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Sezession im Völkerrecht – Faktisches Phänomen oder reale Utopie

Die Geschichte eines Prinzips im Lichte eines unglücklichen Präzedenzfalls

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Anna Fischer

Das Selbstbestimmungsrecht der Völker ist eines der komplexesten, ambivalentesten und zugleich erfolgreichsten rechtlich-politischen Konzepte. Dieses Buch wirft einen Blick zurück auf das 20. Jahrhundert – dabei erscheint dieses als Jahrhundert der Selbstbestimmung und seine zweite Hälfte als Zeitalter der Sezession. Im Zentrum der Analyse steht der Fall Kosovo, der bis heute Gegenstand kontroversieller völkerrechtlicher und politischer Debatten ist. Das Buch geht der Frage nach, wie sich das Prinzip der Selbstbestimmung im Sinne einer «konkreten Utopie» weiterentwickeln könnte. Gerade durch seine Humanisierung in den letzten Jahrzehnten appelliert das Völkerrecht an das Gewissen der Staatengemeinschaft und fungiert dabei als Katalysator bei der Realisierung des Fernziels einer gerechten Weltordnung, welche die Menschenrechte und das Recht auf Selbstbestimmung gewährleistet.

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1. Einleitung

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1.  Einleitung

“Do you consider human rights to be among the values which illustrate a positive evolution in international law? Human rights and the right to self-determination. More than the value of peace? Yes. Peace is a fundamental value. But it is a substitute for human rights and self-determination.”31

Dem Blick zurück aus dem noch jungen 21. Jahrhundert in das 20. Jahrhundert erscheint dieses als Jahrhundert der Selbstbestimmung, und dessen zweite Hälfte als Zeitalter der Sezession oder der Sezessionskriege.32 In seinem kürzlich erschienenen Buch Age of Secession geht Ryan D. Griffiths dem vorherrschenden Trend dieses Zeitalters, der Vermehrung von Staaten, nach und nennt dabei einleitend eine bemerkenswerte Zahl: seit 1945 wurden 131 souveräne Staaten geboren.33 Ein Rückblick auf die letzten beiden Jahrhunderte zeigt einen Übergang von einem Zeitalter der Staatenvereinigung zu einem der Fragmentierung. So nahm die Zahl der Staaten im Laufe des 19. Jahrhunderts ständig ab, insbesondere nach 1860, und erreichte 1912 den absoluten Tiefpunkt: die internationale Staatengemeinschaft bestand nur noch aus 51 Staaten.

Trotz der ersten „Geburtenwelle“ in der Staatengemeinschaft nach dem Ersten Weltkrieg wurde 1943, durch die Eroberungen des Zweiten Weltkriegs, mit 53 Staaten noch einmal ein Tiefpunkt erreicht. Der Trend lässt sich auch anhand der durchschnittlichen Staatengröße verdeutlichen: während die durchschnittliche Staatengröße im 19. Jahrhundert ständig wuchs und um die Jahrhundertwende mit knapp zwei Millionen km2 einen Höhepunkt erreichte, ging der Durchschnittswert im...

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