Show Less
Restricted access

Der Diskurs über Deklamation und über die Praktiken auditiver Literaturvermittlung

Der Deutschunterricht des höheren Schulwesens in Preußen (1820–1900)

Series:

Hans-Joachim Jakob

Ein Primaner konnte im 19. Jahrhundert am Ende seiner Schullaufbahn Dutzende Gedichte auswendig aufsagen. Die Deklamationskultur des höheren Schulwesens ist seitdem in Vergessenheit geraten. Diese Studie rekonstruiert die intensive Diskussion über das Textsprechen zwischen 1820 und 1900. Sie wertet dazu bislang nur wenig beachtete Quellen aus – Vorschriften, Lehrpläne, Gesetzessammlungen, Lesebücher, Ratgeber, Schulprogramme, pädagogische Zeitschriften und Anthologien. Ein abschließender Blick in fiktionale Zeugnisse von Goethe, Kotzebue, Klingemann, Johanna Schopenhauer, Raabe oder Stinde demonstriert den schmalen Grat zwischen deklamatorischem Triumph und gesellschaftlicher Blamage.

Show Summary Details
Restricted access

8. Ausblick: Ausgewählte Deklamationsszenen aus der deutschsprachigen fiktionalen Literatur des 19. Jahrhunderts

Extract



Abstract: Some texts of Johann Wolfgang Goethe, August von Kotzebue, Ernst August Friedrich Klingemann, Johanna Schopenhauer, Wilhelm Raabe and Julius Stinde contain short scenes of declamation, which are suitable to exercise school knowledge in practice, but virtuosic performance and spectacular disgrace are also very close together.

Am Anfang der Überlegungen zu möglichen Zusammenhängen zwischen der schulischen Deklamationspraxis, der Inszenierung von Dichtung außerhalb der Schule und der fiktionalen Literatur im Zeitraum von 1800 bis 1900 steht eine deutliche Ernüchterung im Hinblick auf eine potentiell ungemein vielversprechende Textsorte. Fiktionale Überformungen von Deklamation an der Schule dürften sich doch bevorzugt in der im späten 19. Jahrhundert reüssierenden Gattung des Schulromans auffinden lassen. York-Gothart Mix geht in seiner maßgeblichen Münchner Habilitationsschrift über die Bildungskritik in der Literatur der Moderne zwar auch auf den Literaturunterricht ein, der bei den Schülern durchgängig negative Emotionen auslöst. Die Qualen der auswendigen Gedichtwiedergabe spielen allerdings keine Rolle.1 Dieser Befund scheint irritierend untypisch zu sein – sind die Früchte der überwiegend schulisch vermittelten Zitatkultur in der Lebenswelt des 19. Jahrhunderts doch allgegenwärtig, auch und gerade in der Literatur.

So lassen sich Deklamationsszenen (auch im engeren Sinne) in Dramen und Prosatexten aus dem Zeitraum 1800 bis 1900 ermitteln, wie im Zusammenhang mit Philipp Wackernagels Polemik gegen das Textsprechen für Ulrich Hegners Roman Die Molkenkur bereits exemplarisch vorgeführt wurde.2 Der Rückgriff auf Texte, die sich nun außerhalb des „Kulturraums...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.