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Niederdeutsch und regionale Umgangssprache in Mecklenburg-Vorpommern

Strukturelle, soziolinguistische und didaktische Aspekte

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Edited By Birte Arendt, Andreas Bieberstedt and Klaas-Hinrich Ehlers

Im Mittelpunkt des Bandes steht der Wandel des Niederdeutschen und der regionalen Umgangssprache in Mecklenburg-Vorpommern. Er vereint linguistische Beiträge, die Aspekte der Entwicklung und Struktur sowie des Gebrauchs regionaler Sprachformen in diesem Bundesland in den Blick nehmen. Der Fokus der Darstellungen liegt auf jüngeren und aktuellen Entwicklungen. Zugleich beziehen die Beiträge die Vorgeschichte der gegenwärtigen Sprachverhältnisse seit dem 19. Jahrhundert ein. Ein eigener Themenblock ist der institutionellen Vermittlung und Förderung des Niederdeutschen gewidmet. Damit trägt der Band der Tatsache Rechnung, dass sich die Vermittlung des Niederdeutschen heute zunehmend auf Bildungsinstitutionen verlagert und zum Gegenstand amtlicher Sprachpolitik geworden ist.

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Niederdeutschunterricht an der Volkshochschule – Kaffeeklatschersatz oder Spracherwerbskonzept mit Zukunft? (Hannah Reuter)

Hannah Reuter

Niederdeutschunterricht an der Volkshochschule – Kaffeeklatschersatz oder Spracherwerbskonzept mit Zukunft?

Abstract: Im times where Low German is not only no longer being passed on to future generations, but also progressively losing its standing as a means of everyday communication, a notable and ever-growing importance is now being placed on the explicit acquisition of this language. Although the focus of these language policy measures largely concerns pre-school and school education, Low German is also already a common teaching medium for courses in adult education, above all in adult education centres. The extent at which this framework represents a learning approach to preserve the Low German language, or whether it is simply a branch of the Low German culture sector to afford already competent speakers of the language a means to a pastime, will be determined in this article by way of an analysis of adult education centres in the central and northern regions of Vorpommern.

On the one hand, it becomes apparent that these classes are directly comparable with other foreign language courses in terms of length, structure and methodology. On the other hand, these courses do distinguish themselves on account of the course participants’ rather unusual type of strong intrinsic motivation and extensive prior knowledge. Moreover, the conclusions of this research will only pertain to specific Low German regions, or courses to be precise, due to the significant heterogeneity in course layouts and participant structures. Nevertheless, the chances of Low German playing any role in the future of adult education in Mecklenburg-Vorpommern appear to be slim owing to the current lack of skilled teachers as well as motivated learners.

1 Einleitung

In Zeiten, in denen das Niederdeutsche nicht mehr selbstverständlich als Mutter- oder Zweitsprache an die Folgegeneration weitergegeben wird und zudem seine Rolle als Alltagskommunikationsmittel mehr und mehr verliert, kommt dem gesteuerten Zweitspracherwerb eine gestiegene Bedeutung zu, um dem drastischen Absinken der Sprecherzahlen entgegenzuwirken. Das sprachpolitische Desiderat eines umfassenden Niederdeutschlernkonzepts findet sich sehr anschaulich formuliert in den „Schweriner Thesen zur Bildungspolitik“ des Bundesraats för Nedderdüütsch aus dem Jahr 2007. Hier heißt es: ←309 | 310→

„2. Um die plattdeutsche Sprache dauerhaft zu sichern, bedarf es eines Gesamtkonzeptes, das sich über alle Altersgruppen erstreckt und die Bereiche Kindergarten, Schule, Hochschule sowie Erwachsenenbildung umfasst. […] 12. Die Bundesländer sind aufgefordert, für das Niederdeutsche einen Rahmenplan des lebenslangen Lernens zu entwickeln.“1

Der Fokus aller sprachpolitischen Bemühungen im Falle des Niederdeutschen liegt derzeit klar auf den Bereichen Kindergarten und Schule, und dies obwohl der Erwachsenenbildung in der Literatur zur Bewahrung kleiner Sprachen theoretisch durchaus Bedeutung beigemessen wird, weil die interessierten Erwachsenen zu Multiplikatoren der zu pflegenden Sprache werden können, indem sie etwa die Regionalsprache in Kindergärten und Schulen unterrichten, Kulturarbeit in vielfältiger Weise leisten oder wenigstens mit ihren Enkelkindern sprechen.2 Lediglich die Bundesländer Bremen und Hamburg haben sich durch die Unterzeichnung der Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen3 überhaupt verpflichtet, Niederdeutschkurse in der Erwachsenenbildung anzubieten. Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Brandenburg ermutigen lediglich dazu, weil sie keinen direkten administrativen Zugriff auf die Volkshochschulen haben und die anderen norddeutschen Bundesländer haben diesen Artikel nicht übernommen.4

Dennoch wurde und wird das Niederdeutsche, wenn auch in regional quantitativ wie qualitativ stark unterschiedlichem Maße an vielen norddeutschen Volkshochschulen unterrichtet. Für den westdeutschen Raum stellt Appenzeller einen „schwachen Höhepunkt“ des Niederdeutschangebots an Volkshochschulen (VHS) bereits Anfang der 1980er Jahre fest, auf den allerdings ein starker Rückgang in den 1990ern erfolgte.5 Mecklenburg-Vorpommern (bzw. die damaligen Kreise Rostock, Neubrandenburg und Schwerin) war zu DDR-Zeiten von einer eher restriktiven Niederdeutsch-Politik geprägt und erlebte einen – in seinen Ausmaßen zweifellos überschaubaren – „Hype“ der Niederdeutschkurse, wie ihn die VHS-Dozentin der Kreisvolkshochschule Nordvorpommern beschreibt, nach der Wende bzw. sogar erst im Nachklang der Aufnahme des Niederdeutschen in die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen.6 ←310 | 311→

Dass Niederdeutsch in der Erwachsenenbildung zu jeder Zeit sowohl wissenschaftlich als auch alltagspraktisch ein ziemlich randständiger Bereich geblieben ist, wird insgesamt niemanden verwundern. Während die Notwendigkeit des Niederdeutschunterrichts in Kindergarten und Schule mit Blick auf die Zukunft der Regionalsprache sofort einleuchtet bzw. sich leicht argumentativ begründen lässt, weckt das Konzept des regionalsprachlichen Volkshochschulkurses in der Regel einige Zweifel, die sich auf ihre Sinnhaftigkeit beziehen. Wer frequentiert überhaupt VHS-Kurse, um eine „kleine Sprache“ zu lernen oder einen Dialekt, als der das Niederdeutsche im Alltagswissen der Laien heute vielfach noch gilt? Was sind die Motive der Niederdeutschlehrkräfte und wie effektiv kann ein Kurs überhaupt sein, der für zwei Stunden einmal in der Woche von häufig nicht ausgebildeten Dozierenden ohne festen Rahmenplan gehalten wird? Von fachwissenschaftlicher Seite lässt sich darüber hinaus auch in Frage stellen, ob diese Kurse überhaupt ausschließlich dem Spracherwerb gelten sollen und damit als Mittel zur Bewahrung des Niederdeutschen gedacht sind. So hält Goossens etwa fest:

„Seit einigen Jahren werden von Volkshochschulen und Heimatvereinen Plattdeutschkurse veranstaltet, die den Interessierten Gelegenheit geben, den Dialekt zu erlernen und die Sprechfertigkeit zu üben. Dieser Unterricht der Mundart als Fremdsprache ist aber m. E. nicht so sehr als konservierender Faktor zu deuten, sondern vielmehr als ein Aspekt der Erscheinung ‚Dialekt als Kulturfaktor’.“7

Tatsächlich hat sich das Niederdeutsche von der alltagssprachlichen Nähesprache, als die es Jahrhunderte lang funktioniert hatte, zunehmend zu einer Freizeit- und Kultursprache mit hohem identifikatorischen Wert entwickelt. In der für eine kleine Sprache außergewöhnlich ausdifferenzierten niederdeutschen Kulturszene8 ist das Niederdeutsche vom reinen Kommunikationsmittel zum „Kulturprodukt“ und als solches zum Objekt der Freizeitbeschäftigung geworden, ob nun der Heimatverein zur Diskussion der Werke von Regionalschriftstellern einlädt, der Norddeutsche Rundfunk die beste niederdeutsche Band ehrt oder zahlreiche Laienbühnen niederdeutsche Stücke inszenieren.9 In diesem Sinne könnten auch die VHS-Niederdeutschkurse bloße Ausläufer dieses Kulturbetriebes sein und←311 | 312→ als solche ihren Teilnehmenden schlicht eine Plattform liefern, um sich in ihrer Freizeit in organisierter Form mit der Regionalsprache zu befassen. In diesem Falle wäre der Nutzen für Spracherwerb und Spracherhalt wohl tatsächlich als eher gering einzustufen, denn dann wären die VHS-Kurse eher Stammtisch- oder Kaffeeklatschersatz für Niederdeutschsprechende, die kein natürliches Kommunikationsumfeld mehr haben.

Inwieweit das Format Volkshochschulkurs im Sinne der Regionalsprachencharta das Lehr- und Lernkonzept der Sprachvermittlung und damit des Sprachenschutzes umzusetzen geeignet ist oder lediglich Gelegenheit zur Auseinandersetzung mit norddeutscher Regionalkultur bietet, soll in diesem Beitrag erörtert werden. Hierzu wird in Form einer Fallstudie von Kursen aus Mittel- und Nordvorpommern die gegenwärtigen Unterrichtspraxis an Volkskochschulen im Bundesland Mecklenburg-Vorpommern untersucht und mit den Volkshochschulen im übrigen niederdeutschen Sprachraum abgeglichen.

2 Die Untersuchung

Schwerpunktmäßig in den Jahren 2010 und 2011 und im Rahmen von Nacherhebungen bis ins Jahr 2014 habe ich eine teils quantitativ, teils qualitativ angelegte Erhebung an Volkshochschulen im gesamten niederdeutschsprachigen Raum durchgeführt. Auf die ursprünglich auch geplanten teilnehmende Beobachtungen im Niederdeutschunterricht der Volkshochschulen habe ich verzichten müssen.10 In meine Untersuchung habe ich ausschließlich solche Kursangebote einbezogen, die im VHS-Kursprogramm einen expliziten Sprachvermittlungscharakter erkennen ließen. Die weitaus zahlreicheren „Klönschnacks“ und „plattdeutschen Lesenachmittage“ wurden bewusst ausgeklammert. Inwieweit mir dies allerdings tatsächlich gelungen ist, muss ganz im Sinne der oben skizzierten Fragestellung durch die Auswertung der Daten geklärt werden.

Mittels eines überwiegend quantitativ auszuwertenden Fragebogens wurden zunächst sowohl Niederdeutschlehrende als auch -lernende unter anderem nach ihrer Niederdeutschkompetenz, ihrem sprachlichen Hintergrund und ihren Motivationen befragt. Die Dozierenden sollten darüber hinaus Angaben über←312 | 313→ Kurszielsetzungen, Unterrichtsmethoden und eingesetzte Materialien machen. Aufbauend auf dieser ersten quantitativen Annäherung sollten jeweils anderthalbstündige Experteninterviews mit ausgewählten Dozierenden tiefere Einblicke in die Unterrichtskonzeption gewähren.

Meine Stichprobe umfasst insgesamt 242 Lernenden- und 28 Lehrendenfragebögen sowie 15 Experteninterviews von insgesamt 27 Volkshochschulen aus den Bundesländern Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Hamburg, Bremen, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Nordrhein-Westfalen, wobei die Karte (vgl. Abb. 1) die Unterschiede in der regionalen Verteilung erkennen lässt. Auch durch aufwendige Nacherhebungen ist es mir nicht gelungen eine ausgeglichenere Streuung der Erhebungsstandorte zu erreichen. Während es beispielsweise in Nordrhein-Westfalen und um Hamburg herum eine erstaunliche Ballung von Niederdeutschangeboten gibt, ließen sich in Mecklenburg-Vorpommern auch nach mehrmaliger Nachfrage nicht mehr als vier Volkshochschulen des Bundeslandes finden, an denen in den zurückliegenden Jahren Niederdeutsch angeboten wurde und zum Teil auch heute noch wird. Als Gründe für die Abwesenheit von Niederdeutsch im Kursprogramm wurden von den VHS-Leitungen sowohl die mangelnde Nachfrage seitens der Teilnehmenden als auch ein fehlendes Angebot an geeigneten Lehrkräften genannt.11 Da mir für Mecklenburg-Vorpommern letztlich nur 11 Lernenden- und 2 Lehrendenfragebögen sowie die dazugehörigen Interviews vorliegen, kann ich hier lediglich eine Art Fallanalyse der Volkshochschulkurse in der Region Uecker-Randow (im Folgenden MV-1) und Nordvorpommern (MV-2) vor dem Hintergrund der Gesamtstichprobe vornehmen. Da sich bei der quantitativen Auswertung rein rechnerisch keine grundlegenden Abweichungen der mecklenburg-vorpommerschen Teilstichprobe vom Gesamtdatensatz aller 27 VHS ergeben haben und sich einige bundeslandspezifische Besonderheiten darüber hinaus sehr eindrucksvoll durch das qualitative Interviewmaterial illustrieren lassen, scheint es mir dennoch möglich, die Fragestellung mit aller gebotenen Vorsicht auch gezielt für Mecklenburg-Vorpommern zu bearbeiten.←313 | 314→

Abbildung 1: Das Erhebungsgebiet (2010–2014). Stichproben in den namentlich aufgeführten Volkshochschulen

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3 Auswertung: VHS-Niederdeutschkurse als Freizeitvertreib oder Sprachkurs?

Um die aufgeworfene Frage nach dem Charakter der VHS-Niederdeutschkurse adäquat beantworten zu können, sollen im Folgenden fünf Aspekte aus dem Datenmaterial heraus schlaglichtartig beleuchtet werden, die in ihrer Zusammenschau eine gute Indizienlage versprechen: 1. Was lässt sich über das Format Niederdeutsch-VHS-Kurs im Vergleich zu anderen Sprachkursen allgemein festhalten und 2. durch welche Unterrichtsmethoden zeichnet es sich aus? 3. Wer sind die Teilnehmenden dieser Kurse? Handelt es sich um die typischen Dialektsprechenden, also um schlechter gebildete sogenannte „NORMs“,12 die bereits über Niederdeutschkompetenz verfügen? 4. Welche Kompetenzen können und sollen in diesen Kursen überhaupt vermittelt werden? 5. Welche Motive bewegen Lehrende wie Lernende dazu, ihre Freizeit mit Niederdeutschunterricht zu füllen? ←314 | 315→

Kurzum: Steht die Weitergabe der Sprache im Zentrum der Kurszielsetzungen oder ist es tatsächlich so, wie die Dozentin aus Nordvorpommern resigniert als Resümee festhält:

„Und die kommen auch nicht, weil sie Plattdeutsch lernen wollen. Die können es meistens. Die kommen einfach, weil sie sonst keinen haben, der es noch mit ihnen spricht. Das geht nicht ums Lernen! Also schon lange nicht mehr! Das war vielleicht so vor zwanzig Jahren noch so, ja, die da kamen, die wollten es noch lernen. Aber die jetzt kommen, sind die, die einfach sagen, wir haben sonst keine Gelegenheit mehr. So muss man das, glaube ich, auf den Punkt bringen.“13

3.1 Zum Format Niederdeutschkurs

Zunächst lässt sich feststellen, dass das Format VHS-Niederdeutschkurs den äußeren Rahmenbedingungen und Veranstaltungshinweisen gemäß im Wesentlichen anderen fremdsprachlichen Angeboten an den Volkshochschulen entspricht. Es handelt sich zumeist um wöchentlich stattfindende, anderthalbstündige Kurse, die die Vermittlung oder Auffrischung von Basiskompetenzen versprechen. Eine für Fremdsprachen übliche Differenzierung nach Leistungsniveaus in Anfänger- und Fortgeschrittenenkurse findet hingegen in aller Regel nicht statt. Üblicherweise werden neue Kursteilnehmende einfach in den laufenden Kursbetrieb integriert. Diese mangelnde Ausdifferenzierung der Lernendenniveaus als Indiz für den eingangs unterstellten ausschließlichen Freizeitcharakter des Kursformats zu werten, liegt nahe. Durch die ständigen Neuzugänge von Lernenden dürfte eine konsequente Kompetenzsteigerung im fortgeschrittenen Bereich behindert werden und andererseits könnten die vorhandenen Fähigkeiten der fortgeschrittenen Kursteilnehmenden ihrerseits den Lernfortschritt der Anfängerinnen und Anfänger aufhalten bzw. zu deren Entmutigung beitragen. Letztendlich ist der Hauptgrund für den gemeinsamen Unterricht von Lernenden unterschiedlicher Kompetenzniveaus schlichtweg in der mangelnden Nachfrage nach Niederdeutschkursen zu sehen, denn die meisten Volkshochschulen legen eine Mindestteilnehmendenzahl von acht bis zehn Personen fest, die im Falle von Niederdeutschkursen häufig nicht ohne Weiteres erreicht wird.

Dass eine Mehrheit von 59 % der Gesamtstichprobe der Lernenden (n = 242) nicht zum ersten Mal einen Niederdeutschkurs besucht, kann – in Ermangelung der Aufstiegsmöglichkeiten in einen Fortgeschrittenenkurs – also zunächst wenig verwundern. Allerdings gibt immerhin ein Fünftel aller Befragten an, bereits mehr als zehn Kurse besucht zu haben, was meines Erachtens weniger für kon←315 | 316→sequent fortgeführte Sprachvermittlung als vielmehr für eine gewisse „Stammtischqualität“ der Kurse spricht. Während die fehlende Kompetenzdifferenzierung von keinem der befragten Dozierenden als große Schwierigkeit eingestuft wird, besteht durchaus Kritik am Umfang des Lehrangebots. So die Dozentin der KVHS Uecker-Randow: „Und ich kann nicht in vierzig Stunden Plattdeutsch lernen. Das geht mit keiner Sache. Auch mit einer Fremdsprache ist das doch auch so.“14

Auch in den Augen der meisten anderen Niederdeutsch-Dozierenden kann und soll der VHS-Unterricht lediglich einen Einstieg in Sprachlernen und -gebrauch darstellen. Allerdings lassen sich hier durchaus regionale Unterschiede feststellen, die den Sprachverhältnissen in den unterschiedlichen Niederdeutschgebieten geschuldet sind. In den mundartschwächeren Gebieten fehlt es außerhalb des Kurses oft schlicht an Möglichkeiten, das Erlernte einzusetzen und zu vertiefen. Für Neueinsteigende kann der VHS-Kurs in diesen Gegenden also nur einen Ort der Sprachbegegnung darstellen, an dem sich diejenigen treffen, die sonst keine Gesprächspartner mehr finden.

3.2 Unterrichtsmethoden

Die große Mehrzahl der Dozierenden (11 von 15) geben im Experteninterview an, dass Niederdeutschunterricht an der Volkshochschule grundsätzlich wie Fremdsprachenunterricht aufgebaut sei. Dass sich diese Aussagen dabei nicht nur auf das bloße Kursformat beziehen, sondern durchaus auch die Unterrichtsmethodik meinen, lässt sich aus den ausführlichen Beschreibungen des Kursaufbaus erschließen. Wie im Fremdsprachenunterricht kommt eine sehr große Bandbreite an Unterrichtsmethoden zum Einsatz, wobei die verschiedenen Lehrkräfte natürlich individuelle Präferenzen haben und je nach Konzeption des Kurses auch unterschiedliche Schwerpunkte setzen müssen. Ein Literaturkurs, wie er beispielsweise in Elmshorn angeboten wird, erfordert einfach mehr Textarbeit als ein Konversationskurs.15

Generell lässt sich sagen, dass ganz im Sinne der Tatsache, dass das Niederdeutsche Jahrhunderte lang eine überwiegend gesprochene Alltagssprache war, in den VHS-Kursen der Domäne der Mündlichkeit die weitaus größte Aufmerksamkeit geschenkt wird. Im Schnitt wird also der größte Teil der Unterrichtszeit für die←316 | 317→ Vermittlung sprechsprachlicher Kompetenz verwendet, während das Schreiben nur eine marginale Rolle spielt – größtenteils zur Fixierung des Erlernten. Dementsprechend kommen verstärkt auflockernde Unterrichtselemente wie Rollenspiele, das Lesen mit verteilten Rollen oder Singen von Liedern zum Einsatz, die bevorzugten Textsorten sind Kurzgeschichten, Schwänke, Witze, Rätsel und Reime, die zumeist zur Konversationsanregung genutzt werden. Die Dozentin aus Nordvorpommern fasst ihre Vorgehensweise folgendermaßen zusammen:

„Man nimmt sich die Szenen des täglichen Lebens, man lässt den Tag Revue passieren und weiß, was mach ich morgens? Ich geh arbeiten, ich esse Mittag. Was esse ich? Dafür muss ich einkaufen. Man hat ja schon einen vorgegebenen Wortschatz aus dem Hochdeutschen. Bitteschön, den zu übersetzen sollte ja nicht die Schwierigkeit sein! Man bündelt das thematisch zusammen. Man fängt, wie wenn man jemandem das Sprechen beibringt, mit dem kleinen, einfachen Satz an, wie bei jeder Fremdsprache und buchselt das hoch. Und ich glaube, da macht Plattdeutsch zu keiner anderen Sprache auch nur irgendwie einen Unterschied.“16

So naheliegend, wie diese Unterrichtsmethoden tatsächlich auch in Anfängerkursen anderen Sprachunterrichts zu vermuten sind, so ist ein weiterer elementarer Bestandteil von Fremdsprachenunterricht unter den Niederdeutschdozierenden umstritten: Nur neun von fünfzehn Befragten geben im Interview an, überhaupt Grammatik zu unterrichten. Häufig ist die Entscheidung gegen den Grammatikunterricht wie im Fall der Dozentin aus Pasewalk schlicht zielgruppengebunden, da sie ihn beispielsweise angesichts von zu unterrichtenden Erzieherinnengruppen in Kombination mit der geringen Unterrichtszeit als unzweckmäßig empfindet: „Und wenn sie von vorn anfangen wollen und richtig exakt wie Grammatik, Rechtschreibung… komme ich nicht vorwärts und schaffe ich nicht das, was ich bei Erziehern will, dass sie den Kindern mit Liedern, mit Gedichten das Plattdeutsche näher bringen. Das passiert am meisten über die Lieder und die kleinen Gedichte, ne.“17 Den potenziellen Multiplikatoren des Niederdeutschen in den Kindergärten wird bei der Vertiefung ihrer Sprachkompetenz an der VHS die Grammatik der Regionalsprache also nicht eigens vermittelt.

Sehr häufig wird von den befragten Niederdeutschdozierenden befürchtet, der Grammatikunterricht könnte den Grundgedanken des Niederdeutschunterrichts korrumpieren, ihm nämlich den Spaß rauben: „Ja! Plattdeutsch muss Spaß machen, das ist das allerallererste! Alles andere findet sich!“18←317 | 318→

In diesem Sinne betonen auch beide Dozentinnen aus Mecklenburg-Vorpommern, sie würden Niederdeutsch zwar wie eine Fremdsprache unterrichten, gestalten den Unterricht aber eher wie ein Freizeitprogramm, indem sie beispielsweise viel Theater spielen, selbst Gedichte rezitieren oder Lieder einüben lassen. Besondere Bedeutung scheint diese Art der Kulturvermittlung in Mecklenburg-Vorpommern insofern zu haben, als beide die Relevanz des Niederdeutschen im kulturellen Nahbereich unterstreichen: Auch sie selbst benötigen das Niederdeutsche vor allen Dingen, um auf lokalen und regionalen Festen aufzutreten oder einfach nur Familienfeiern aufzulockern. Insgesamt kann der Fokus auf spaßerhaltende Unterrichtselemente wohl allein deshalb kaum verwundern, weil es sich beim Kursbesuch eben um eine vollkommen freiwillig ausgeübte Freizeitbeschäftigung handelt.

3.3 Die Kursteilnehmenden: Alter, Geschlecht und Bildungsgrad

Auch wenn das für die Fragestellung hier weniger zielführend ist, lässt sich auf die Frage, ob es sich bei den Kursteilnehmenden um ‚typische Dialektsprecher‘, also um schlechter gebildete NORMs (s. o.) handelt, die lediglich ihrem Freizeitvergnügen nachgehen, zunächst Folgendes feststellen: Zumindest die Zuschreibung männlich trifft hier bei einer Mehrheit nicht zu, denn 58,5 % der befragten Lernenden der Gesamtstichprobe bzw. sogar 72,2 % der mecklenburg-vorpommerschen Teilstichprobe sind weiblich. Auch das Attribut non mobile dürfte auf die VHS-Zielgruppe insofern weniger zutreffen, als ein Großteil der Volkshochschulen Kreisvolkshochschulen mit einem großen Einzugsgebiet sind, die eine gewisse Mobilität und damit auch einen Austausch jenseits der Ortsebene notwendig machen. Bestätigen lässt sich hingegen die Vermutung, dass es sich bei den Kursteilnehmenden größtenteils um ältere Personen handelt. Zwar reicht die Spannweite für die Gesamtstichprobe von 12 bis 89 Jahren, aber der Mittelwert liegt dennoch bei 60,1 Jahren. 46,3 % der Gesamtstichprobe sind damit älter als 66 Jahre, nur 5,2 % jünger als 30 Jahre (vgl. Tabelle 1). In der mecklenburgisch-vorpommerschen Stichprobe ist dieser Altersschnitt zugunsten der zweitältesten Altersgruppe verschoben. Hier sind immerhin 6 von 11 Befragten zwischen 46 und 65, aber nur eine einzige Person ist jünger.19 ←318 | 319→

Tabelle 1: Altersgruppen der Kursteilnehmenden

Alter in Gruppen

Gesamtstichprobe in Prozent

Mecklenburg-Vorpommern in Prozent

unter 30

5,2

9,1

30 bis 45

11,7

0,0

45 bis 65

36,8

54,5

66+

46,3

36,4

Zwar kann es generell auch jenseits der Unterstellung größerer Dialektkompetenz und -verwendung wenig verwundern, dass es die älteren Leute sind, die sich vorrangig für das Format Niederdeutschkurs interessieren, da Menschen mittleren Alters angesichts von Erwerbstätigkeit und Kindererziehung auch deutlich weniger freie Zeit zur Verfügung steht, die sie mit VHS-Angeboten füllen könnten. Dennoch ist dieses Ergebnis sehr eindeutig und würde für Englisch oder Spanisch oder jede andere Sprache, mit der instrumenteller Nutzen verbunden wird, nicht so ausfallen.

Was die Zuschreibung schlechter Bildung angeht, die eventuell der Frequentierung eines Sprachlernangebots entgegenstehen würde, lässt sich konstatieren, dass sich auch diese Hypothese durchaus in der Tendenz bestätigen lässt. Allerdings scheint der Zusammenhang aber nicht so stark zu sein wie erwartet. Knapp zwei Drittel der Befragten in Mecklenburg-Vorpommern und gute zwei Drittel der Gesamtstichprobe verfügen nur über einen mittleren oder niedrigeren Schulabschluss. Die typischen Teilnehmenden an VHS-Kursen zum Niederdeutschen sind also keine NORMs, sondern größtenteils mobile, ältere Frauen. Und sie haben womöglich, wie Frauen dieser Altersgruppe typischerweise, eher keine höheren Schulabschlüsse machen können.

3.4 Niederdeutsch-Kompetenz

Verlässt man sich bezüglich der Kompetenzzuschreibung der Teilnehmenden auf die Aussagen der beiden Dozierenden aus Vorpommern, ergibt sich ein höchst uneinheitliches Bild. Während MV-2 konstatiert, ihr Kurs würde von den Teilnehmenden nicht besucht „um zu lernen, weil die es schon können“20, sind laut MV-1 „im Höchstfalle zwei dabei, (…) die das schon mitbringen. Der Rest muss von vorn anfangen.“21 Diese große Diskrepanz kann durchaus der im dialektschwachen Mittelpommern und dialektstärkeren Vorpommern differierenden generellen Niederdeutschkompetenz geschuldet sein, verdient aber eine nähere←319 | 320→ Betrachtung. 17,9 % der Gesamtstichprobe der Lernenden gaben an, vor Beginn des Niederdeutschkurses bereits alles zu verstehen und im Gespräch alles sagen zu können, was sie wollten.22 Das legt nahe, dass dem Kursbesuch bei diesen Kursteilnehmenden tatsächlich eine Motivationslage jenseits des Wunsches nach Spracherwerb zugrunde liegt. Gar keine Niederdeutschkompetenz attestierte sich hingegen eine verschwindend kleine Gruppe von 1,8 % der Befragten. Die überwiegende Mehrheit verfügte nach eigener Aussage vor Kursbeginn schon über eine passive Sprachkompetenz (vgl. Abb. 2).

Abbildung 2: Vorhandene Sprachkompetenz der befragten Kursteilnehmenden vor Kursbeginn in Prozent (n = 242)

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Dementsprechend positiv fällt zum Befragungszeitpunkt auch die Einschätzung der verschiedenen Teilbereiche ihrer derzeitigen Sprachkompetenz aus. 92,4 % aller Befragten sind der Meinung, auf Niederdeutsch alles oder das meiste verstehen, 85,7 % alles oder das meiste lesen zu können. Immerhin 57 % geben darüber hinaus an, über entsprechend gute aktive mündliche Kompetenz zu verfügen. Lediglich der Wert für die zugeschriebene Schreibkompetenz fällt niedriger aus. Nur 35,4 % können ihrer Aussage zufolge alles oder das meiste auf Niederdeutsch schreiben, was sie möchten.←320 | 321→

Abbildung 3: Aktuelle Sprachkompetenz der befragten Teilnehmenden an Niederdeutsch-Kursen der VHS

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←321 | 322→

Letztendlich scheinen die Ergebnisse hier im Wesentlichen den Kompetenzverteilungen der großen Sprachstandserhebungen zu entsprechen, in denen sich auch der starke passive plattdeutsche Hintergrund sowie der Fokus auf die gesprochene Sprache manifestierten.23 Dass in meiner Befragung der Wert für die vorhandene Schreibkompetenz deutlich höher angesiedelt ist,24 dürfte der Unterrichtspraxis geschuldet sein, die auch den Teilnehmenden in mehr oder weniger starkem Umfang eine schriftliche Fixierung des Erlernten abverlangt und somit ihre Schreibkompetenz automatisch fördert.

Möchte man schließlich die Frage beantworten, ob die Teilnehmenden der Niederdeutschkurse bereits so kompetent sind, dass der Kursbesuch weniger dem Erlernen der Sprache als vielmehr dem „Schnacken“ gilt, lässt sich hier vorläufig feststellen, dass der Anteil bereits kompetenter Sprechender verglichen mit anderen VHS-Sprachkursen unvergleichlich hoch sein dürfte, es andererseits aber doch eine große Zahl von Teilnehmenden gibt, die tatsächlich vor Beginn des Kurses nur ein wenig oder gar kein Niederdeutsch konnten und bei denen man ein vorrangiges Interesse am Erwerb von Sprachkompetenz voraussetzen kann.25

3.5 Motivation

Dass sich die Motivationslage, die für den Besuch eines Sprachkurses ausschlaggebend ist, im Falle des Niederdeutschen deutlich anders darstellt als bei anderen Sprachen, liegt unmittelbar auf der Hand, wenn man die Entwicklungsgeschichte und jetzige Stellung des Niederdeutschen in der Gesellschaft betrachtet. Anders als etwa beim Englischen, Spanischen oder im Falle der hier vertretenen Uecker-Randow-Region vielleicht auch beim Polnischen ist der rein praktische Nutzen des Niederdeutschen ob seiner geringen funktionalen und arealen Reichweite deutlich eingeschränkt. So überwiegen in den kategorisierten Freitextantworten26←322 | 323→ der Teilnehmenden-Fragebögen auch klar intrinsische Motive.27 Extrinsische Motive für die Kursteilnahme werden nur von wenigen Befragten genannt: 5,7 % der Befragten nennen etwa berufliche Gründe, 13 % sprechen von kommunikativer Notwendigkeit bzw. von angestrebter Verbesserung im sozialen Umfeld und 3,9 % gaben an, sich als Zugezogene mithilfe des Niederdeutschkurses auch sprachlich in die neue (Heimat-)Region integrieren zu wollen.

Wie Abbildung 4 ferner zeigt, fallen dagegen identifikatorische Gründe insgesamt und hier vor allem der Bezug zum eigenen niederdeutschen Hintergrund verhältnismäßig stark ins Gewicht. Einen direkten Hinweis auf die Bedeutung des Kurses bzw. des Niederdeutschen als Freizeitvertreib haben hingegen zunächst nur 10,9 % der Teilnehmenden gegeben. Nimmt man allerdings die 29,6 % der etwas unspezifischeren Kategorie Spaß an der Sprache hinzu, in der alle Antworten vereint sind, die in irgendeiner Weise Sympathiebekundungen gegenüber der Sprache selbst oder dem Niederdeutschlernen beinhalten, lässt sich durchaus der große Wert des Niederdeutschen als Objekt der Freizeitbeschäftigung ableiten. Dass zumindest ein Teil der Befragten beim Beantworten der Frage offenbar den potenziellen Lerneffekt des Kurses im Hinterkopf hatte, spiegeln die 20,9 % der Antworten wider, in denen sich der Wunsch nach dem Ausbau bereits vorhandener Kompetenz erkennen lässt.

Auch wenn die Prozentwerte ob der geringen Fallzahl mit Vorsicht zu genießen sind, kann man mit Blick auf die mecklenburgisch-vorpommersche Teilstichprobe einerseits einen Fokus auf Hobby/Freizeitgestaltung und andererseits einen auf Spracherhalt erkennen (vgl. Abb. 4). Beides stützt die Vermutung, dass das Niederdeutsche in Mecklenburg-Vorpommern mittlerweile eine besondere Rolle als Objekt der Freizeitgestaltung und weniger als Alltagskommunikationsmittel spielt. Familientraditionen, die das Niederdeutsche als Kommunikationsmittel des Nahbereichs stützen könnten, sind in Mecklenburg-Vorpommern offenbar abgerissen. Auch das stärkste extrinsische Motiv des Spracherwerbs zur besseren←323 | 324→ beruflichen Kommunikation spielt offenbar keine Rolle.28 Ebenfalls schwer scheint auch das Argument des Heimischwerdens im Vergleich zum Durchschnitt der Gesamtstichprobe zu wiegen. Das könnte darauf hindeuten, dass dem Niederdeutschen in Mecklenburg-Vorpommern zumindest von außen eine große identifikatorische Bedeutung zugeschrieben wird. Allerdings sollte der Befund hier nicht überinterpretiert werden, denn diese Angaben beruhen in absoluten Zahlen nur auf den Aussagen von drei von elf Personen.

Abbildung 4: Motivation für den Kursbesuch in Prozent (Kategorisierte Freitext-

Mehrfachantworten)

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Die Dozierenden geben im Experteninterview weitaus häufiger sprachpflegerische Motive an als die Niederdeutsch-Lernenden. Es gibt zwar niemanden, der davon überzeugt ist, mit VHS-Kursen den Sprachverlust aufhalten zu können, es findet sich aber doch – mit Abstufungen – größtenteils die Überzeugung, dass der Unterricht an der VHS diesen Sprachabbau verlangsamen könne, indem er beispielsweise durch die Sprachbegegnung das Bewusstsein für das Niederdeutsche positiv beeinflusst, Anreiz zum Weiterlernen gibt und die Beschäftigung mit niederdeutschen Kulturgütern wie literarischen Erzeugnissen fördert. ←324 | 325→

Gerade die beiden Dozierenden aus Mecklenburg-Vorpommern messen dem VHS-Unterricht allerdings lediglich eine Erinnerungsfunktion bei: „Platt blifft in uns, bleibt in uns. So habe ich es einfach genannt. Wenn ich jetzt sage: Platt mütt läben oder överlävt oder all solche Sachen, dann müssen wir alle ein bisschen mehr dafür tun. Müssten sie alle ein bisschen aufwachen.“29 Und die Dozentin aus Nordvorpommern führt auf die Frage nach ihren Motiven und Zielsetzungen aus, dass ein VHS-Kurs wie ein Museum sei und fügt hinzu:

„Vor zehn Jahren habe ich noch gesagt, Traditionen hochhalten heißt nicht Asche bewahren, sondern die Flamme weitertragen. Jetzt sage ich, bei Plattdeutsch sind wir bei Ascheverwahren angekommen. Alles, was wir an Hype mal hatten und alles, was mal gut funktioniert hat, ist so nach und nach tot und nackt und bloßgelegt.“30

Die pessimistischen Einschätzungen der beiden Dozierenden aus Vorpommern entsprechen den Fragebogenantworten der Lernenden aus dieser Region, die darauf hindeuten, dass das Niederdeutsche für die Befragten hier – im Unterschied zu anderen norddeutschen Regionen (vgl. Abb. 4) – seine Rolle als Kommunikationsmittel in den Familien oder am Arbeitsplatz heute ganz eingebüßt hat.

4 Fazit: Zwischen Hobby und Sprachbewahrung

Die Frage, ob es sich bei dem Niederdeutschangebot an Volkshochschulen um Freizeitvertreib bzw. um Kulturveranstaltungen oder aber um seriöse Sprachlernangebote handelt, lässt sich hier wohl nicht eindeutig – oder nur eindeutig mit sowohl als auch beantworten. Einmal ganz davon abgesehen, dass die im Kurs erworbenen Kenntnisse im Fach Niederdeutsch nicht abgeprüft bzw. bewertet und nur selten mit einem Zertifikat honoriert werden, ist das Niederdeutschangebot mit Blick auf Umfang und Aufbau der Kurse sowie die angewandte Methodik durchaus mit anderem Fremdsprachenunterricht an der Volkshochschule vergleichbar. Dass aber Niederdeutschkurse ebenso eindeutig in die Kategorie Freizeitvertreib/Kulturveranstaltungen fallen, legt vor allem die Motivationslage der Teilnehmenden nahe. Mit dem Erlernen der Sprache wird weniger instrumenteller Nutzen, als vielmehr ein hohes Maß an Spaß und identifikatorischem Potential mit der Heimat verbunden. Der Anteil an bereits kompetenten Kursteilnehmenden ist verhältnismäßig hoch und kann wohl als deutlichstes Indiz für ein mangelndes Interesse an Sprachvermittlung geltend gemacht werden. Andererseits kann man der ebenfalls recht großen Gruppe derer, die angeben,←325 | 326→ über nur wenige passive Niederdeutschkenntnisse zu verfügen, den Sprachlernwillen wohl kaum absprechen. In der Gesamtschau aller Daten lässt sich hier also vor allem festhalten, dass sich Niederdeutschkurse durch eine große Heterogenität an zugrundeliegenden Interessenlagen und Kompetenzniveaus der Teilnehmenden auszeichnen.31 Die hier im Titel bewusst plakativ gestellte Oder-Frage lässt sich dementsprechend auch nur für einzelne Gruppen innerhalb der Niederdeutschkurse beantworten, denn neben denen, die das Niederdeutsche fast muttersprachlich beherrschen und lediglich ein ansprechendes kommunikatives Umfeld suchen, das sie woanders nicht mehr finden, sitzen diejenigen, die es ob nun zwecks Anwendung in einem Pflegeberuf oder zur Integration in eine bestehende Dorfgemeinschaft von Beginn an neu erlernen und zu angenehmen Freizeitplaudereien noch gar nicht in der Lage sind; bei ersteren überwiegt eindeutig der Freizeit- und Kulturcharakter des Kurses, bei letzteren das Sprachlernangebot.

Was aber lässt sich abschließend aus der Untersuchung der gegenwärtigen Situation über die Zukunft des Formats Niederdeutschkurs an den Volkshochschulen ableiten? Auch diese sprachpolitisch durchaus interessante Frage wird sich am Ende nur für einzelne Niederdeutschregionen bzw. einzelne Kursangebote adäquat beantworten lassen. Grundsätzlich können seriös geplante Kurse – und das scheinen die derzeitigen ja durchaus zu sein – als Mittel der Sprachbewahrung gesehen werden, denn wie eingangs bereits erwähnt können sie Multiplikatorinnen und Multiplikatoren der Sprachpflege hervorbringen, die sich ihrerseits für den Erhalt des Niederdeutschen einsetzen. Allerdings zeigt die Analyse des Ist-Zustandes für Regionen wie Mecklenburg-Vorpommern recht deutlich, dass das Potential eher gering zu sein scheint, denn wo weder Kursteilnehmende noch qualifizierte Lehrende vorhanden sind, müssen auch gut durchdachte Kurskonzepte wie in Nordvorpommern zwangsläufig ins Leere laufen.

Literatur

Appenzeller, Gerrit: Das kulturelle Umfeld des Niederdeutschen und die EU-Charta. Ergebnisse einer Untersuchung an der INS-Presse. In: Lehmberg, Maik (Hrsg.): Sprache, Sprechen, Sprichwörter. Festschrift für Dieter Stellmacher zum 65. Geburtstag (ZDL Beiheft; 126). Wiesbaden 2004, S. 25–35.←326 | 327→

Arbatzat, Hartmut: Niederdeutsche Sprachkurse. In: Speckmann, Rolf (Hrsg.): Niederdeutsch morgen. Perspektiven in Europa. Beiträge zum Kongress des Instituts für Niederdeutsche Sprache, Lüneburg 19.–21.10.1990. Leer 1990, S. 195–201.

Bundesraat för Nedderdüütsch: Schweriner Thesen zur Bildungspolitik. Beschlossen vom Bundesraat för Nedderdüütsch am 4. Oktober 2007. [Online-Ressource: http://bundesraat-nd.de/index.php?option=com_content&view=article&id=47%3Aschweriner-thesen&catid=37%3Apositionenbildungkat&Itemid=59&lang=de (Stand 11.12.2016)]

Bundesraat för Nedderdüütsch: Die Sprachencharta und ihre Umsetzung. 2016 [Online-Ressource: http://www.bundesraat-nd.de/index.php?option=com_content&view=article&id=86&Itemid=66&lang=de (Stand 11.12.2016)]

Chambers, John/Trudgill, Peter: Dialectology. Cambridge [u. a.] 1980.

Gernentz, Marianne: Meine Erfahrungen mit Niederdeutsch-Kursen an der Volkshochschule Rostock in den siebziger Jahren. In: Herrmann-Winter, Renate (Hrsg.): Heimatsprache zwischen Ausgrenzung und ideologischer Einbindung. Niederdeutsch in der DDR. Frankfurt a. M. [u. a.] 1998, S. 399–404.

Goossens, Jan: „Dialektverfall“ und „Mundartenrenaissance“ in Westniederdeutschland und im Osten der Niederlande. In: Stickel, Gerhard (Hrsg.): Varietäten des Deutschen. Regional- und Umgangssprache. Berlin/New York 1997, S. 399–404.

Herrmann-Winter, Renate: Urteile über Niederdeutsch in den Nordbezirken der DDR. In: Zeitschrift für Phonetik, Sprachwissenschaft und Kommunikationsforschung 38, H. 3 (1985), S. 297–308.

Holm, Volker: Niederdeutsch an Volkshochschulen. Arbeitsheft für Teilnehmer an Volkshochschul-Kursen. Kiel 1981.

Möller, Frerk: Niederdeutsch: das sozio-kulturelle Umfeld. In: Stellmacher, Dieter (Hrsg.): Niederdeutsche Sprache und Literatur der Gegenwart. Hildesheim/Zürich/New York 2004, S. 281–358.

Möller, Frerk: Plattdeutsch im 21. Jahrhundert. Bestandsaufnahme und Perspektiven. Mit einem Aufsatz von Michael Windzio. Leer 2008.

Myers, David G.: Psychology. 7. Aufl. New York 2004.

Stellmacher, Dieter: Wer spricht Platt? Zur Lage des Niederdeutschen heute. Eine kurzgefaßte Bestandsaufnahme. Leer 1987.

Wirrer, Jan: Die niederdeutsche Kulturszene als Gegenstand der empirischen Literaturwissenschaft. In: Niederdeutsches Jahrbuch 113 (1990), S. 44–69.←327 | 328→ ←328 | 329→


1 Bundesraat för Nedderdüütsch 2007, S. 1. Hervorhebung im Original.

2 Vgl. Schebesta 2005.

3 Bundesraat för Nedderdüütsch 2016, Artikel 8: Bildung.

4 Vgl. Möller 2004, S. 297.

5 Appenzeller 2004, S. 26.

6 Aus dem Interview der Dozentin der Kreisvolkshochschule (KVHS) Nordvorpommern vom Juli 2014. Die Interviewpartnerin wird im folgenden Text mit der Sigle MV-2 zitiert.

7 Goossens 1993, S. 401.

8 Zur niederdeutschen Kulturszene Wirrer 1990; Appenzeller 2004; Möller 2004.

9 Die Dozentin aus Nordvorpommern, die selbst als Schauspielerin aktiv ist, berichtet in diesem Zusammenhang auch von Jugendlichen, die leidenschaftlich niederdeutsches Theater spielen, aber hierfür alle Stücke mühselig auswendig lernen müssen, da sie selbst keine Alltagskompetenz in der Sprache besitzen.

10 Die geplante teilnehmende Beobachtung wurde von einem Großteil der VHS-Dozierenden nicht gestattet. Darüber hinaus legten die wenigen getätigten Kursbesuche den Verdacht nahe, dass einige Dozierende den Unterricht sehr auf meinen Besuch ausgerichtet hatten und sich so kein authentisches Bild vom normalen Ablauf der Kurse gewinnen ließ.

11 Herrmann-Winter konnte in den Jahre um 1980 in den Nordbezirken der DDR noch an sechs Standorten Niederdeutschkurse an Volkshochschulen untersuchen, spricht aber davon, dass die Teilnehmerzahlen damals schon „rückläufig“ gewesen seien, Herrmann-Winter 1985, S. 297.

12 Im Rückgriff auf Chambers/Trudgill 1980, S. 33 werden in der Dialektologie die typischen Dialektsprecher als „non-mobile older rural males“ (NORMs) charakterisiert.

13 MV-2, KVHS Nordvorpommern, Juli 2014.

14 MV-1, KVHS Uecker-Randow, Juli 2010.

15 Da eine ausführliche Darstellung der unterschiedlichen Kursformate an dieser Stelle zu weit führen würde, sei auf Arbatzat 1990, S. 198 verwiesen. Er beschreibt ausführlich und sehr treffend verschiedene Kurskonzeptionen, die sich auch in meiner Untersuchung wiederfinden. Vgl. Holm 1981.

16 MV-2, KVHS Nordvorpommern, Juli 2014.

17 MV-1, KVHS Uecker-Randow, Juli 2010.

18 MV-2, KVHS Nordvorpommern, Juli 2014.

19 Gegenüber einer Befragung der Teilnehmenden von Niederdeutschkursen in Volkshochschulen in Wismar, Rostock, Greifswald, Schwerin, Waren und Neubrandenburg aus den Jahren 1979–1981 ist das Durchschnittsalter heutiger Kursteilnehmer in Mecklenburg-Vorpommern deutlich gestiegen. Es betrug um 1980 noch etwa 45 Jahre, auch damals überwog aber schon der Anteil weiblicher Teilnehmerinnen deutlich, vgl. Herrmann-Winter 1985, S. 301.

20 MV-2, KVHS Nordvorpommern, Juli 2014.

21 MV-1, KVHS Uecker-Randow, Juli 2010.

22 Um die unterschiedlichen Ausprägungen aktiver und passiver Kompetenz ansatzweise erfassen zu können, waren auf die Frage in meinem Fragebogen „Verfügten Sie vor Beginn des Kurses über Plattdeutschkenntnisse“ die in Abbildung 2 angeführten Antwortmöglichkeiten vorgesehen.

23 Stellmacher 1987 zur GETAS-Umfrage und Möller 2008 zur repräsentativen Sprachstandserhebung des Instituts für Niederdeutsch (INS).

24 Während sich in meiner Befragung ganze 35,4 % der Gesamtstichprobe und 36,4 % der mecklenburgisch-vorpommerschen Teilstichprobe zugestehen, alles oder das meiste schreiben zu können, geben z. B. in der INS-Studie nur 2 % der Befragten gute und niemand sehr gute Schreibkompetenz an.

25 Ähnlich große Unterschiede in der Niederdeutschkompetenz, die die Teilnehmenden in die VHS-Kurse mitbrachten, stellte schon Herrmann-Winter 1985, S. 302 fest.

26 Die Kategorisierung der teilweise sehr ausführlichen Freitextantworten erfolgte größtenteils induktiv, d. h. aus dem Material selbst. Auf eine erste deduktive Herangehensweise lassen sich die Kategorien berufliche Gründe, soziales Umfeld und Spracherhalt zurückführen, da mit Antworten in diesen Bereichen zu rechnen war. Die hier zu vernachlässigende Kategorie sonstige Gründe beinhaltet ansonsten nicht zuzuordnende Antworten, z. B. durch einen Freund zum Kurs mitgenommen worden zu sein, den Kursleiter zu mögen oder jetzt Zeit für den Kursbesuch zu haben.

27 Unter intrinsischer Motivation versteht man, etwas um seiner selbst willen zu tun, z. B. weil es eine besondere Herausforderung darstellt oder schlicht, weil es einfach Spaß macht, während bei extrinsischer Motivation das Ziel im Vordergrund steht, für bestimmte Leistungen, wie etwa im Beruf, Sanktionen aller Art zu vermeiden, vgl. dazu auch Myers 2004, S. 330–331.

28 In den Jahren um 1980 hatte die Motivation „Plattdeutsch bei der Arbeit ‚gut gebrauchen‘“ zu können, noch eine gewisse, wenn auch damals schon untergeordnete Rolle für den Besuch von VHS-Kursen gespielt, Herrmann-Winter 1985, S. 306.

29 MV-1, KVHS Uecker-Randow, Juli 2010.

30 MV-2, KVHS Nordvorpommern, Juli 2014.

31 Arbatzat 1990, S. 196–197. Eine ähnlich große Heterogenität sowohl der sprachlichen Voraussetzungen als auch der damit verbundenen Teilnahmemotivationen hatte schon Herrmann-Winter 1985 bei ihrer Untersuchung der damaligen VHS-Kurse in den Nordbezirken der DDR festgestellt. Vgl. auch den persönlichen Erfahrungsbericht aus den 1970er Jahren von Gernentz 1998.