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Unsicherheit als Herausforderung für die Wissenschaft

Reflexionen aus Natur-, Sozial- und Geisteswissenschaften

Series:

Edited By Nina Janich and Lisa Rhein

Das Buch präsentiert eine disziplinäre Vielfalt an Perspektiven auf Unsicherheit in der Wissenschaft. Schwerpunkte sind Klimaforschung, Umweltwissenschaft und Technikfolgenabschätzung. Die Beiträge diskutieren Gründe und Folgen wissenschaftlicher Unsicherheit und einer entsprechenden Verantwortung der Wissenschaft. Vertreten sind Kommunikationswissenschaft, Linguistik, Philosophie, Politikwissenschaft, Soziologie und Volkswirtschaftslehre sowie Chemie und Klimawissenschaft.

Der Band dokumentiert die ungewöhnliche Kooperation zweier Schwerpunktprogramme der Deutschen Forschungsgemeinschaft – «Wissenschaft und Öffentlichkeit» und «Climate Engineering: Risks, Challenges, Opportunities?» –, die sich auf einer Tagung an der TU Darmstadt mit weiteren WissenschaftlerInnen zu Austausch und kritischer Reflexion getroffen haben.

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Aus Unsicherheit lernen? Die hermeneutische Dimension unsicherer Zukünfte (Armin Grunwald)

Armin Grunwald (Karlsruhe)

Aus Unsicherheit lernen? Die hermeneutische Dimension unsicherer Zukünfte

Abstract: Uncertain knowledge is wide-spread in many areas of sciences. It is usually regarded as a kind of scandalon or, less pathetic, as motivation for complains and an imperative to produce more and better knowledge in order to reduce or overcome uncertainty. Uncertainty is a pejorative notion in the Western civilization characterized by scientific reasoning and the technological advance. While the uncertainty of knowledge is a general issue in the sciences it shows specific characteristics in the field of prospective knowledge, in particular in the field of technology assessment. Strategic planners, managers and policy-makers often ask for certain or at least reliable knowledge as basis of planning and decision-making. In spite of the fact that this is understandable in many cases I will consider the other side of the coin in this contribution and ask for the possible positive value of uncertainty. By uncovering specific limitations to the certainty of prospective knowledge and identifying different modes of orientation I will demonstrate that this value lies (a) in maintaining the awareness of the openness and malleability of societal futures instead of slipping into a deterministic understanding of history, and (b) in opportunities for learning in several respects. It turns out that a hermeneutic view on prospective knowledge supports regarding uncertainty not only as a deficient type of knowledge but also as a chance.

Keywords: Unsicherheit – Zukunftswissen – Technikfolgenabschätzung – Szenario – Hermeneutik – Orientierungsmodi – Technikzukünfte

1 Fragestellung und Überblick

Üblicherweise wird über die Unsicherheit des Wissens in einem bedauernden Tonfall gesprochen. Insbesondere wenn es um Zukunftswissen geht, wird vielfach beklagt, dass Vorhersagen in diesem oder jenem Bereich schwierig, riskant oder gänzlich unmöglich seien. Dieser Klageton wird zum einen von Planern und Entscheidungsträgern in Politik und Wirtschaft angestimmt, zum anderen aber auch in denjenigen Wissenschaften, die, z. B. über Modellierung und Simulation, dieses schwierig zu erzeugende Zukunftswissen bereitstellen und dabei mit den Unsicherheiten direkt konfrontiert sind.

Dieser Beitrag wendet sich den lamentationes seitens der Wissenschaften zu und konzentriert sich auf unsicheres Zukunftswissen. Die erste Anfangs←231 | 232→these ist, dass hinter den Klagen ein doppeltes Verständnis von Unsicherheit des Wissens steht, verteilt auf die Ebenen der Beschreibung und Bewertung. Offenkundig ist die Rede von der Unsicherheit des Wissens zunächst deskriptiv zu verstehen. Sie beschreibt eine fast alltägliche Erfahrung. Wissen ist eben einfach vielfach unsicher – diese auf Erfahrung beruhende Beschreibung reicht von lebensweltlichen Einschätzungen, die regelmäßig daneben liegen, über den täglichen Wetterbericht und die volkswirtschaftlichen Konjunkturaussichten bis hin zu den großen Fragen des demographischen Wandels oder der nachhaltigen Entwicklung.

Beschreibungen alleine sind jedoch noch keine Klage. Die Unsicherheit des Wissens über ihre reine Diagnose hinaus zu beklagen, bedarf eines normativen Grundes, relativ zu dem sie als beklagenswert bewertet werden kann. Erst die Bewertung der Unsicherheit des Wissens als minderwertig und zu überwindend führt zu den lamentationes und zu Erwartungen, dass neue Methoden der Wissenschaften wie Big-Data-Verfahren oder neue Algorithmen es erlauben werden, dem Missstand, man möchte fast sagen, dem ‚Skandal‘ der Unsicherheit des Wissens wenigstens ein Stück weit zu Leibe zu rücken.

Die normative Basis, die es erlaubt, die deskriptive Diagnose der Unsicherheit in eine Klage zu verwandeln, hängt, und dies ist die zweite Ausgangsthese des Beitrags, mit dem Selbstverständnis der modernen Wissenschaften zusammen. In einer wissenschaftlich-technisch geprägten Gesellschaft ist ‚unsicher‘ grundsätzlich negativ konnotiert und wird als Defizit wahrgenommen, als ein „Noch-nicht-Wissen“ oder ein „Noch-nicht-genug-Wissen“. Wissenschaften sollen Wissen schaffen und sich mit Unsicherheiten des Wissens nicht zufrieden geben. Das Ideal der Sicherheit ist tief verankert und deklariert Unsicherheit als Störfaktor und als ‚minderwertig‘. Auch wenn Unsicherheiten offen angesprochen und zugegeben werden, geschieht dies zumeist im Modus des Bedauerns, dass die Wissenschaft „noch nicht“ weiter ist – dass aber Hoffnung bestehe, dies zu ändern, z. B. durch neue Methoden. Hier schließt sich zwanglos die Diagnose weiteren Forschungsbedarfs zur Reduktion von Unsicherheit an.

Gilt dies für unsicheres Wissen generell, so stellen sich Unsicherheiten in Bezug auf Zukunftswissen in besonderer Weise dar. Denn wir können bekanntlich nur (halbwegs sicher) das für die Zukunft prognostizieren, was heute schon (hinreichend gut) feststeht (vgl. Urban 1973). Prognostizierbarkeit im Sinne eines verlässlichen Zukunftswissens funktioniert für determinierte Verläufe wie z. B. in der Himmelsmechanik, nicht aber für offene Entwicklungen, wie sie den gesellschaftlichen Bereich prägen: Hier hängen zukünftige Entwicklungen davon ab, wie Menschen sich entscheiden oder wie Konstellationen←232 | 233→ sich ändern, z. B. nach demokratischen Wahlen mit Mehrheitswechseln.1 Das wissenschaftliche Ideal der Sicherheit in diesem Feld würde letztlich ein deterministisches Geschichtsverständnis implizieren und damit kausal bedingte Gesetzmäßigkeiten annehmen statt Gestaltbarkeit nach Zielen und Zwecken. Umgekehrt, wenn man letzteres hoch halten will, geht die Klage über die Unsicherheit des Zukunftswissens in die Leere, denn dann ist Unsicherheit über die Zukunft kein zu überwindendes Defizit, sondern Ausdruck der Offenheit der Zukunft und damit auch ihrer wenigstens teilweisen Gestaltbarkeit. Die Wünsche nach (möglichst großer) Sicherheit des Zukunftswissens und nach der (möglichst weitgehenden) Gestaltung der Zukunft nach Maßgabe von Wissen und Werten schließen sich gegenseitig aus, wenn sie auf das gleiche Feld bezogen werden. Hier kommt es zu einer Paradoxie: Wissenschaft soll einerseits zur Gestaltung der Welt beitragen, negiert aber ihre Gestaltbarkeit, wenn sie auf sicheres Zukunftswissen setzt. Diese Diagnose mag hier als zugespitzt und sogar überspitzt erscheinen, dennoch bleibt es bei dem logischen Widerspruch zwischen sicherem Zukunftswissen (Vorhersehbarkeit) und Gestaltbarkeit (vgl. Grunwald 2000).

In diesem Beitrag kann nur ein Teil der aufgeworfenen Fragen behandelt werden. Am Beispiel der auf Zukunftswissen angewiesenen Technikfolgenabschätzung mit ihrem konsequentialistischen Paradigma (Teil 2) werde ich zunächst die notwendigerweise auftretenden Grenzen von Wünschen nach Sicherheit des Wissens aufzeigen (Teil 3), um sodann verschiedene Modi der Gewinnung von Orientierung aus Zukunftswissen zu unterscheiden (Teil 4). Dieses Spektrum gibt Anlass, den versteckten Wunsch nach Sicherheit und die Klage über Unsicherheiten des Wissens zurückzuweisen und stattdessen auf den Wert der Unsicherheit des Wissens hinzuweisen – und zwar nicht nur geschichtsphilosophisch als Kehrseite der Offenheit der Zukunft, sondern auch als Möglichkeit zur Gewinnung von Erkenntnis (Teil 5). Die Herausforderung wäre dann nicht mehr, Unsicherheiten möglichst zu reduzieren oder zu eliminieren, wie dies das traditionelle Paradigma der Wissenschaften nahelegt, sondern aus den Unsicherheiten zu lernen. Dies erfordert, und das ist die methodologische Pointe zum Schluss der Überlegungen, einen hermeneutischen Zugang zum Verstehen der Unsicherheiten.←233 | 234→

2 Das Folgenparadigma der Technikfolgenabschätzung

Die systematische Befassung mit den Folgen des wissenschaftlich-technischen Fortschritts in der Technikfolgenabschätzung (TA) und verwandten Ansätzen hat bereits eine jahrzehntelange Tradition.2 Die Technikfolgenabschätzung stellt eine Reaktion auf Probleme an der Schnittstelle zwischen Technik, Politik und Gesellschaft dar. Hauptsächliche Motivation in ihrer Entstehung war das vermehrte Auftreten massiver, nicht-intendierter Folgen des wissenschaftlich-technischen Fortschritts. Katastrophale Unfälle in technischen Anlagen (z. B. Tschernobyl, Bhopal), Folgen für die natürliche Umwelt (z. B. Klimawandel und Biodiversitätsverlust), Gesundheitsfolgen (z. B. durch Asbest) und soziale Nebenfolgen der Technisierung (z. B. Verdrängung ganzer gesellschaftlicher Gruppen vom Arbeitsmarkt durch technische Rationalisierung) sind bekannte Beispiele. Vor allem die immens vergrößerte Reichweite der Technikfolgen in räumlicher und zeitlicher Hinsicht und die dadurch erfolgte Ausweitung des Kreises der von Nebenfolgen möglicherweise Betroffenen auf die gesamte gegenwärtige und eventuell auch zukünftige Menschheit (z. B. in der Endlagerung radioaktiver Abfälle oder in Bezug auf den Klimawandel) haben die Folgenproblematik ins allgemeine Bewusstsein gerückt und den naiven Fortschrittsoptimismus in eine tiefe Krise gestürzt (vgl. Kunze 2013). Teils massive Konflikte (vor allem zu Kernenergie, Gentechnik und zu biomedizinischen Entwicklungen wie Reproduktionsmedizin und Stammzellforschung) waren und sind die Folge, deren Kern unterschiedliche Einschätzungen zu den Folgen der Nutzung dieser Techniken ausmachen, insbesondere anlässlich unterschiedlicher Beurteilungen ihrer Akzeptabilität oder Wünschbarkeit. Die hohe Folgenunsicherheit in Bezug auf Chancen- oder Risikotypen, Eintrittswahrscheinlichkeiten, mögliche Schadensarten und -höhen, die Einlösbarkeit von Erwartungen und Versprechungen oder auch die Verteilung von Vorteilen und Zumutungen ist ein Kennzeichen dieser Konflikte und der sie begleitenden wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Debatten.

Aufgabe der Technikfolgenabschätzung ist vor diesem Hintergrund die prospektive Befassung mit den Folgen der Technik in einem umfassenden, d. h. die Nebenfolgen explizit einbeziehenden Sinn, um das dadurch entstehende Wissen frühzeitig in Entscheidungsprozesse einzubringen: als ein Wissen zum Handeln. Dies schließt ein, Strategien zum Umgang mit den dabei unweigerlich auftretenden Unsicherheiten des Wissens zu erarbeiten sowie zur konstruktiven Bewältigung gesellschaftlicher Technikkonflikte und Legitimationsprobleme von Technik←234 | 235→ beizutragen. In den genannten Orientierungsproblemen und Konflikten geht es nicht nur um Technikfolgen im engeren Sinne. Oft kommen auch Vorstellungen über die zukünftige Gesellschaft, z. B. die gerechte Verteilung von Chancen und Risiken, über Machtfragen und über die Zukunft des Menschen und seines Verhältnisses zu Technik und zur Natur mit den darin enthaltenen ethischen und politischen Aspekten zur Sprache. Daher umfasst die Technikfolgenabschätzung nicht nur recht techniknahe Folgenanalysen (z. B. die Emissionsproblematik des zivilen Luftverkehrs betreffend), sondern reicht bis zu anthropologischen und ethischen Fragen (z. B. zu den Folgen und Implikationen einer technischen Verbesserung des Menschen, vgl. z. B. Schöne-Seifert et al. 2009).

Ursprünglich war Technikfolgenabschätzung auf die Vorhersage von Technikfolgen ausgerichtet. Im Technikdeterminismus der 1970er- und 1980er-Jahre (vgl. Ropohl 1982) wurde die technische Entwicklung als eigendynamisch ablaufend vorgestellt, die mit ihren Folgen gesellschaftliche Prozesse dominiere. Der Gesellschaft bliebe dann nur eine antizipative Befassung mit diesen Folgen, um sich möglichst frühzeitig darauf einstellen zu können, um Chancen zu nutzen und Risiken zu minimieren. Im Wesentlichen ist Technikfolgenabschätzung in dieser Ausrichtung eine „Frühwarnung“ vor negativen Technikfolgen, verbunden mit der Ausarbeitung von Konzepten ihrer Vermeidung oder Bewältigung (vgl. Paschen/Petermann 1992). Nach der sozialkonstruktivistisch motivierten Beendigung der Dominanz des Technikdeterminismus (vgl. Bijker et al. 1987) wurde komplementär zur Folgenfrüherkennung die Gestaltung von Technik selbst in den Blick genommen, um durch geeignete Gestaltungsprozesse positive Entwicklungen zu verstärken und negative Folgen sozusagen an der Wurzel zu verhindern (z. B. im Constructive Technology Assessment/CTA, vgl. Rip et al. 1995).

Die konzeptionelle Übereinstimmung zwischen Folgen- und Gestaltungsperspektive besteht – unbeschadet vieler Differenzen in Bezug auf die Umsetzung – darin, Wissenschafts- und Technikfolgen zu antizipieren, um daraus Orientierung zu gewinnen, ob nun eher für die wissenschaftliche Politikberatung im ersten oder für die Technik gestaltenden Forschungs- und Entwicklungsprozesse im zweiten Fall. Hauptsächlicher Gegenstand der Analyse sind in beiden Fällen Technikfolgen, die es noch gar nicht gibt und vielleicht auch nie geben wird (vgl. Bechmann et al. 2007). Nur die Ziele der Orientierungsleistung sind unterschiedlich: Das sind zum einen politische Maßnahmen der Anpassung, Regulierung, Förderung oder Kompensation, während im anderen Fall die Entwicklungslabors und die Ingenieurwissenschaften angesprochen werden sollen. Das prospektive Wissen über Technikfolgen soll Orientierung geben, z. B. für politische Entscheidungsprozesse←235 | 236→ über Forschungsförderung oder Regulierung, in der deliberativen Austragung von Technikkonflikten in der Öffentlichkeit oder eben in den Entwicklungsabteilungen der Unternehmen.

Damit folgt die Technikfolgenabschätzung, wie es letztlich auch der Begriff schon sagt, dem konsequentialistischen Paradigma (vgl. Grunwald 2011a). Handlungsoptionen oder alternative Entscheidungsmöglichkeiten in der Ausgestaltung des wissenschaftlich-technischen Fortschritts und der Nutzung seiner Ergebnisse werden im Hinblick auf ihre antizipierten Folgen entwickelt und beurteilt (Abb. 1).

Abb. 1: Das konsequentialistische Muster der Generierung von Orientierung durch Zukunftsbetrachtungen (modifiziert nach Grunwald 2014)

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3 Unsicherheiten und Grenzen prospektiven Wissens

Eine zentrale Frage ist jedoch, inwieweit das wissenschaftlich produzierte Zukunftswissen den Erwartungen an seine Orientierungsleistung genügen kann. Bereits auf den ersten Blick stellen sich Zweifel ein. Denn das Zukunftswissen ist häufig selbst umstritten (vgl. Brown et al. 2000) und zeigt tief gehende Ambivalenzen (vgl. Grunwald 2006). Die Tatsache, dass es unsicher ist, potenziert die Orientierungsprobleme, die sich in einer pluralistischen Gesellschaft aufgrund der Vielfalt moralischer Positionen und entsprechender Konflikte zeigen: Epistemische Unsicherheit trifft auf normative Unsicherheit. Hier orientierenden Konsens←236 | 237→ zu erwarten erscheint naiv, zumal in Zukunftsdebatten Werte, Menschenbilder, Hoffnungen, Befürchtungen und Vorstellungen der zukünftigen Gesellschaft mit verhandelt werden, in denen sich selbstverständlich die unterschiedlichsten weltanschaulichen und politischen Positionen widerspiegeln (z. B. Sandel 2007; Harris 2010 für das human enhancement). Wahrscheinlich trägt die moderne Gesellschaft wesentliche Konflikte gerade über Zukunftsdebatten aus: Technikzukünfte sind Medium gesellschaftlicher Zukunftsdebatten und von Technikgestaltung (vgl. Grunwald 2012). Die Unsicherheit des Zukunftswissens wird gerade in diesem Kontext oft beklagt, erschwert sie es doch beträchtlich, in den laufenden Kontroversen die argumentative Lage zu klären und Spekulationen von halbwegs gesichertem Wissen klar zu unterscheiden (siehe Abschnitt 3.1) – auch dort, wo ‚Hilfskonstrukte‘ wie Szenarien zur Einhegung der Unsicherheiten nur bedingt helfen (siehe Abschnitt 3.2).

3.1 Unsichere Technikfolgen

Fragen nach der Möglichkeit oder Unmöglichkeit, Wissen über zukünftige Folgen zu gewinnen, gehören von Beginn an auch zu den zentralen Konzeptualisierungsproblemen der Technikfolgenabschätzung. Es lässt sich eine eigene Geschichte dieser Konzeptualisierungen schreiben, in der sich gleichermaßen optimistische, skeptische und gänzlich pessimistische Annahmen hinsichtlich der Möglichkeit wissenschaftlichen Zukunfts- und Folgenwissens zeigen (z. B. Bullinger 1991; Bechmann 1994; Renn 1996). Dies hat sich vor allem in der Diskussion um die Konzeptualisierung von Technikfolgenabschätzung als Frühwarnung vor technikbedingten Gefahren (Paschen/Petermann 1992) gezeigt, mittels derer mögliche Risiken ex ante erkannt und bewertet werden sollten, um ihr Eintreffen entweder verhindern oder wenigstens kompensatorische und vorbeugende Maßnahmen dagegen ergreifen zu können. Optimistischen Annahmen (wie bei Bullinger 1991) stehen skeptische Positionen (wie Bechmann 1994) gegenüber, die die Frühwarnung auf ein ‚Prozessieren von Nichtwissen‘ beschränken – eine Formulierung, die für Entscheider in der Praxis, welche auf Orientierung durch Technikfolgenwissen setzen, nur wie eine Provokation wirken kann.

Der prekäre Charakter von Zukunftswissen über Technikfolgen (vgl. Grunwald 2013a) führt zu Paradoxien und Dilemmata. Die Technikfolgenabschätzung sei ein Feld, in dem in der Praxis Studien über die Zukunft der Technik angefertigt würden, deren theoretische Unmöglichkeit jedoch gleichzeitig nachgewiesen werde (vgl. Weyer 1994). In der Absicht, etwas zu gestalten, würden – so eine andere Position – Prognosen verwendet, die selbst einen Determinismus enthalten und damit gerade den Verzicht auf Gestaltungsmöglichkeit bedeuten (vgl.←237 | 238→ Urban 1973). Oder angesichts der diagnostizierten Unvermeidlichkeit der durch Nanotechnologie vor uns liegenden ‚ultimativen Katastrophe‘ sei es die einzige Möglichkeit, diese Katastrophe durch ein Projektieren der Zukunft (vgl. Dupuy/Grinbaum 2004) zu vermeiden.

Zukunftswissen über Technikfolgen scheint damit, jedenfalls wenn es um gesellschaftliche Folgen in bestimmten Bereichen geht, in der Gefahr der Beliebigkeit zu stehen. Statt dass Zukunftswissen als belastbares und im Diskurs rechtfertigbares Wissen erwiesen werden kann, scheint es durch Vertreter politisch-gesellschaftlicher Positionen, substantieller Werte und spezifischer Interessen beliebig zur Durchsetzung ihrer partikularen Positionen genutzt zu werden (vgl. Brown et al. 2000). Diese Befürchtungen auf die Spitze getrieben, würde bedeuten: Nicht das Technikfolgenwissen als solches trägt zur Orientierung anstehender Entscheidungen unmittelbar bei (vgl. Abb. 1), sondern es werden zuerst Entscheidungen getroffen, z. B. nach Interessenlage, und erst danach wird das dazu passende Zukunftswissen hergenommen, um die schon getroffene Entscheidung nachträglich zu legitimieren. Auch wenn man dieser Befürchtung nicht folgen muss, jedenfalls nicht pauschal, so ist dennoch klar, dass es hier zu schwerwiegenden konzeptionellen Problemen kommt, welche die Hoffnung, über Zukunftsdebatten Orientierung zu schaffen, als zunächst naiv erscheinen lassen können (vgl. Grunwald 2013b). Zu nennen sind

das Beliebigkeitsproblem: Wenn Technikfolgenwissen so beliebig wäre, dass es keine Möglichkeit gibt, nach epistemischen Kriterien „bessere“ von „schlechteren“ Zukünften zu unterscheiden, würde der oben genannte Kreisgang (Abb. 1) leer laufen. Er würde keine belastbare Erkenntnis oder Orientierung für Entscheidungen produzieren, sondern nur leeren Schein, vielleicht als rhetorisches Mittel der Interessenvertretung nutzbar, nicht aber als Argument in einer deliberativ-demokratischen Auseinandersetzung.

das Ambivalenzproblem: Wenn die Unsicherheit über Technikfolgen besonders groß ist, können aus positiven Erwartungen Horrorvisionen, aus Utopien Dystopien werden. Die Geschichte der Nanotechnologie, aber auch die des Internets, ist reich an derart konvertierten Visionen (vgl. Grunwald 2006), die zwischen Erlösungs- und Paradiesfantasien und apokalyptischer Düsternis oszillieren. In diesem Effekt wird das erwähnte Beliebigkeitsproblem auf die Spitze getrieben.

das Intransparenzproblem: Häufig fehlt die erforderliche Transparenz in Bezug auf Prämissen und Annahmen, die bestimmtem Technikfolgenwissen zugrunde liegen. Gerade im Bereich der modellgestützten Simulationen ist dies ein Problem, da die zugrunde liegenden – und für die Ergebnisse entschei←238 | 239→denden – Annahmen der Modellierung in der Regel nicht öffentlich gemacht sind (vgl. Dieckhoff 2015). Aber auch im Feld der narrativen Technikfolgenprospektionen bleiben die grundlegenden Diagnosen, Werte und Interessen ihrer Autoren oder auch der Nutzer dieser Narrative häufig im Dunkeln.

das Interventionsproblem: Die Kommunikation von gesellschaftlichen Zukünften stellt eine Intervention dar und verändert die Konstellation, für die sie erstellt wurde. Über Zukunft nachdenken ist nicht von einer kontemplativen Beobachterperspektive aus möglich, sondern die Produzenten von Zukunftswissen sind Teil des Systems, für das sie Zukünfte entwerfen. Hier schließt die bekannte Problematik der self-fulfilling und self-destroying prophecy an.

Das Ausmaß der Unsicherheit und damit auch das Ausmaß der resultierenden Probleme, aus prospektivem Technikfolgenwissen Schlussfolgerungen zum Handeln und Entscheiden zu ziehen, variiert stark je nach Technikbereich, Anwendungskontext, Reifegrad der Technik, Dynamik der Entwicklung und in Abhängigkeit von sicherlich weiteren Faktoren (vgl. dazu Kap. 4).

3.2 Energieszenarien zur Einhegung von Unsicherheit

Das Feld der Energieszenarien (vgl. Grunwald 2011b; Dieckhoff 2015) eignet sich ausgezeichnet, um einen weiteren Aspekt der Problematik zu illustrieren. Die Szenario-Methode ist gerade dazu entwickelt worden, um auch angesichts irreduzibler Unsicherheiten des Zukunftswissens Orientierung durch Zukunftsüberlegungen zu ermöglichen. Szenarien sind ‚mögliche‘ Zukünfte unter Ansprüchen von Plausibilität und Konsistenz. Sie sind damit nicht einfach ‚denkmöglich‘, sondern möglich relativ zum gegenwärtigen Wissensstand und konsistent zu diesem. Energieszenarien sind ein praktisch hoch relevantes und methodisch anspruchsvolles Anwendungsgebiet (vgl. Dieckhoff et al. 2014).

Obwohl Szenarien ein Mittel zum Umgang mit Unsicherheit darstellen, zeigen sich erhebliche Probleme der Beliebigkeit, der Ambivalenz und der Intransparenz (vgl. Grunwald 2011b; Dieckhoff 2015). Vielfach werden in der Erzeugung von Energieszenarien bestimmte Annahmen mangels Wissen einfach ‚gesetzt‘, z. B. über die zukünftige Rolle der Kernenergie, über Trends hin zu einer eher dezentralen oder zu einer Renaissance zentraler Energieversorgungssysteme oder über die zukünftige Verfügbarkeit von neuen Energieträgern. Im Energiebereich werden seit Jahrzehnten inkompatible und divergierende Energieszenarien diskutiert (Abb. 2), ohne dass klar ist, welche Szenarien wie weit durch Wissen abgesichert sind, wo die Konsensbereiche liegen und wo wenig oder gar nicht gesicherte Annahmen über Randbedingungen und gesellschaftliche Entwicklungen die Ergebnisse und daraus zu ziehenden Schlussfolgerungen für heutige←239 | 240→ Entscheidungsprozesse determinieren. Die Divergenz der Energieszenarien ist beträchtlich: Es geht nicht um so etwas wie Fehlerbalken, mit denen man die Abweichungen untereinander illustrieren könnte, sondern es geht um Divergenzen um Faktoren von zwei bis vier, sowohl in der Erwartung des Gesamtenergiebedarfs im Jahre 2050 als auch in den Erwartungen seiner Verteilung auf die unterschiedlichen Energieträger.

Abb. 2: Szenarien des Weltenergieverbrauchs für das Jahr 2050 und Vergleich mit dem Verbrauch 1999: Shell-Szenario „Nachhaltige Entwicklung“; WEC = Szenarien der Weltenergiekonferenzen 1995 und 1998; RIGES = „Renewable Intensive Global Energy Scenario“; Faktor 4-Szenario Wuppertal-Institut; SEE = Szenario „Solar Energy Economy“

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Quelle: Nitsch/Rösch 2002: 305

Für Entscheider in Energiepolitik und Energieforschung, die über Energieszenarien nach Orientierung suchen, stellt sich angesichts dieser Unübersichtlichkeit, der damit verbundenen Intransparenz und der contested futures (vgl. Brown et al. 2000) eine spezifische Aufgabe: Vor der eigentlichen Entscheidung, z. B. im Hinblick auf die Modernisierung des Kraftwerkparks oder eine Neufassung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG), müssen sie sich angesichts der Vielzahl der angebotenen und konkurrierenden Energieszenarien entscheiden, welche Energiezukunft sie ihrer Entscheidung zugrunde legen wollen – welchen Energieszenarien sie ‚trauen‘ wollen. Energiepolitische Entscheidungen sind danach zweistufig: Auf der ersten Stufe wird über die Energiezukünfte befunden, die sodann den Rahmen für die eigentliche Entscheidung auf der zweiten Stufe abgeben.←240 | 241→

Diese Diagnose betrifft nicht den Energiesektor alleine, sondern stellt ein allgemeines Problem und eine Herausforderung an Entscheider dar: Wie finden Entscheider heraus, auf welche der unterschiedlichen Formen und Ausprägungen von Zukunftswissen in dem betreffenden Feld sie ihre Entscheidungen gründen sollen? Klar ist, dass sie Zukunftswissen verwenden müssen, unklar aber, welches – und nach welchen Kriterien sich die Auswahl richten solle. Damit bedroht die Unsicherheit des Zukunftswissens grundlegend die Möglichkeit, daraus Orientierung zu gewinnen und scheint – sogar im Fall von Szenarien, die doch als Mittel zum Umgang mit Unsicherheit dienen sollen – eher zur Desorientierung als zur Orientierung beizutragen.

4 Modi der Orientierung durch Folgenwissen

Technik(folgen)forschung und -reflexion sind problemorientiert, d. h. praktische Zwecke der Orientierungsleistung stehen im Vordergrund (vgl. Grunwald 2010). Die erbrachte Orientierung muss nachvollziehbar wissenschaftlichen Kriterien genügen, dies ist die Grundlage ihrer Legitimation. Abhängig von der epistemischen Qualität des Folgenwissens sind, wie die kursorische Darstellung in Kap. 3 gezeigt hat, unterschiedliche Typen der Orientierung möglich und kommen unterschiedliche Legitimationsstrategien mit ihren je eigenen Schwierigkeiten für die Orientierungsleistung infrage. Je nach epistemischer Belastbarkeit von Zukunftswissen sind unterschiedliche Methoden der Gewinnung von Orientierung angesagt und mit unterschiedlichen Grenzen konfrontiert. Diese Beobachtung war Anlass für die folgende Dreiteilung (vgl. Grunwald 2014; als Überblick siehe Tab. 1):

Mode 1 (prognostische) Orientierung: Durch die Prognose von zukünftigen Technologien und ihren Folgen soll ein belastbarer Rahmen erzeugt werden, um Entscheidungsträger, z. B. in Fragen der Regulierung oder des Ausbaus von Infrastrukturen, zu orientieren bzw. Entscheidungen zu optimieren (z. B. Bullinger 1991). Dieser Ansatz wurde vor allem in der Anfangszeit der Technikfolgenabschätzung verfolgt und entspricht einem prognose-optimistischen Vorgehen. Das Ideal ist es, sicheres Zukunftswissen zu gewinnen, das entscheidungstheoretisch im Rahmen des Rational-Choice-Ansatzes zur Orientierung genutzt werden kann. Durch eine Reihe von Misserfolgen dieses Ansatzes und theoretische Überlegungen, die grundsätzliche Schwierigkeiten aufgedeckt haben, wird dieser Ansatz zumindest in der Technikfolgenabschätzung gegenwärtig praktisch nicht mehr verfolgt (vgl. Grunwald 2003).←241 | 242→

Mode 2 (szenarische) Orientierung: Anstelle von Prognosen haben sich Szenarien als ‚mögliche Zukünfte‘ in vielen Bereichen der Technikfolgenabschätzung, z. B. in Nachhaltigkeitsuntersuchungen, als Standardkonzept für das systematische Nachdenken über eine prinzipiell offene und daher nicht prognostizierbare Zukunft etabliert. Besonders häufig sind sie dort anzutreffen, wo ein Bedarf an Orientierung in komplexen Problemstellungen von übergreifender, gesellschaftlicher Bedeutung besteht und wo unterschiedliches Wissen, verschiedene Meinungen und Ansichten zu integrieren sind (z. B. Heinrichs et al. 2012). Ihre besondere Stärke entfalten sie dort, wo sich ‚mögliche Zukünfte‘ von den weniger gut möglichen nachvollziehbar und transparent abgrenzen lassen, und wo in dem verbleibenden Raum der möglichen Zukünfte Unterscheidungen mit guter Orientierungsleistung eingezogen werden können (z. B. nach dem Muster von best case- oder worst case-Szenarien). Auf diese Weise hat Technikfolgenabschätzung gelernt, mit der Offenheit der Zukunft und der dadurch implizierten Nicht-Prognostizierbarkeit konstruktiv umzugehen und in dieser Offenheit Orientierungsmöglichkeiten zu entwickeln, z. B. durch robuste Handlungsstrategien. Das Ideal ist die Eingrenzung eines Raumes ‚plausibler Zukünfte‘ und der Ausschluss von nicht weiter zu betrachtenden, nicht plausiblen Zukünften.

Mode 3 (hermeneutische) Orientierung: Wenn das Zukunftswissen allerdings so unsicher ist oder die Zukunftsbilder so stark divergieren, dass es keine validen Argumente mehr für eine Abgrenzung zwischen plausiblen und weniger oder gar nicht plausiblen Zukünften und damit für eine Strukturierung in Form von Szenarien gibt, dann erscheinen Zukunftsprojektionen als beliebig (siehe oben, insbesondere für das Feld der new and emerging sciences and technologies (NEST); vgl. Grunwald 2016). Es bleibt in dieser epistemologisch aussichtslosen Situation nur, und das ist Thema im verbleibenden Teil dieses Kapitels, im Sinne einer ‚hermeneutischen Wende‘ (Grunwald 2016) zu verstehen, warum das so ist, was diese Widersprüche über uns heute aussagen und was wir daraus für Orientierungszwecke lernen können.

Die Metapher des Zukunftskegels kann hier zur Illustration dienen, wenngleich die Suggestion eines festen Randes dieses Kegels problematisch ist. Die prognostische Orientierung entspräche einem Kegel mit dem Öffnungswinkel null Grad, also der Reduktion auf eine Zukunft. Die hermeneutische Orientierung antwortet auf die Situation, dass der Kegel, metaphorisch gesprochen, einen großen Öffnungswinkel (im Extremfall180 Grad) hat und daher von sich aus keine Orientierung bieten kann. Szenarische Orientierung ist im Bereich dazwischen möglich, mit fließenden Grenzen.←242 | 243→

Tab 1: Wesentliche Eigenschaften der Modi der Orientierung durch Zukunftswissen (modifiziert nach Grunwald 2014, Tab. 1)

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5 Hermeneutik unsicherer Wissenskonstellationen

Bis hierher haben wir gesehen, dass (1) Zukunftswissen eine Quelle für Orientierung sein soll, dass (2) im gesellschaftlichen Bereich notwendigerweise Unsicherheiten des Zukunftswissens bestehen, dass (3) die Unsicherheiten Schwierigkeiten für die in der Technikfolgenabschätzung gewünschten Orientierungsleistungen nach sich ziehen, und dass (4) die Unsicherheiten von sehr unterschiedlicher Qualität sind. Anders gesagt: Zukunftswissen kann in sehr unterschiedlichen Weisen unsicher sein, mit entsprechend unterschiedlichen Folgen für die gewünschte Orientierungsleistung.

Dies alles ist das Ergebnis analytischer Überlegungen, die ohne die eingangs erwähnten lamentationes über die Unsicherheiten des Wissens auskommen. Die Diagnose von Schwierigkeiten, z. B. sich in einer Fülle divergierender Energieszenarien zurechtfinden zu müssen, ist eben eine Diagnose, aber keine Klage. Statt hier in einen Klagemodus zu verfallen (selbstverständlich kann man über Schwierigkeiten immer in dem Sinne klagen, dass man sie lieber nicht hätte),←243 | 244→ sei im Folgenden versucht, positive Seiten der Unsicherheit des Zukunftswissens ausfindig zu machen.

Die erste und relativ naheliegende Möglichkeit, die Unsicherheit des Zukunftswissens positiv zu deuten, besteht darin, sie als Kehrseite der Offenheit der Zukunft zu interpretieren, wie dies im Eingangskapitel bereits angelegt ist. Sicheres Zukunftswissen impliziert kausal oder statistisch determinierte Abläufe. Dies für gesellschaftliche Entwicklungen anzunehmen, widerspricht allen Erfahrungen und ist handlungstheoretisch nicht haltbar (vgl. z. B. Schwemmer 1976). Diesem durch das wissenschaftliche Paradigma ‚Sicherheit‘ motivierten Wunsch nach Sicherheit des Zukunftswissens und der Reduktion verbleibender Unsicherheiten nachzulaufen, ist daher in sich nicht nur sinnlos, sondern möglicherweise dahingehend gefährlich, dass vermeintlich sichere wissenschaftliche Aussagen über Zukünftiges den Blick für Gestaltbarkeiten verbauen und zu einer bloßen Anpassung an prognostizierte Entwicklungen führen können. Dies wäre eine szientistische Fixierung zukünftiger Entwicklungen auf Basis gegenwärtigen Wissens und gegenwärtiger Annahmen (kritisch hierzu z. B. Nordmann 2014). Die Unsicherheit des Zukunftswissens ist als Teil der conditio humana wertzuschätzen, weil sie untrennbar mit Erwartungen an die Gestaltbarkeit der Zukunft verbunden ist (vgl. Grunwald 2003). Letztlich kann sogar vermutet werden, ohne dass dem hier nachgegangen werden kann, dass der Wunsch nach Sicherheit des Zukunftswissens in einen performativen Widerspruch damit gerät, dass das Wissen ja ein Wissen zum Handeln und Gestalten sein soll.

Wenn also die Unsicherheit des Zukunftswissens die genannte positive Seite hat, die Gestaltbarkeit von Zukunft auszudrücken, so bleibt es dennoch dabei, dass sie zu Schwierigkeiten dabei führt, Orientierung zu gewinnen. Insbesondere in dem oben eingeführten Modus 3 verliert das konsequentialistische Paradigma der Technikfolgenabschätzung den epistemischen Boden unter den Füßen. Der eingangs erwähnte Reflexionslauf, um durch Zukunftsüberlegungen Orientierungen für heute anstehende Entscheidungen zu gewinnen (Abb. 1), läuft dann erkenntnistheoretisch leer. Wenn die Zukunftsüberlegungen nicht in Form von Vorhersagen (Modus 1) oder Szenarien (Modus 2) argumentativ eingrenzbar sind, können keine legitimen Schlussfolgerungen gezogen werden. Es verblieben nur, um eine Handlungsoption A zu untermauern, mere possibility arguments (vgl. Hansson 2006), die aber deswegen nicht helfen, weil auch für eine konträre Handlungsoption B solche mere possibility arguments ins Feld geführt werden könnten. Der Konsequentialismus kommt hier an eine nicht←244 | 245→ überwindbare erkenntnistheoretische Grenze und hilft als Modus der Generierung von Orientierung nicht weiter.3

Mit einem ‚hermeneutischen Blick‘ soll in einem anderen Modus versucht werden, aus der jeweiligen Situation und den (üblicherweise dann extrem großen) Unsicherheiten zu lernen und damit so weit wie möglich dennoch Orientierung zu erbringen. Dieser Blick betrachtet die entsprechenden Zukunftsdebatten und die involvierten ‚Technikzukünfte‘ nicht als Versuche einer Annäherung an zukünftige Entwicklungen, sondern als Expressionen von Gegenwartsdiagnosen, gegenwärtigen Einschätzungen und Problemwahrnehmungen, gegenwärtigen Hoffnungen und Befürchtungen. Statt auf zukünftige Entwicklungen und ihre möglichen Folgen zu schauen, richtet sich das Erkenntnisinteresse auf die heutige Debattenlage in den betroffenen Technikfeldern, die Kontroversen, Argumente und Positionen sowie die dort eingesetzten sprachlichen oder nichtsprachlichen Mittel (weiterführend: Jahrbuch Technikphilosophie 2018).

Zentrales Medium in diesen Debatten sind ‚Technikzukünfte‘ (Grunwald 2012; van der Burg 2014). Ihre Diversität und Divergenz gilt es in den Blick zu nehmen, um aus Diversität und Divergenz (um das Wort „Unsicherheit“ zu vermeiden) hermeneutisch lernen zu können. Es muss darum gehen, die Ursachen und Quellen von Diversität und Divergenz aufzudecken und nach ihrer Bedeutung zu fragen, sowohl auf der Ebene einzelner Technikzukünfte wie auch auf der Ebene des Spektrums unterschiedlichster Technikzukünfte im gleichen Technikfeld. Das Aufdecken dieser Bedeutungen im Sinne des ‚Verstehens von Unsicherheiten‘ wäre die erwartete Erkenntnis- und damit möglicherweise auch Orientierungsleistung.

Der Ansatz einer hermeneutischen Erforschung von Technikzukünften ist, sie als soziale Konstrukte zu begreifen. Technikzukünfte werden erzeugt und ‚hergestellt‘ durch Menschen, Gruppen und Organisationen zu je bestimmten Zeitpunkten (vgl. Grunwald 2012: 23 ff.). Zukunftsbilder entstehen aus einer Komposition von Zutaten in bestimmten Verfahren (z. B. den Methoden der Zukunftsforschung, in Think Tanks oder in den Köpfen von Schriftstellern). Dabei gehen die je gegenwärtigen Wissensbestände, aber auch Zeitdiagnosen, Werte und andere Formen der Weltwahrnehmung, in diese Zukunftsbilder ein. Diversität und Divergenz der Zukünfte spiegeln die Pluralität der Gegenwart, und diese ist←245 | 246→ nicht nur eine Pluralität der Werte, sondern auch eine der wissenschaftlichen wie der außerwissenschaftlichen Meinungen über epistemisch nicht klassifizierbare Zukunftsbilder.

Damit erzählen Zukünfte, wenn prognostische oder szenarische Orientierungen nicht gelingen, etwas über uns heute. Technikzukünfte als ein Medium gesellschaftlicher Debatten (vgl. Grunwald 2012) bergen Wissen und Einschätzungen, die es zu explizieren lohnt, um eine transparentere demokratische Debatte und entsprechende Entscheidungsfindung zu erlauben. Die Erwartung an eine hermeneutische Orientierungsleistung besteht darin, aus Technikzukünften in ihrer Diversität und Divergenz etwas über uns, unsere gesellschaftlichen Praktiken, unterschwelligen Sorgen, impliziten Hoffnungen und Befürchtungen lernen zu können. Diese Form der Orientierung ist freilich weitaus bescheidener als die konsequentialistische Erwartung, mit Prognosen oder Szenarien ‚richtiges Handeln‘ mehr oder weniger direkt orientieren oder gar, wie es in manchen Verlautbarungen heißt, „optimieren“ zu können. Sie besteht letztlich in nicht mehr als darin, die Bedingungen dafür zu verbessern, dass demokratische Debatten und Zukunftsentscheidungen aufgeklärter, transparenter und offener ablaufen können.

Im Vergleich zum konsequentialistischen Paradigma mit seiner zentralen Ausrichtung auf Fragen der Art, welche Folgen neue Technologien haben können, wie wir diese beurteilen und ob und unter welchen Bedingungen wir diese Folgen willkommen heißen oder ablehnen, geraten in dieser Perspektive weitere Fragestellungen in den Blick (vgl. zu einigen Fragen auch TATuP 2014; Grunwald 2016):

Wie wird wissenschaftlich-technischen Entwicklungen, die ja zunächst im Labor nichts weiter als eben wissenschaftlich-technische Entwicklungen sind, eine gesellschaftliche, ethische, soziale, ökonomische, kulturelle etc. Bedeutung zugeschrieben? Welche Rollen spielen dabei z. B. (visionäre) Technikzukünfte? Wer schreibt diese Bedeutungen zu und warum?

Wie werden Bedeutungszuweisungen kommuniziert und diskutiert? Welche Rollen spielen sie in den großen Technikdebatten unserer Zeit? Welche kommunikativen Formate und sprachlichen Mittel werden verwendet und warum? Welche außersprachlichen Mittel (z. B. Filme, Kunstwerke) spielen hier eine Rolle und was sagt ihre Nutzung aus?

Warum thematisieren wir wissenschaftlich-technische Entwicklungen in der jeweiligen Weise, mit den jeweils verwendeten Technikzukünften und mit den jeweiligen Bedeutungszuweisungen und nicht anders? Welche alternativen Bedeutungszuschreibungen wären denkbar und warum werden diese nicht aufgegriffen?←246 | 247→

Haben nicht auch traditionelle Formen der Technikfolgenreflexion (Prognostik, Szenarien) eine hermeneutische Seite? Werden vielleicht hermeneutisch bedeutsame Konstellationen hinter scheinobjektiven Zahlenreihen, Prognosen und in Diagrammen geradezu versteckt?

In der Beantwortung dieser Fragen erweitert sich das interdisziplinäre Spektrum der Technikfolgenabschätzung. Sprachwissenschaften, hermeneutische Ansätze in Philosophie und Geisteswissenschaften, Kulturwissenschaften und auch die Hermeneutik in der Kunst – insofern z. B. Technikzukünfte mit künstlerischen Mitteln erzeugt und kommuniziert werden – müssen mitspielen im interdisziplinären Orchester der Technikfolgenabschätzung.

Es sollte hier nun nicht behauptet werden, dass die Technikfolgenabschätzung sich mit Fragen dieser Art noch nie befasst habe. Technikfolgenabschätzung als Diskursanalyse zum Beispiel war und ist hier teils nahe dran. Jedoch ist m. E. das Verhältnis zu anderen Formen der Orientierungsleistung durch Technikfolgenabschätzung bislang nicht systematisch geklärt worden, genauso wenig wie die hermeneutische Seite der Technikfolgenabschätzung einmal explizit in den Blick genommen wurde. Diese ‚hermeneutische Erweiterung‘ der Technikfolgenabschätzung sei damit zur Diskussion gestellt.

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1 Man denke an die Kehrtwendungen in der deutschen Energiepolitik nach den Wahlen 1998 (mit der Konsequenz des Atomausstiegs) und 2009 (mit der Konsequenz der Laufzeitverlängerung für Kernkraftwerke).

2 Dieses Kapitel stützt sich auf Grunwald (2010 und 2011a), teils unter angepasster Übernahme der inhaltlichen und textlichen Darstellung.

3 Die drei Modi der Orientierung bilden ein Kontinuum mit fließenden Übergängen. Ich werde mich im Folgenden auf den Modus 3 beschränken, weil sich hier die vertretenen Thesen besonders gut illustrieren lassen. Hermeneutisch aus Unsicherheiten zu lernen, ist aber selbstverständlich auch im Rahmen der szenarischen Orientierung möglich und sinnvoll.