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Unsicherheit als Herausforderung für die Wissenschaft

Reflexionen aus Natur-, Sozial- und Geisteswissenschaften

Series:

Edited By Nina Janich and Lisa Rhein

Das Buch präsentiert eine disziplinäre Vielfalt an Perspektiven auf Unsicherheit in der Wissenschaft. Schwerpunkte sind Klimaforschung, Umweltwissenschaft und Technikfolgenabschätzung. Die Beiträge diskutieren Gründe und Folgen wissenschaftlicher Unsicherheit und einer entsprechenden Verantwortung der Wissenschaft. Vertreten sind Kommunikationswissenschaft, Linguistik, Philosophie, Politikwissenschaft, Soziologie und Volkswirtschaftslehre sowie Chemie und Klimawissenschaft.

Der Band dokumentiert die ungewöhnliche Kooperation zweier Schwerpunktprogramme der Deutschen Forschungsgemeinschaft – «Wissenschaft und Öffentlichkeit» und «Climate Engineering: Risks, Challenges, Opportunities?» –, die sich auf einer Tagung an der TU Darmstadt mit weiteren WissenschaftlerInnen zu Austausch und kritischer Reflexion getroffen haben.

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Verantwortung für das Unvermeidliche. Wissenschaftliches Nichtwissen als Gegenstand epistemischer Selbstreflexion und politischer Gestaltung (Peter Wehling)

Peter Wehling (Frankfurt)

Verantwortung für das Unvermeidliche. Wissenschaftliches Nichtwissen als Gegenstand epistemischer Selbstreflexion und politischer Gestaltung

Abstract: In this chapter, it is argued that, although scientific ignorance (or non-knowledge) is an inevitable implication and corollary of scientific knowledge production, the sciences as well as science politics must nevertheless take responsibility for this ignorance and its potential adverse effects. It is shown that, on closer inspection, ‘science-based ignorance is both unavoidable and avoidable, without there being any clear-cut and impermeable ‘boundary between these two forms of ignorance. By contrast, as an exemplary analysis of epistemic practices and different epistemic cultures illustrates, there is considerable scope of action for the sciences to become aware of and potentially reduce their self-produced ignorance by reflexively scrutinizing their own background assumptions, standard methods and research routines. This should, however, not lead to adopting the flawed ideal of science being able to produce knowledge without simultaneously generating ignorance, albeit to varying degrees and in different forms. Instead, it is essential to recognize and openly communicate the fact that the co-production of scientific knowledge and ignorance is inescapable while, on the other hand, science politics has to create favourable conditions that foster self-reflexive epistemic practices which aim at avoiding potentially harmful knowledge gaps and blind spots. In the end, however, the question of how to deal with scientific ignorance is a political one; therefore, stopping large-scale technoscientific experiments such as climate engineering ‘simply due to the amount of unknowns (known and unknown) they are likely to produce must imperatively be recognized as a legitimate option.

Keywords: Wissen – Nichtwissen – Wissenschaft – epistemische Kulturen – epistemische Praktiken – Verantwortung – Handlungsspielräume

1 Einleitung: Die „Unzertrennlichkeit“ von Wissen und Nichtwissen

In seiner wegweisenden Studie über die „Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache“ formulierte Ludwik Fleck 1935 eine weitreichende wissenschaftstheoretische und -soziologische Einsicht, deren Brisanz über lange Zeit jedoch kaum wahrgenommen wurde. „[U]m eine Beziehung zu erkennen“, schrieb Fleck (1993: 44), „muß man manche andere Beziehung verkennen, ver←207 | 208→leugnen, übersehen“. Auf diese Weise sei „die Entdeckung mit dem sogenannten Irrtum unzertrennlich verflochten“ (ebd.). Dass man statt vom „sogenannten Irrtum“ ebenso gut von Ungewissheit, Unbestimmtheit und Nichtwissen sprechen kann, verdeutlicht eine neuere Formulierung des gleichen Sachverhalts durch Martin Seel (2009: 42): „ [W]enn etwas zu wissen bedeutet, etwas Bestimmtes zu wissen, so bedeutet es zugleich, anderes im Unbestimmten zu lassen.“ Bemerkenswert ist, dass Fleck und Seel hier nicht von korrigierbaren Fehlern ‚schlechter‘ Wissenschaft sprechen, die es versäumt habe, ihre Wissensbemühungen umfassend genug anzulegen, sondern von erkenntnistheoretischen Notwendigkeiten: Um etwas zu erkennen, muss man, so Fleck, anderes verkennen und übersehen; genau deshalb sind „Entdeckung“ und „Irrtum“, Wissen und Nichtwissen unzertrennlich miteinander verflochten. Dieses Nichtwissen erweist sich so als ein im Kern selbsterzeugtes, wenngleich zumeist unwissentlich und unbeabsichtigt hervorgebrachtes Nichtwissen der Wissenschaft.

An solche Überlegungen anknüpfend möchte ich im Folgenden die zunächst paradox erscheinende These begründen und erläutern, dass wissenschaftliche Ungewissheit und wissenschaftliches Nichtwissen einerseits ‚normal‘ und unvermeidlich sind, dass andererseits aber die Wissenschaft (wie auch die Wissenschaftspolitik) für dieses Nichtwissen (und seine möglichen Konsequenzen) dennoch Verantwortung trägt und übernehmen muss.1 Dass Nichtwissen nicht per se von Verantwortung für das eigene Handeln und dessen Folgen entlastet, besagt schon die populäre Maxime „Unwissenheit schützt vor Strafe nicht“. An diese Aussage schließt sich in der Regel aber einschränkend die – nicht selten höchst komplizierte – Frage an, ob die Betreffenden es denn überhaupt hätten besser wissen können, ob ihre Unwissenheit also vermeidbar war oder nicht. Denn moralische, politische oder rechtliche Verantwortung für die nicht-vorhergesehenen Folgen ihres Handelns oder Unterlassens wird sozialen Akteuren zumeist nur dann zugewiesen, wenn sie das entsprechende Wissen hätten erlangen können.2←208 | 209→ Das Ansinnen, sich auch für unvermeidliche Unwissenheit und deren Konsequenzen verantwortlich zu zeigen, mag daher zunächst als paradox oder sogar abwegig erscheinen, da man für ein nicht zu vermeidendes, also außerhalb des eigenen Einflussbereichs stehendes Geschehen üblicherweise Verantwortung weder übernehmen muss noch übernehmen kann. Wissenschaftliches Nichtwissen ist jedoch in einer sehr spezifischen, noch präziser zu klärenden Weise gleichzeitig unvermeidlich und vermeidbar, und aus diesem Grund erweist sich die Forderung, Verantwortung auch für unvermeidbares Nichtwissen zu übernehmen, als durchaus begründet und begründbar.

Im Folgenden möchte ich zunächst näher erläutern, inwiefern wissenschaftliches Nichtwissen sowohl vermeidbar als auch unausweichlich ist und aus welchen Gründen die Wissenschaft nicht einfach aus der Verantwortung für mögliche unerwünschte Folgen dieses Nichtwissens entlassen ist (Kap. 2). Daran anknüpfend werde ich exemplarisch skizzieren, wie die Wissenschaft durch ihre Erkenntnispraktiken gleichzeitig Wissen und Nichtwissen hervorbringt und inwieweit dabei dennoch Möglichkeiten eines reflexiven Umgangs mit dieser Problematik bestehen (Kap. 3). Abschließend möchte ich verdeutlichen, dass die (un-)vermeidbare Ko-Produktion von Wissen und Nichtwissen sowohl eine gesteigerte Selbstreflexivität der Wissenschaft als auch neue (wissenschafts-)politische Rahmensetzungen und gesellschaftliche Gestaltungsspielräume erfordert (Kap. 4).

2 Die (Un-)Vermeidbarkeit wissenschaftlichen Nichtwissens

Schon in frühen wissenschaftstheoretischen und -soziologischen Beobachtungen der sogenannten ökologischen Krise, das heißt der zunehmenden, wissenschaftlich-technisch erzeugten Natur- und Selbstgefährdungen moderner Gesellschaften, ist gelegentlich darauf hingewiesen worden, dass die Produktion und technische Anwendung wissenschaftlichen Wissens gleichzeitig Nichtwissen hervorbringt.3 Der Wissenschaftsforscher Jerry Ravetz etwa hielt bereits vor rund 30 Jahren fest, das selbsterzeugte „wissenschaftsbasierte Nichtwissen“ (science-←209 | 210→based ignorance) (Ravetz 1990: 1) nehme sogar „even more rapidly“ (Ravetz 1986: 423) zu als das Wissen. Dennoch sind die Gründe für dieses Phänomen einer „Ko-Produktion“ und wechselseitigen Steigerung von Wissen und Nichtwissen seither nur selten genauer untersucht worden. Bei einer solchen Analyse lassen sich zwei mögliche Zugänge unterscheiden:4 Zum einen kann man versuchen, die wechselseitige Konstitution von Wissen und Nichtwissen im Horizont einer allgemeinen Theorie des Wissens zu begründen, zum anderen kann man zu rekonstruieren suchen, wie in jeweils konkreten, historisch und sozial situierten epistemischen Praktiken zugleich Wissen und Nichtwissen erzeugt werden. Der erstere Zugang hat zwar den Vorteil, die Gleichzeitigkeit von Wissens- und Nichtwissensproduktion als konstitutiv für jegliche Erkenntnis ausweisen zu können und damit fragwürdigen Vorstellungen eines sicheren und vollständigen Wissens gleichsam ohne jede ‚Verunreinigung‘ durch Nichtwissen grundsätzlich den Boden zu entziehen.5 Allerdings bleibt eine solche Perspektive indifferent gegenüber der Vielfalt und Heterogenität epistemischer Praktiken in den Wissenschaften. Sie neigt aufgrund ihres Abstraktionsniveaus dazu, eine statische und deterministische Beziehung zwischen Wissen und Nichtwissen anzunehmen, so als würde jeder Wissensgewinn sich gleichsam automatisch und ‚spiegelbildlich‘ in einem komplementären Zuwachs des Nichtwissens niederschlagen. Vernachlässigt wird dabei, auf welch unterschiedliche Weise innerhalb der Wissenschaften Nichtwissen erzeugt, wahrgenommen und interpretiert wird sowie welche Möglichkeiten bestehen, auf diese Problematik reflexiv zu reagieren. Deshalb muss auf dem Abstraktionsniveau einer allgemeinen Theorie ‚des‘ Wissens die gleichzeitige Produktion von Nichtwissen nicht nur als grundsätzlich unvermeidbar, sondern auch als letztlich unbeeinflussbar erscheinen. Es ergibt in diesem Theorierahmen daher wenig Sinn, der Wissenschaft Verantwortung für ihr Nichtwissen zuzuweisen, und jeder Versuch der Wissenschaften, durch die Reflexion und Modifikation ihrer Erkenntnispraktiken Einfluss auf die Erzeugung von Nichtwissen zu nehmen, muss von vorneherein als aussichtslos gelten.←210 | 211→

Demgegenüber möchte ich, ausgehend von den schon erwähnten Überlegungen Martin Seels (2009), begründen, weshalb es für eine empirisch und politisch orientierte Wissenschaftsforschung geboten ist, die Gleichzeitigkeit von Wissen und Nichtwissen konkret und differenziert im Kontext je spezifischer epistemischer Praktiken zu untersuchen. Auch Seels Überlegungen setzen zunächst, ähnlich wie die Luhmanns, auf der Ebene einer allgemeinen Theorie des Wissens an. Demnach hat alles Bestimmte notwendigerweise eine „Kehrseite des Unbestimmten“, denn „[w]ir können Bestimmung ohne Beschränkung überhaupt nicht denken, geschweige denn erreichen“ (Seel 2009: 44). Jeder Akt des Erkennens und der Bestimmung schließt auf diese Weise eine komplementäre Unbestimmtheit mit ein. Wie Seel zu Recht betont, ist dies kein Defizit des Erkennens, das sich durch umfassenderes, genaueres Beobachten beheben ließe. Denn wer

überhaupt einen erkennenden Zugang zur Welt hat, hat einen beschränkten Zugang zu den Gegenständen seiner Erkenntnis, sonst hätte er überhaupt keinen Zugang. Für erkennende Wesen ist die Welt bestimmt und unbestimmt zugleich (Seel 2009: 44).

Diese allgemeinen Überlegungen münden bei Seel (2009: 47) in die Vorstellung eines „konstitutiven Nicht-Wissens“, das in einem „mit allem begrifflichen Wissen verbundenen, aber von den Wissenden nicht überschaubaren Horizont der Unbestimmtheit“ bestehe. Hiervon unterscheidet Seel (ebd.) jedoch ein „kontingentes Nicht-Wissen“, das zufällig entstanden oder durch eigenes Verschulden hervorgebracht worden sei, wobei er betont, die „Grenze“ zwischen diesen beiden Formen des Nichtwissens bleibe „oft genug vage“. Dies lässt sich zu einer weitergehenden These zuspitzen und präzisieren: Es besteht keine vorgegebene, objektive und unüberbrückbare Differenz zwischen dem gleichsam in der ‚Natur‘ des Erkennens liegenden konstitutiven Nichtwissen einerseits, dem durch äußere, situative, nicht zuletzt soziale Umstände bedingten kontingenten Nichtwissen andererseits. Vielmehr ist das vom Erkennen ‚unzertrennliche‘ und im Erkenntnisprozess miterzeugte Nichtwissen sowohl konstitutiv (unvermeidlich) als auch kontingent (das heißt: zumindest potenziell vermeidbar). Es sind die jeweiligen situativen Bedingungen und Praktiken des Erkennens, die je spezifischen „Erkenntnismittel“ (Seel 2009), die das konstitutive Nichtwissen in kontingenter Weise hervor- und zur Erscheinung bringen. Auch wenn Erkenntnis ohne Beschränkung, ohne Perspektivität grundsätzlich nicht zu erreichen ist, gilt dennoch: Worin die Beschränkung besteht und welche Perspektive eingenommen wird, ist von den jeweiligen situativen Umständen abhängig. Kontingenz bedeutet dabei mehr und anderes als lediglich Zufall und individuelles ‚Verschulden‘; kontingent sind vielmehr vor allem die gegebenen sozialen, kulturellen und technischen Voraussetzungen der←211 | 212→ Wissensproduktion, die Erkennen überhaupt erst ermöglichen, es zugleich aber auch begrenzen. Die jeweils eingespielten epistemischen Praktiken stellen

nicht nur Bedingungen der Möglichkeit von Erkennen dar, sondern auch Grenzen der Erkenntnis. Sie wirken als Filter des Wissen-Wollens und Wissens-Könnens, indem sie in der Forschungspraxis die Aufmerksamkeit, das Erkenntnisinteresse und die Intentionalität der Akteure […] ‚zurichten‘ (Sandkühler 2009: 169; Hervorhebungen im Original).6

Damit lässt sich die Frage nach der Vermeidbarkeit von und der Verantwortung für wissenschaftliches Nichtwissen auf differenziertere Weise stellen: Obwohl Unbestimmtheit und Nichtwissen die unhintergehbare, konstitutive Bedingung für die Erzeugung von Wissen bilden, ist es gleichzeitig von kontingenten, veränderlichen Faktoren wie eingespielten Forschungsroutinen, methodischen Standards oder theoretischen Hintergrundannahmen abhängig, was in einer gegebenen Situation gewusst und was nicht gewusst wird. Nichtwissen von bestimmten Ereignissen oder Zusammenhängen muss, anders gesagt, nicht prinzipiell unvermeidbar sein, sondern kann unter Umständen durch Reflexion auf die blinden Flecken der involvierten Erkenntnispraktiken erschlossen werden – wenn auch häufig ‚nur‘ als Möglichkeit, als hypothetischer ‚Raum‘ potenzieller, unbekannter Ereignisse, nicht als gesichertes Wissen dessen, was man nicht weiß. Vor diesem Hintergrund ist die Erwartung nicht vorschnell als naiv abzutun, die Wissenschaft könne und solle sich selbstreflexiv und verantwortlich mit ihrem selbsterzeugten Nichtwissen und dem unauflöslichen Zusammenhang zwischen Wissensgenerierung einerseits, der Erzeugung von Nichtwissen andererseits auseinandersetzen. In welcher Weise und inwieweit dies möglich ist, wird deutlicher sichtbar, sobald man detaillierter untersucht, wie durch epistemische Praktiken nicht nur Wissen, sondern zugleich auch Nichtwissen hervorgebracht wird.

3 Epistemische Praktiken: die Ko-Produktion von Wissen und Nichtwissen

Um die Möglichkeiten und Grenzen eines selbstreflexiven Umgangs der Wissenschaft mit ihrem selbst erzeugten Nichtwissen hinreichend zu erfassen, genügt es wie gesehen nicht, auf der Ebene einer allgemeinen Theorie des Wissens und des konstitutiven, unvermeidlichen Nichtwissens zu verbleiben. Notwendig ist←212 | 213→ vielmehr zu analysieren, wie das konstitutive Nichtwissen im historisch und sozial situierten Prozess des Erkennens als kontingentes Nichtwissen hervorgebracht wird sowie inwieweit Letzteres wahrgenommen, bearbeitet und kommuniziert wird oder aber latent, unerkannt und unthematisiert bleibt. Man kann sich der Untersuchung dieser Fragen in zwei Schritten annähern: Zunächst können grundlegende Elemente und Dimensionen des wissenschaftlichen Erkennens hervorgehoben werden, die sowohl zum Gewinn von Wissen als auch zur Erzeugung von Nichtwissen beitragen. Auf dieser Analyseebene sind vier allgemeine Dimensionen wissenschaftlicher Wissensproduktion besonders relevant: (a) die Perspektivität und Selektivität von Theorien, Denkmodellen, Begrifflichkeiten und Metaphoriken; (b) die Isolierung und Dekontextualisierung der Erkenntnisgegenstände im Labor oder in laborähnlichen Forschungssettings; (c) die Konstitution neuartiger, nicht-antizipierter Wirkhorizonte durch die Überprüfung und Anwendung von Wissen und wissensbasierten technischen Artefakten außerhalb des Forschungskontextes sowie (d) die Wahl der Forschungsfragen, -prioritäten und -ziele, die nicht nur durch „äußere“ Faktoren wie verfügbare Forschungsgelder oder zu erwartende Marktchancen beeinflusst wird, sondern auch durch wissenschaftsinterne Selektionsfilter wie die (oftmals nur scheinbar) unproblematische Bearbeitbarkeit mit den etablierten Forschungsmethoden.7

In einem anschließenden zweiten Analyseschritt lassen sich spezifische epistemische Praktiken daraufhin untersuchen, in welcher Weise sie einerseits Nichtwissen hervorbringen, andererseits aber auch einen reflektierten Umgang damit ermöglichen können. Unter dieser Perspektive können, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, die folgenden sechs Aspekte der Forschungspraxis identifiziert werden, die für eine Analyse des Zusammenhangs von Wissen und Nichtwissen als besonders aufschlussreich erscheinen:

(1) die räumlichen und zeitlichen Horizonte der Wissensgenerierung;

(2) die Reaktionen auf Überraschungen und unerwartete Ergebnisse;

(3) Art und Ausmaß der De- und Rekontextualisierung der epistemischen Objekte;

(4) der Umgang mit Komplexität;←213 | 214→

(5) die explizite Wahrnehmung, Bearbeitung und Kommunikation von Nichtwissen;

(6) die inter- und transdisziplinäre Offenheit eines Forschungsfeldes oder einer epistemischen Kultur.8

Wie schon die Analysen Ludwik Flecks (1993) zu verschiedenen „Denkstilen“ und „Denkkollektiven“ in der Wissenschaft gezeigt und spätere Arbeiten vor allem von Karin Knorr-Cetina (2002) zu „epistemischen Kulturen“ bestätigt und vertieft haben, gestalten die einzelnen Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen oder Forschergruppen diese Dimensionen ihrer Erkenntnispraxis nicht jeweils völlig neu und individuell. Vielmehr orientieren sie sich mehr oder weniger stark an impliziten oder expliziten Hintergrundannahmen, Standards und Routinen ihrer jeweiligen Disziplinen und Forschungsgebiete. Bei der Analyse der sechs Aspekte der Forschungspraxis und ihrer unterschiedlichen Ausprägungen geraten deshalb immer auch die jeweiligen epistemischen Kulturen oder Denkstile mit in den Blick. Dabei zeigt sich, dass epistemische Kulturen (oder Erkenntniskulturen) gleichzeitig Wissens- und Nichtwissenskulturen sind, weil sie mit dem Wissen immer auch in je spezifischer Weise Nichtwissen hervorbringen und dieses wahrnehmen, reflektieren, bearbeiten und kommunizieren – oder eben nicht wahrnehmen, reflektieren, bearbeiten oder kommunizieren.9

(1) Einen ersten thematisch relevanten Aspekt wissenschaftlicher Erkenntnispraktiken bilden die räumlichen und zeitlichen (Wahrnehmungs-)Horizonte, die den Praktiken der Wissensgenerierung und -validierung zugrunde gelegt beziehungsweise durch diese konstituiert werden: Wie lange und in welchen räumlichen Ausschnitten, in welchen Zeitintervallen und an welchen spezifischen Orten muss beobachtet werden, um zu Ergebnissen und Aussagen zu kommen, die als gesichert gelten können? Wie lange müsste man Nutzerinnen von Mobilfunk-Telefonen (und eine Kontrollgruppe von „Handy-Verweigerern“, die heutzutage kaum noch zu finden wäre) medizinisch beobachten, um Aussagen darüber←214 | 215→ treffen zu können, ob das mobile Telefonieren gesundheitliche Risiken mit sich bringt?10 Und wie groß müssten die beiden Gruppen sein? Über welchen Zeitraum und in welchem räumlichen Umkreis um ein sogenanntes Eisendüngungsexperiment im Ozean müssten Messungen und Beobachtungen angestellt werden, um sagen zu können, ob die Zufuhr des Metalls problematische Auswirkungen auf die maritimen Ökosysteme und Nahrungsketten hat – oder ob dies nicht der Fall ist? Wie oft müsste ein solches Experiment wiederholt werden? Offensichtlich spielen bei den entsprechenden Festlegungen auch forschungspragmatische Gegebenheiten und Zwänge wie die Verfügbarkeit von Zeit und finanziellen Ressourcen, von Testpersonen, Kontrollgruppen und Beobachtungsinstrumenten eine wesentliche Rolle. Gleichzeitig ist die Wahl der räumlichen und zeitlichen Beobachtungshorizonte aber immer auch Ausdruck der in einem Forschungsfeld, in einer epistemischen Kultur eingespielten Routinen, Standards und Normalitätsannahmen, die nicht jedes Mal aufs Neue überprüft und angepasst, sondern tradiert und extrapoliert werden.11 Nicht zuletzt fließen in die Bestimmung der Untersuchungshorizonte teils implizite, teils explizite Erwartungen hinsichtlich der mutmaßlichen Effekte ein, etwa in der medizinischen (Risiko-)Forschung mehr oder weniger verlässliche Annahmen über mögliche Nebenwirkungen und deren Latenz- und Inkubationszeiten (vgl. Fußnote 10).

Mit den jeweils gewählten zeitlichen und/oder räumlichen Beobachtungs- und Erwartungshorizonten, die der Wissenserzeugung zugrunde gelegt werden, wird unausweichlich zugleich Nichtwissen hervorgebracht: Alles, was ‚außerhalb‘ dieser Horizonte geschieht oder geschehen könnte, wird faktisch als irrelevant ausgegrenzt, es bleibt unbeobachtet und unerkannt oder wird allenfalls durch Zufall wahrgenommen. Dies mag auf den ersten Blick als nahezu trivial erscheinen,←215 | 216→ stellt aber dennoch eine der wichtigsten Dimensionen der Ko-Produktion von Wissen und Nichtwissen dar. Denn die zeitliche und räumliche Einschränkung der Untersuchungshorizonte ist in sehr elementarer Weise konstitutiv für jeglichen Wissensgewinn in dem von Seel (2009) ausgeführten Sinn, da man schon aus pragmatischen, aber auch aus erkenntnistheoretischen Gründen nicht alles, nicht zeitlich unbegrenzt und nicht überall beobachten kann. Wo die Grenzen der Beobachtung jeweils genau gezogen werden, ist jedoch kontingent und wesentlich von den jeweils etablierten Forschungsroutinen und Vorannahmen sowie von den verfügbaren Ressourcen abhängig. Epistemische Praktiken und Kulturen unterscheiden sich vor diesem Hintergrund nicht allein darin, wie eng oder weit sie ihre räumlichen und zeitlichen Beobachtungshorizonte jeweils anlegen, sondern besonders darin, inwieweit ihnen die Kontingenz und Selektivität der entsprechenden Festlegungen bewusst bleibt und inwieweit sie die Gründe dafür reflektieren und gegebenenfalls fallspezifisch modifizieren.

(2) Im Umgang mit Überraschungen und unerwarteten Versuchsergebnissen liegt ein zweiter Aspekt wissenschaftlicher Erkenntnispraxis, der für das Wechselspiel von Wissen und Nichtwissen von entscheidender Bedeutung ist.12 In vielen Forschungsgebieten und epistemischen Kulturen werden unvorhergesehene Resultate letztlich als Störungen des ‚eigentlichen‘ Wissensgewinns wahrgenommen, die es, beispielsweise durch die Variation des Versuchsaufbaus und der Randbedingungen, pragmatisch auszuschalten gelte, ohne den Gründen für die Überraschung systematisch nachzuforschen. Überraschungen können aber, im Sinne der Suche nach „liminalem Wissen“, auch als wichtige Erkenntnisquelle verstanden und←216 | 217→ sogar aktiv gesucht werden, um die eigenen methodischen Vorgehensweisen gezielt zu überprüfen und die zugrunde liegenden theoretischen Perspektiven zu erweitern. Insofern ist die von Fleck (1993: 40 ff.) diagnostizierte „Beharrungstendenz“ von Wissenssystemen, das heißt ihre Neigung, ‚unpassende‘ Ergebnisse entweder umzudeuten, als ‚Ausreißer‘ zu marginalisieren oder stillschweigend zu ignorieren, in gewissen Grenzen durchaus variabel. Die Verfügbarkeit von Zeit und finanziellen Ressourcen spielt auch in diesem Zusammenhang eine wesentliche Rolle dafür, welche Haltung eingenommen wird und werden kann (vgl. Kastenhofer 2015: 99 ff.). Vor allem aber ist die Unterschiedlichkeit der jeweiligen Erkenntnisziele von Bedeutung: Wenn die Forschung auf das möglichst umfassende Verständnis eines vielschichtigen und womöglich singulären Phänomens gerichtet ist, wird man sich in der Regel bemühen, alle denkbaren und beobachtbaren Einflussfaktoren mit einzubeziehen – wenngleich auch dadurch niemals ein ‚vollständiges‘ Bild entstehen wird. Besteht das Ziel hingegen darin, etwa für die Entwicklung eines neuen Medikaments einen bestimmten kausalen Wirkungszusammenhang aufzudecken, zu isolieren, experimentell zu stabilisieren und schließlich technisch zu reproduzieren, liegt es nahe, die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass mögliche ‚Störfaktoren‘ neutralisiert werden, ohne sie im Detail erforschen zu müssen und zu wollen.

(3) Hiermit eng verknüpft ist ein dritter für die Ko-Produktion von Wissen und Nichtwissen relevanter Aspekt wissenschaftlicher Erkenntnispraxis: die Art und der Grad der Dekontextualisierung und möglichen Rekontextualisierung der Forschungsgegenstände. In welcher Weise und in welchem Ausmaß werden die Forschungsgegenstände aus ihren jeweiligen räumlichen, zeitlichen und materialen Kontexten herausgelöst, und inwieweit wird versucht, sie später wieder in diese Bezüge ‚einzubetten‘, um Aussagen über ihr Verhalten und ihre Wirkungen in ihren Umwelten außerhalb des Forschungskontexts treffen zu können? Die Dekontextualisierung der Erkenntnisgegenstände ist eine grundlegende Erkenntnisstrategie vieler Forschungsbereiche und epistemischer Kulturen, keineswegs nur in den Naturwissenschaften. Die systematische Neutralisierung zufälliger, singulärer, bloß lokaler oder temporärer Einflüsse und Umweltbezüge soll verallgemeinerbare und reproduzierbare Ergebnisse ermöglichen (vgl. Bonß et al. 1993b: 181). Es ist dann allerdings damit zu rechnen, dass im Prozess der Wissenserzeugung „Ausblendungsverluste“ (Bonß et al. 1993a: 60) eintreten, die sich als problematisch erweisen können, wenn die im experimentellen ‚Reinraum‘ gewonnenen Erkenntnisse auf die spezifische Zusammenhänge außerhalb des Labors bezogen werden oder wenn im Labor erzeugte Artefakte ‚freigesetzt‘ werden ←217 | 218→(vgl. Tetens 2006).13 Epistemische Praktiken und Kulturen können danach unterschieden werden, inwieweit und mit welchen Mitteln sie versuchen, solche Verluste „möglichst gering zu halten“ (Bonß et al. 1993a: 60) oder sie durch Formen der Rekontextualisierung, also der systematischen Einbeziehung der potenziellen Anwendungskontexte auszugleichen. Wie Bonß et al. (1993b: 185) jedoch zu Recht hervorheben, wäre die Vorstellung einer gleichsam vollständigen Rekontextualisierung naiv. Dennoch können Versuche, gezielt die „Ausblendungsverluste“ im Hinblick auf mögliche Anwendungsfelder abzuschätzen, zumindest in ein „präziseres Unsicherheitsbewusstsein“ (Bonß et al. 1993a: 64 f.) und eine geschärfte Aufmerksamkeit für die durch Dekontextualisierung erzeugten blinden Flecken münden.

(4) Ein vierter bedeutsamer Aspekt liegt in dem unterschiedlichen Umgang epistemischer Praktiken und Kulturen mit der Komplexität der Erkenntnisbereiche. Ein hohes Komplexitätsbewusstsein stellt nicht nur die tendenziell unüberschaubare Vielfalt von Einflussfaktoren und die Dichte von Wechselwirkungen im untersuchten Gegenstandsbereich in Rechnung, sondern berücksichtigt weitere mit Komplexität in Verbindung zu bringende Effekte. Hierzu gehört vor allem der Umstand, dass minimale, kaum erkennbare und womöglich noch nicht einmal messbare Variationen in den Ausgangszuständen eines Phänomens im weiteren Verlauf des Geschehens erhebliche, kaum vorhersehbare Differenzen produzieren können.14 Einzelne Ereignisse lassen sich daher im „Reich der Komplexität“ (Küppers 2009: 141) selbst dann nicht hinreichend antizipieren, wenn man die allgemeinen Regelmäßigkeiten ihres Eintretens kennt. Zu Recht bemerkt Küppers daher, „im Komplexen“ existierten Wissen und Nichtwissen gleichzeitig und nebeneinander: „Obwohl man alles weiß, weiß man nichts.“ (Küppers 2009: 141)←218 | 219→

Entscheidend ist in dieser Situation deshalb, mit der Latenz und überraschenden Emergenz von Phänomenen sowie mit weiträumig verteilten und/oder zeitlich extrem verzögerten Wirkungen zu rechnen (vgl. Ewald 1998). In dieser Hinsicht lassen sich Erkenntnispraktiken und epistemische Kulturen danach unterscheiden, inwieweit sie sich auf theoretisch ermittelte Gesetzmäßigkeiten und (vermeintlich) klare und eindeutige empirische Befunde verlassen oder aber diese mit dem Bewusstsein wahrnehmen, dass sich ‚darunter‘ oder ‚dahinter‘ unerwartete und (noch) unerkennbare, da bisher noch nicht eingetretene und manifest gewordene Effekte verbergen könnten. Die Frage ist hier also nicht, wie epistemische Kulturen mit manifesten Überraschungen umgehen; von Interesse ist vielmehr, welche Folgerungen sie gleichsam aus dem Ausbleiben solcher Überraschungen ziehen: Bedeutet dies, dass alles ‚normal‘ und vorhersehbar verläuft? Oder kann nicht ausgeschlossen werden und muss deshalb in Rechnung gestellt werden, dass unerwartete, noch nicht sichtbare Effekte auftreten könnten und das gewonnene Wissen deshalb als vorläufig, lückenhaft und höchst ungewiss betrachtet werden muss?

(5) Wie die Problematik der Komplexität verdeutlicht, spielen die je unterschiedlichen Formen der expliziten Wahrnehmung und Kommunikation von Nichtwissen und Grenzen des Wissens eine entscheidende Rolle: Welche Definitionen und Deutungen des Nicht-Gewussten stehen in unterschiedlichen epistemischen Kulturen jeweils im Vordergrund, werden bearbeitet und kommuniziert?15 Um die Bandbreite der Möglichkeiten zu verdeutlichen, bieten sich drei Unterscheidungsachsen des Nichtwissens an, die ich an anderer Stelle ausführlich dargestellt habe (vgl. Wehling 2006: 116 ff.): a) das Wissen des Nichtwissens, b) die Intentionalität des Nichtwissens sowie c) dessen Zeitlichkeit oder Dauerhaftigkeit.

a) Nichtwissen kann zunächst unter dem Aspekt differenziert werden, ob und inwieweit von den handelnden Akteuren gewusst wird, was sie nicht wissen – oder ob auch dies sich ihrer Kenntnis entzieht. Im ersteren Fall des gewussten Nichtwissens (der sogenannten known unknowns) lassen sich gezielte Fragen stellen und Forschungsdesigns entwerfen, um die Wissenslücken zu schließen. Bei nicht-gewusstem oder unerkanntem Nichtwissen (den unknown unknowns) bleibt den Akteuren dagegen sowohl verborgen, was sie nicht wissen, als auch, dass sie etwas potenziell Wichtiges nicht wissen. Folgerichtig ist in der Regel auch unklar, wie, wann und wo man das möglicherweise fehlende Wissen erlangen könnte; häufig wird daher auch keinerlei Notwendigkeit gesehen,←219 | 220→ nach unbekannten Phänomenen zu forschen, die unter Umständen überhaupt nicht existieren (vgl. Heidbrink 2003: 29). Ihre wissenschaftliche wie politische Brisanz gewinnt diese Problematik in Situationen, in denen keine empirischen Anhaltspunkte für ein bestimmtes Ereignis oder einen bestimmten Wirkungszusammenhang vorliegen, etwa für Gesundheitsgefahren durch Mobilfunknutzung. Dennoch bleibt auch und gerade dann offen, ob man weiß, dass solche Nebenwirkungen nicht existieren, oder ob die fehlenden Indizien womöglich nur bedeuten, dass man bisher ‚an der falschen Stelle‘ gesucht oder die Suche zu früh abgebrochen hat. Es ist unhintergehbar interpretationsabhängig, ob wir in solchen Konstellationen „negativer Evidenz“ (Walton 1996: 140) über verlässliches Wissen verfügen („Telefonieren mit dem Handy ist ungefährlich“) oder unwissend und ahnungslos sind, weil wichtige Indizien bisher unserer Aufmerksamkeit entgangen sind (vgl. Walton 1996: 140).

b) Nichtwissen kann zudem danach unterschieden werden, inwieweit es auf das Handeln oder Unterlassen von sozialen Akteuren zugerechnet werden kann oder aber unvermeidbar ist, also auch bei Erschließung und Nutzung sämtlicher verfügbarer Wissensquellen unauflösbar gewesen wäre. Das Beispiel der fatalen Nebenwirkungen des Schlafmittels Contergan verdeutlicht diese Unterscheidungsachse: Waren die schweren Schädigungen menschlicher Föten bei der Markteinführung von Contergan völlig unvorhersehbar und deren Unkenntnis somit unvermeidbar? Oder hätte der Hersteller des Mittels sie vorher mithilfe umfangreicherer und sorgfältigerer Tests entdecken können oder sogar müssen? Wie sich hier zeigt, beinhaltet Intentionalität des Nichtwissens erheblich mehr als ‚nur‘ die bewusste und gezielte Weigerung von Akteuren, etwas Bestimmtes in Erfahrung zu bringen oder zur Kenntnis zu nehmen. Auch unzureichende Wissensbemühungen, Fahrlässigkeit oder begrenztes Erkenntnisinteresse kommen als sozial zurechenbare Gründe für Nichtwissen in Frage, ohne dass dahinter notwendigerweise ein ausdrückliches Nicht-Wissen-Wollen stehen muss. Es überrascht deshalb nicht, dass es (wie auch im Contergan-Fall) regelmäßig höchst umstritten ist, inwieweit bestimmten Akteuren die rechtliche, moralische oder politische Verantwortung für Nichtwissen und seine Folgen zugewiesen werden kann.

c) Schließlich kann Nichtwissen nach seiner zeitlichen Dauerhaftigkeit differenziert werden: Handelt es sich lediglich um ein vorübergehendes Noch-Nicht-Wissen, das schon bald durch Wissen ersetzt werden wird, oder hat man es mit einem lang anhaltenden, möglicherweise sogar gänzlich unüberwindbaren Nicht-Wissen-Können zu tun? Auch diese Unterscheidung bringt keine objektiven Charakteristika von Gegenständen des Wissens oder Nicht←220 | 221→wissens zum Ausdruck; die Zuschreibung von ‚Wissbarkeit‘ oder (prinzipieller)‚Nicht-Wissbarkeit‘ wird vielmehr von sozialen Akteure in kontingenter und häufig äußerst strittiger Weise vorgenommen: Werden wir jemals sicher wissen können (und wenn ja, wann), ob Versuche, den Strahlungshaushalt der Erde technisch zu beeinflussen (sogenanntes Solar Radiation Management), die erhofften Wirkungen haben werden und mit welchen unerwünschten Nebeneffekten dabei gerechnet werden muss?

Epistemische Kulturen unterscheiden sich vor diesem Hintergrund vor allem danach, ob sie ihr eigenes Nichtwissen vorwiegend als eingegrenztes, spezifiziertes und temporäres Noch-Nicht-Wissen wahrnehmen und kommunizieren oder ob sie die Möglichkeit unerkannten und unüberwindlichen Nichtwissens einräumen und in Rechnung stellen. Die „Temporalisierung“ des Nichtwissens (Bauman 1992: 295) zu einem bloßen Durchgangsstadium auf dem Weg zu sicherem Wissen war und ist zweifellos das dominierende Wahrnehmungsmuster in modernen Gesellschaften und der neuzeitlichen Wissenschaft, das mittlerweile aber dennoch nicht mehr ganz unumstritten und unangefochten ist (vgl. Beck/Wehling 2012). Relevante Differenzen zwischen epistemischen Kulturen können sich außerdem auch darin zeigen, in welchem Ausmaß sie ihre Wissenslücken als ‚unvermeidbar‘ auf die Intransparenz der Forschungsgegenstände zurechnen oder aber sie als einen zumindest potenziell und partiell vermeidbaren Effekt der eigenen Forschungspraktiken und theoretischen Vorannahmen begreifen.

(6) Wie schon Fleck (1993: 53) deutlich gemacht hat, sind Denkstile oder epistemische Kulturen aufgrund ihrer „Beharrungstendenz“ immer auch durch eine konstitutive „Harmonie der Täuschungen“ geprägt, die sie aus sich heraus nicht auflösen können. Deshalb besteht ein sechster relevanter Aspekt epistemischer Praktiken darin, inwieweit sie inter- oder transdisziplinär aufnahmebereit und -fähig für korrigierende Einflüsse von ‚außen‘ sind. Oben habe ich bereits darauf hingewiesen, dass das Erfahrungswissen nicht-wissenschaftlicher Akteure nicht selten ein wichtiges Korrektiv darstellt, um blinde Flecken bestimmter wissenschaftlicher Sichtweisen aufzudecken oder sogar Wissenslücken zu schließen (vgl. Frickel et al. 2010 sowie mit Blick auf die Medizin Wehling et al. 2015). Eine solche Funktion können andere wissenschaftliche Erkenntniskulturen oder Forschungsgebiete ebenfalls übernehmen, wenngleich es nicht ohne weiteres möglich ist, Fragestellungen, Hypothesen oder Erkenntnisse aus einer wissenschaftlichen Disziplin in eine andere ‚einzubauen‘. Dennoch sollten, so Sandkühler (2009: 69), die innere Homogenität und wechselseitige Inkompatibilität epistemischer Kulturen nicht überschätzt werden; auch Fleck (1993: 142 ff.) hat ausdrücklich auf die Möglichkeit des „interkollektiven Denkverkehrs“, das heißt des Kontakts←221 | 222→ und Austausches zwischen unterschiedlichen Denkstilen hingewiesen. Dessen „wichtigste erkenntnistheoretische Bedeutung“ sah er in der Umgestaltung und Veränderung eines gegebenen Denkstils, wodurch „neue Entdeckungsmöglichkeiten“ eröffnet und „neue Tatsachen“ geschaffen würden (Fleck 1993: 144). Die Wissenschaftsgeschichte kennt zahlreiche Beispiele für die oft sehr produktive Interaktion verschiedener Disziplinen und Wissenschaftsbereiche, etwa in Form von Theorietransfers oder Methodenimporten. Solche Effekte sollten vor allem dann zu erwarten sein, wenn verschiedene Forschungsrichtungen in inter- oder transdisziplinär strukturierten Feldern agieren und dabei mit konkurrierenden Sichtweisen oder kontrastierenden Befunden konfrontiert sind, wie es etwa bei der Risikoforschung zu großtechnischem Climate Engineering der Fall ist (vgl. Szerszynski/Galarraga 2013). Gerade in solchen Kontexten können epistemische Praktiken und Kulturen darin divergieren, bis zu welchem Grad und in welcher Weise sie sich von anderen Wissensbereichen irritieren lassen und deren Fragestellungen oder Ergebnisse nutzen, um die eigenen Vorannahmen, Routinen und eingespielten Wahrnehmungshorizonte zu überprüfen.

4 Verantwortung für das Unvermeidliche: Handlungsspielräume in Wissenschaft, Politik und Gesellschaft

Der Blick auf diese Erkenntnispraktiken und ihre jeweiligen Ausprägungen in unterschiedlichen epistemischen Kulturen macht zweierlei sichtbar: Zum einen wird durch die räumlich-zeitliche Fokussierung der Beobachtung, durch De- und Rekontextualisierung der Forschungsgegenstände, durch den jeweiligen Umgang mit Überraschungen sowie durch die Reduktion von Komplexität nicht nur Wissen, sondern unausweichlich auch Nichtwissen hervorgebracht. Zum anderen zeigt sich aber, dass die Form und das Ausmaß, in dem dies geschieht, durchaus beeinflussbar sind: Die skizzierten epistemischen Praktiken bieten mehr oder weniger große Spielräume, reflexiv auf die Ko-Produktion von Wissen und Nichtwissen zu reagieren. Dies kann und darf allerdings nicht dazu verleiten, gleichsam durch die Hintertür die falsche, idealisierende Vorstellung wieder einzuführen, die Wissenschaft könne durch eine Kombination optimaler Forschungspraktiken die Erzeugung von Nichtwissen am Ende doch vollständig vermeiden. Welche Erkenntnisstrategien auch immer gewählt werden, gänzlich verhindern lässt sich niemals, dass im und durch den Prozess der Wissensproduktion, wenn auch in variablen Formen und Graden, zugleich Unbestimmtheiten, Wissenslücken und blinde Flecken hervorgebracht werden.←222 | 223→

Deshalb ist es nicht nur von Seiten der Wissenschaftsforschung, sondern auch der Wissenschaftspolitik zwingend geboten, die Unvermeidlichkeit der Ko-Produktion von Wissen und Nichtwissen in aller Deutlichkeit hervorzuheben und öffentlich zu kommunizieren (vgl. Douglas 2015; Nielsen/Sørensen 2017). Andernfalls könnten sich sowohl problematische gesellschaftliche Erwartungen an eine vermeintlich ‚allwissende‘ Wissenschaft als auch unbegründete Autoritätsansprüche und fragwürdige Allmachtsphantasien in der Wissenschaft selbst etablieren oder – wo sie bereits bestehen – sich weiter verfestigen. Dabei ist, um dies nochmals zu unterstreichen, die Gleichzeitigkeit von Wissen und Nichtwissen, von Bestimmtheit und Unbestimmtheit, kein Kennzeichen ‚schlechter‘ Forschung – oder, wie manchmal nahegelegt wird, charakteristisch nur für eine ‚vorsintflutliche‘, unzureichend ausgestattete Wissenschaft, wie sie in der Vergangenheit betrieben wurde. Das Wechselspiel von Wissen und Nichtwissen ist auch durch noch komplexere und umfassendere Methoden der Messung, Datensammlung und -auswertung (Big Data etc.) nicht auflösbar, sondern – aus den in Kap. 2 erläuterten Gründen – konstitutiv für jegliche Wissensproduktion und insofern unvermeidbar. Und dennoch kann dies kein Grund sein, die Wissenschaft (und die Wissenschaftspolitik) aus ihrer Verantwortung für dieses Nichtwissen und seine mitunter katastrophalen Folgen (z. B. in Fällen wie FCKW, Contergan, DDT etc.) zu entlassen.

Das Postulat der Verantwortung für das Unvermeidliche kann sich auf zwei wichtige Einsichten stützen:

a) Erstens steht keineswegs fest, dass alle Wissenslücken und blinden Flecken, die zunächst als unvermeidbar erscheinen mögen, auch tatsächlich unvermeidbar waren. Unter Umständen hätte sich Nichtwissen bei größerer reflexiver Distanz zu den im eigenen Forschungsfeld eingespielten, als selbstverständlich geltenden Methoden, Standards und Routinen sowie bei selbstkritischer Überprüfung der eigenen Vor- und Hintergrundannahmen durchaus vermeiden oder zumindest reduzieren lassen (vgl. Kirk 1999 zum Contergan-Fall). Ludger Heidbrink hat bei seinen Überlegungen zur Verantwortbarkeit von nicht-intendierten und nicht-antizipierten Handlungsfolgen allerdings einschränkend argumentiert, zusätzliche, risikovermindernde Wissenssuche müsse den betreffenden Akteuren nicht nur möglich, sondern auch zumutbar sein, um ihnen in legitimer Weise Verantwortung für ihr Nichtwissen zurechnen zu können (vgl. Heidbrink 2013: 126 f.). In der Regel existieren jedoch keine eindeutigen und objektivierbaren Kriterien für die Zumutbarkeit von Wissensbemühungen; Zeitknappheit, hohe Kosten oder mögliche Wettbewerbsnachteile sind jedenfalls keine Faktoren, wodurch entsprechende Aktivitäten per se unzumutbar etwa für Wirtschaftsunternehmen←223 | 224→ oder Forschergruppen würden. Denn dies würde bedeuten, es sei legitim, wirtschaftlichen Profit oder Vorteile in der wissenschaftlichen Konkurrenz durch die Externalisierung der mit (möglicherweise vermeidbarem) Nichtwissen einhergehenden Risiken zu erzielen.16

Mit Blick auf die Wissenschaft wird in diesem Zusammenhang deutlich, dass die Frage nach der Zumutbarkeit einer reflexiven Erkenntnispraxis, die der Möglichkeit selbst erzeugten und unerkannten Nichtwissens Rechnung trägt, auch eine Frage der politischen Gestaltung von Zielen und Rahmenbedingungen der Forschung ist: Solange die Aufgabe der Wissenschaft vorrangig oder ausschließlich darin gesehen wird, möglichst schnell möglichst viel neues und (nach den gängigen Standards) gesichertes Wissen zu produzieren, und solange nur dieses Ziel durch Forschungsgelder oder akademische Reputation prämiert wird, wird die Forderung, verantwortlich und selbstreflexiv auch mit dem selbst erzeugten eigenen Nichtwissen umzugehen, den wissenschaftlichen Akteuren in der Tat als unzumutbare Zeitverschwendung erscheinen. Hierauf muss Wissenschaftspolitik mit einer tiefgreifenden Umstrukturierung von Forschungsprogrammen, institutionellen Rahmenbedingungen und innerwissenschaftlichen Belohnungsmechanismen reagieren, um die zeitlichen, finanziellen wie intellektuellen Frei- und Spielräume zu schaffen, die eine selbstreflexive Gestaltung der Ko-Produktion von Wissen und Nichtwissen ermöglichen. Die Wissenschaftspolitik muss sich dabei von der fragwürdigen modernistischen Erwartung lösen, die Forschung solle immer mehr technologisch nutzbares Wissen und wirtschaftlich verwertbare Innovationen zur Verfügung stellen. Erforderlich ist vielmehr ein ‚risikogesellschaftlich‘ reflektiertes Verständnis der gesellschaftlichen Rolle und Implikationen von Wissenschaft, das diese darauf verpflichtet, sich nicht ausschließlich auf die Produktion positiven Wissens zu konzentrieren, sondern sich gleichrangig auch mit dessen Schattenseite, dem selbst erzeugten Nichtwissen und den damit potenziell verbundenen sozialen, technologischen und ökologischen Risiken auseinanderzusetzen (vgl. Jaeger/Scheringer 2009). Denn nicht mehr primär die (häufig nur vermeintliche) Überlegenheit des wissenschaftlichen Wissens gegenüber anderen Wissensformen, sondern die „Ungewißheit wissenschaftlicher Kenntnisse selbst“ (Ewald 1998: 20) erweist sich als Charakteristikum der gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation.←224 | 225→

b) Nach den Überlegungen in den Kapiteln 2 und 3 wäre es gleichwohl naiv und kurzschlüssig, primär oder sogar ausschließlich an die einzelnen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler oder die einzelne Forschergruppe die Erwartung zu richten, das durch ihre Arbeit miterzeugte Nichtwissen zu erschließen und vollständig offen zu legen – also unerkanntes Nichtwissen wenn schon nicht in Wissen, so doch mindestens in erkanntes Nichtwissen umzuwandeln. Nicht nur würde diese Forderung erneut in die Nähe der illusorischen Vorstellung geraten, sämtliches Nichtwissen ließe sich durch ‚bessere‘ Forschung aufdecken oder gar eliminieren. Vor allem aber wären, gerade bei potenziell folgenreichen realexperimentellen Interventionen in die natürliche oder soziale Welt (von der Freisetzung von Nanopartikeln oder genmodifizierten Organismen bis zum großformatigen Geo-Engineering), die betreffenden Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen mit der Aufgabe völlig überfordert, die weiträumigen und langfristigen Konsequenzen dieser Eingriffe zu antizipieren und zu kontrollieren. Was wissenschaftliche Arbeitsgruppen gleichwohl tun können und tun sollen, ist, sich ein „präziseres Unsicherheitsbewusstsein“ (Bonß et al. 1993a: 64 f.) im Hinblick auf die durch ihre eigene Forschung hervorgebrachten Ungewissheiten und blinden Flecken zu erarbeiten: Wo liegen problematische, im Forschungsgebiet unreflektiert tradierte theoretische Setzungen? Welche impliziten, möglicherweise fragwürdigen Vorannahmen und Extrapolationen sind in etablierte Methoden, Beobachtungsinstrumente oder Messverfahren eingeflossen? In welchen Räumen, Zeithorizonten und Kontexten sollte man auf unerwartete Effekte gefasst sein? Die Beantwortung derartiger Fragen ist indessen nur begrenzt möglich, da ein Denkstil, eine epistemische Kultur sich immer nur partiell selbst beobachten kann; dennoch können solche selbstreflexiven Bemühungen hilfreich sein, um gesellschaftlich angemessene Reaktionen auf die Problematik des wissenschaftlichen Nichtwissens zu finden.

Als weitere Konsequenz ergibt sich hieraus: In dem Maße, wie der Umgang mit wissenschaftlich erzeugtem Nichtwissen und die Verantwortung für dessen Folgen den Horizont wie auch die Fähigkeiten der Wissenschaften übersteigen, müssen sie als öffentliche Angelegenheit und politisch-gesellschaftliche Aufgabe begriffen werden. Dies beinhaltet zunächst (wie es in der EU ansatzweise im Fall der landwirtschaftlichen Gentechnik geschehen ist), geeignete politisch-rechtliche Regulierungen und adäquate Beobachtungshorizonte für nicht-antizipierte, aber während der Nutzung und ‚Freisetzung‘ wissenschaftlich-technisch erzeugter Objekte möglicherweise eintretende negative Effekte zu schaffen.

Wenn aber die Verantwortung für die Beobachtung und Kontrolle der möglichen Folgen wissenschaftlichen (Nicht-)Wissens zu einem wesentlichen Teil auf←225 | 226→ Politik und Gesellschaft übergeht, muss dies auch bedeuten: Die demokratischen Mitsprache- und Entscheidungsmöglichkeiten der Gesellschaft über die Richtung wissenschaftlicher Forschung und besonders über den Einstieg in risikoreiche, mit einem hohen Ausmaß an Nichtwissen verbundene Großexperimente müssen erheblich gestärkt und ausgeweitet werden. Dies schließt ein, die unterschiedlichen gesellschaftlichen Wahrnehmungen und Bewertungen des wissenschaftlich erzeugten Nichtwissens als gleichermaßen legitim und begründet anzuerkennen: Der Wissenschaft kommt deshalb keine ultimative Deutungshoheit darüber zu, ob man es mit bloß vorübergehendem oder dauerhaftem Nichtwissen, mit unvermeidlicher oder vermeidbarer Unkenntnis, mit begrenzten Wissenslücken oder mit tiefer Ahnungslosigkeit zu tun hat. Erst diese Anerkennung von pluralen, gleichberechtigten Nichtwissens-Deutungen schafft den Raum für offene gesellschaftliche Auseinandersetzungen und politische Entscheidungen über die Implikationen von und den Umgang mit wissenschaftlichem Nichtwissen. Ausdrücklich müssen diese Entscheidungen es als legitime Möglichkeit einbeziehen, wissenschaftlich-technische Entwicklungen oder Großexperimente ‚nur‘ deshalb abzubrechen oder gar nicht erst zu beginnen, weil das dabei absehbar erzeugte Nichtwissen zu große und unkontrollierbare Ausmaße anzunehmen droht (vgl. mit Blick auf Geo-Engineering Winter 2011).

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1 Der Begriff der Verantwortung ist in den letzten Jahren kritisch und kontrovers diskutiert worden (vgl. z. B. Heidbrink 2003; Vogelmann 2014; Buddeberg 2016). Darauf kann ich hier nicht eingehen; vor dem Hintergrund von Beispielen wie dem „Ozonloch“ und dem „Contergan-Skandal“ halte ich jedoch die Erwartung für legitim, dass Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen sowie das soziale Feld der Wissenschaft insgesamt Verantwortung für die (negativen) Folgen wissenschaftlicher Aktivitäten zeigen – und damit auch für die weitestmögliche Vermeidung solcher Negativeffekte.

2 So argumentiert auch Ludger Heidbrink in seinem Beitrag „Nichtwissen und Verantwortung“ (2013: 126): „Nichtwissen ist keine Entlastungskategorie. Es schließt nicht die Zurechnung von Handlungsfolgen aus, sondern nur derjenigen Handlungsfolgen, die außerhalb des etablierten Wissens- und Aufmerksamkeitshorizont [sic!] liegen und auf einem unvermeidbaren Nichtwissen beruhen.“ (Hervorhebungen im Original) Vgl. ähnlich auch Ewald (1998: 18).

3 Unter wissenschaftlichem Wissen verstehe ich ganz allgemein eine Erkenntnis über einen spezifischen Gegenstand oder Gegenstandsbereich, die durch als wissenschaftlich geltende epistemische Praktiken gewonnen worden ist. Damit unterstelle ich nicht, dass eine solche Erkenntnis eine irgendwie geartete „objektive Wahrheit“ über diesen Gegenstand zum Ausdruck brächte (vgl. Wehling 2009).

4 Vgl. zum Folgenden ausführlicher Wehling (2015: 30 ff.).

5 Ein zumindest in der deutschsprachigen Diskussion sehr prominentes und einflussreiches Beispiel für einen solchen Zugang findet sich in den Arbeiten von Niklas Luhmann (bes. 1992, 1995). Hierbei wird Nichtwissen als die „andere Seite“ des Wissens begriffen, die mit jeglichem Wissen untrennbar verbunden ist und deshalb durch weiteren Wissensgewinn nicht zum Verschwinden gebracht, sondern nur beständig reproduziert wird. Auf Luhmanns Konzeption kann ich an dieser Stelle nicht näher eingehen; für eine kritische Darstellung vgl. Wehling (2006: 187 ff.).

6 Vgl. auch Kourany (2015) aus der Perspektive feministischer Wissenschaftsphilosophie, Elliott (2015) mit Blick auf Umwelt- und Agrarforschung sowie Paulitz (2017) aus Sicht der feministischen Wissenschafts- und Technikforschung.

7 Diese allgemeinen Dimensionen der Ko-Produktion von wissenschaftlichem Wissen und Nichtwissen habe ich an anderer Stelle ausführlich behandelt (Wehling 2006: 259 ff.); an dieser Stelle muss ich auf eine nochmalige detaillierte Darstellung verzichten.

8 Diese sechs Aspekte sind im Rahmen des durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) von 2003 bis 2007 an der Universität Augsburg geförderten Forschungsvorhabens „Nichtwissenskulturen“ herausgearbeitet worden (vgl. Wehling/Böschen 2015). Zum Folgenden vgl. ausführlicher Wehling (2015: 43 ff.).

9 Sehr allgemein können unter epistemischen Kulturen die für ein bestimmtes Forschungs- oder Wissensgebiet charakteristischen Praktiken der Wissenserzeugung und -bewertung verstanden werden; vgl. dazu ausführlicher Knorr-Cetina (2002) und Sandkühler (2014); zu Nichtwissenskulturen vgl. zuletzt Böschen et al. (2010) sowie die Beiträge in Wehling/Böschen (2015), besonders Kastenhofer (2015) und Wehling (2015).

10 Vgl. mit Blick auf einen möglichen Zusammenhang von Hirntumoren und Mobilfunkstrahlung Hardell et al. (2013: 512, Box 21.1): „For cancer, particularly the solid tumours like brain cancers in contrast to cancers of the blood, such as leukemia, the latency period can be from 15–45 years on average, depending on age at exposure, type and intensity of exposure etc. This means that any study of cancer has to be at least as long as the average latent period for the tumour being studied before there will be any clear evidence of a cancer risk.“

11 Anders als Paulitz (2017: 191 ff.) annimmt, beinhalten epistemische Kulturen nicht allein die lokalen Forschungsroutinen im Mikrokosmos eines Labors oder einer Arbeitsgruppe. Vielmehr fließen in diese lokalen epistemischen Praktiken immer auch übergreifende gesellschaftliche und kulturelle Prägungen ein, nicht zuletzt Geschlechterhierarchien, wenn etwa die Wirksamkeit und die Nebenwirkungen von Medikamenten über lange Zeit fast ausschließlich an männlichen Versuchspersonen getestet wurden (vgl. Kourany 2015: 157 f.).

12 Diese Dimension spielt auch in Knorr-Cetinas (2002) Gegenüberstellung von Molekularbiologie und Hochenergiephysik eine wichtige Rolle und verdeutlicht, wie sehr epistemische Kulturen zugleich Nichtwissenskulturen sind. Eine zentrale Erkenntnisstrategie der Hochenergiephysiker bestehe darin, „liminales Wissen“ zu gewinnen, das heißt Wissen über ihr Nichtwissen und die Grenzen ihres Wissens. Dabei definiere die Hochenergiephysik die Störungen positiven Wissens „in Begriffen der Beschränkung ihrer eigenen Apparatur und ihres Ansatzes“ (Knorr-Cetina 2002: 95; Hervorhebung im Original). Dagegen reagiere die Molekularbiologie auf unerwartete und unerklärbare experimentelle Ergebnisse mit einer Strategie der „blinden Variation in Kombination mit natürlicher Selektion“ (ebd.: 135). „Blind“ oder zumindest „halb blind“ sei diese Variation, weil sie nicht auf dem Versuch basiere, die entstandenen Probleme theoretisch zu verstehen (ebd.: 135; 155 f.). Vielmehr verändern die Forscherinnen die Versuchsanordnungen so lange, bis sie brauchbare, tragfähige Ergebnisse liefern, ohne den Gründen für das vorangegangene Scheitern besondere Aufmerksamkeit schenken zu wollen oder (aus zeitlichen und finanziellen Gründen) zu können.

13 Hierin ist einer der wesentlichen Gründe dafür zu sehen, dass lokales, kontextspezifisches Wissen (häufig von wissenschaftlichen ‚Laien‘) sich in nicht wenigen Situationen gegenüber dem dekontextualisierten und generalisierten wissenschaftlichen Wissen als gleichwertig oder sogar überlegen erweist (vgl. Wynne 1996; Kleinman/Suryanarayanan 2013; Bonneuil et al. 2014). Solche erfahrungsbasierten Wissensformen beruhen auf der detaillierten, langjährigen Beobachtung spezifischer, singulärer Kontexte und ihrer Besonderheiten, von denen das wissenschaftliche Wissen gerade abstrahiert. Daher besteht ein wesentliches Unterscheidungskriterium epistemischer Kulturen auch darin, inwieweit sie bereit sind, Formen nicht-wissenschaftlichen, kontextspezifischen Wissens als relevant anzuerkennen oder sogar aufzugreifen (vgl. unten Punkt vi).

14 Anders als bei der Problematik von De- und Rekontextualisierung geht es hierbei nicht um die je unterschiedlichen Verhältnisse innerhalb und außerhalb des Laborkontextes, sondern um Phänomene, die sowohl im Labor als auch im Feld auftreten können.

15 Vgl. zur Kommunikation von wissenschaftlicher Ungewissheit und Nichtwissen u. a. Nielsen/Sørensen (2015), Janich/Simmerling (2015).

16 Die „unterlassene Einführung riskanter Marktprodukte“ (Heidbrink 2013: 127) durch ein Wirtschaftsunternehmen mag tatsächlich zu einem Wettbewerbsnachteil oder gar einer „unverhältnismäßigen Schlechterstellung“ (ebd.) des Unternehmens führen. Allerdings kann daraus wohl kaum ein Freibrief abgeleitet werden, solche Produkte vorschnell auf den Markt werfen zu dürfen.