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denken, schreiben, tun

Politische Handlungsfähigkeit in Theorie, Literatur und Medien

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Edited By Amália Kerekes, Marion Löffler, Georg Spitaler and Sabine Zelger

Die Leitfrage des Bandes bezieht sich auf das interpretatorische Potenzial des Begriffs agency, verstanden als individuelle und kollektive Handlungsfähigkeit, wie sie in der politischen Theorie zentral ist. Möglichkeit und Effektivität demokratischer Praxis wurde im Zuge politischer Krisendiagnosen westlicher Gesellschaften infrage gestellt, so zum Beispiel in der Debatte um »Postdemokratie«. Vor dem Hintergrund dieser gegenwärtigen Problematik, nehmen die Beiträge des Bandes auch historische Tiefenbohrungen vor und erkunden, wie im Lauf des 20. Jahrhunderts und aktuell politische Denk- und Handlungsräume an den Schnittstellen von Theorie, Literatur und Medien bearbeitet und erschlossen wurden und werden.

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Einleitung: denken, schreiben, tun?: Politische Handlungsfähigkeit in Theorie, Literatur und Medien

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Amália Kerekes/Marion Löffler/Georg Spitaler/Sabine Zelger

Einleitung: denken, schreiben, tun?

Politische Handlungsfähigkeit in Theorie, Literatur und Medien

»Es sind doch immer Texte, die die Zukunft vermitteln sollen. Versprechungen. Und Versprechungen sind versprachlichte Zukunftsphantasien und die Grundlage politischer Manipulation. Politik. Auch die falscheste. Beweist sich immer in solchen Versprachlichungen. Literatur ist da ein Gegenmittel.« (Marlene Streeruwitz: Nachkommen)

Die Leit- und Testfrage des vorliegenden Bandes bezieht sich auf das interpretatorische Potenzial des Begriffs agency, wie er in der politischen Theorie zentral verwendet wird, um individuelle und kollektive Handlungsfähigkeit zu beschreiben. An Brisanz gewann die Frage nach politischem Handeln als kollektive Praxis in den letzten Jahren, da deren Möglichkeit und Effektivität im Zusammenhang mit Krisendiagnosen westlicher Gesellschaften teilweise grundsätzlich in Zweifel gezogen wurden. Exemplarisch kann dies anhand der Debatte um Postdemokratie aufgezeigt werden. Der Politologe Colin Crouch fasst mit diesem Begriff den Rückbau partizipatorischer und sozialer Errungenschaften der europäischen Nachkriegsdemokratien durch neoliberale Deregulierung und Privatisierung. »Während die demokratischen Institutionen formal weiterhin vollkommen intakt sind […], entwickeln sich politische Verfahren und die Regierungen zunehmend in eine Richtung zurück, die typisch war für vordemokratische Zeiten.«1 Vor diesem Hintergrund lotet Crouch Potenziale für Widerstand, Protest und Kritik aus, die diese Entwicklung aufhalten oder in eine neue demokratische Richtung lenken könnten. Einen solchen Zweckoptimismus teilt der politische Philosoph Jacques Rancière nicht. Für ihn ist »Post-Demokratie« eine »Demokratie nach dem Demos, […] die geeignet ist, das der Demokratie eigene Subjekt und Handeln verschwinden zu lassen«2 – Postdemokratie bedeutet in diesem Sinn Entpolitisierung, womit politische Handlungsfähigkeit ←13 | 14→undenkbar geworden ist. Damit schließt die Diagnose postdemokratischer Verhältnisse an politik- und kulturphilosophische Theoriedebatten an, die die Möglichkeit politischer Praxis als künstlerische Aktion und Subversion infrage stellen. Während in den 1960er Jahren noch die Suche nach dem Subjekt der Geschichte dominierte, erscheint dieser Zugang heute aussichtslos. »To ask now, in the twenty-first century, whence does the revolution come, who makes history and in what way does myth generate the subversive act is to ask questions that seem redundant.«3 Diese Fragen erübrigen sich schon deshalb, so der Literaturwissenschaftler Clive Bloom, weil das tiefe Vertrauen in das »Ich«, das die Avantgarde beschwor, dekonstruiert ist.

Auch im Postdemokratie-Diskurs wurde mit der Kritik am Zustand westlicher Demokratien nach der Jahrtausendwende ein Mangel an emanzipativen Gegenstrategien und deren Wirkungslosigkeit konstatiert. Nicht nur alternative Wirtschafts- und Gesellschaftskonzepte gelten nunmehr in herrschenden Diskursen von Medien und Politik als unrealistisch und überholt, auch die Unwirksamkeit tradierter Formen gesellschaftlicher Ermächtigung und Intervention werden festgestellt. Angesichts eines »kapitalistischen Realismus«4 als dominanten Wirklichkeitsmodells, so der Kulturtheoretiker Mark Fisher, seien Handlungsmöglichkeiten eingeschränkt und es sei schwierig, zur marktförmigen Organisation von Politik und Gesellschaft Alternativen zu denken.

Wie die postdemokratische Kernfrage, also die Verengung politischer Denk- und Handlungsräume, in Theorie, Literatur und Medien verhandelt wird, ist das Thema dieses Buches. Ausgehend von der gegenwartsinduzierten Problematik spannen die Beiträge den Bogen weiter und nehmen auch historische Tiefenbohrungen zum Verhältnis von Literatur und politischer Handlungsfähigkeit im Lauf des 20. Jahrhunderts vor. Bei diesen Untersuchungen setzen wir auf einen Disziplinen übergreifenden Austausch.

Politische Praxis von Literatur und Ästhetik liegt Rancière zufolge nicht in der Reproduktion der »Aufteilung des Sinnlichen«, sondern in den Möglichkeiten, diese zu unterbrechen. Inspiriert von seinen Überlegungen zur »Politik der Literatur« und »Politics of Aesthetics«5 zielt der vorliegende Sammelband auf die Analyse möglicher Politiken literarischer Narrative und experimenteller ←14 | 15→Poesie in Zusammenhang mit theoretischer Reflexion. Uns geht es um Denken, Schreiben, Zeichnen, Spielen und andere Aktivitäten, die in ihrer spezifischen Ausübung die Frage »was tun?« immer wieder neu stellen und anders perspektivieren. Wie hierdurch politische Handlungsspielräume ausgelotet und entsprechende Widersprüche, Beschränkungen und Erweiterungen ausgemacht werden, ist die Grundfrage des Bandes, die sich durch alle Beiträge zieht.

Interdisziplinäre Produktion von Wissen über Handlungsfähigkeit

Um die spezielle Leistung der Literatur in der Wissensgeschichte zu erfassen, werden seit geraumer Zeit die »Poetologien des Wissens« untersucht. Sie stellen eine innovative Form des Nachdenkens über die Möglichkeiten von Interdisziplinarität dar, indem sie auf die Ermessung der Kompetenz und Konkurrenz der einzelnen Disziplinen sowie auf die Neubestimmung des Verhältnisses von Theorie und Praxis ausgerichtet sind. In der Konjunktur der Wissenspoetologien spielt die Politikwissenschaft bis dato jedoch höchstens eine marginale Rolle.6 Die in diesem Buch vorgenommene Zusammenführung politiktheoretischer und kulturwissenschaftlicher Fallstudien soll es ermöglichen, sowohl konkurrierende Handlungsstrategien in Literatur, visuellen Medien und Ästhetik zu erfassen, als auch die Zirkulation politischer Theoreme und Narrative als Formen der Wissensvermittlung aufzuspüren.

Einerseits wird die methodologische Frage aufgegriffen und diskutiert, wie die unterschiedlichen Disziplinen miteinander kommunizieren können: Welche politiktheoretischen Begriffe und Narrative werden in den Kulturwissenschaften verhandelt, und wie finden umgekehrt neue Ansätze und Trends der Kulturwissenschaften Eingang in die politische Theoriebildung? Andererseits soll der Beitrag von Literatur und Medien in der Wissens- und Theorieproduktion ausgeleuchtet werden, um das hierarchische Verhältnis von Theoriebildung, literarischer Erkenntnis und medialer Praxis aufzubrechen. Dabei steht die Frage im Mittelpunkt, inwiefern Literatur und Medien die Suche nach neuen Formen der Handlungsfähigkeit vorantreiben können.

Der vorliegende Band ist das Ergebnis der Konferenz »Veränderte Spielräume? Konzepte der Handlungsfähigkeit in Theorie/Literatur/Medien«, die vom 17. bis 19. November 2016 am Germanistischen Institut der Eötvös-Loránd-Universität ←15 | 16→Budapest in Kooperation mit dem Institut für Germanistik der Universität Wien stattfand. Das Buch schließt an die beiden in österreichisch-ungarischer Zusammenarbeit abgewickelten Tagungen »Habsburg bewegt. Topografien der Österreichisch-Ungarischen Monarchie« und »Vor den Gedenkjahren. Forschungstendenzen, Forschungsdesiderate zum Ersten Weltkrieg in den Kulturwissenschaften« an.7 Die gemeinsame Fragestellung der ersten beiden Konferenzen, die Verfügbarkeit und Zugänglichkeit der Geschichte in einer narratologischen bzw. historiografischen und philologischen Annäherung, griff bereits die Probleme individueller und kollektiver, zentralisierter und lokal wirksamer Interventionen auf. Die dritte Tagung setzte das Denken über Eingriffsmöglichkeiten fort und spitzte das Interesse auf politikwissenschaftlich formulierte Problemlagen der Gegenwart zu. So war auf dieser Konferenz sowie im vorliegenden Band der interdisziplinäre Dialog konstitutiv. Die Zusammenarbeit zwischen Literatur- und Politikwissenschaft wurde schon im Rahmen einiger anderer Arbeiten der HerausgeberInnen erprobt, so beispielsweise in einem Projekt zu Staatskonzeptionen in der Zwischenkriegszeit.8 Die Disziplinen übergreifende Diskussion politischer Handlungsfähigkeit bildet eine logische Fortsetzung des Dialogs zwischen politischer Theorie und Literatur, eröffnet aber auch neue Perspektiven auf das Thema.

Frageperspektiven und Beiträge des Bandes

Die Beiträge des Buchs orientieren sich an vier grundlegenden Fragestellungen: (1) Interferenzen: Wie kommunizieren Literatur und Theorie und welchen Beitrag leisten Literatur sowie Medien zu politischer Theoriebildung? ←16 | 17→(2) Anleihen und Leihgaben: Wieweit lassen sich Ansätze der politischen Theorie in der Epistemologie der kulturwissenschaftlichen Methoden erkennen? Welche Spielarten der wechselseitigen Beobachtung, der Deutungskonkurrenz kann man im Dreieck Kultur-, Politikwissenschaft und Medien identifizieren? Wie lässt sich der Stellenwert von Rationalität und Affektivität bestimmen, wenn es um die Medialisierung bzw. Theoretisierung des Handelns geht? (3) Praxisformen: Welche Handlungskonzepte der Narratologie und der Philologie zeigen Affinitäten zu politiktheoretischen Entwürfen? Wieweit finden Praxisformen der Ästhetik Eingang in die Wissenschaften und Medien? (4) Rezeption: Welche Rolle spielt bei diesen Transformationsprozessen die Materialität der Medien? Wieweit kann man in der Visualisierung und im Emplotment von Handlungsfähigkeit Strategien der Didaktik und des Dokumentierens erkennen? Welche zusätzlichen Akzente gewinnt die Methodologie der Rezeptionsgeschichte vor dem Hintergrund der politischen Handlungsfähigkeit?

Diese Perspektiven ziehen sich durch die vier Abschnitte des Bandes, die Auseinandersetzungen mit agency von intellektuellen Akteuren, ermächtigten Kollektiven, in fantastischen Settings sowie in Akten und Aktionen aufspüren.

Der erste Abschnitt des Buches befasst sich mit »intellektuellen Praktiken« – gemeint sind sowohl theoretische Überlegungen als auch praktische Interventionen von Intellektuellen, die durch ihr Leben und Werk die Bedingungen politischer Handlungsfähigkeit erkunden. Im Zentrum stehen Veränderungen, die sich an der Schnittstelle von theoretischer Reflexion und politischer Praxis ereignen.

Marion Löffler diskutiert dieses Spannungsverhältnis anhand zweier konträrer politischer Denker unserer Zeit: Pierre Bourdieu und Jacques Rancière. Sie geht der Frage nach, ob deren Konzeptionen von politischer Handlungsfähigkeit die Praktiken erfassen können, die beide selbst in Form »intellektueller Interventionen« ausgeübt haben, und kommt zum Schluss, dass Bourdieu und Rancière trotz enormer Differenzen ihrer Theorien in der politischen Praxis sehr ähnliche Annahmen getroffen haben.

Anna Zsellér beschäftigt sich in ihrem Beitrag »In jeder Kritik […] ein Martialisches« mit Wendungen in Walter Benjamins theoretischer Praxis entlang seiner Erarbeitung eines Kritikbegriffes. Sie verfolgt die These eines theoretischen Sprungs in Benjamins Schriften, der ihn ab Beginn der 1930er Jahre von einer kommentierenden Interpretationspraxis zu einer politischen Literaturkritik führte. Zsellér untersucht diesen Wandel im historischen Kontext und zeigt auf, dass Benjamins Literaturkritik zwischen »magischer« und marxistischer Kritik antinomisch bleiben musste.

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Auch Drehli Robnik befasst sich mit Wandlungen. Im Zentrum seines Beitrags steht Siegfried Kracauers Geschichts-Denken, wie es in seinen Schriften aus der Zeit in Deutschland, Paris und New York vorliegt. Mithilfe eines Denkens in Paradoxa, die sich dort immer wieder nachweisen lassen, werden kapitalistische Gesellschaft, Faschismus und McCarthyismus kritisiert. Kracauers Suche nach einer Politik des Humanismus mündet wiederum in einem Paradox: Der Humanismus der lost causes führt über einen Weg, der nicht beschreitbar ist.

Gabriella Rácz fragt in ihrem Beitrag nach veränderten Spielräumen in Arnold Zweigs Essays Caliban und Dialektik der Alpen, in denen er sich mit Antisemitismus und Demokratie auseinandersetzt. Wieder ist es ein Intellektueller, dessen Biografie einige Wendungen aufweist, die auch seine in erzieherischer und didaktischer Absicht verfasste politische Essayistik und vor allem deren Wirkung beeinflussen sollten. Die Geschichte der Nicht-Rezeption zeigt jedoch, dass die Handlungsspielräume des Intellektuellen sehr begrenzt sein können.

Im zweiten Abschnitt des Buches wird Handlungsmacht als Frage von »Selbst-Ermächtigung« anhand unterschiedlicher Aspekte diskutiert. Wie wird sie theoretisch gefasst und in den Kontext der Praxis gestellt? Welche Möglichkeiten eröffnen fiktionale Texte und Computerspiele? Und handelt es sich bei der in verschiedenen Feldern gefeierten agency überhaupt um gesellschaftlich relevante Optionen, die als Selbst-Ermächtigung gefasst werden können?

Sabine Zelger setzt sich mit dem Vertragsnarrativ im Zusammenhang mit Arbeitsverhältnissen unter neoliberalen Bedingungen auseinander und untersucht einen Artikel Sarah Schillingers zur 24-Stunden-Betreuung in der Schweiz und Elfriede Jelineks Stück Nach Nora. Beide Autorinnen führen über narrative Erwartungsstörungen die gleichheits- und freiheitsversprechenden Einschreibungen des liberalen Vertragsnarrativs ad absurdum. Die Optionen für politische Handlungsfähigkeit werden in den beiden aktuellen Texten allerdings sehr unterschiedlich ausgemacht.

Charlotte Coch stellt Niklas Luhmann und seine wissenschaftstheoretischen Herausforderungen durch ›Frauenforschung‹ samt ihrer »aufdringlichen Aktivitäten« in den Mittelpunkt des Interesses, um sein systemtheoretisches Konzept von agency zu konturieren. Luhmanns negative Einschätzung von Handlung und Praxis wird im Beitrag als theoretisch konsequente Setzung gerechtfertigt und demgegenüber Interventionspotenzial in kommunikativen Operationen ausgemacht. Diese wären, so das Fazit, nicht mit feministischer Praxis, sehr wohl aber mit Positionen von gender- und queer-Ansätzen kompatibel.

Kritischer fällt der Blick auf Konzepte der Handlungsmacht in systemtheoretischer Perspektive im dritten Beitrag dieses Abschnitts aus, in dem sich Amália Kerekes mit der Rezeption von literarischen JournalistInnenfiguren befasst. Die ←18 | 19→»Paradoxie der Beobachtung« lässt für Möglichkeiten der agency wenig Spielraum, wie anhand von einschlägigen Romanen und speziell anhand von Sabine Grubers Journalistenroman Daldossi oder Das Leben des Augenblicks vorgeführt wird. Deshalb fordert Kerekes, auch mit Bezug zu Max Weber, dass Teilungslogiken nicht nur in Kardinalsätze gestanzt, sondern in action zur Sprache gebracht werden müssten.

Zuletzt wird von Bálint Kovács und Judit Szabó die psychologisch und neurowissenschaftlich bestätigte Freude über subjektiv erlebte Handlungsfähigkeit in Computerspielen unter die Lupe genommen. Sie legen dar, dass in manchen, auch mainstream-erprobten, Exempeln aufschlussreiche Konfrontationen mit der interaktiven Fiktion der Games als Handlungsfähigkeit angelegt sind. Allerdings kommen die AutorInnen zu dem Schluss, dass agency im Computerspiel außerhalb von Immersion und flow Attrappe für wirkungsmächtiges Handeln bleibt, die im realen Umfeld nicht reüssieren kann.

Der dritte Abschnitt »Aktanten, Akrobaten und Phantome« versammelt Beiträge, die sich mit der Theoretisierung von Spuk, Trauma und (fehlender) Handlungsfähigkeit beschäftigen und gleichzeitig auf die (Theorie-)Potenziale literarischer Texte bzw. Genres in ihrem Verhältnis zu krisenhaften politischen Wirklichkeiten hinweisen.

Christoph Leitgeb fragt in seinem Text »Wer oder was spukt, wenn ›es‹ spukt?« nach der »Agency des Unheimlichen« hinter dem Rücken der nur scheinbar souverän Handelnden, wie sie in psychoanalytischen Theorien des Subjekts beschrieben wird. Unter anderem am Beispiel literarischer Texte von Heimrad Bäcker, die sich mit den Traumata des Nationalsozialismus auseinandersetzen, lotet er Potenziale und Grenzen einer Einbeziehung von Bruno Latours Akteur-Netzwerk-Theorie und dessen Metapher des »geteilten Raums« in diesem Zusammenhang aus.

Katalin Teller beschäftigt sich in ihrem Aufsatz »Anleitungen zur (Un-)Tätigkeit im Zirkus der Zwischenkriegszeit« mit Konjunktur und wandelnden Bedeutungen des Zirkustopos in populärer Literatur und Bildillustrierten in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg bis in die Zeit des Nationalsozialismus. Sie betrachtet die Spielräume, die dieses Genre in Zeiten verengter politischer und künstlerischer Handlungsmöglichkeiten bot, da ihm oft subversives und »antibürgerliches« Potenzial zugeschrieben wurde, und setzt es mit systemstabilisierendem Eskapismus im Faschismus in Beziehung.

Einen Perspektivwechsel nimmt der nächste Beitrag vor: Die beiden Literatinnen Elena Messner und Eva Schörkhuber führen in »An den Grenzen literarischer Handlungsfähigkeit« am Beispiel ihrer Romane Nachricht an den Großen Bären (Schörkhuber 2017) und In der Transitzone (Messner 2016) ein ←19 | 20→erhellendes Gespräch über ihre jeweiligen poetologischen Ansätze im Hinblick auf den Möglichkeitsraum der Literatur in Zeiten »einer oft als alternativlos empfundenen Wirklichkeit«.9

Georg Spitaler behandelt in seiner »parallelen Lektüre« von zwei früheren Romanen der beiden Autorinnen, Das lange Echo und Quecksilbertage, mit den »hauntologischen« Konzepten Mark Fishers den Zusammenhang von politischer Handlungsfähigkeit und politischen Gefühlen in der Postdemokratie. Fishers Diagnose einer Stimmung von Melancholie in populärkulturellen Texten der Gegenwart angesichts fehlender vorwärtsgerichteter emanzipativer Perspektiven und des Spuks der nicht eingetretenen Zukunft wird mithilfe der beiden literarischen Texte theoretisch erweitert.

Um »gespenstische Parallelaktionen« geht es in den ersten beiden Beiträgen des letzten Kapitels »Akten und Aktionen«, das die literarische Handlungsfähigkeit auf ihre Produktionsbedingungen hin befragt.

Peter Plener erbringt mittels Rekonstruktion der »realbürokratischen« Vorlage für die Figur des Sektionschefs Tuzzi in Musils Mann ohne Eigenschaften den Nachweis der These, wonach im Ersten Weltkrieg die Militärbürokratie zu »Medienverbünden« konfiguriert wurde. Die Befugnisse, die mit diesem integrativen Posten verbunden waren, deuten auf jene kriegstreibende Handlungsmacht hin, die im Parallelbeitrag von Martin Reiterer über Nicolas Mahlers Literaturcomic Der Mann ohne Eigenschaften nach Robert Musil als »Mythos einer inhaltsleeren, größenwahnsinnigen Idee« erscheint. Die Adaption der Vorlage, die nicht zuletzt diese Leere augenfällig inszeniert, erprobt Formen der im Roman angelegten Idee des Möglichkeitsdenkens durch den variablen, ja verkürzenden Einsatz von Sätzen wie diesem: »Die Weltgeschichte ist zuerst immer so eine Art Tratsch«.

Dorottya Csécseis Beitrag über die Avantgarde nach 1945 erkundet die kulturpolitischen und sprachphilosophischen Koordinaten der Entstehung der experimentellen Poesie, um ihre Besonderheiten im Vergleich zur historischen Avantgarde herauszuarbeiten. Sie fragt dabei nicht nur nach dem veränderten Status von Ideologisierung, Engagement und Autonomie, sondern über das Selbstverständnis der Akteure hinausgehend, vor allem am Beispiel Eugen Gomringers auch nach der prinzipiellen Möglichkeit, konkrete Poesie als politischen Akt zu deuten.

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Um eine spezielle Form der Deutungsmöglichkeiten zu erhellen, stellt Kende Varga die von der konkreten Poesie stark geprägte Schreibtechnik der Aktionsgruppe Banat in den Kontext der rumänischen Zensur im Staatssozialismus. Ihre Kontrollmechanismen werden mithilfe des praxeologischen Modells von Andreas Reckwitz erläutert. Zugleich wird damit die Frage nach dem Stellenwert der textimmanenten Lektüre mit jener der politischen Handlungsfähigkeit zusammengeführt.

»Früher haben sich Menschenmassen bewegt, man nannte das Politik. Jetzt bewegen sich nur noch einzelne, von der Vergangenheit in die Gegenwart«,10 schreibt Elfriede Jelinek und bringt damit eine eklatante Veränderung klassischer Handlungsmacht auf den Punkt, die in diesem Buch zur Debatte steht. In Rückgriff und Abgrenzung zu früheren Praktiken werden im vorliegenden Band mit Fokus auf einzelne Figuren oder Kollektive, auf singuläre Bücher und Poetiken, unterschiedlichste Bewegungen ausgemacht. Im analytischen Blick entpuppen sie sich bisweilen als Leerläufe und Attrappen, lassen sich manchmal aber auch als attraktive Möglichkeiten mit Potenzial von agency ausmachen. Damit liefert diese interdisziplinäre Auseinandersetzung, die dem Schreiben, Denken und Tun an so verschiedenen Orten nachspürt, selbst einen Beitrag zu politischer Handlungsfähigkeit, der aus der Vereinzelung führt.

Budapest – Wien 2018

1 Colin Crouch: Postdemokratie. Frankfurt/M.: Suhrkamp 2008, S. 13.

2 Jacques Rancière: Das Unvernehmen. Politik und Philosophie. Frankfurt/M.: Suhrkamp 2002, S. 111.

3 Clive Bloom: Literature, Politics and Intellectual Crisis in Britain Today. Houndmills: Palgrave 2001, S. 150.

4 Mark Fisher: Kapitalistischer Realismus ohne Alternative? Eine Flugschrift. Hamburg: VSA 2013.

5 Jacques Rancière: Politik der Literatur. Wien: Passagen 2008; ders.: The Politics of Aesthetics. London, New York: Gabriel Rockhill 2004.

6 Vgl. Torsten Hahn: Politikwissenschaft. In: Roland Borgards, Harald Neumeyer, Nicolas Pethes, Yvonne Wübben (Hg.): Literatur und Wissen. Ein interdisziplinäres Handbuch. Stuttgart: Metzler 2013, S. 119–124.

7 Publiziert unter folgenden Titeln: Habsburg bewegt. Topografien der Österreichisch-Ungarischen Monarchie (hg. v. Miklós Fenyves, Amália Kerekes, Bálint Kovács, Magdolna Orosz, Frankfurt/M.: Peter Lang 2013); Kulturmanöver. Das k.u.k. Kriegspressequartier und die Mobilisierung von Wort und Bild (hg. v. Sema Colpan, Amália Kerekes, Siegfried Mattl, Magdolna Orosz, Katalin Teller, Frankfurt/M.: Peter Lang 2015).

8 Exemplarisch sei hier auf folgende Publikationen verwiesen: Eva Kreisky, Marion Löffler, Sabine Zelger (Hg.): Staatsfiktionen. Denkbilder moderner Staatlichkeit. Wien: Facultas 2011; Stefan Krammer, Marion Löffler, Martin Weidinger (Hg.): Staat in Unordnung? Geschlechterperspektiven auf Deutschland und Österreich zwischen den Weltkriegen. Bielefeld: transcript 2011; Stefan Krammer, Wolfgang Straub, Sabine Zelger (Hg.): Tropen des Staates. Literatur/Film/Staatstheorie 1918–1938 (= Staatsdiskurse 21). Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2012. Vgl. z.B. auch Georg Spitaler: Aus der Casting-Show an die Schwelle. Theoretisierungen politischer Handlungsfähigkeit in der Postdemokratie in Raul Zeliks Roman Der Eindringling. In: OZP 2015/4, S. 37–50.

9 Vgl. auch die redigierte Fassung des Gesprächs von Elena Messner und Dorottya Csécsei auf der Konferenz »Veränderte Spielräume?« in Budapest: https://textlicht.wordpress.com/2017/10/30/kunst-und-literatur-sind-immer-politisch.

10 Elfriede Jelinek: Nach Nora. (22.10.2013). Online unter: www.elfriedejelinek.com (20.12.2017).