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Der Diskurs über Deklamation und über die Praktiken auditiver Literaturvermittlung

Der Deutschunterricht des höheren Schulwesens in Preußen (1820–1900)

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Hans-Joachim Jakob

Ein Primaner konnte im 19. Jahrhundert am Ende seiner Schullaufbahn Dutzende Gedichte auswendig aufsagen. Die Deklamationskultur des höheren Schulwesens ist seitdem in Vergessenheit geraten. Diese Studie rekonstruiert die intensive Diskussion über das Textsprechen zwischen 1820 und 1900. Sie wertet dazu bislang nur wenig beachtete Quellen aus – Vorschriften, Lehrpläne, Gesetzessammlungen, Lesebücher, Ratgeber, Schulprogramme, pädagogische Zeitschriften und Anthologien. Ein abschließender Blick in fiktionale Zeugnisse von Goethe, Kotzebue, Klingemann, Johanna Schopenhauer, Raabe oder Stinde demonstriert den schmalen Grat zwischen deklamatorischem Triumph und gesellschaftlicher Blamage.

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1. Einleitung

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Abstract: In the German classes of the late 20th and early 21th Centuries there is a significant lack of spoken poetry – in contrast to the 19th Century, when declamation was one of the most important methods to understand a poem. The generation born before 1945 is also familiar with to commit a poem to memory in school.

Ein Gedicht aufsagen – das klingt zunächst eindeutig, überschaubar, alltäglich für den Deutschunterricht. Mindestens die letzte Merkmalsdimension unterliegt jedoch im späten 20. und frühen 21. Jahrhundert einem tiefgreifenden Wandel. Die Memorierung von Texten findet im derzeitigen Deutschunterricht offenbar nur noch punktuell statt. Dieser Umstand führt in der Folge regelmäßig zu ausgeprägten Irritationen in der Generation, die kurz vor oder kurz nach dem Zweiten Weltkrieg geboren wurde. Eine entsprechende Bemerkung Klaus Maria Brandauers aus einem Interview Anfang August 2012 ist in dieser Hinsicht aufschlussreich. Brandauer spricht als Professor am Wiener Max-Reinhardt-Seminar, der den Charakter des schulischen Textsprechens als Propädeutikum für künftige Schauspieler gewürdigt wissen möchte. Brandauer zufolge hat sich die Deklamationsintensität im Schulunterricht offenbar – zu seinem großen Bedauern – exponentiell reduziert:

„In meiner Zeit war die Schulbildung fordernder, ich konnte mindestens 200 Gedichte auswendig. Schon zu Zeiten meines Sohnes war es verpönt, auch nur Schillers ‚Glocke‘ auswendig lernen zu müssen. Das Wort Psychoterror fiel. Heute kommen junge Leute zur Aufnahmeprüfung, die nicht einmal ein Gedicht aufsagen können. Die können Laptop,...

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