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Unsicherheit als Herausforderung für die Wissenschaft

Reflexionen aus Natur-, Sozial- und Geisteswissenschaften

Series:

Edited By Nina Janich and Lisa Rhein

Das Buch präsentiert eine disziplinäre Vielfalt an Perspektiven auf Unsicherheit in der Wissenschaft. Schwerpunkte sind Klimaforschung, Umweltwissenschaft und Technikfolgenabschätzung. Die Beiträge diskutieren Gründe und Folgen wissenschaftlicher Unsicherheit und einer entsprechenden Verantwortung der Wissenschaft. Vertreten sind Kommunikationswissenschaft, Linguistik, Philosophie, Politikwissenschaft, Soziologie und Volkswirtschaftslehre sowie Chemie und Klimawissenschaft.

Der Band dokumentiert die ungewöhnliche Kooperation zweier Schwerpunktprogramme der Deutschen Forschungsgemeinschaft – «Wissenschaft und Öffentlichkeit» und «Climate Engineering: Risks, Challenges, Opportunities?» –, die sich auf einer Tagung an der TU Darmstadt mit weiteren WissenschaftlerInnen zu Austausch und kritischer Reflexion getroffen haben.

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Kommunikation ungesicherter wissenschaftlicher Evidenz – Herausforderungen für Wissenschaftler, Journalisten und Publikum (Michaela Maier / Lars Guenther / Georg Ruhrmann / Berend Barkela / Jutta Milde)

Michaela Maier, Lars Guenther, Georg Ruhrmann, Berend Barkela & Jutta Milde (Landau und Jena)

Kommunikation ungesicherter wissenschaftlicher Evidenz – Herausforderungen für Wissenschaftler, Journalisten und Publikum

Abstract: This article analyzes how different groups of actors involved in public communication about science deal with the uncertainty inherent in any scientific evidence regarding the example of biotechnological research. While scientists are familiar with scientific uncertainty, the phenomenon is less elusive for scientific lay-persons. However, it seems appropriate to inform the public about scientific uncertainties and conflicting findings. The question therefore is how scientists, professional communicators and journalists deal with scientific uncertainty in their public communication, which factors facilitate or hamper the communication of scientific uncertainty and how the audience reacts to this information. We tackle these questions based on the international state of research as well as own studies. Our summary shows that scientists and professional science communicators have ambivalent attitudes towards the communication of uncertainty as they are able to both realize chances as well as risks. Journalists evaluate scientific topics based on professional journalistic criteria which might refer to aspects of scientific uncertainty or not. Regarding the audience, all communicators face quite heterogeneous expectations and attitudes which they can to take into account in their communication.

Keywords: Evidenz – Kontroverse – Unsicherheit – Einstellungen – Wissenschaft – Wissenschaftsjournalismus – Öffentlichkeitsarbeit – Rezeption/Medienwirkung – Vertrauen

1 Wissenschaftliche Evidenz: Normal, trivial – oder zentral?

Wissenschaftliche Erkenntnisse und Befunde neuester Studien interessieren zunehmend die Öffentlichkeit. Dabei werden auch die epistemologischen Fragen der wissenschaftlichen Gesichertheit von empirisch erhobenen Ergebnissen relevant. Es geht also um Kriterien und Merkmale wissenschaftlicher Evidenz, etwa in Form wissenschaftlicher Ungesichertheit, die von Forschern als fragil erkannt und häufig konfligierend diskutiert werden. Doch im öffentlichen Diskurs kann diese Ungesichertheit als „kontrovers“ inszeniert und dramatisiert werden. Die an der öffentlichen Kommunikation über Wissenschaft, neue Technologien und In←93 | 94→novationen beteiligen Akteure – Wissenschaftler, professionelle Kommunikatoren der forschungstreibenden Organisationen und Journalisten – setzen sich jeweils spezifisch mit unsicheren und widersprüchlichen wissenschaftlichen Erkenntnissen auseinander:

Für forschende Natur- und zunehmend auch Sozialwissenschaftler ist konfligierende Evidenz unvermeidlich, ja, sie ist normal und steht selbstverständlich in „enger Verflechtung […] mit Theorien und Methoden“ (Bromme et al. 2014: 7). Doch machen Wissenschaftler in ihren Aussagen und in ihren Publikationen die Evidenzproblematik hinreichend deutlich sowie für die öffentliche Kommunikation anschlussfähig (vgl. Grundmann/Stehr 2011)?

Kommunikatoren und PR-Spezialisten, die an der öffentlichen Kommunikation wissenschaftlicher Ergebnisse beteiligt sind, könnten Informationen über wissenschaftliche Ungesichertheit als banal und vernachlässigbar, ja, geradezu als störend für das eigene Image empfinden. Ignorieren oder vernachlässigen also Kommunikatoren und PR-Spezialisten, z. B. aus Wissenschaft, Industrie, Umwelt- und Verbraucherschutz, in ihren Aussagen und Publikationen wissenschaftliche Ungesichertheiten, wie der renommierte Sozialwissenschaftler Colin Crouch (2015) in seinem Aufsehen erregenden Essay kritisch unterstellt?

(Wissenschafts-)Journalisten, thematisieren und problematisieren konfligierende Evidenz auch kontrovers (vgl. Grimm/Wald 2014; Lehmkuhl/Peters 2016a) und berichten darüber (vgl. Patterson 2013). Wie wissenschaftliche Evidenz journalistisch aufbereitet wird, kann sowohl journalismustheoretisch als auch kommunikationswissenschaftlich (noch immer) als offene Frage betrachtet werden (vgl. Kohring/Marcinkowski 2015).

Beeinflusst schließlich die kommunikationspolitisch und/oder journalistisch motivierte Darstellung wissenschaftlicher Evidenz die wissenschaftsbezogenen Einstellungen wissenschaftlicher Laien (vgl. Milde/Barkela 2016)? Kommt es dadurch sogar zu „befähigenden Erkenntnissen“ (Stehr 2015: 373), etwa im Sinne von kritischer Bildung und Reflexion? Oder finden Leser, Zuschauer und User derartige epistemologische Betrachtungen zu kompliziert, unverständlich oder gar unnötig?

Auf diese Fragen versucht der nachfolgende Beitrag erste systematische Antworten zu geben. Sein Ziel ist, am Beispiel biowissenschaftlicher Zukunftstechnologien empirisch zu analysieren, wie die verschiedenen an der öffentlichen Kommunika←94 | 95→tion über Wissenschaft beteiligten Akteursgruppen jeweils spezifisch fragile und konfligierende Evidenz kommunizieren. Dabei wird der gesamte Kommunikationsprozess analysiert: von Wissenschaftlern über professionelle Kommunikatoren und berichtende Wissenschaftsjournalisten bis hin zur Wirkung auf Rezipienten. Auf der Basis des aktuellen Forschungsstandes und angereichert durch eigene Ergebnisse wird beschrieben, ob und wie die verschiedenen Akteure wissenschaftliche Evidenz wahrnehmen, wie sie diese bewerten, welche Reaktionen sie von ihren Interaktionspartnern erwarten und wie sie wissenschaftliche Evidenz bei ihren Handlungsentscheidungen gewichten. Auf der Basis der systematisch miteinander verschränkten Betrachtungen entsteht ein komplexes Kaleidoskop von Wahrnehmungen, Darstellungen und Bewertungen in der Kommunikation wissenschaftlicher Ungesichertheit in modernen biowissenschaftlichen Zukunftstechnologien.

2 Kommunikation wissenschaftlicher Ungesichertheit – auch eine strategische Frage

Innerhalb der wissenschaftlichen Community sind Diskussionen über die Ungesichertheit wissenschaftlicher Evidenz an der Tagesordnung: Innerhalb einer Arbeitsgruppe werden Befunde (hoffentlich) selbstkritisch reflektiert, auf Konferenzen wird ihre Belastbarkeit kritisch hinterfragt und in Fachzeitschriftenartikeln wird eine abschließende Diskussion möglicher Unsicherheiten als Standard gefordert. Bei der Darstellung ihrer Ergebnisse in der Öffentlichkeit scheinen sich Wissenschaftler hingegen schwerer zu tun, auf die ihrer Arbeit inhärente Ungesichertheit hinzuweisen. Dabei zeigen vorliegende Untersuchungen, dass Wissenschaftler grundsätzlich bereit sind, Unsicherheiten auch in der öffentlichen Diskussion offen zu legen (vgl. Post 2016). Auch in unserer eigenen Forschung (Maier et al. 2016; Post/Maier 2016) konnten wir zeigen, dass Wissenschaftler grundsätzlich bereit sind, auf Aspekte ungesicherter Evidenz hinzuweisen: In einer Befragung von 102 Wissenschaftlern, die in Deutschland im Bereich der Biowissenschaften forschen, zeigten diese eine hohe Bereitschaft, auf Wissenslücken hinzuweisen (siehe Tab. 1). Die Bereitschaft, auf wissenschaftliche Kontroversen und wissenschaftliche Zweifel hinzuweisen, war dagegen etwas geringer ausgeprägt. Zwar lag sie noch jeweils im positiven Bereich der verwendeten Skala, dennoch schien die Haltung der Wissenschaftler zu diesen Punkten eher ambivalent.←95 | 96→

Tab. 1: Bereitschaft, Aspekte wissenschaftlicher Ungesichertheit in der Öffentlichkeit zu kommunizieren – Akteursgruppe Wissenschaftler (in Anlehnung an Tab. 1 in Maier et al. 2016: 251)

Wissenslücken

7,20

(2,59; 105)

Wissenschaftliche Kontroversen

6,50

(2,73; 103)

Wissenschaftliche Zweifel

6,06

(2,79; 104)

Anmerkungen: M = Mittelwert; SD = Standardabweichung; N = Anzahl an Befragten

Diese Ambivalenz mag darin begründet sein, dass Wissenschaftler Chancen und Risiken einer offenen Diskussion wissenschaftlicher Unsicherheit wahrnehmen. So haben Tsfati et al. (2011) gezeigt, dass Wissenschaftler auf positive Effekte hoffen, wenn sie auf noch bestehende Unsicherheiten und Forschungslücken hinweisen, zum Beispiel im Sinne einer Zuweisung weiterer Forschungsmittel. Peters (2014) beschreibt, dass es Wissenschaftler als ihre Aufgabe ansehen, Laien bezüglich bestehender Unsicherheiten aufzuklären. Andererseits haben mehrere Studien nachgewiesen, dass Wissenschaftler auch Risiken wahrnehmen. Unter anderem fürchten sie, dass Journalisten Unsicherheiten dramatisieren, dass Interessensgruppen Unsicherheiten zu ihren Gunsten ausnutzen könnten (vgl. z. B. Brechman et al. 2009; Maille et al. 2010) oder dass Journalisten noch unsichere wissenschaftliche Befunde nicht interessant finden könnten (vgl. Dudo 2013). Auch scheinen Wissenschaftler zu befürchten, dass wissenschaftliche Laien skeptischere Einstellungen zur Wissenschaft entwickeln und ihr Vertrauen in die Wissenschaft verlieren könnten (vgl. z. B. Besley/Nisbet 2013).

Zwei dieser aus der internationalen Literatur zusammengetragenen Befunde konnten wir für deutsche Biowissenschaftler vertiefen. Im Rahmen der bereits erwähnten Befragung zeigte sich, dass es die Wissenschaftler für wahrscheinlich hielten, dass Bürger kritischere Einstellungen entwickeln, wenn Wissenschaftler öffentlich auf die Unsicherheiten in ihrer Forschung hinweisen (siehe Tab. 2; M = 6,66). Diese mögliche Konsequenz bewerteten sie leicht positiv (M = 0,68), so dass das Erwartung-mal-Wert-Produkt für diese Konsequenz bei 4,80 und damit im leicht positiven Bereich lag. Das heißt, auch deutsche Biowissenschaftler fanden es eher positiv, durch eine offene Kommunikation möglicherweise dazu beizutragen, das kritische Reflexionsvermögen des Publikums zu schulen. Zudem wurden die Wissenschaftler gefragt, für wie groß sie das Risiko halten, dass Journalisten das Interesse an ihrem Forschungsthema verlieren, wenn sie←96 | 97→ die Ungesichertheit der wissenschaftlichen Evidenz hervorhöben. Dieses Risiko schätzten die Wissenschaftler als mäßig hoch ein (Mittelwert M = 4,76), jedoch hielten sie diese Konsequenz für negativ (M = -1,51), so dass das Erwartung-mal-Wert-Produkt bei -7.14 und damit im negativen Bereich lag.

Tab. 2: Bewertung möglicher Konsequenzen einer offenen Kommunikation wissenschaftlicher Ungesichertheit – Akteursgruppe Wissenschaftler (in Anlehnung an Tab. 2 in Maier et al. 2016: 252)

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Nun sind an der öffentlichen Kommunikation wissenschaftlicher Evidenz nicht nur Wissenschaftler beteiligt, sondern viele weitere Akteursgruppen. Für unsere Studie befragten wir daher neben Wissenschaftlern auch Pressesprecher von Unternehmen, Behördensprecher und Sprecher von NGOs (Non Governmental Organizations), die sich mit biowissenschaftlicher Forschung beschäftigen. Die Ergebnisse zeigen, dass die Bereitschaft, wissenschaftliche Ungesichertheit in der Öffentlichkeit zu kommunizieren – zumindest auf der Grundlage von Selbstberichten (für eine kritische Diskussion vgl. Post/Maier 2016) – in allen Gruppen ähnlich ausgeprägt scheint, mit einer Ausnahme: Sprecher von Unternehmen, die in der biowissenschaftlichen Forschung aktiv sind, sind signifikant weniger bereit, auf Wissenslücken hinzuweisen als Wissenschaftler und Sprecher von NGOs (vgl. Tab. 3). Letzteren ist es hingegen besonders wichtig, auf fehlende wissenschaftliche Befunde aufmerksam zu machen. Durch weitere Analysen konnten wir zeigen, dass diese Unterschiede in der Kommunikationsabsicht durch jeweils gruppenspezifische Faktoren zu erklären sind (Post/Maier 2016): Während sich Wissenschaftler vor allem ihren eigenen Überzeugungen verpflichtet fühlen und ein Interesse daran haben, weitere Forschungsgelder einzuwerben, sehen sich Unternehmenssprecher vor allem dem positiven Image ihres Unternehmens verpflichtet. Sprecher von NGOs motiviert hingegen die Hoffnung, das kritische Denken der Öffentlichkeit anregen zu können.←97 | 98→

Tab. 3: Bereitschaft, Aspekte wissenschaftlicher Ungesichertheit in der Öffentlichkeit zu kommunizieren – in verschiedenen Kommunikatorgruppen im Kontrast zu Wissenschaftlern (in Anlehnung an Tab. 1 in Post/Maier 2016)

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Diese Ergebnisse zeigen also, dass an der öffentlichen Kommunikation wissenschaftlicher Evidenz verschiedene Akteursgruppen beteiligt sind, die teilweise ganz unterschiedliche Motive haben, die sich unmittelbar auf ihr Kommunikationsverhalten auswirken. Weitere wichtige Akteure in der öffentlichen Kommunikation sind die Journalisten, denen wir uns nun zuwenden.

3 Journalistische Darstellung wissenschaftlicher Evidenz – das Publikum immer im Blick

Themen mit Bezug zur Wissenschaft, die massenmedial in Tageszeitungen, dem Radio, dem Fernsehen oder auf Internetseiten mehr oder weniger prominent platziert werden, sind überaus vielfältig. Das sind sie vor allem deshalb, weil Journalisten grundsätzlich selektiv bei der Wahl der zu berichtenden Themen vorgehen (vgl. Rosen et al. 2016), ihre Entscheidung von professionellen Normen und Routinen abhängig machen (vgl. Amend/Secko 2012) und stets die Interessen des Publikums und antizipierte Wirkungen im Blick haben (vgl. Guenther 2017; Stocking/Holstein 1993, 2009). Das trifft ganz allgemein auf den Wissenschaftsjournalismus zu und deshalb auch auf die mediale Darstellung ungesicherter wissenschaftlicher Evidenz.

Obwohl in den letzten Jahren häufiger von einer Krise des Wissenschaftsjournalismus (vgl. Brumfield 2009) zu lesen war, gelten Massenmedien nach wie vor als die wichtigste und oftmals auch einzige Quelle wissenschaftlicher Informationen für ein Publikum, das vorrangig aus wissenschaftlichen Laien besteht (vgl. Cacciatore et al. 2012). Das gibt dem Wissenschaftsjournalismus und der Darstellung ungesicherter Evidenz in journalistischen Beiträgen eine besondere Relevanz (vgl. Guenther 2017). Jedoch: Werden Forschungsergebnisse medial präsentiert, dann können Angaben über Evidenz zum Bestandteil dieser Berichterstattung werden – oder eben nicht (vgl. Corbett/Durfee 2004). Wie stellen also←98 | 99→ Journalisten wissenschaftliche Evidenz dar und mit welchen Herausforderungen sind sie dabei konfrontiert?

Inhaltsanalysen erlauben einen Einblick, wie Journalisten wissenschaftliche Evidenz darstellen. Die Ergebnisse der vorliegenden einschlägigen Studien sind jedoch inkonsistent: Einige Studien konstatieren eine Überbetonung wissenschaftlicher Ungesichertheit in Teilen der Medienberichterstattung (vgl. Ruhrmann et al. 2015; Zehr 2000), andere Studien – und das ist die Mehrheit – fanden heraus, dass Forschungsergebnisse medial oftmals als zu gesichert repräsentiert werden (vgl. Cacciatore et al. 2012; Dudo et al. 2011; Olausson 2009). Die Inkonsistenz der Ergebnisse hängt hierbei nicht nur mit den wissenschaftlichen Domänen zusammen, auf die sich die Inhaltsanalysen beziehen. Während die Studien nämlich zu unterschiedlichen Einschätzungen kommen, ob wissenschaftliche Ungesichertheit in angemessenem Umfang oder vielleicht sogar zu oft berichtet wird, sind sie sich hingegen einig, dass evidenzrelevante Detailinformationen (wie Angaben zur Stichprobengröße, deren Repräsentativität, Angaben zu Methoden und Auswertungsschritten, vgl. Guenther 2017) nur sehr selten dargestellt werden. Damit gemeint sind Angaben über die Forschungsarbeit und den Forschungsprozess wie über zugrundeliegende Thesen, verwendete Methoden, Auswertungsverfahren oder statistische Kennwerte. Solche Angaben kommen zumeist nicht in der journalistischen Berichterstattung vor (vgl. Cooper et al. 2012; Hijmans et al. 2003). Mellor (2015) nennt solche Informationen sogar Non-Nachrichtenfaktoren (im Original: non-news values). In der Untersuchung von Hijmans et al. (2003) zeigte sich beispielsweise, dass in 624 untersuchten niederländischen Zeitungsartikeln zum Thema Wissenschaft nur drei Artikel einen Bezug zu Signifikanzen, Korrelationen, Standardfehlern, Messfehlern oder Reliabilität herstellten.

Die Ergebnisse der Inhaltsanalysen lassen sich nun durch Erkenntnisse aus Befragungen mit Journalisten ergänzen. In diesen zeigt sich Folgendes: Journalisten scheinen grundsätzlich von einer Vielzahl an Faktoren beeinflusst, wenn sie wissenschaftliche Themen für die Medien auswählen und bearbeiten (zum Beispiel von den Pressematerialien, die sie dafür vorab erhalten). Journalisten thematisieren Ungesichertheit dann, wenn sie glauben, dadurch ihr Publikum für Themen gewinnen zu können (vgl. Stocking/Holstein 1993). Viele Journalisten erwähnen hingegen keine Ungesichertheit, weil sie denken, ihr Publikum könne mit Ungesichertheit und wissenschaftlicher Sprache nicht adäquat umgehen (vgl. Ebeling 2008) – dies seien problematische Konzepte für Laien (vgl. Hijmans et al. 2003). Das antizipierte Publikumsbild und die eigenen Interessen gelten als einflussreichste Faktoren, wenn Journalisten entscheiden müssen, wie Evidenz darzustellen ist (vgl. Stocking/Holstein 1993, 2009). Eine mediale Nennung von←99 | 100→ Ungesichertheit sei zudem unverträglich mit dem Wecken von Faszination und der Darstellung eines spezifischen wissenschaftlichen Nutzens (vgl. Lehmkuhl/Peters 2016a, 2016b).

Unsere eigenen Ergebnisse erweitern die bisherigen Erkenntnisse (im Überblick Guenther 2017): In unseren Inhaltsanalysen zeigte sich, dass Ungesichertheit beispielweise im Rahmen der molekularen Medizin häufiger thematisiert wird (vgl. Kessler et al. 2014; Ruhrmann et al. 2015) als im Rahmen der Nanotechnologie (vgl. Heidmann/Milde 2013). In den Studien konnten wir nachweisen, dass Journalisten spezifische Interpretationsrahmen (sogenannte Frames) verwenden, wenn sie über Wissenschaft berichten, und dass auch die Darstellung von Evidenz mit diesen Frames variiert. Mit einer expliziten Nennung der Ungesichertheit ist beispielsweise besonders dann zu rechnen, wenn wissenschaftliche Risiken und/oder Kontroversen thematisiert werden (vgl. Ruhrmann et al. 2015 für Wissenschaftsprogramme im Fernsehen), wie es in den Frames ‚scientific uncertainty and controversy‘ und ‚conflicting scientific evidence‘ häufiger geschieht. In diesen Frames diskutieren Wissenschaftler und politische Akteure bestehende Risiken und wägen negative und positive Aspekte eines wissenschaftlichen Themas ab. Oftmals geht es um neueste und kontroverse wissenschaftliche Erkenntnisse. Risiken werden aber nicht in allen Fällen mit wissenschaftlicher Ungesichertheit verbunden: Der Frame ‚everyday medical risks‘ zeigt Ärzte und Patienten, die von eigenen Erfahrungen berichten. Darüber hinaus existiert ein Frame, der wissenschaftliche Erkenntnisse rein gesichert darstellt (‚scientifically certain data‘). Die Gesichertheit wird hierbei zwar dargestellt, selten jedoch diskutiert oder begründet.

Auch in unseren qualitativen Interviews mit Wissenschaftsjournalisten wurde deutlich, dass Ungesichertheit häufiger dann medial aufgegriffen wird, wenn Risiken bestehen und wenn Journalisten denken, das Publikum könne mit Ungesichertheit umgehen; ist beides nicht erfüllt, scheint es wahrscheinlicher, dass Journalisten Forschungsergebnisse als gesichert darstellen (vgl. Guenther et al. 2015; Guenther/Ruhrmann 2013). Außerdem stellen sie Gesichertheit dar, wenn sie damit die Akzeptanz beim Publikum steigern wollen. Hingegen stellen Journalisten Ungesichertheit vor allem dann dar, wenn sie ihr Publikum zu einer kritischen Sichtweise führen möchten und wenn sie dies als Qualitätskriterium verstehen. Diese Ergebnisse wurden in einer quantitativen Befragung validiert (vgl. Guenther/Ruhrmann 2016). In dieser zeigte sich des Weiteren, dass Journalisten etwas bereitwilliger Wissenslücken und Kontroversen darstellen als wissenschaftliche Zweifel (vgl. Tab. 4).←100 | 101→

Tab. 4: Bereitschaft der Journalisten, Aspekte wissenschaftlicher Unsicherheit darzustellen (in Anlehnung an Tab. 1 in Maier et al. 2016: 251)

Wissenslücken

7,17 (2,51; 198)

Wissenschaftliche Kontroversen

7,15 (2,47; 201)

Wissenschaftliche Zweifel

6,53 (2,77; 199)

Mittelwerte auf Skalen von 0 („sehr unwahrscheinlich”) bis 10 („sehr wahrscheinlich”). Befragte: 202 deutsche Wissenschaftsjournalisten.

Der Frage, wie diese Berichterstattung beim Publikum ankommt und wie die Rezipienten Aussagen über wissenschaftliche Ungesichertheit aufnehmen und verarbeiten, widmen wir uns im nächsten Teilkapitel.

4 Wie Evidenzberichterstattung beim Rezipienten ankommt

Wissenschaftskommunikation beeinflusst in hohem Maße die öffentliche Wahrnehmung wissenschaftlicher Themen. Insbesondere die Medienberichterstattung in Fernsehen, Presse und Online-Medien spielt hierbei eine zentrale Rolle, denn wissenschaftliche Forschung ist für das Publikum häufig nicht direkt wahrnehmbar. Medial vermittelte Informationen über die wissenschaftliche Evidenz von Forschungsergebnissen können daher eine hohe Relevanz für die Meinungsbildung von Rezipienten über ein wissenschaftliches Thema haben und handlungsrelevant werden. Um die Bedeutung der Medienberichterstattung über wissenschaftliche Themen für wissenschaftliche Laien differenzierter beschreiben zu können, hat sich in den letzten Jahren eine Forschungslinie etabliert, die sich mit der Rezeption von wissenschaftlicher Ungesichertheit befasst. Hierbei lassen sich Mediennutzungs- und Wirkungsstudien unterscheiden.

Im Rahmen von Mediennutzungsstudien liegt der Forschungsfokus auf den Nutzungsmotiven und Rezeptionserwartungen hinsichtlich der Evidenzdarstellung. Wirkungsstudien fragen nach dem Einfluss der Darstellung wissenschaftlicher Ergebnisse als gesichert oder ungesichert auf die Bewertungen von Medienbeiträgen durch die Rezipienten, auf deren Evidenz- und Wissenschaftsverständnis sowie auf Einstellungen, etwa das Interesse an Wissenschaft und das Vertrauen gegenüber Wissenschaftlern. Im Folgenden werden die Erkenntnisse dieser Studien vorgestellt und durch eigene Befunde ergänzt. Die Darstellung orientiert sich am Verlauf des Rezeptionsprozesses und gliedert sich in die Zeitpunkte vor, während und nach der Rezeption.

Ein zentrales Nutzungsmotiv, das vor der Rezeption einen entscheidenden Einfluss auf die Zuwendung zu Medienberichten über wissenschaftliche Themen←101 | 102→ nimmt, ist das Bedürfnis nach Informationen, die die Rezipienten dabei unterstützen, sich eine Meinung zu bilden oder Entscheidungen, etwa für medizinische Behandlungen oder Konsumprodukte, zu treffen. Informationen zum Forschungsstand oder zur wissenschaftlichen Evidenz sind hingegen kaum von Relevanz (vgl. Bromme/Kienhues 2012). Allerdings zeigen sich hier interindividuelle Unterschiede zwischen den Rezipienten: Personen mit hohem need for cognition – einem Persönlichkeitsmerkmal, das beschreibt, inwieweit Menschen zur Bearbeitung von Denkaufgaben bereit sind und Freude daran empfinden – sind eher motiviert, sich mit ungesicherten Informationen auseinanderzusetzen als Personen, bei denen dieses Merkmal geringer ausgeprägt ist (vgl. Winter/Krämer 2012). Andere Rezipienten wiederum suchen gezielt nach gesicherten Informationen, die ihre eigenen Überzeugungen bestätigen (vgl. Rothmund et al. 2015).

Hinsichtlich der Erwartungen von Rezipienten an Wissenschaftskommunikation ergeben sich aus dem Forschungsstand widersprüchliche Befunde. Während einzelne Studien zeigen, dass wissenschaftliche Laien mehrheitlich erwarten, über ungesicherte wissenschaftliche Ergebnisse informiert zu werden (vgl. Frewer et al. 2002), kommen unsere eigenen Studien zum Ergebnis, dass die Darstellung von Ungesichertheit für die Rezipienten kaum von Relevanz ist. Ungestützt gefragt, formulieren Rezipienten als wichtigste Erwartungen, dass Berichte über wissenschaftliche Forschung aktuell, verständlich, ausgewogen und glaubwürdig sein sollen. Erst wenn Rezipienten explizit für das Phänomen der wissenschaftlichen Ungesichertheit sensibilisiert werden, formulieren sie eine entsprechende Erwartungshaltung. Hierbei zeigt sich dann, dass sich manche Rezipienten wünschen, dass die wissenschaftliche Ungesichertheit explizit und klar dargestellt wird, da sie diese als wesentliche Information über den Forschungsprozess interpretieren. Andere empfinden solche Informationen als unwissenschaftlich und finden, dass sie die Glaubwürdigkeit von Wissenschaftlern und Journalisten reduzieren (vgl. Maier et al. 2016; Milde/Barkela 2016).

Studien, die die Prozesse bei der Verarbeitung von unterschiedlichen Evidenzdarstellungen während der Rezeption untersuchen, liegen bislang nicht vor. Allgemeine lernpsychologische Erkenntnisse weisen jedoch darauf hin, dass die Verarbeitung von Medienbeiträgen durch die begrenzten kognitiven Ressourcen von Rezipienten eingeschränkt wird. So zeigen Untersuchungen, dass komplexe Informationen über wissenschaftliche Ungesichertheiten die wahrgenommene Verständlichkeit eines Beitrags reduzieren (vgl. Wiedemann et al. 2009). Jedoch können Beiträge, die strukturiert aufbereitet werden und auf narrative Elemente←102 | 103→ zurückgreifen, die Verständlichkeit auch komplexer Informationen erhöhen (vgl. Maier et al. 2014).

Die Prozesse vor und während der Rezeption führen schließlich zu Effekten nach der Rezeption. Von zentralem Interesse sind hier die Bewertungen der Mediendarstellungen sowie deren Einfluss auf das Evidenz- und Wissenschaftsverständnis, das Interesse an Wissenschaft und das Vertrauen gegenüber Wissenschaftlern. Bewertungsstudien, die explizit untersuchen, wie Mediendarstellungen der wissenschaftlichen Evidenz bewertet werden, fehlten lange. In unseren eigenen Studien bewerteten Rezipienten – sofern sie die Evidenzdarstellung in einem Medienbeitrag überhaupt bewusst wahrnahmen – eine Berichterstattung positiv, wenn sie wahrnehmen, dass wissenschaftliche Evidenz als gesichert beschrieben wurde, da sie diese als faktenbezogen und glaubwürdig ansahen. Die Beschreibung wissenschaftlicher Evidenz als ungesichert wurde teilweise positiv, teilweise auch negativ bewertet. So sahen einige Rezipienten in der Darstellung von vorläufigen Befunden eine interessante Information, andere fühlten sich davon eher verunsichert (vgl. Maier et al. 2016; Milde/Barkela 2016).

Das Wissen über den Forschungsprozess scheint vor allem dann beeinflussbar zu sein, wenn die Informationen über die wissenschaftliche Evidenz in den Medienbeiträgen explizit dargestellt werden. Laborstudien zeigen, dass kurze Informationstexte über Prinzipien des wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns ausreichen, um das Evidenzverständnis von Rezipienten entsprechend zu beeinflussen (vgl. Rabinovich/Morton 2012). Gesicherte oder ungesicherte Darstellungen in Zeitungs- und TV-Wissenschaftsbeiträgen, deren Wirkung wir in unseren eigenen Studien untersuchten, nehmen dagegen keinen oder nur sehr geringen Einfluss auf das Wissenschaftsverständnis (vgl. Retzbach et al. 2013; Retzbach/Maier 2014).

Studien, die die Konsequenzen einer ungesicherten Darstellung wissenschaftlicher Evidenz auf Einstellungen untersuchen, zeigen, dass die Darstellung von Ungesichertheiten – im Gegensatz zu der bei Wissenschaftlern und Journalisten teilweise verbreiteten Annahme (siehe oben unter 2 und 3) – nicht grundsätzlich negative Effekte auf das Interesse an Wissenschaft oder auf das Vertrauen in Wissenschaftler hat:

In unseren Studien konnten wir keine negativen Effekte einer Darstellung von Ungesichertheit auf das Interesse an wissenschaftlicher Forschung feststellen. Während die Darstellung von gesicherter Evidenz das Interesse positiv beeinflusste, wirkte umgekehrt die Darstellung von Ungesichertheit nicht negativ (vgl. Retzbach et al. 2013). Bei Personen mit niedrigem need for cognitive closure – einem Persönlichkeitsmerkmal, das den Wunsch nach sicheren Antwor←103 | 104→ten und eine niedrige Ambiguitätstoleranz beschreibt – konnte die Darstellung von Ungesicherheiten sogar das Interesse an wissenschaftlicher Forschung erhöhen (vgl. Retzbach/Maier 2014).

Hinsichtlich des Vertrauens in Wissenschaftler zeigt sich, dass die Darstellung von Unsicherheiten sowohl positive als auch negative Effekte auf die Glaubwürdigkeit von Wissenschaftlern haben kann (vgl. Jensen/Hurley 2012). Einerseits kann eine unsichere Darstellung zu einer höheren Glaubwürdigkeit der Quelle führen, andererseits erkennen manche Rezipienten darin ein Zeichen für die Unglaubwürdigkeit der Wissenschaftler (vgl. Johnson/Slovic 1995). Insbesondere scheint die Glaubwürdigkeit dann höher zu sein, wenn als Quelle die Verantwortlichen und nicht etwa dritte Wissenschaftler zitiert werden (vgl. Jensen 2008). Konfligierende Befunde verschiedener Studien oder auch Ungesichertheiten in der Risikoabschätzung werten einige Rezipienten als ein Zeichen für mangelnde wissenschaftliche Kompetenz oder sie vermuten Eigeninteressen der Wissenschaftler (vgl. Johnson 2003; Johnson/Slovic 1998).

5 Zusammenfassung

Ziel dieses Beitrags war es, am Beispiel biowissenschaftlicher Zukunftstechnologien aufzuzeigen, wie die verschiedenen an der öffentlichen Kommunikation über Wissenschaft beteiligten Akteursgruppen auf die der Wissenschaft inhärente Ungesichertheit der empirischen Evidenz eingehen. Dabei wurde der gesamte Kommunikationsprozess – von Wissenschaftlern über professionelle Kommunikatoren und Journalisten bis hin zu den wissenschaftlichen Laien als Rezipienten – auf der Basis des internationalen Forschungsstands sowie eigener aktueller Studien nachvollzogen.

Diese Zusammenschau bestehender Forschungsergebnisse zeigt zunächst für die beteiligten Wissenschaftler und professionellen Wissenschaftskommunikatoren zwei Dinge: Erstens nehmen die verschiedenen Stakeholder Chancen und Risiken bei der Kommunikation wissenschaftlicher Unsicherheit wahr. Diese sind jedoch je nach Selbstverständnis und Organisationszugehörigkeit sehr unterschiedlich und führen zu unterschiedlichen Kommunikationsmotiven, die sich unmittelbar auf das Kommunikationsverhalten auswirken. Zweitens orientieren sich gerade die Kommunikatoren sehr bewusst an den unterschiedlichen Zielgruppen ihrer Kommunikation, vor allem an Journalisten und dem Laien-Publikum. Auch die Annahmen über mögliche Reaktionen des Publikums prägen dadurch die Kommunikation über wissenschaftliche Evidenz. Und tatsächlich ist die Art und Weise, wie Wissenschaftler selbst oder Pressesprecher ihrer jeweiligen Institutionen über wissenschaftliche Evidenz berichten, entscheidend für die Darstellung wissen←104 | 105→schaftlicher Evidenz in der Öffentlichkeit. Schwartz et al. (2012) haben gezeigt, dass Pressemitteilungen aus der Wissenschaft heraus die wichtigsten Impulsgeber für journalistische Berichterstattung über Wissenschaft sind. Durch ihre motivierte Kommunikation determinieren Wissenschaftler und professionelle Kommunikatoren wissenschaftlicher Einrichtungen daher in entscheidendem Maße die Möglichkeit wissenschaftlicher Laien, Kenntnis vom aktuellen Forschungsstand zu nehmen.

Journalisten ihrerseits wollen keine reinen Vermittler wissenschaftlicher Informationen sein, obwohl Wissenschaftler häufig fordern, dass sie evidenzorientierter berichten sollten (z. B. Ashe 2013). Verkannt wird dabei oft, dass Journalisten nur einen Ausschnitt aus der Realität berichten können und zudem großem Zeitdruck und Platzknappheit unterliegen. Außerdem fürchten auch Journalisten, bei einem expliziten Hinweis auf Ungesichertheit könnten Laien diesen falsch verstehen und zum Eindruck gelangen, die Wissenschaft wisse überhaupt nichts (vgl. Ashe 2013; Guenther 2017). Einige Journalisten glauben zudem, dass sie Informationen für ihr Publikum herunterbrechen und klare Verhaltensratschläge geben müssten, besonders wenn es um medizinische und gesundheitsrelevante Themen geht (vgl. Hinnant/Len-Ríos 2009). Journalisten haben professionelle Nachrichtenfaktoren, Normen und Routinen ausgebildet (vgl. Rosen et al. 2016). Dabei orientieren sie sich vorrangig an journalistischen und eben nicht an wissenschaftlichen Kriterien, beispielsweise am Leitbild einer gut verständlichen Sprache, und versuchen ihr Publikum zu erreichen und nicht zu überfordern (vgl. Guenther 2017; Lehmkuhl/Peters 2016a/b). Das geschieht, wie gezeigt wurde, durch die Selektion bestimmter Themen und eine Darstellung, die je nach Überzeugung des Journalisten mal Ungesichertheiten explizit hervorhebt und mal gar nicht erwähnt (vgl. Ruhrmann et al. 2015). Die eigentliche Herausforderung, die sich aus diesen Erkenntnissen ergibt, ist vielmehr an andere Akteure, wie Wissenschaftler und wissenschaftliche Kommunikatoren, gerichtet: Sie handelt von der Anerkennung, dass sich die journalistische Professionalität von der wissenschaftlichen unterscheidet und auch unterscheiden darf.

Hinsichtlich der auf das Publikum bezogenen Herausforderungen lässt sich festhalten, dass sich Rezipienten eher selten gezielt mit Fragen wissenschaftlicher Evidenz auseinandersetzen. Im Sinne ihres zentralen Motivs, Informationen zur Meinungsbildung und für Alltagsentscheidungen zu erhalten, erwarten Rezipienten hauptsächlich aktuelle, verständliche, ausgewogene und glaubwürdige Berichte. Die Darstellung von Ungesichertheit ist hingegen nur selten ein Motiv für die Rezeption von Wissenschaftskommunikation. Zudem belegen die Befunde, dass Kommunikatoren und Journalisten mit sehr heterogenen Publikums←105 | 106→erwartungen und -bewertungen konfrontiert sind, denen sie je nach Zielsetzung in ihrer Berichterstattung gerecht werden müssen: Einige Rezipienten, die die Darstellung der wissenschaftlichen Ungesichertheit erwarten, bewerten diese als positiv; andere Rezipienten reagieren eher verunsichert und bevorzugen gesicherte Darstellungen.

Im Sinne des wissenschaftlichen Selbstverständnisses sollten ungesicherte und konfligierende Befunde in der öffentlichen Kommunikation über Wissenschaft dargestellt werden, wenn der Forschungsstand dies nahelegt – wie sie auch im wissenschaftlichen Diskurs berücksichtigt werden. Dabei sollten die Phänomene explizit benannt, beschrieben und als Prinzip wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns erklärt werden. Dies unterstützt die Rezipienten dabei, ihre selektive Wahrnehmung wissenschaftlicher Ungesichertheit zu überbrücken, und ermöglicht es, ihr Evidenzverständnis zu beeinflussen. Hilfreich hierbei ist, die Informationen strukturiert aufzubereiten und auf narrative Elemente zurückzugreifen.

Literatur

Ajzen, Icek (2006): Constructing a theory of planned behavior questionnaire. Available via ResearchGate, https://www.researchgate.net/ (abgerufen 16.3.2018).

Amend, Elyse/Secko, David M. (2012): In the face of critique: A metasynthesis of the experiences of journalists covering health and science. In: Science Communication 34.2, 241–282.

Ashe, Teresa (2013): How the media report scientific risk and uncertainty: A review of the literature. Oxford.

Besley, John C./Nisbet, Matthew (2013): How scientists view the public, the media and the political process. In: Public Understanding of Science 22.6, 644–659.

Brashers, Dale E. (2001): Communication and Uncertainty Management. In: Journal of Communication 51.3, 477–497.

Brechman, Jean M./Lee, Chul-joo/Cappella, Joseph N. (2009): Lost in translation? A comparison of cancer-genetics reporting in the press release and its subsequent coverage in lay press. In: Science Communication 30.4, 453–474.

Bromme, Rainer/Kienhues, Dorothe (2012): Rezeption von Wissenschaft – mit besonderem Fokus auf Bio- und Gentechnologie und konfligierende Evidenz. In: Weitze, Marc-Denis/Pühler, Alfred/Heckl, Wolfgang M./Müller-Röber, Bernd/Renn, Ortwin/Weingart, Peter/Wess, Günther (Hrsg.): Biotechnologie-Kommunikation: Kontroversen, Analysen, Aktivitäten. Berlin/Heidelberg, 303–348.

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