisierter Form. Die Angaben in den Diagrammen erfolgen in absoluten Zahlen.

Um einen besseren Lesefluss zu gewährleisten, werde ich im Folgenden immer die weibliche Form der Anrede benutzen, da es vor allem Frauen sind, die in den Kindergärten beschäftigt sind. Es ist zu beachten, dass es sich bei den Aussagen der Befragten ausschließlich um subjektive Selbsteinschätzungen handelt.

3.3.1 Sprachliche Voraussetzungen und Erfahrungen

In diesem Abschnitt wird von den sprachlichen Voraussetzungen und Erfahrungen von Erzieherinnen, auswärtig beteiligten Personen und Kindern berichtet. Diese Fragestellung ist insofern wichtig, als sie die Grundlage verdeutlicht, inwieweit überhaupt Kenntnisse im Bereich des Niederdeutschen vorhanden waren,←205 | 206→ auf denen die Vermittlung aufgebaut wurde. Neben dem Aspekt, wie viele Erzieherinnen Plattdeutschkenntnisse besaßen, wurde auch nach Kompetenzen im Verstehen, Sprechen, Lesen und Schreiben gefragt.

a) Erzieherinnen

Frage: Wie viele Erzieherinnen in Ihrem Kindergarten besitzen eine plattdeutsche Sprachkompetenz?

Es gibt nur einen von 14 befragten Kindergärten, in dem keine der 13 dort arbeitenden Erzieherinnen eine Niederdeutschkompetenz besitzt. In fünf Kindergärten hat jeweils eine und in sechs Kindergärten haben jeweils zwei Erzieherinnen eine niederdeutsche Kompetenz. Es gibt zwei Kindergärten, in denen alle Erzieherinnen die notwendigen sprachlichen Voraussetzungen haben. In Prozent ausgedrückt sind etwa 27 % aller Erzieherinnen der 14 Kindergärten in der Lage, die niederdeutsche Sprache anzuwenden. Einige von ihnen nahmen an den niederdeutschen Spracherwerbskursen teil, die im Rahmen des Projektes angeboten wurden, um sprachliche Kompetenzen zu erlernen und bereits bestehende Kenntnisse zu festigen und zu vertiefen.

Frage: Wie würden Sie Ihre Plattdeutschkompetenz in den folgenden Bereichen selbst einschätzen?

Abbildung 1: Plattdeutschkompetenzen der Erzieherinnen

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←206 | 207→

Diese Frage konnten pro Kindergarten mehrere Erzieherinnen beantworten. So haben insgesamt 23 Erzieherinnen die Selbsteinschätzungsfrage beantwortet. Im Diagramm (Abb. 1) ist deutlich zu erkennen, dass die Verstehenskompetenz am besten ausgeprägt ist. 13 Erzieherinnen verstehen Niederdeutsch „sehr gut“, zehn „gut“. Die Antwortmöglichkeiten „mäßig“, „nur einige Wörter“ und „gar nicht“ wurden überhaupt nicht angekreuzt. Das bedeutet, dass alle 23 Erzieherinnen Niederdeutsch „gut“ oder „sehr gut“ verstehen. Die Kompetenzen im Sprechen und Lesen sind annähernd ähnlich verteilt. So schätzen sich die meisten Erzieherinnen als „gut“ in diesen Fähigkeiten ein. Es gibt nur eine Person, die „gar nicht“ Niederdeutsch lesen kann und ebenfalls nur eine, die „nur einige Wörter“ Platt sprechen kann. Das Schreiben des Niederdeutschen schneidet am schlechtesten ab. Hier sieht sich keiner im Bereich „sehr gut“. 17 Erzieherinnen schätzen sich als „gut“ oder „mäßig“ ein. Aber auch jeweils drei meinen, dass sie „nur einige Wörter“ bzw. „gar nicht“ Niederdeutsch schreiben können. Die Mehrheit aller Antworten konzentriert sich auf die Aussage „gut“. Das ist ein Wert, mit dem man den Kindern durchaus die Sprache näherbringen kann. Jedoch gibt es zu denken, dass lediglich eine Erzieherin ihre aktive Sprachkompetenz bei „sehr gut“ sieht. Hierin drückt sich die bereits oben angesprochene insgesamt geringe Dialektkompetenz in Mecklenburg-Vorpommern aus. Zudem ist es fraglich, ob bei solch einem Wert den Kindern fehlerfrei Niederdeutsch beigebracht werden kann.

b) Auswärtige Personen

Nicht in allen Kindergärten unterrichten die Erzieherinnen selber die Kinder. In neun von den 14 Kindergärten findet die Vermittlung durch auswärtige Personen statt. Zumeist sind es Rentner und Rentnerinnen, die an der Spracherziehung beteiligt sind. In zwei Fällen wird explizit angegeben, dass die Großeltern von jeweils einem Kind in die Kita kommen, um den Kindern das Niederdeutsche beizubringen. Auch Studenten und ehemalige Lehrer wirken an der Vermittlung mit, sowie weitere auswärtige Personen, die ehrenamtlich den Kindern Niederdeutsch beibringen. Die Niederdeutschkompetenz der auswärtigen Personen wurde in diesen Fällen von den Erzieherinnen bewertet.←207 | 208→

Frage: Für den Fall, dass auswärtige Personen in das Projekt einbezogen sind, wie würden Sie deren Plattdeutschkompetenz in den folgenden Bereichen einschätzen?

Abbildung 2: Plattdeutschkompetenzen auswärtig einbezogener Personen

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Dieses Diagramm (Abb. 2) veranschaulicht die Einschätzung der Erzieherinnen für die auswärtig einbezogenen Personen. Die Frage wurde insgesamt achtmal beantwortet. Die Kompetenzen der auswärtigen Personen werden als „sehr gut“ oder „gut“ beschrieben. Die Verstehenskompetenz ist auch hier, wie zuvor bei den Erzieherinnen selbst, am höchsten ausgeprägt. So wird sie von ihnen in sechs von acht Fällen als „sehr gut“ eingestuft. Einmal wird das Verstehen als „mäßig“ eingeordnet. Es folgen das Sprechen und Lesen mit jeweils gleich vielen Punkten. Die Kompetenzen verteilen sich, mit sieben von acht Nennungen, vor allem bei „sehr gut“ und „gut“. Das Schreiben ist auch hier der schlechteste Faktor, konzentriert sich aber bei der Antwort „gut“ mit fünf Nennungen. Nur einmal wurde angegeben, dass die auswärtige Person „nur einige Wörter“ schreiben kann. Die Antwortmöglichkeit „gar nicht“ fällt komplett weg.

Im direkten Vergleich zur Selbsteinschätzung der Erzieherinnen fällt auf, dass die Fremdbewertungen für die auswärtigen Personen deutlich besser ausfallen. Wo sich die Selbstbewertungen der Kompetenzen bei den Erzieherinnen auf den Bereich „gut“ konzentrieren und im Bereich „sehr gut“ lediglich das Verstehen noch einen hohen Wert erreicht, ist die Fremdbewertung der auswärtigen Personen mit „sehr gut“ sehr viel positiver. Möglicherweise liegt das an der unterschiedlichen Art der Bewertung, d. h. dass sich die Erzieherinnen selbst kritischer einschätzen und die Fremdbewertung positiver vornehmen. Gerade bei älteren←208 | 209→ auswärtigen Personen kann aber wohl auch tatsächlich von einer vergleichsweise hohen Kompetenz im Sprechen ausgegangen werden. Nach der repräsentativen Umfrage des Instituts für niederdeutsche Sprachforschung ist die aktive Niederdeutschkompetenz bei Personen über 50 Jahren durchschnittlich am höchsten. Die Einbindung der ältesten Sprechergeneration in den Sprachunterricht für die jüngste Generation erscheint also grundsätzlich sehr sinnvoll.20

c) Kinder

Frage: Welche sprachlichen Voraussetzungen besitzen die Kinder in Ihrem Kindergarten?

Bei einem Großteil der Kinder spricht man im Elternhaus kein Niederdeutsch. Es wird konkret nur von drei Fällen berichtet, bei denen der Vater, und von einem Fall, in dem die Mutter mit seinen/ihren Kindern manchmal Niederdeutsch sprechen. Die Erzieherinnen berichten aber, dass die Eltern durch Aushänge im Kindergartengebäude mitlernen und für Auftritte mit ihren Kindern Lieder und Texte üben. Es kommt durchaus öfter vor, dass die Großeltern oder andere ältere Verwandte, wie Urgroßeltern, Großtanten und Großonkel, noch Niederdeutsch sprechen und auch manchmal mit den Kindern versuchen, etwas zu reden. Zum Teil haben die Kinder auch über ältere Geschwister, die selber im Kindergarten oder in der Schule Niederdeutsch vermittelt bekommen haben, bereits einiges aufschnappen können. So gibt es durchaus Kinder, die schon ein paar Erfahrungen von zu Hause mitbringen, aber der Großteil hat keinerlei Voraussetzungen und Vorkenntnisse zum Erwerb der plattdeutschen Sprache. Daher muss Niederdeutsch heute im Kindergarten mehr oder weniger wie eine Fremdsprache vermittelt werden.

3.3.2 Rahmenbedingungen der Niederdeutschvermittlung im Kindergarten

Frage: Seit wann bieten Sie Niederdeutsch in Ihrer Einrichtung an?

In allen 14 Kindergärten, die sich an der Befragung beteiligt haben, wurde bereits vor Beginn des Projektes Niederdeutsch, wenngleich bisweilen nur ansatzweise, angeboten. Besonders hervorzuheben sind zwei Kindergärten, in denen schon seit etwa 20 Jahren Niederdeutsch fest im Programm integriert ist. Die anderen Einrichtungen begannen ab den 2000er Jahren, verstärkt im Zeitraum 2008–2010, mit der Niederdeutschvermittlung.←209 | 210→

Frage: Welche Erzieherinnen sind an dem Projekt beteiligt?

In den meisten Kindergärten sind ein bis zwei Erzieherinnen an dem Projekt beteiligt. Diese weisen auch bereits Niederdeutschkenntnisse auf. In einem Fall wird der Unterricht ausschließlich von auswärtigen Personen durchgeführt. In einem Kindergarten beteiligen sich alle, insgesamt drei Erzieherinnen, an dem Projekt und dem Unterrichten der Kinder.

Frage: Welche und wie viele Kinder beteiligen sich an dem Projekt?

Abbildung 3: Beteiligung der Kinder in verschiedenen Kindertagesstätten am Niederdeutschunterricht

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Bei der Beantwortung dieser Frage waren Mehrfachnennungen möglich. Es gibt keine Einrichtung, die nur mit besonders sprachbegabten Kindern arbeitet. In sechs Fällen beteiligen sich alle Kinder am Projekt, wobei noch zwischen den einzelnen Altersstufen unterschieden werden muss. So meinen einige Kindergärten mit „alle“ Kinder ab dem Kindergartenalter (nicht Krippe) und einige Kinder ab Vorschulalter. Es wird auch auf das Interesse der Kinder geachtet, nach dem Motto: „Wer keinen Spaß an der Sache hat, lernt auch nichts.“ In fünf Fällen erfolgt der Unterricht in wechselnden Gruppen und bei drei Kindergärten haben die Eltern das entscheidende Stimmrecht, ob die Gruppe Niederdeutsch lernt oder nicht.←210 | 211→

3.3.3 Motive und Ziele der Erzieherinnen

Frage: Was ist Ihre Motivation für die Vermittlung des Plattdeutschen an Kinder?

Für viele Erzieherinnen ist ein bedeutendes Motiv für die Vermittlung des Niederdeutschen, die Sprache nicht ins Vergessen geraten zu lassen. Hierzu schreibt eine Erzieherin aus der Kita in S.: „Die Kinder sollen lernen, dass die Sprache früher schon hier im Norden gesprochen wurde. Aber mit den Jahren nicht mehr so oft. Sie soll nicht vergessen werden.“ Niederdeutsch wird als Ausdruck der regionalen Kultur angesehen. So wünscht sich eine Erzieherin „Tradition und Sprachpflege für unsere Region“. Man möchte „einer ‚aussterbenden‘ Sprache entgegenwirken“, Niederdeutsch erhalten und pflegen. Zu diesem Punkt schreibt eine Erzieherin: „Die plattdeutsche Sprache zu erhalten und zu pflegen ist für mich oberstes Gebot, Verpflichtung und Motivation.“ Eine Erzieherin meint auch dazu, dass die Sprache lange ohne Wertschätzung und Beachtung im Schul- und Vorschulbereich geblieben sei, das aber geändert werden sollte, denn Platt sei etwas Besonderes in der Region. Man möchte „einen Beitrag zur Sprachförderung für die Jüngsten“ schaffen. Einige Erzieherinnen geben auch an, selbst mit der niederdeutschen Sprache aufgewachsen zu sein. Dazu meint eine Erzieherin „Ich liebe selber die plattdeutsche Sprache und möchte, dass sie erhalten bleibt.“ Sie möchten ihr Wissen weitergeben zum Erhalt der Sprache und haben große Freude an der Sprachvermittlung. Es wird auch angegeben, dass Sprachförderung und eine zweisprachige Erziehung der Kinder wichtig seien.

Nach Einschätzung der Erzieherinnen besteht ein großes Interesse von Seiten der Eltern und Großeltern an der Niederdeutschvermittlung. Die Kinder zeigen Freude und Spaß am Lernen. Sechs von den 14 Kitas haben ihrer Einrichtung einen plattdeutschen Namen gegeben, was auch als Botschaft für alle Außenstehenden verstanden wird, dass hier die Sprache gefördert wird. Außerdem möchte man sich mit diesem Angebot von anderen Kindergärten abheben, um auch für die Eltern interessant zu bleiben. Eine Rentnerin, die den Kindern in B. Niederdeutsch näherbringt, schreibt: „Ich bin plattdeutsch aufgewachsen und mecklenburge mit Leib und Seele. Plattdeutsch sprechen und Lesen gehört zu meinem Leben, da ich pädagogisch vorgebildet bin, möchte ich dieses gerne anderen weitergeben.“

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Niederdeutsch von den Befragten durchweg als etwas Positives gesehen wird. Die Sprache gehört nach Meinung vieler Erzieherinnen zur Region und ist für viele noch wichtig, so sollen auch die Kinder an die Sprache herangeführt werden und sie kennenlernen. Ähnlich←211 | 212→ positive Einstellungen zum Niederdeutschen ermittelte für ganz Norddeutschland auch die Umfrage des Instituts für niederdeutsche Sprache. Dort gaben 91 % der Befragten an, die Sprache sei für sie „heimatlich“, dicht gefolgt von den Bewertungen „humorvoll“ (85 %), „gemütlich“ (79 %) und „typisch norddeutsch“ (75 %). Die am wenigsten gegebenen Antworten waren „nicht zeitgemäß“ (30 %), „grob“ (27 %) und „nur für alte Menschen“ (21 %).21 Auch die befragten Kindergartenerzieherinnen aus Mecklenburg-Vorpommern teilen diese positiven Einstellungen zum Niederdeutschen, die für sie eine starke Motivation darstellen, die Sprache zu erhalten. Damit in Zusammenhang bewegt der befürchtete Sprachentod des Niederdeutschen viele Erzieherinnen, sich in der frühkindlichen Vermittlung dieser Sprache zu engagieren.

Frage: Was wollen Sie erreichen, das heißt welche Ziele verfolgen Sie mit Ihrem Niederdeutschangebot?

Eine Erzieherin „möchte erreichen, dass die Kinder ungezwungen mit dem Plattdeutschen bekannt gemacht werden“. Ähnlich meint auch eine Erzieherin aus R.: „Die Kinder sollen zum selbstverständlichen Gebrauch der plattdeutschen Sprache geführt werden. Wir wollen Plattdeutsch als Umgangssprache fördern und dabei bei den Kleinsten in unserer Kita beginnen.“ Erzieherinnen und Kinder haben Freude an der regionalen Sprache und Interesse, diese zu verstehen und zu erlernen. Den Kindern sollen der Ursprung und die Entwicklung der niederdeutschen Sprache nahegebracht werden. Man möchte die „Sprache und somit auch die Kultur und Tradition wiederbeleben und weitergeben“, schildert eine Erzieherin aus G. In diesem Zusammenhang meint auch eine Erzieherin aus C., dass die „Stärkung von Heimatverbundenheit und Identitätsentwicklung“ wichtig sei. Den Kindern sollen die Grundlagen der Sprache vermittelt werden, damit sie in den Schulen mit ihrem Wissen weiterarbeiten können, soweit dort auch Niederdeutsch angeboten wird. Man möchte Sprachverständnis entwickeln und den Horizont der Kinder erweitern. Es seien vor allem Neugierde, Spaß und Freude wichtig, die beim spielerischen Umgang mit der Sprache geweckt würden und unverzichtbar seien. Auch wird sich gewünscht, dass „Plattdeutsch weitergeführt wird und nicht vergessen und ausstirbt“, wie eine Erzieherin aus R. äußert. In vielen Kindergärten treten die Kinder dann in der Öffentlichkeit auf und zeigen stolz ihre gelernten Programme.

Demnach ist es den Erzieherinnen und den Personen, die zusätzlich am Projekt beteiligt sind, wichtig, die Sprache zu erhalten, da sie zur Heimat gehört und ein←212 | 213→ Kulturgut ist, das es zu bewahren gilt. Um das zu erreichen, sollen die Kinder mit Freude an diese Sprache herangehen und eine positive Verbundenheit zum Niederdeutschen entwickeln. Allgemein stehen auch die Förderung des Verständnisses von Sprache und eine persönliche Weiterentwicklung durch den Umgang mit ihr im Fokus.

3.3.4 Durchführung

Frage: Welches Prinzip verfolgen Sie bei der Vermittlung des Plattdeutschen?

Abbildung 4: Prinzipien der Vermittlung des Niederdeutschen in den Kindertagesstätten

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Bei dieser Frage waren Mehrfachantworten möglich, um alle Vermittlungsformen zu erfassen. Mit neun Nennungen ist das Prinzip „ein Tag Platt in der Woche“ am meisten vertreten. In fünf Einrichtungen wird das Prinzip verfolgt, dass nach „bestimmten Themen, Tageszeiten oder Situationen“ unterrichtet wird. Drei Einrichtungen vermitteln nach dem Prinzip „eine Erzieherin eine Sprache“ und in zwei Kitas unterrichten „alle Erzieherinnen ein bisschen“. Es werden auch oft Projekte gemacht, wie beispielsweise für den Oma- und Opatag, den Muttitag, Wohngebiets- oder Jahreszeitenfeste. In einem Kindergarten wurde noch als weiterer Punkt angegeben, im Morgenkreis biblische Erzählungen durchzunehmen. Auch andere Kindergärten nutzen den Morgenkreis für erste niederdeutsche Sprüche oder Lieder. Zu den Mahlzeiten werden niederdeutsche Tischsprüche aufgesagt. In einer Kita erfolgt der Unterricht eher spontan und situationsabhängig, je nach←213 | 214→dem wie viel Zeit zur Verfügung steht und wie viel Erzieherinnen überhaupt an dem Tag anwesend sind. Eine Einrichtung hat einmal in der Woche einen kompletten plattdeutschen Tag, von der Begrüßung bis zur Verabschiedung. Auch an den anderen Tagen werden noch zusätzlich niederdeutsche Lieder und Sprüche gefestigt. In den meisten Kindergärten wird einmal wöchentlich, immer zu einem feststehenden Termin, Niederdeutsch gelernt. Wie schon erwähnt, nutzen einige Einrichtungen auch die anderen Tage zum Lernen von Tischsprüchen oder festigen das Gelernte.

Als das beste Verfahren, eine Sprache zu lernen, wird heute meist die sogenannte „Immersion“ angesehen, bei der die Kinder quasi in eine fremdsprachliche Umgebung „eintauchen“ und die neue Sprache in alltäglichen Kontexten erfahren und erlernen. Dabei verfolgt man das Prinzip „eine Person – eine Sprache“22. Das bedeutet, die Lehrperson spricht konsequent in der neuen Sprache und übersetzt auch nicht, was sie gesagt hat, sondern veranschaulicht das Gesprochene. Dies geschieht durch Mimik und Gestik, dem Zeigen von Bildern und Symbolen, mit Hilfe der Verwendung von Handpuppen und auch durch das Vorspielen von Handlungen. Die zu lernende Sprache ist dann sowohl Unterrichts- als auch Umgangssprache. Die Kinder erschließen sich die Bedeutung von Worten und die Sprache selbstständig, indem sie Situationen und deren Zusammenhänge erkennen und begreifen.23 Der Erfolg, den man mit bilingualem Spracherwerb erfahren kann, wurde im ELIAS-Projekt bewiesen. Zehn bilinguale Kitas nahmen daran über zwei Jahre teil. Es stellte sich heraus, dass die Kinder deutliche Fortschritte beim Verständnis der Fremdsprache (Englisch) machten und auch bessere Lernerfolge erzielten, je intensiver sie mit der Fremdsprache in Kontakt kamen.24 Von den 14 Kindertagesstätten in Mecklenburg-Vorpommern, die an der Befragung teilnahmen, vermitteln nur drei das Niederdeutsche nach dem besonders erfolgsversprechenden Prinzip „eine Erzieherin eine Sprache“. Aber auch das Prinzip „ein Tag Platt in der Woche“ bietet den Kindern die Möglichkeit, das Niederdeutsche als Umgangssprache zu erleben und aus dem kommunikativen Zusammenhang heraus zu erwerben. Insgesamt könnte die Effizienz der Niederdeutschvermittlung in den Kindertagesstätten aber noch weiter erhöht werden, indem vermehrt die Vermittlungsprinzipien eingesetzt werden, die die größten Lernerfolge versprechen.←214 | 215→

Frage: In welchen Formen taucht Niederdeutsch in Ihrer Einrichtung auf?

In allen Kindergärten wird mit Liedern, Gedichten, Reimen, Tischsprüchen, Sprichwörtern, Tänzen und Spielen gearbeitet. Auch Märchen werden behandelt. Wie oben schon genannt, führen viele Einrichtungen Projekte durch und erarbeiten Programme für Feiern und öffentliche Auftritte. In einigen Einrichtungen sind Aushänge und Wandzeitungen zu einzelnen Themen immer präsent. So sehen beispielsweise die Eltern, welche aktuellen Lieder und Gedichte gelernt werden, und können so aktiv in die Sprachvermittlung eingebunden werden. Es gibt Schilder im Garderobenbereich, auf denen Kleidungsstücke auf Niederdeutsch ausgehängt sind. Auch an Türen sind manchmal Schilder, auf denen auf Platt steht, welcher Raum sich dahinter befindet. Einige Kindergärten nehmen an Plattdeutsch-Wettbewerben teil. Die häufig erfolgreichen Ergebnisse hängen dann in Form von Urkunden an den Wänden.

In sechs von den 14 Kitas ist der Name der Einrichtung plattdeutsch. Die Namen lauten: „Lütt Sparling“, „Uns Kinnerhus“, „De lütten Landlüüd“, „Lütt Matten“, „Uns Lütten“ und „Lütte Meckelbörger“. Sie veranschaulichen so schon Außenstehenden, dass die Sprachvermittlung zum Programm des Kindergartens gehört. In drei Kitas wurde geschrieben, dass die Erzieherinnen im Unterricht mit einer Handpuppe arbeiten, die dann mit den Kindern Plattdeutsch spricht und lernt. Wenn ein Kind Geburtstag hat, wird ihm bisweilen ein Geburtstagslied in Plattdeutsch gesungen.

Frage: Welche Lehrmittel stehen Ihnen zur Verfügung oder haben Sie selbst entwickelt?

Alle am Projekt beteiligten Kindergärten haben von der Stiftung Mecklenburg eine Materialbox erhalten. Die Einrichtungen arbeiten mit Büchern, wie plattdeutsch-hochdeutschen Wörterbüchern, Liederbüchern und Bilderbüchern. Außerdem nutzen sie Spiele, Puzzles, Bildkarten, Broschüren, Fotos und zum Teil auch CDs und DVDs. Zur Recherche wird auch das Internet genutzt. Selbst entwickelte Lehrmittel sind umgeschriebene Tischsprüche, selbst übersetzte Lieder und Gedichte. Eine Kita hat ein Theaterstück selbst entwickelt, andere lassen sich neue Spiele einfallen. Eine Einrichtung hat zwei eigens für sie angefertigte Lieder. Die Erzieherinnen beschränken sich bei der Sprachvermittlung also keineswegs nur auf vorgegebene Lehrmittel, sondern zeigen eine beachtliche Kreativität, kindgerechte Lehrmaterialien zum Niederdeutschen auch selbst zu entwickeln.←215 | 216→

Im Unterricht werden die Kinder dann oft gefragt, was sie machen möchten. Welches Lied soll gesungen werden? Welches Gedicht soll aufgesagt werden? Welches Spiel soll gespielt werden? Die Kleinen können so den Unterricht selbst mitgestalten.

3.3.5 Erfahrungen

Frage: Mit welchen Vermittlungsformen haben Sie sehr gute Erfahrungen gemacht?

Die häufigste Antwort auf diese Frage war: Bilder. Es sei wichtig, dass alles, was gemacht wird, anschaulich dargestellt wird. So haben die Kinder eine genauere Vorstellung von dem, was sie machen, sagen und hören. Daher seien farbige, bunt gestaltete Bilderbücher und Bildkarten unverzichtbar. Geschichten, Gedichte und Reime, die mit Bildern unterstützt werden, prägen sich leichter bei den Kindern ein als bloßer Text. Bedeutend ist hierbei auch die Länge des Geschriebenen. Geschichten und Gedichte dürften nicht zu lang sein, da die Konzentrationsfähigkeit der Kindergartenkinder noch nicht so entwickelt sei wie später bei Schulkindern oder Erwachsenen. Dazu meint eine Erzieherin aus S.: „Besonders kommen Bilderbücher, die sehr farbig und bunt sind, an. Die Bilderbücher dürfen nicht zu lang sein. Auch eignen sich Fingerspiele recht gut, wo die Kinder selber gut mitmachen können.“

Auch gut geeignet für eine anschauliche Vermittlung sind die Begleitung mit einem Instrument bei einzuübenden Liedern und die schon erwähnten Handpuppen. Das kommt bei Kindern nach Aussage der Erziehrinnen immer gut an. Die Atmosphäre sollte aufgelockert sein und nicht in Form von Frontalunterricht ablaufen. „Die besten Erfahrungen haben wir auf spielerische Weise, also hauptsächlich im Freispiel gemacht. Im täglichen Wiederholen von Liedern, Tänzen und Ähnlichem erfolgte die größte Sprachvermittlung.“ So berichtet eine Erzieherin aus R. Weiterhin schreiben auch viele Erzieherinnen: Das Lernen erfolge am besten in spielerischer Form und durch tägliche Wiederholungen. Es helfe auch, die Sprache besser zu lernen, wenn man Geschichten oder Märchen vorliest, die den Kindern bereits bekannt seien. Auch meinen sie, es sollten feste Strukturen im Ablauf vorhanden sein, damit sich eine Regelmäßigkeit und Routine einstelle, aber keine Langeweile aufkomme. Einige Erzieherinnen berichten auch, dass die Möglichkeit, an Wettbewerben teilzunehmen, die Kinder motiviere. Insgesamt gesehen müssen die Methoden und Vermittlungsformen nach ihrer Meinung dem Alter der Kinder entsprechen und so auch angewandt werden.←216 | 217→

Frage: Welche Vermittlungsformen sind Ihrer Meinung nach weniger gut geeignet?

Die Erzieherinnen berichten, dass die Kinder bei Hörgeschichten und längerem Vorlesen Probleme haben, dem genauen Wortlaut zu folgen. Eine Vermittlung ohne Anschauungsmaterial für die Kinder ist demnach nicht geeignet. So schreibt eine Erzieherin aus S., dass „plattdeutsche Märchen ohne Bilder“ nicht geeignet seien: „Es muss immer anschaulich vermittelt werden und in spielerischer Form.“ Des Weiteren ist es schwierig, in zu großen Gruppen und verschiedenen Altersklassen gleichzeitig zu unterrichten. Besser sei es, dann Gruppen zu teilen und die Altersspanne nicht zu groß werden zu lassen. Sonst komme es zur Überforderung der Jüngsten und Unterforderung der Älteren. Wenn die Erzieherin nicht mit Spaß und Freude dabei sei, übertrage sich diese Stimmung schnell auf die Kinder. Ein reines Lernen von Vokabeln und einzelnen Wörtern sei ebenfalls unangebracht, und so sei Frontalunterricht auch viel zu steif für die Vermittlung. Dazu meint eine Erzieherin aus S.: „Einzelne Wörter geraten zu schnell in Vergessenheit, sie vertiefen sich besser in Liedern, Fingerspielen oder beim Vorlesen“. Beim Lernen von zu langen Theaterstücken fehle den Kindern am Ende die Konzentration weiterzumachen.

Frage: Was bereitet Ihnen noch Probleme?

Einige Erzieherinnen nennen den Zeitfaktor als Problem. Es nehme viel Zeit in Anspruch, Materialien aufzubereiten, Lehrmittel von Hochdeutsch ins Plattdeutsche zu übertragen. Es fehle auch manchmal die Zeit, um Lieder, Gedichte etc. regelmäßig zu wiederholen. Auch fällt es einigen Erzieherinnen schwer, über einen längeren Zeitraum Niederdeutsch zu sprechen, da es kaum Anlässe gibt, um ihre eigene Plattdeutschkompetenz zu festigen. Es gibt auch immer wieder Unsicherheiten bei einigen Wörtern, zu deren Beseitigung dann Wörterbücher zu Rate gezogen werden müssen, was wiederum Zeit in Anspruch nimmt.

Des Weiteren gebe es Probleme bei der intensiven Wortschatzvermittlung und bei Grammatikübungen, da das Vorsprechen allein nicht ausreiche und das Schreiben von Plattdeutsch noch zu schwer sei. So sei auch anfangs das Vorlesen von kaum vertrauten Geschichten mühsam. Eine Rentnerin schreibt, sie habe manchmal Probleme, Wörter, die situationsabhängig mehrere Bedeutungen im Plattdeutschen haben, auf kindliche Art zu vermitteln. Es fehlt auch teilweise an genügend Material für die Kinder, wie einige Erzieherinnen meinen. So berichtet eine Erzieherin aus einer Schweriner Kita: „Es gibt einfach zu wenig Bilderbücher auf Plattdeutsch, und auch eine CD mit den bekannten plattdeutschen Volksliedern habe ich bis jetzt vergeblich gesucht“. Ein weiteres Problem stellt die←217 | 218→ Möglichkeit des Übens von Texten zu Hause bei den Kindern dar. Denn dadurch, dass die Eltern selbst wenig oder kein Plattdeutsch sprechen können, ist es für sie schwer, mit ihren Kindern plattdeutsche Texte zu üben.

Frage: Mit welchen Kindern erscheint Ihnen die Arbeit am effektivsten?

Am effektivsten erscheint den Erzieherinnen die Arbeit mit Kindern, die Spaß und Freude am Plattdeutschen haben und gerne singen. Mit Kindern ab einem Alter von 3 bis 4 Jahren kann man nach Aussagen der Befragten schon einiges machen, mit Vorschulkindern ist der Unterricht noch wirkungsvoller. In einigen Kindergärten wird auch schon mit Krippenkindern etwas geübt. Hier haben die Erzieherinnen mit ersten Fingerspielen gute Erfahrungen. Generell gesehen kann man so in jedem Alter Fortschritte erreichen, als Hauptsache wird angesehen, dass der Unterricht dem Alter und Interessen der Kinder angepasst ist.

Frage: Welche Entwicklungen bzw. Veränderungen haben Sie evtl. an den Kindern bemerkt, welche Lerneffekte lassen sich bereits beobachten?

Die Erzieherinnen schreiben, dass die Kinder selbst versuchen, im Tagesablauf Niederdeutsch mit ihnen und untereinander zu sprechen. Sie greifen einzelne Redewendungen auf und integrieren diese in ihren Spielen. Die Kinder sind mit Spaß bei der Sache, haben Freude, Plattdeutsch zu sprechen und äußern selbst Wünsche nach Liedern und Gedichten. Sie freuen sich immer schon auf die nächste Unterrichtsstunde. Das Sprachverständnis ist deutlich gestiegen, ihr Selbstbewusstsein hat zugenommen und sie haben schnellere Reaktionen in der Wahrnehmung. Dazu meint eine Erzieherin aus M.: „Die Kinder sind allgemein selbstbewusster im Auftreten; zeigen schnellere Reaktionen in der Wahrnehmung; können sehr gut transferieren“. Des Weiteren ist ihre Aufnahme-, Konzentrations- und Merkfähigkeit gestiegen. Die Kinder singen mit Freude ihren Eltern vor und sind in der Lage, kleine Programme auf Plattdeutsch zu gestalten und „sind begeistert dabei“, wie eine Erzieherin aus R. berichtet. Sie sind stolz auf das, was sie können, berichten den Eltern von ihren Fortschritten und „genießen den Effekt, dass Eltern staunen“, wie eine Erzieherin aus S. schreibt. Dass auch die Eltern am Projekt „Niederdeutsch am Kindergarten“ zunehmend beteiligt werden, berichtet eine Erzieherin aus S.: „Sie haben ihre Eltern ins Boot gezogen. Die möchten oft Texte haben, damit sie auch mitmachen können.“ Darüber hinaus berichtet die Erzieherin: „Die Kinder sprechen gerne die Sprache, fordern sie auch, dass etwas damit gemacht wird, so z. B. Lieder gesungen werden oder Rollenspiele.“ Eine Erzieherin schreibt: „Die Kinder berichten nach der Stunde ihren Erzieherinnen stolz vom Erlernten. Sie freuen sich auf die nächste Stunde. Ihr Selbstbewusstsein wird gestärkt. Sie saugen Neues auf wie ein Schwamm.“←218 | 219→

Frage: Welche Resonanz haben Sie erlebt?

Es wird vor allem berichtet, dass die Eltern und Großeltern begeistert sind, dass in der Einrichtung Plattdeutsch angeboten wird. Sie zeigen großes Interesse und arbeiten gut mit der Kita zusammen. Sie sind gespannt auf die Auftritte und sehen diese sehr gerne. Dazu schreibt eine Erzieherin aus S.: „Bei den Eltern ist die Resonanz sehr gut, sie möchten, dass es damit weitergeht. Auch die Kinder fragten gleich, wenn sie ‚Großer Igel‘25 sind, ob es dann weitergeht“. Auch sonst kommen die Auftritte in den Ortschaften sehr gut an. Über einige Kindergärten wird in den Medien berichtet. Die Erzieherinnen erhalten immer wieder die Bestätigung weiterzumachen, denn die Sprache wird sehr gerne gehört. Die Kinder möchten auch in der Schule weiter Plattdeutsch lernen. Es besteht eine sehr große Nachfrage und es wird berichtet, dass weitere Einrichtungen darüber nachdenken, auch Plattdeutsch in ihr Angebot mit aufzunehmen. Eine Erzieherin schreibt: „Die Nachfrage ist sehr groß. Viele haben noch Verbindung/Erinnerungen, die mit dem Plattdeutschen zu tun haben. Weitere Einrichtungen wollen nachziehen“. Es wird jedoch auch berichtet, dass einzelne Personen dem Plattdeutschangebot eher reserviert gegenüberstehen. Dazu schreibt eine Erzieherin aus S.: „Einige Personen sind erstaunt und halten Plattdeutschunterricht nicht für nötig“. Insgesamt aber überwiegen die positive Resonanz und die Begeisterung für die plattdeutsche Sprache.

3.3.6 Perspektive

Frage: Was erhoffen Sie sich von diesem Projekt? Welche Forderungen/Wünsche haben Sie an uns?

Die Erzieherinnen erhoffen sich von dem Projekt, dass die niederdeutsche Sprache und das niederdeutsche Kulturgut erhalten bleiben. Niederdeutsch wird als die Sprache der Region, der Heimat verstanden, und diese solle stärker gefördert werden. So wünscht sich eine Erzieherin aus S. den „Erhalt der plattdeutschen Sprache“ und die „Förderung der Sensibilität für Kultur und Sprache der Heimat“. Außerdem sei es wichtig, „dass Niederdeutsch im alltäglichen Sprachgebrauch wieder mehr an Bedeutung gewinnt“, wie eine Erzieherin aus R. berichtet. Die Kinder sollen eine bleibende Erinnerung an das Plattdeutsche haben und es eventuell im späteren Leben, beispielsweise in der Schule, weiterführen und ihre Fähigkeiten in der Familie weiterverbreiten. Sie hoffen, dass die Sprache nicht verloren geht und ein fester Bestandteil der kindlichen Bildung in Mecklenburg-Vorpommern wird.←219 | 220→ Eine Erzieherin aus S. meint: „Mein Wunsch wäre, dass Plattdeutsch ein wichtiger Baustein im Entwicklungskonzept aller Kindergarteneinrichtungen wird und sich dann in der Schule fortsetzt, um es weiter zu festigen und zu erhalten“. Es wird auch mehr Pflege und Akzeptanz der Sprache in der Öffentlichkeit gefordert. Einige Erzieherinnen wünschen sich auch den Austausch von neuen Ideen und Erfahrungen untereinander und regelmäßige Kontakte zur Stiftung Mecklenburg. Hier meint eine Erzieherin aus S.: „Ich würde mich freuen, wenn es weiterhin möglich wäre, Zusammenkünfte mit den Plattdeutschlehrenden zu veranstalten“. Eine weitere Erzieherin schreibt dazu, sie wünsche sich „gegenseitige Besuche und Reflexionen“. So könnten Anregungen und Impulse weitergegeben, Wissen erweitert und Kontakte geknüpft werden und eventuell Angebote an den Kitas vielfältiger ausfallen. In diesem Zusammenhang wünschen sich die Erzieherinnen auch, dass Weiterbildungen angeboten werden, die näher in der Umgebung liegen. Es gebe bis jetzt zu wenige Möglichkeiten für die Lehrenden, ihre Kompetenzen und eigene Sprachfähigkeit weiter auszubilden. Die wenigen Fortbildungsmöglichkeiten seien außerdem meist zu weit entfernt gelegen. Des Weiteren wünscht man sich, dass die Medien regelmäßig mit einbezogen werden, um mehr Aufmerksamkeit und Anerkennung in der Öffentlichkeit zu erhalten. Auch möchten einige Einrichtungen immer wieder neue Materialien erhalten, so dass eine größere Vielfalt des Angebots ermöglicht wird. Dazu schreibt eine Erzieherin aus S.: „Es würde uns helfen, regelmäßiger Material in die Hände zu bekommen.“ Dafür schlägt sie ein monatliches oder jährliches Heft vor mit Themen wie Jahreszeitenbeschreibungen, Berufe und Feste und Feiern. Außerdem erhoffen sich die Erzieherinnen, noch weitere Einrichtungen zu begeistern und das Angebot des Erlernens der Sprache in der Schule fortzusetzen, um Plattdeutsch weiter zu festigen und zu erhalten.

Frage: Was sollte Ihrer Meinung nach von der Politik, der Verwaltung oder von anderen Stellen unternommen werden, um Sie zu unterstützen?

Die Wünsche an die Politik, Verwaltung und andere öffentliche Bereiche ähneln denen an das Projekt selbst. Auch hier erhofft man sich mehr Materialien und eine finanzielle Unterstützung der Einrichtungen. Man wünscht sich mehr qualifizierte Ausbilder. Lehrerinnen und Erzieherinnen „müssen in der Ausbildung diese Sprache vermittelt bekommen bzw. die Möglichkeit haben, sich damit auseinanderzusetzen“, fordert eine Erzieherin aus R. Das Erlernen der Sprache sollte zum festen Bestandteil der vorschulischen Erziehung werden und in den Schulen weitergeführt werden. Es wird sich auch mehr Öffentlichkeitsarbeit, mit besonderem Augenmerk auf die Presse, gewünscht, „damit uns nicht so viel Steine zwischen die Füße geworfen werden und es als nichtig herabgestuft wird“, so eine Erzieherin aus einer Kita in Schwerin. Abschließend erhoffen sich einige Lehrende←220 | 221→ mehr Anerkennung für ihre Tätigkeit als Plattdeutschunterrichtende und keine Abwertung des Projektes.

3.3.7 Abschließende Anmerkungen

Am Schluss des Fragebogens bekamen die Befragten noch einmal die Möglichkeit, abschließende Kommentare zum Projekt „Niederdeutsch im Kindergarten“ abzugeben.

Die Erzieherinnen haben berichtet, dass das Projekt „Niederdeutsch im Kindergarten“ sehr gut angekommen ist. So haben sie viele Materialien kennengelernt und neue Erfahrungen sammeln können. Einige wünschen sich auch eine weitere Fortführung des Projektes, da Plattdeutsch unbedingt weiter gefördert werden soll und auch schon die Kleinsten mit einbezogen werden können. Man hätte sich nur zum Teil gewünscht, dass das Projekt schon früher hätte beginnen können, um noch mehr Kinder zu erreichen, um frühere Erfolge zu erzielen. Die Kitas bedanken sich für das Projekt und die Personen, die es auf die Beine gestellt haben.

4 Entwicklungen nach dem Ende des Projektes

Auch nach dem Auslaufen des Projekts „Niederdeutsch in der Kita“ wurde der Kontakt mit den beteiligten Einrichtungen aufrechterhalten und Informationen zum weiteren Verlauf der Entwicklung gesammelt. Diese sollen hier abschließend zusammengefasst werden. An den meisten Kindergärten hat sich demnach kaum etwas verändert, seitdem das Projekt zu Ende ist. Sie bieten noch immer Plattdeutsch an, arbeiten mit den Kindern in Gruppen und nutzen zahlreiche Materialien. Es wird meist einmal wöchentlich ein Kurs angeboten und an den anderen Tagen lässt man Plattdeutsch in den Tagesablauf, wie beim Morgenkreis oder bei den Mahlzeiten, einfließen. Zum Teil wird der Unterricht nur auf Nachfrage der Eltern angeboten. Wenn also die Mehrheit der Eltern einer Gruppe nicht wünscht, dass Niederdeutsch unterrichtet wird, fällt dieser aus. Zu Beginn des neuen Schuljahres wird dann wieder nachgefragt, auch um mögliche Neuzugänge bei der Entscheidung über die Niederdeutschvermittlung zu berücksichtigen.

Jedoch wünschen sich einige Einrichtungen immer noch mehr Unterstützung von Seiten der Politik und des Landes Mecklenburg-Vorpommern. Sie fühlen sich allein gelassen und verstehen das ihrer Meinung nach geringe Interesse an der Plattdeutscharbeit nicht. Die Erzieherinnen würden sich über regelmäßiges Feedback freuen, damit zu sehen ist, dass ihre Arbeit und Mühe auch geschätzt wird. Auch besteht noch oftmals der Wunsch nach mehr kindgerechten Materialien. Es fehlen Kinderbücher mit plattdeutschen Liedern, Märchen und Gedichten.←221 | 222→ Die Möglichkeit, den Unterricht vielseitig zu gestalten, ist damit eingeschränkt. Manche Kindergärten entwickeln weiterhin eigene Materialien und übersetzen sich eigenständig Geschichten, Lieder und Gedichte ins Plattdeutsche. Das ist eine sehr intensive Arbeit und nimmt viel Zeit in Anspruch, die einigen Einrichtungen fehlt. In einer Einrichtung kann das Angebot zukünftig nicht mehr durchgeführt werden, da die Erzieherin, die Niederdeutsch unterrichtet hat, die Einrichtung verlassen hat und es keine qualifizierten Nachfolger gibt.

Es gibt aber auch positive Entwicklungen. In einer Einrichtung wurde ein Plattdeutschstammtisch gegründet, der aus elf Erwachsenen der Region besteht und der in regelmäßigem Kontakt mit der Plattdeutschgruppe des Kindergartens steht. Diese Einrichtung wurde auch erstmalig für den Förderpreis „Kunst und Kulturarbeit mit Kindern und Jugendlichen“ nominiert, worauf alle sehr stolz sind.

5 Schlussbetrachtungen

Betrachtet man die Durchführung und Bewertung des Projekts „Niederdeutsch im Kindergarten“ nun abschließend, so war das Projekt insgesamt ein großer Erfolg auf Landesebene. Plattdeutsch wird bei den Kindern gut auf- und angenommen und begeistert umgesetzt.

Trotz der positiven Gesamtbilanz hat die Befragung der Kindergärten doch auch eine ganze Reihe von Problemen aufgedeckt, die die Vermittlung des Niederdeutschen an den Kindergärten in Mecklenburg-Vorpommern zurzeit noch erschweren. So muss die Tatsache, dass nur 27 % der Erzieherinnen an den untersuchten Kindertagesstätten über ausreichende Sprachkompetenzen verfügt, zu denken geben. Dass insbesondere die Fähigkeit zum aktiven Niederdeutschsprechen nur eingeschränkt verbreitet ist, macht die Umsetzung des Niederdeutschunterrichts zu einem gewichtigen Personalproblem. Eine höhere Anzahl von Erzieherinnen, die des Plattdeutschen mächtig sind, ist unbedingt anzustreben. Daher ist es wichtig, den Wünschen der Erzieherinnen nachzugehen und mehr Sprachkurse und Weiterbildungen in der Nähe der jeweiligen Einrichtungen anzubieten. Die größtenteils noch mangelnde Schreibkompetenz könnte ebenfalls auf diese Weise verbessert werden. Zwar ist es für den Bereich der Kindergärten unproblematisch, wenn das Schreiben der niederdeutschen Sprache nicht geübt wird. Betrachtet man allerdings die nachfolgenden schulischen Bildungseinrichtungen, wiegt die fehlende Schreibkompetenz seitens der Erzieher schon bedeutend schwerer, da die Vermittlung von Lese- und Schreibkompetenzen eine wichtige Grundlage unter anderem für den Grammatikerwerb darstellt.

Auffallend ist die große Bereitschaft der auswärtigen Personen, die zum Teil ehrenamtlich die Kinder unterrichten. Auswärtige Personen leisten einen Großteil←222 | 223→ der Niederdeutschvermittlung in den Kindertagesstätten. Deren Kompetenzen im Niederdeutschen sind durchaus passabel mit nur wenigen Defiziten. Größtenteils helfen Rentnerinnen und Rentner, die die Sprache zwar oft in ihrer Kindheit und Jugend noch mit ihren Eltern gesprochen haben, im Laufe der Jahre aber auch nicht in jeder Situation mit dem Plattdeutschen konfrontiert werden und so etwas aus der Übung gekommen sein können. Auch hier ist also zumindest teilweise mit einer eingeschränkten Sprachkompetenz zu rechnen. Außerdem ist zu bedenken, dass die meisten auswärtigen Personen keine ausgebildeten Fachkräfte für Sprachunterricht sind. So mögen sie zwar vielfach bessere Sprachkompetenzen haben als die Erzieherinnen, könnten aber in didaktischer Hinsicht mit der Sprachvermittlung an Kleinkinder überfordert sein.

Das Unterrichtsprinzip der Immersion, das allgemein als ideale Vorgehensweise aufgefasst wird, wird an den Einrichtungen in Mecklenburg-Vorpommern leider nur selten verwirklicht. Nur in drei Kindergärten verfolgt man die Methode „ein/e Erzieher/in eine Sprache“. Oft ist dieses Prinzip einfach zu anspruchsvoll, um ihm gerecht zu werden. Es fehlt vor allem an Personal mit den nötigen sprachlichen Voraussetzungen. Die in den meisten Einrichtungen umgesetzten Vermittlungsmethoden können zwar erfolgreich positive Einstellungen zum Niederdeutschen vermitteln und auch erste Stufen des Sprachelernens mit Spaß verbinden, im Hinblick auf einen gefestigten Spracherwerb bleibt ihr langfristiger Erfolg jedoch fraglich.

Ein Problem besteht auch in der unzureichenden Fülle didaktischen Materials, mit welchem das Erlernen der plattdeutschen Sprache unterstützt und erleichtert werden kann. So wäre es hilfreich von Landesseite her, mehr Bilderbücher und spielerisches Material – auch bei den Kindern bereits gut bewährte Materialien – zu entwickeln und für jeden verfügbar zu machen.

Ebenfalls für einen dauerhaften Erfolg ist es wichtig, den Spracherwerb in der Schule fortzuführen. Im Kindergarten wird der Grundstein gelegt, erste Kenntnisse werdem gewonnen. Diese müssen in der Schule vertieft werden, um ein gutes Sprachverständnis zu erhalten. Wird dies nicht gewährleistet, gehen die Erfolge, die die Kinder im Kindergarten erreicht haben, wieder verloren.

Literatur

Adler, Yvonne: Kinder lernen Sprache(n). Alltagsorientierte Sprachförderung in der Kindertagesstätte. Stuttgart 2011.

Arendt, Birte: Was spricht für einen frühen Zweitspracherwerb? In: Stiftung Mecklenburg (Hrsg.): Lürlürlütt. Handreichung zum Erlernen der niederdeutschen Sprache in der frühkindlichen Bildung. Rostock 2012, S. 6–8. ←223 | 224→

Brodkorb, Mathias: Vorwort. In: Stiftung Mecklenburg (Hrsg.): Lürlürlütt. Handreichung zum Erlernen der niederdeutschen Sprache in der frühkindlichen Bildung. Rostock 2012, S. 5.

FMKS e. V. = Verein für frühe Mehrsprachigkeit an Kindertageseinrichtungen und Schulen e. V. (Hrsg.): Ich kann viele Sprachen lernen. Sprachen lernen im Sprachbad „Immersion“ in zwei- und mehrsprachigen Krippen, Kitas und Schulen. Kiel 2016.

Haid, Andrea: Kindlicher Spracherwerb. Mein Kind lernt mehr als eine Sprache. 2. Aufl. Wien 2012.

Institut für niederdeutsche Sprache (Hrsg.): Zehn Jahre Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen. Zwischenbericht zur Sprachpolitik für das Niederdeutsche (Schriften des Instituts für niederdeutsche Sprache: Dokumentation; 37). Leer 2008.

Möller, Frerk: Plattdeutsch im 21. Jahrhundert. Bestandsaufnahme und Perspektiven. Mit einem Aufsatz von Michael Windzio (Schriften des Instituts für Niederdeutsche Sprache; 34). Leer 2008.

Stiftung Mecklenburg (Hrsg.): Lürlürlütt. Handreichung zum Erlernen der niederdeutschen Sprache in der frühkindlichen Bildung, Rostock 2012.

Timm, Herbert: „Plattdüütsch för de Lütten“ Warum? Vorteile der mehrsprachigen Erziehung in Familie, Kindergarten und Grundschule. Salzhausen o. J.

Online-Ressourcen:

Europarat: Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen. Straßburg 5.11.1992. [Online-Ressource: http://www.coe.int/de/web/conventions/full-list/-/conventions/rms/090000168007c089 (Stand: 3.12.2016)]

Stiftung Mecklenburg: Plattdütsch in’n Kinnergorden. [Online-Ressource: http://www.stiftung-mecklenburg.de/index.php?option=com_content&view=article&id=71%3Aplattduetsch-inn-kinnergorden-artikel&catid=38%3Averanstaltungen&Itemid=53 (Stand: 16.11.2016)]

Lenz, Alexandra: Vom Dialekt zur regionalen Umgangssprache – Zur Vielfalt regionaler Sprechweisen. In: Munske, Horst Haider (Hrsg.): Sterben die Dialekte aus? Vorträge am Interdisziplinären Zentrum für Dialektforschung an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, 22.10.–10.12.2007. 2008. [Online-Ressource: http://www.dialektforschung.phil.uni-erlangen.de/sterbendialekte (Stand: 29.10.2016)]←224 | 225→


1 Die politische Definition von „Regionalsprache“ laut EU-Charta unterscheidet sich von der linguistischen Begriffsbestimmung. Im Sinne der EU-Charta bezeichnet der Begriff Minderheiten- oder Regionalsprache „Sprachen, i die herkömmlicherweise in einem bestimmten Gebiet eines Staates von Angehörigen dieses Staates gebraucht werden, die eine Gruppe bilden, deren Zahl kleiner ist als die der übrigen Bevölkerung des Staates, und ii die sich von der (den) Amtssprache(n) dieses Staates unterscheiden; er umfaßt [sic!] weder Dialekte der Amtssprache(n) des Staates noch die Sprachen von Zuwanderern.“ Europarat: Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen 1992, Teil I, Artikel 1. Linguistisch gesehen ist unter Regionalsprache dagegen mit Lenz 2008, S. 2 „der regional markierte sprechsprachliche Gesamtbereich unterhalb der normierten und kodifizierten Standardsprache“ zu verstehen Der linguistische Terminus umfasst also ein regional begrenztes Spektrum unterschiedlicher Varietäten und Sprechlagen des Deutschen und damit gerade eben Dialekte und Regiolekte.

2 Vgl. Möller 2008, S. 15–18. Diese statistische Erhebung zur Kenntnis und Verwendung des Plattdeutschen im 21. Jahrhundert zeigt u. a. das Phänomen des Stadt-Land-Gefälles in der Dialektkompetenz auf.

3 Vgl. Institut für niederdeutsche Sprache 2008, S. 12 (Sprachencharta, Teil III, Artikel 8, Abschnitt 1.a.iv).

4 Vgl. Institut für niederdeutsche Sprache 2008, S. 12 (Sprachencharta, Teil III, Artikel 8, Abschnitt 1.a.i–iii).

5 Die Stiftung Mecklenburg wurde im Jahr 1973 von Mitgliedern der Landsmannschaft Mecklenburg in Ratzeburg gegründet, hat mittlerweile ihren Sitz in Schwerin und widmet sich der Erforschung der Geschichte Mecklenburgs. Auf ihrer Internetseite www.stiftung-mecklenburg.de findet man weitere Informationen.

6 Vgl. Stiftung Mecklenburg: Plattdütsch in’n Kinnergorden. [Online-Ressource]

7 Vgl. Stiftung Mecklenburg: Plattdütsch in’n Kinnergorden. [Online-Ressource]

8 Vgl. Stiftung Mecklenburg: Plattdütsch in’n Kinnergorden. [Online-Ressource]

9 Vgl. Adler 2011, S. 11.

10 Vgl. Arendt 2012, S. 6–7.

11 Vgl. Adler 2011, S. 104.

12 Vgl. Timm o. J., S. 3.

13 Vgl. Adler 2011, S. 104.

14 Vgl. Haid 2012, S. 4.

15 Genauere Informationen zum Aufbau des Fragebogens im Kapitel 3.2 „Datengrundlage und analytischer Zugang“.

16 Vgl. dazu insbesondere den Beitrag von Fink in diesem Band.

17 Vgl. Stiftung Mecklenburg 2012.

18 Vgl. Brodkorb 2012, S. 5.

19 Von wissenschaftlicher Seite waren die Vertreter der niederdeutschen Philologie an den Universitäten Rostock und Greifswald, Prof. Andreas Bieberstedt und Dr. Birte Arendt, in das Pilotprojekt eingebunden.

20 Vgl. Möller 2008, S. 66–67.

21 Vgl. Möller 2008, S. 24.

22 Vgl. FMKS e. V. 2016, S. 10–11 und Biedowicz in diesem Band.

23 FMKS e. V. 2016, S. 10–11.

24 FMKS e. V. 2016, S. 35.

25 Bezeichnung einer Kindergartengruppe.