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Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹

Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938

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Edited By Primus-Heinz Kucher and Rebecca Unterberger

Die Oktoberrevolution von 1917 und die Gründung der Sowjetunion zog politisch-ideologisch wie kulturell-künstlerisch im deutschsprachigen Raum hohe Aufmerksamkeit auf sich und polarisierte die intellektuelle Öffentlichkeit. Insbesondere in der Ersten Republik bzw. im ›Roten Wien‹ stießen manche ihrer Impulse auf Resonanz, andere auf dezidierte Zurückweisung. Auch im bürgerlichen Kunst- und Literaturbetrieb, zum Beispiel dem der Musik, des Theaters oder des Films wurden (sowjet)russische Entwicklungen wahrgenommen und diskutiert. Der Band widmet sich solchen Rezeptionsbeziehungen, arbeitet ihre zum Teil erstaunliche Resonanz heraus, verortet sie in zeittypischen Diskursen wie dem des Aktivismus, der Theater- und Musikavantgarde, aber auch, kontrastierend-komplementär, dem des zeitgenössischen Amerika-Diskurses.

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Die neuen „Russophilen“: Robert Müller, Heimito von Doderer, Joseph Roth und ihre Auseinandersetzung mit Russland

Alexander W. Belobratow

Die neuen „Russophilen“: Robert Müller, Heimito von Doderer, Joseph Roth und ihre Auseinandersetzung mit Russland

Abstract: This paper discusses the so called “neue Russophilie” among Austrian authors in the 1920s taking into account three representative figures: Robert Müller, Joseph Roth and Heimito von Doderer. Even based on different cultural experiences and types of contact with the country in question, Austrian “images of Russia” contain quite stable and similar patterns in the perception of the Other. Attention will especially be drawn on von Doderer for whom the Russian ‘experience’ (as a prisoner of war in Siberia) had an important initial impact and significance for his later writings and poetological approaches.

1 Russlandbekenntnisse bei H.v. Doderer

Der österreichische Schriftsteller, Essayist und Verleger Robert Müller (1887–1924), „eine der faszinierendsten und umtriebigsten Figuren im Wien der 1910er und frühen 20er Jahre“,1 besprach beziehungsweise annoncierte in seinem Aufsatz Die Kulturpolitik des Bolschewismus, publiziert im September 1920 in Der Neue Merkur, drei 1919–1920 erschienene Bücher von Harald von Hoerschelmann, Alfons Paquet und Alfons Goldschmidt, die dem neuen bolschewistischen Russland gewidmet waren. Auch sein eigenes Buch Bolschewik und Gentleman erwähnte Müller dabei kurz und schloss seinen Aufsatz mit der emphatischen Exklamation: „Von dieser Art Literatur hängt viel ab, Europas Zukunft. Rußland macht Mode, ohne Zweifel!“2 Literarisch-publizistische Auseinandersetzungen mit Russland, auch mediale Sowjetrussland-Diskurse, nahmen im deutschsprachigen Kulturraum der Zwischenkriegszeit bekanntlich einen respektablen Raum ein. Für die Periode zwischen 1917 bis 1924 erfasst Gerd Koenen mehr als 1200 Titel, eine ansehnliche Russland-Bibliothek.3 Auch die österreichischen ←51 | 52→Printmedien partizipierten nach 1918 am anhaltenden Russland-Interesse. Mit Schmidt-Dengler stand Russland, „wie die Schlagzeilen in den Tageszeitungen für die zweite Hälfte des Jahres 1920 zur Genüge belegen, im Mittelpunkt des Interesses“.4

Im vorliegenden Beitrag stehen drei repräsentative Beispiele für die ‚neue Russophilie‘ um 1920 im Mittelpunkt: russlandbezogene Publikationen und Reaktionen der österreichischen Autoren Robert Müller, Joseph Roth und Heimito von Doderer. In ihren Texten aus je unterschiedlichen Phasen ihrer jeweiligen Werkbiographie, im Fall von Doderer immerhin von initialer Bedeutung für sein Schreiben und seine Poetik, werden Facetten der kulturellen Rezeption, des kulturellen wie politischen Transfers beschrieben und interpretiert.

Die ersten journalistischen Texte von Heimito von Doderer, den es 1916 in die, so Doderer in einem seiner im tiefsten Russland entstandenen Texte, „glasharte Kälte“5 Sibiriens als österreichischen Kriegsgefangenen verschlagen hatte, und der von dort im Sommer 1920 den langwierigen Weg nach Wien zurück antreten musste, sowie die für sein Werk bedeutenden Bezüge zur russischen Kultur und Literatur sind zum ersten Mal 1972 von Schmidt-Dengler dokumentiert worden.6 Von fünf frühen Zeitungspublikationen Doderers sind zwei direkt dem russischen Thema gewidmet: Das russische Land in der Wiener Mittags-Zeitung vom 16.10.1920 und Die neuen Russophilen, veröffentlicht in der Wiener Allgemeinen Zeitung vom 25.6.1921.7 Dabei, so Schmidt-Dengler, „[wird Doderer] in keinem dieser Aufsätze konkret. Es handelt sich um emphatische, bekenntnishafte Skizzen, denen man wenig Information unmittelbar entnehmen kann“.8

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Dieses emphatische Bekenntnis Doderers zu Russland, das heißt zu seinen russischen Erfahrungen, hat bekanntlich nachhaltige Spuren in seinem späteren Werk hinterlassen. Über das Land schreibt und urteilt er, zumindest bis Ende der 1930er Jahre, mit auffallender Sympathie, im Besonderen in seinem Aufsatz Die neuen Russophilen:

[W];er zurückkommt und man hört ihn reden, der flucht das Blaue vom Himmel herunter über die „Regierung“ drüben, über die Falottenwirtschaft in allen Ämtern und erzählt immer die unglaublichsten Geschichten – und nach einer Viertelstunde schwärmt er schon von den Russen im allgemeinen, nennt sie ein edles, herrliches Volk und es stellt sich heraus, daß dieses Land, dieses Volk in seinem Herzen feste, unverlierbare Stätten der Liebe haben: die Augen leuchten ihm ja, man könnte fast glauben, der Mann sehnt sich zurück.

Und es ist mitunter fast so bei diesen ehemaligen „Woyennoplenni“. […] Sie haben die Weite eines Riesenlandes kennen gelernt und die Weite des russischen Herzens, das in Wahrheit den Charakter des Landes widerspiegelt […]. Sie haben den heiligen „Nitschewo“ kennen gelernt, der die Mischung von Herzensgröße, unverbesserlicher Passivität, Verträumtheit und Tiefe verkörpert.9

In seinem ersten gedruckten Prosatext Das russische Land wird über die Wanderung einer Gruppe von acht deutschen und österreichischen Kriegsgefangenen berichtet, die durch die unermesslichen Ebenen Richtung Europa marschieren. Doderer charakterisiert Russland und seine Bewohner sowie seine Landschaft dabei durchaus positiv:

Hier soll von einem Lande ein weniges erzählt werden; von seiner Eigenart – dem Angesicht seiner Landschaft und von seinen Bewohnern, von dem großen russischen Bauernvolk, dessen Herz weit und offen ist wie die Steppe, von der Gastfreundlichkeit und alles in allem vom Wandern durch die über alle Begriffe unermesslich große Ebene von Westsibirien.10

Doderers Ausführungen knüpfen deutlich an das schon zur Jahrhundertwende dominante Muster der Russlanddarstellung an, wie es zum Beispiel bei Rainer M. Rilke etabliert erscheint, nämlich an die Glorifizierung der „russischen Seele“ und des russischen Bauern.11 Mit Jürgen Lehmann fügt sich dieses Muster in ←53 | 54→gängige zeitgenössische, kulturkritisch-pessimistische, aber auch alternative habituelle Gemengelagen: Es

werden gegen Ende des Jahrhunderts solche Stimmen vernehmbar, die – kulturkritisch und geschichtsphilosophisch argumentierend – dem von Dekadenz und Verfall bedrohten Westeuropa ein als ursprünglich, naiv und vital gezeichnetes Russland als Verheißung einer neuen Kultur, als Garant einer geistigen, seelischen und künstlerischen Erneuerung gegenüberstellen. Eine solche auch die Sicht auf die russische Literatur beeinflussende Einschätzung prägt auch eine u. a. von Philosophen, Intellektuellen und Künstlern wie Friedrich Nietzsche, Lou Andreas-Salomé und Rainer Maria Rilke vertretene Bewertung, in deren Rahmen Russland als „verheißenes Land“, seine Bewohner als Inkarnationen einer mit Begriffen wie „geistliche Tiefe“, „Unmittelbarkeit der Welterfahrung“, „innere Widersprüchlichkeit“, „Demut“, „Passivität“, „Leidensfähigkeit“ etc. umkreisten, aber letztlich rational nicht bestimmbaren „russischen Seele“ gesehen werden.12

Doderers Bekenntnisse zum „russischen Menschen“ verweisen bereits auf die späteren von Stefan Zweig aus dem Jahre 1928, als dieser aus Anlass des Tolstoj-Jubiläums in Moskau weilte und in seinen Reiseaufzeichnungen festhielt, dass er „Rußland erleben“ wolle, und zwar „nicht das bolschewistische, nicht das von einst und das von heute, sondern des ewigen Volkes weite, starke und dunkle Seele“.13 Malgorzata Świderska bemerkt in ihrem Buch bezüglich Das russische Land von Doderer: „[D];iese Charakterisierung Russlands und der Russen [entspricht] den westlichen klimatheoretischen Vorstellungen und Stereotypen, u.a. über die weite ‚russische Seele‘, die auch in Dostojevskijs Romanen als ein russisches Selbstbild zu finden ist“.14

Einige Jahre später, im September 1925, notiert Doderer in seinem Tagebuch:

Damit komme ich auf Russland, das ich ˂innig˃ liebe. – Ich weiß nicht wie es jetzt mit ˂meinen˃ den russischen Brüdern steht, ich weiß nicht, welche Gefechtslage sie jetzt dort drüben haben; denn es ist schon fünf Jahre her, seit ich wieder hier in Europa lebe und was ich damals noch zuletzt sah, das gilt heute gewiss nicht mehr. […] Ich sage ←54 | 55→„Gefechtslage“ ˂meine˃, denke aber nicht an politische Geschichte. […] Ich meine also die Gefechte innerhalb des „russischen Menschen“.15

Am 11. oder 12. Dezember 1924 besuchte Doderer eine Veranstaltung in der Secession, in der der zwangsausgesiedelte russische Schriftsteller, Soziologe und Philosoph Fёdor Stepun (1884–1965) zwei Vorträge über das gegenwärtige Russland hielt: Das Antlitz Russlands und Stil und Seele des Bolschewismus.16 Doderer vermerkt dazu in seinem Tagebuch: „Fjodor Stepan /sic!/ /…/ ist Vollrusse17, ein ‚Redner‘, aber doch höchst sympathisch. Die Vorträge waren in jeder Hinsicht ein grosser Erfolg /…/ - Für meinen ‚Geschmack‘ (im Sinne von ‚Witterung‘) war dieser St. etwas zu reaktionär.“18

Die aktuellen Ereignisse (Revolution, Bürgerkrieg) wurden von Doderer in seinen Zeitungsaufsätzen Anfang der 1920er Jahre weitgehend ausgeklammert beziehungsweise in den Hintergrund gedrängt. Auch der Krieg Russlands mit Polen, der zwischen Sommer und Herbst 1920 tobte, kam nur in Andeutungen zur Sprache, so zum Beispiel im Zuge einer Begegnung mit einer Bauernfamilie in der sibirischen Steppe. Dabei äußert sich der Hausherr über den Krieg wie folgt:

[I];ch war auch an der Front, im deutschen Krieg, zwei Jahre; der Teufel weiß, wozu – bist du nicht gerade so ein Mensch wie ich? Wir haben aber aufeinander geschossen. Gott im Himmel! Welche Dummheit! … Und jetzt hört es noch nicht auf, schon wieder haben wir Krieg mit Polen. Wozu? … muss denn der Krieg sein? … Was kümmert mich Polen!19

Im Gegensatz dazu positionierte sich Doderers erster Roman Das Geheimnis des Reichs (1930), dessen stoffliche Grundlage Erfahrungen aus der Gefangenschaft ←55 | 56→in Sibirien bilden, viel deutlicher. Die Schilderung der Revolution und des Bürgerkrieges nehmen darin einen gewichtigen Teil ein, auch der sprach-ästhetische Gestus ist bemerkenswert, das heißt teilweise assoziativ-modernistisch. Doderer hielt sich in seiner politischen Kommentierung nicht zurück: Sichtbar wird dies in der negativen Zeichnung der „Weißen“, das heißt der russischen Konterrevolutionäre, der sie unterstützenden tschechischen und Entente-Einheiten, „während seine Kritik der russischen Revolution gemässigt ausfiel“.20 Die Revolution und ihre zentralen Persönlichkeiten (Trockij und Lenin) werden nämlich im Hinblick auf ihre Anknüpfung an das „heilige Rußland“ und sein ‚verborgenes Wesen‘ beurteilt, das sich trotz bolschewistischer Ideen durchsetze und das „Geheimnis des Reiches“ ausmache:

Begreift jemand das Geheimnis dieses Reiches? Was bedeutet es, daß die Roten wider jede vernünftige Erwartung siegten und die Fremden aus dem Lande jagten, was bedeutet es, daß dieser Kommunismus, der doch von höchst westlicher geistiger Abkunft ist, am Ende gerade die Aufgabe erfüllte, Rußland für lange Zeit vom Westen abzuschließen – und was bedeutet es endlich, daß jene vielberufene „Weltrevolution“, von deren Kommen oder Ausbleiben ja die ganze kommunistische Sache letztlich abhängt, […] - ausblieb? War Lenin, der Internationalist, Freigeist und Gottesleugner etwa nur der treueste Knecht des heiligen Rußland, so getreu, dass er selbst es nicht wissen konnte und erst spätere Zeiten dahinter kommen werden? ---21

2 Roths Auseinandersetzung mit Russland

Etwa um dieselbe Zeit, als Doderer durch die russischen Steppen und Städte – die letzte Station war Petrograd – zurückmarschierte, verweilte Joseph Roth inmitten der Kriegshandlungen zwischen Polen und Sowjetrussland und schickte seine Berichte an die Neue Berliner Zeitung, seine erste Anlaufstelle in Deutschland, nachdem er in den Wiener Zeitungen nicht die erhoffte „Karriere“ hatte machen können. Mit Roths Publikationen nach 1923 in der sozialistischen Zeitung Vorwärts hat sich Inge Syltemeyer bereits 1969 auseinandergesetzt; auch seine Reiseberichte aus Russland, wo er 1926 fast ein halbes Jahr verbrachte, sind mehrmals analysiert und interpretiert worden.22 Die Publikationen von Roth als ←56 | 57→Kriegskorrespondent sind dagegen bislang auf weniger Aufmerksamkeit gestoßen, obwohl sie die ersten Reaktionen Roths auf das „neue Russland“ enthalten.

Zwischen Ende Juli und Anfang August 1920 lieferte Roth kürzere und längere Berichte aus dem „russisch-polnischen Krieg“, die Sympathien für die russischen Soldaten, deren Offiziere und für die „neue Ordnung“ insgesamt zu erkennen geben. Roth stellt sich dabei als neutraler und sachlicher Berichterstatter dar, der die „falschen“ Berichte und Meinungen zu diesem Thema zurechtrücken wolle. Aufschlussreich dazu der mehrteilige Aufsatz Die Rote Armee, der umfangreichste Text, bestehend aus „Stimmungsbildern“, die das Neue, das Besondere der Sowjetarmee herausstellen wollen, wobei Roth mit Bewunderung nicht zurückhält. Stefan Kaszyński ortet darin folgende Interessenslage: „Man merkt seinen Texten sehr wohl an, dass ihr Autor sich bemüht, dem Geschmack und den Ansichten seiner Auftraggeber einerseits und dem Erwartungshorizont seiner österreichischen Leser andererseits nachzugehen“.23 Dabei eile bei Roth „die persönliche Anteilnahme den Fakten voraus“. Roth, so Kaszyński, sei „ein talentierter Stimmungsmacher“. Russen als Sieger „werden weitgehend in einem positiven Licht geschildert. Ob dahinter ein Vorurteil oder auch eine gezielte politische Strategie steht, bleibt bis heute ungeklärt […]. Die Passagen über die Rote Armee gewinnen jedenfalls in den Berichten Roths zunehmend an positiver Substanz“.24

Besonders auffallend wirkt der Abschnitt Genosse Regimentsarzt, in dem Roth regelrecht eine Hymne auf die Demokratisierung der „Sowjet-Armee“ anstimmt ←57 | 58→und deren „moralische Verfassung“25 lobend erwähnt. Auch die von Roth registrierte Reisefreiheit „innerhalb des Sowjetgebiets“, wo man angeblich „überhaupt ohne Papiere“ fahren könne, verleitet ihn zu einem Vergleich mit dem Westen, der letztlich zugunsten des bolschewistischen Landes ausfällt: „So hat sich die Welt geändert. Der Paß, ehemals eine russische Spezialität, ist ein Reise- und Kulturdokument des ‚freien Westens‘ geworden“.26 Laut Roth ist „die Rote Armee […] keine Freibeuterschar, sondern eine Armee. Eine antimilitaristische Armee! O Witz der Weltgeschichte! Kreuzritter des Zwanzigsten Jahrhunderts. Kreuzritter des Sozialismus.“27

Roth reagiert prompt auch auf die antisemitische Problematik, die einerseits in der Beschreibung von Gräueltaten der polnischen Armee gegenüber der jüdischen Bevölkerung ihren Ausdruck findet, andererseits in der Darstellung einer angeblich vom Autor selbst erlebten Szene kulminiert, in der die Rote Armee in einem positiven Licht dargestellt wird:

Man traut seinen Augen nicht: Ein polnischer Jude redet auf einen Kosaken ein. Der Jude möchte gern einen Ledergurt kaufen, und der Kosak – weder verkauft er, noch zieht er eine Nagaika – sondern er lächelt, lächelt: Njet, batjuschka, njet … /Nein, Väterchen, nein/.

Der Antisemitismus ist offiziell nicht vorhanden. Antisemitische Auslassungen, Diskussionen, Streitigkeiten sind strafbar.28

In der Sammelrezension „Bücher der Revolution“, verfasst in Berlin am 10.8.1920, schreibt Roth über Viktor Panins Roman Die schwere Stunde: „Dieses Russenbuch muss man gelesen haben, um Rußland, das neue, kennenzulernen. Es ist die neue russische Kunst“.29

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Ende Oktober 1920 erscheint ein weiteres Zeitungsfeuilleton Roths, in dem das Rußland-Thema wieder aufgenommen wird, der kleine Aufsatz Sowjetausstellung in Berlin. Auf diese Präsentation der neuen russischen Kultur und Kunst reagiert Roth allerdings deutlich kritischer, indem er die Ausstellung ungeschminkt eine „Sowjetpropagandaausstellung“ nennt:

Sie zeigt nicht, was in Russland vorgeht, geschaffen wurde, wirkt, zerstört und baut, sondern was in Russland vorgehen soll, nach dem Willen derer, die es befehlen…Dass befohlen wird, spürt man deutlich. Man befiehlt zum Beispiel: Idealismus, Gewissen, proletarisches Bewusstsein, Nächstenliebe. Der Zarismus befahl: Mord, Pogrom, Barbarei. Ein Fortschritt ist also da. Nur: Es wird eben befohlen. Der Fortschritt ist anbefohlen. […] Hat man sich mit der Tatsache vertraut gemacht, dass in Rußland so ziemlich alle Kunst im weiteren Sinn, das heißt alles Können in das Joch peinlicher Tendenzwirkung gespannt ist, so kann man seine Freude an beidem haben: am Ausdruck und an der Wirkung.30

Die wichtigsten Punkte seiner Betrachtungen, die auch für seinen späteren Text Reise in Russland (1926) evident bleiben, sind die angestrebte Demokratisierung der Gesellschaft, die Antisemitismusproblematik und das Problem der individuellen Freiheit. Interessant an der Ausstellungsrezension ist vor allem die begleitende politische Kommentierung: Das politische System als „anbefohlen[er] Fortschritt“ wirkt auf ihn doch suspekt, und die Errungenschaften des Systems werden, wenn auch anerkannt, so jedoch nicht als authentische empfunden.

Eine eindeutige Zuschreibung konkreten politisch-ideologischen Engagements erweist sich im Fall von Joseph Roth sohin als problematisch und kaum hilfreich. Roths Gesinnung lässt sich nämlich weniger mit einer bestimmten ideologischen Maxime verknüpfen; vielmehr wurzelt sie in seiner existentiellen Problematik, deren Zentrum die Frage nach der Entfremdung des modernen Menschen bildet. Die Zeit der Massenbewegungen, der „unterschiedlichen Kollektivismen“31 zwinge aber das Individuum in die ambivalente Situation, sein Zugehörigkeitsgefühl als Teil einer Masse, eines Kollektivs, einer Partei, einer politischen oder sonstigen Glaubensgemeinde mit seinem Selbstverständnis und Persönlichkeitsgefühl abzugleichen und zu überprüfen. In Deutschland, so Roth, „muß ich auch […] wenn ich keinen Typus, keine Gattung, kein Geschlecht, keine Nation, keinen Stamm, keine Rasse repräsentiere, dennoch ←59 | 60→etwas zu repräsentieren suchen“.32 Vor diesem Hintergrund wird verständlich, wenn er in sein russisches Reisetagebuch am 27.9.1926 notiert:

Der Mensch wird zum bewußten Kollektivismus erzogen. Man sagt ihm aber nicht, daß außerdem noch eine Weisheit Platz hat, eine Weltanschauung nicht von einem Punkt aus aufgebaut wird, sondern von vielen tausenden, daß man nicht stehend das Leben begreift, sondern wandernd, immer wieder stehen bleibend.33

3 R. Müllers Russland-Essay

In die Zeit um 1920 fallen auch mehrere Ausführungen zu Russland und zum Bolschewismus von Robert Müller, der das Russland-Thema am intensivsten in seinen Essays ab etwa 1915 umreißt. Für den Zeitraum von 1915 bis 1924 hat er nicht weniger als 15 Zeitungsbeiträge vorgelegt, die um Russland kreisen, dazu auch den 1920 auch als Buch erschienenen umfangreichen Essay Bolschewik und Gentleman.

Müllers erste Hinwendung zum russischen Thema fällt in das erste Kriegsjahr, als er im Januarheft der Zeitschrift Der Merker 1915 einen Essay mit dem Titel Russischer Volksimperialismus publiziert. Im gleichen Heft ist auch der anti-russische, ja geradezu chauvinistische Aufsatz von Albert Ehrenstein Der Politiker Dostojewski erschienen, in dem Ehrenstein unter anderem bekennt, dass er „nie an das Christentum von D. geglaubt“ habe, und den russischen Romancier als den „slawophilen Houlligan“ bezeichnet.34 Bei Müller sind dagegen ganz andere Einschätzungen präsent:

Man kann Rußland nur bewundern. Es ist von einem mächtigen Gemüte, von einer allgemeinen menschlichen Sittlichkeit erfüllt, die nur durch den humanen Maßstab des europäischen Liberalismus nicht erfaßt werden kann. Bei all der Grausamkeit und Verwirrung, die der russischen Seele anhaftet, steht der Russe als Mensch und Kulturtyp höher als der moderne schlenkrige Franzose, dessen Wesen seit hundert Jahren eine immer stärker werdende Verflachung und Entrassung aufweist […] Die Maßlosigkeit der russischen Seele […] hat im seelischen Leben dieses Volkes ungeheure sittliche Werte geschaffen.35

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Und er fügt dem die Erklärung hinzu, die eigentlich einer Wiederholung des gängigen Klischees gleichkommt: „Die Maßlosigkeit der russischen Seele […] hat im seelischen Leben dieses Volkes ungeheure sittliche Werte geschaffen“.36

Müller schließt sich somit der seit der Jahrhundertwende in Westeuropa gängigen Vorstellung von der „russischen Seele“ an. Der Übergang in der Auffassung von Russland als einem antichristlich „Fremden“ zum christlich „Eigenen“ findet Ende des 19. Jahrhunderts sowohl in Deutschland als auch in Frankreich, etwa vermittels Melchior Vogues Buch Der russische Roman von 1886, und in England statt. Die Mythologisierung des „russischen Glaubens“ ist deutlich mit der Rezeption von Fёdor Dostoevskij und Lev Tolstojs Romanen verbunden. Gemäß diesen Überlegungen gehe es in Russland nicht um Ungebildetheit und dunkle Philosophie, sondern um eine Form von Ur-Grund, der Toleranz, Güte, Menschenliebe gebäre.

Im Essay Bernhard Shaws Völkerreich, publiziert in den von Müller im Auftrag des Kriegspressequartiers geleiteten Belgrader Nachrichten vom 6.5.1916, wiederholt er die Topoi seines Russlandbildes, indem er das Deutsche dem Slawischen näherbringt – in krasser Gegenüberstellung zum Westeuropäischen:

Würde die Politik nach einem Gesetz der inneren Anlage gemacht, so könnte gegenüber der Shawschen Zusammenstellung geltend gemacht werden, daß neben der westlichen Zivilisation die russische Kultur der Seele, die ethische Tiefe eines Dostojewsky und Tolstoi, die Menschlichkeit eines Gorky es ist, die den deutschen, nicht nur den slawischen Sinn von Mitteleuropa stärker fesseln, als die mehr an der Oberfläche der menschlichen Möglichkeit liegenden Probleme des Westeuropäers.37

Diese mythologischen Russlandbilder und Konstruktionen der „russischen Seele“ haften Müllers Russland-Auffassungen und seinen Reaktionen auf den russischen Bolschewismus auch nach 1917 an. Im Essay Friedensersatz, erschienen in der Österreichisch-Ungarischen Finanzpresse am 16.2.1918, wird die „neue Diplomathie“ [sic] der Bolschewiki folgendermaßen begrüßt, wenn nicht bejubelt:

Trocky hat ein vollständig neues Diplomatenmittel erfunden: den Abbruch der kriegerischen Beziehungen. Er hat den Frieden einfach erklärt. Was früher ein Wortwitz war, ist jetzt Taternst geworden. Das ist ein ungeheuerliches Novum, etwas noch nie Dagewesenes und leuchtet tief in die Seele Trockys und des russischen Bolschewismus hinein. Des russischen Bolschewismus; denn diese Züge sind echt russisch. Sie erinnern an den Menschen aus den Büchern Dostojewskys, Tolstois und Gorkis, an diese ←61 | 62→Träger des fleischgewordenen Christentums, das zur geschlagenen einen Wange auch die andere bietet.38

Augenscheinlich entwirft hier Robert Müller ein Bild vom Bolschewismus, das sich mit der wirklichen politischen Bewegung kaum deckt. In seinem Essay Bolschewik und Gentleman sowie in den 1919 und 1920 erschienenen Aufsätzen Revolutionäre Typen (Das Ziel III, Leipzig 1919) und Die Kulturpolitik des Bolschewismus (Der Neue Merkur, September 1920) kommt es zur vollständigen Enthistorisierung des Phänomens „Bolschewismus“. Günter Helmes ist zuzustimmen, wenn er bemerkt: „In eben der Weise, in der er in früheren Abhandlungen vom ‚Germanen‘ oder vom ‚Deutschen‘ sprach, spricht er nun vom ‚Bolschewiken‘.“39 Bei der Darstellung der geistigen Entwicklung des neuen bolschewistischen Staates glorifiziert Müller dessen Kulturpolitik:

In der Tat hat das jetzige russische System zwar die russische Wirtschaft annihiliert […]. Unbestritten dagegen ist von allen Augenzeugen aller Nationen der außerordentliche kulturpolitische Fortschritt, den die jetzige russische Gesellschaftsordnung mit sich gebracht hat.

Der Grund ist einfach. Staat ist dem Bolschewiken eine ideologische Anstalt. […] Kulturpolitische Maßnahmen werden gegen die finanzielle Kalkulation durchgeführt. Darum ist Rußland das Dorado aller kulturell interessierten […] Individuen geworden. Die englischen, besonders die französischen und die deutschen, sogar die amerikanischen Künstler schwärmen für Moskau, Lenin und Lunatscharsky. […] Das ist die Wirkung einer geistigen Forderung. Sie ist plötzlich, von Geistigen geführt, von Millionen getragen.40

Im Unterschied zu Doderer, Roth oder Zweig fehlen Müllers Einschätzungen authentische Russland-Erfahrungen; er war nie in Russland und hatte auch nicht vor, in das bolschewistische Land zu reisen. Vielmehr sind sie aus Texten Anderer sowie aus zeitgenössischen Diskurslagen entlehnt und potenziert. Interessanterweise fallen diese Bewertungen auch mit einzelnen der eher skeptischen Joseph Roths zusammen, in dessen ersten Russland-Reportagen ebenfalls die Hoffnung auf eine „neue Welt“ tonangebend ist: „Denn eine neue Art, zu schaffen und aufzunehmen, zu schreiben und zu lesen, zu denken und zu hören, zu lehren und zu erfahren, zu malen und zu betrachten, ist hier [in Sowjetrußland, ←62 | 63→Anm. A.B.] entstanden“.41 Diese Hoffnung auf eine geistige Umwälzung, auf „befreite Kritik“42 sowie auf den ‚neuen‘ Menschen wird aber ständig durch Beobachtungen Roths relativiert, die den russischen Massen- beziehungsweise Durchschnittsmenschen als Resultat einer totalen Verstaatlichung und gewaltigen Bürokratisierung des Lebens ansehen. Die „geistige Leere“ des russischen beziehungsweise sowjetischen Menschen, der „niemals ganz Privatmensch“ sein dürfe, der zum „Kollektivismus“ erzogen werde und nicht zum geistigen „Kombinieren“, der „das primitive Anfangstadium einer öffentlichen Meinung“ erlebe, „die von oben gelehrt und genährt wird“, – das alles wird von Roth „in der russischen Straße“, in den Zeitungen, in Gesprächen, in der Schule und bei der Jugend besorgt registriert. Doch diese „allgemeine Nivellierung“43 wird in seinen Reportagen letztendlich entschuldigt mit dem leitmotivischen Verweis auf die Zukunft Russlands und die der Revolution: „Es wäre freilich anders kaum möglich. Vielleicht muß die große Masse zuerst durch die Oberfläche der Erkenntnis. Sie ist ja kaum einige Jahre befreit von der tiefsten Blindheit!“44 Die „Entschuldigungen“ und „hoffnungsvollen“ Einschübe sind aber nicht dadurch zu erklären, dass Roth sich angesichts der sowjetischen Zensur und ihrer Macht verunsichert fühlte, wie David Bronsen meint.45 Es geht Roth eher um seine deutschen Leser, um den Rezeptionshorizont der europäischen Intellektuellen, die er vor Entwicklungsprozessen in der Kultur zu warnen sucht, wie sie sich auch im Deutschland jener Zeit bemerkbar machen: vor der Gefahr einer Parallelisierung von Demokratisierung und Nivellierung.

Robert Müllers Bolschewik und Gentleman weist also keine Analyse eines realgeschichtlichen Phänomens auf, obwohl darin das bolschewistische Russland im Zentrum steht: „Der Bolschewismus macht Ernst, das ist es. Das Detail ist unwichtig. Er ist zuerst ein allgemeiner Messianismus östlicher Völker, ein Chiliasmus bisher untertaner Schichten, ein Titanismus geistiger Forderer“.46 Robert Müller ist hier auf der Suche nach „eine[r]; ideale[n] aktivistische[n] Gesellschaftsform“,47 deren großes Versprechen er im bolschewistischen Russland zu ←63 | 64→erkennen meint – im Land, das fast ausschließlich aus präformierten Elementen konstruiert wird, gekoppelt mit seinen Vorstellungen von der „russischen Seele“.

Im „Nachtrag“, einige Monate später geschrieben, unternimmt der Autor einen Versuch, seine „Prophezeiung“ mit dem Verweis auf die geschichtlichen Ereignisse zu bekräftigen:

Rußland unter Lenin kann auf außerordentliche Erfolge in außenpolitischer, militärischer und kultureller Hinsicht hinweisen. Es ist komplett geblieben, erzwingt sich die Anerkennung der westlichen Welt, hat mehrere Feldzüge, zuerst den gegen ein homunkulides Polenreich, das von Klavierstimmern, nicht von Politikern geschaffen worden ist, gewonnen und ist heute der eigentliche Kulturstaat der Welt im seelischen Sinne. Mißlungen ist nur das konkrete marxistische Programm, in den sozialen und wirtschaftlichen Belangen war Rußland nicht so schöpferisch, wie auf den geistigen und aktivistischen Gebieten.48

Am 24. August 1924, drei Tage vor dem Selbstmord des Autors, erscheint in der Prager Presse Müllers letzter Russland gewidmeter Essay: Gorki und Lenin, de facto Müllers Reaktion auf Gor’kijs Lenin-Nachruf: „Am meisten interessieren ihn [Gor’kij] dämonische Menschen, die ebenso groß im Zufügen als im Entgegennehmen von Schmerz sind wie die Dämonen Dostojewskijs oder die Brüder Karamasoff. Ein solcher Mann ist Lenin für Gorki.“49

Für Müller hat aber Lenin nicht primär mit dem Dämonischen zu tun, er sei eher „ein erstklassiger, monströs fleißiger Beamter seiner Idee“. Die Verknüpfung des Bolschewismus mit den expressionistisch-aktivistischen Idealen scheint für Robert Müller passé zu sein: „Von der historischen Rolle, die er spielt, […] erscheint Lenin dem Europäer uninteressant. Er lässt sich mit der kulturellen und stilhaften Ergiebigkeit selbst einer Natur wie Mussolini nicht im entferntesten messen“.50 Es geht auch nicht um die von Doderer formulierte Charakterisierung vom bolschewistischen Lenin als dem „treuen Knecht des heiligen Rußland“. „Daß er eine kristallisierende politische Begabung war, das unterliegt doch keinem Zweifel. Aber das ist Hitler auch, sogar sehr, erste Potenz darin“.51

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1 Günter Helmes: Nachwort. In: Robert Müller: Tropen. Der Mythos der Reise. Hg. v. Günter Helmes. Paderborn: Igel Verlag 1990, S. 246–264, zit. S. 246.

2 Robert Müller: Die Kulturpolitik des Bolschewismus. In: ders.: Kritische Schriften II. Hg. von Ernst Fischer. Paderborn: Igel Verlag 1995, S. 473–475, zit. 474.

3 Vgl. Gerd Koenen: Blick nach Osten. Gesamtbibliographie der deutschsprachigen Literatur über Rußland und den Bolschewismus. In: ders./LewKopelew (Hgg.): Deutschland und die russische Revolution. München: Fink 1998, S. 827–935.

4 Wendelin Schmidt-Dengler: Heimito von Doderers schriftliche Anfänge. In: Österreich in Geschichte und Literatur, H. 16/1972, S. 98–110, zit. S. 102.

5 Heimito von Doderer: Holzschnittexte. In: ders.: Die sibirische Klarheit. Texte aus der Gefangenschaft. Hg. von Wendelin Schmidt-Dengler u. Martin Loew-Cadonna. München: Biedersten Verlag 1991, S. 42–51 zit. S. 44.

6 Vgl. Schmidt-Dengler, Doderers schriftliche Anfänge, S. 98–110.

7 Den Anfang 1921 von ihm verfassten Aufsatz „Kultproswet“ über die von den Bolschewiki eingeführten Abteilungen für Kultur- und Bildungsarbeit erwähnt Doderer in seinem Tagebuch; vgl. Heimito von Doderer: Tagebücher 1920–1939. Bd. 1. München: Beck 1996, S. 15f.

8 Wendelin Schmidt-Dengler: Scylla und Charybdis. Der junge Doderer zwischen Journalismus und Fachwissenschaft. In: ders. (Hg.): Heimito von Doderer 1896–1966. Symposium anlässlich des 80. Geburtstages, Wien 1976. Salzburg: Wolfgang Neugebauer 1978, S. 9–24, zit. S. 10.

9 Heimito von Doderer: Die neuen Russophilen. In: Wiener Allgemeine Zeitung (25.6.1921), S. 5.

10 Zit. in: Schmidt-Dengler, Doderers schriftliche Anfänge, S. 103.

11 Vgl. dazu: Konstantin Asadowski: Rilke und Rußland: Briefe, Tagebücher, Erinnerungen, Gedichte. Frankfurt a.M.: Insel 1986; Jürgen Lehmann: Rußland. In: Manfred Engel (Hg.): Rilke-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Stuttgart–Weimar: Metzler 2004. S. 98–112; Alexander W. Belobratow: „Gott (wohne) in der Achselhöhle …“. Zur Bedeutung von Rilkes Rußlanderlebnis. In: Norbert Fischer (Hg.): ‚Gott‘ in der Dichtung Rainer Maria Rilkes. Hamburg: Felix Meiner 2014, S. 161–174.

12 Jürgen Lehmann: Russische Literatur in Deutschland. Ihre Rezeption durch deutschsprachige Schriftsteller und Kritiker vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Stuttgart: Metzler 2016, S. 61f.

13 Stefan Zweig: Auf Reisen. Feuilletons und Berichte. Frankfurt a.M.: Fischer 1987, S. 360.

14 Malgorzata Świderska: Theorie und Methode einer literaturwissenschaftlichen Imagologie, dargestellt am Beispiel Russlands im literarischen Werk Heimito von Doderers. Frankfurt a.M.: Peter Lang 2014, S. 116.

15 Doderer, Tagebücher, S. 286f.

16 Später entstand aus diesen Vorträgen ein Buch; vgl. Fedor Stepun: Das Antlitz Rußlands und das Gesicht der Revolution. Bern–Leipzig: Gotthelf-Verlag 1934.

17 Die Familie Stepun (eigentlich: Steppuhn) war deutscher und litauischer Herkunft.

18 Doderer, Tagebücher, S. 261. Stepun sprach dort wohl auch über das sowjetische „ideokratisch-hierarchisch-bürokratische System, das die Hierarchie der orthodoxen Kirche mit ihren Riten nachahme“. Solche und ähnliche Einschätzungen wollten Doderer als „etwas zu reaktionär“ erscheinen, sah er nämlich in Russland „Erwartung, Ahnung, Bewegung tief im Leibe“ (ebd., S. 292). Vermutlich war dieser Vortrag an einen Essay angelehnt, den Stepun im Juni-Heft der katholischen Zeitschrift Hochland veröffentlicht hatte; vgl. den Hinweis in: Reichspost (12.6.1924), S. 12. Beide Vorträge waren in der Arbeiter Zeitung vom 10.12.1924 (S. 5) bzw. im Neuen Wiener Journal vom 10.12.1924 (S. 10) angekündigt worden.

19 Zit. nach: Schmidt-Dengler, Doderers schriftliche Anfänge, S. 105.

20 Alexandra Kleinlercher: Zwischen Wahrheit und Dichtung. Antisemitismus und Nationalismus bei Heimito von Doderer. Wien u.a.: Böhlau 2011, S. 87.

21 Heimito von Doderer: Das Geheimnis des Reichs. In: ders.: Frühe Prosa. Hg. von Hans Flesch-Brunningen, Wendelin Schmidt-Dengler, Martin Loew-Cadonna. Neuausg. in einem Band. München: Beck 1995, S. 358f.

22 Vgl. Inge Syltemeyer: Das Frühwerk Joseph Roths 1915–1926. Wien–Freiburg–Basel: Herder 1976. Ferner dazu Alois Woldan: Kritik und Anerkennung – der junge Sowjetstaat in Joseph Roths feuilletonistischem Werk. In: Österreichische Osthefte, H. 3/1986, S. 341–349; Hartmut Scheible: Joseph Roths Reise durch Geschichte und Revolution. Das Europa der Nachkriegszeit: Deutschland, Frankreich, Sowjetunion. In: Michael Kassle/Fritz Hackert (Hgg.): Joseph Roth: Interpretation. Rezeption. Kritik. Tübingen: Stauffenburg 1990, S. 307–334; David Turner: „Überwältigt, hungrig, fortwährend schauend“. Joseph Roth’s Journey to Russia in 1926. In: Helen Chambers (Hg.): Coexistent contradictions: Joseph Roth in retrospect. Riverside: Ariadne Press 1991, S. 52–77; Olga Kozonkova: Das Russen- und Russlandbild im Frühwerk Heimito von Doderers. In: Österreichische Literatur: Ort der Begegnungen (= Jahrbuch der Österreich-Bibliothek) in St. Petersburg, Bd. 11/2013–2014, S. 92–106.

23 Es geht hier aber eher um seine deutschen Leser.

24 Stefan Kaszynski: Roths Rapporte aus dem polnisch-bolschewistischen Krieg im Kontext seiner Journalistik. In: Alexander Stillmark/Hans-Dieter Heinz (Hgg.): Joseph Roth. Der Sieg über die Zeit. Londoner Symposium. Stuttgart: Heinz 1996, S. 31–33 bzw. 38–40.

25 Joseph Roth: Die Rote Armee. In: ders.: Werke. Bd. 1: Das journalistische Werk 1915–1923. Hg. v. Klaus Westermann. Köln: Kiepenheuer & Witsch 1989, S. 315–322, zit. S. 318.

26 Ebd.

27 Ebd., S. 316.

28 Ebd., S. 318. Bei Isaak Babel, der den Feldzug der Roten Armee mitgemacht hat, stellt sich die Situation realistischer dar, sichtbar z.B. in einer Eintragung in sein Tagebuch, als er in Brody mit einem einheimischen Juden ins Gespräch kommt: „Kondjesch, der Schames, ein bärtiger und gesprächiger Jude […][,]; erzählt von der Plünderung der Stadt durch die Kosaken, von den Demütigungen, die ihnen die Polen angetan haben“ (Isaak Babel: Tagebuch 1920. Hg. von Peter Urban. Berlin: Friedenauer Presse 1990, S. 77).

29 Joseph Roth: Bücher der Revolution. In: ders.: Werke 1, S. 327–329, zit. S. 329.

30 Ders.: Sowjetausstellung in Berlin. In: ebd., S. 387f.

31 Robert Musil: Der Dichter in dieser Zeit. In: ders.: Gesammelte Werke in neun Bänden. Bd. 8. Reinbek b.H.: Rowohlt 1978, S. 1248.

32 Joseph Roth: Reise in Rußland. In: ders.: Werke. Bd. 2: Das journalistische Werk 1924–1928. Hg. v. Klaus Westermann. Frankfurt a.M.: Büchergilde Gutenberg 1991, S. 591–709, zit. S. 675. Dieser Gedanke hat bekanntlich in der deutschsprachigen Literatur eine lange Tradition, von Hölderlin bis Musil und Broch.

33 Joseph Roth: Tagebuch-Eintragungen. In: ders., Werke 2, S. 1010.

34 Albert Ehrenstein: Der Politiker Dostojewski. In. Der Merker, H. 1/1915, S. 736f.

35 Robert Müller: Russischer Volksimperialismus. In: ders.: Kritische Schriften I. Paderborn: Igel 1995, S. 193–195, zit. S. 194.

36 Ebd.

37 Ders.: Bernhard Shaws Völkerreich. In: ebd., S. 219–221, zit. S. 221.

38 Ders.: Friedensersatz. In: ders.: Kritische Schriften II. Paderborn: Igel 1995, S. 41–43, zit. S. 41.

39 Günter Helmes: Robert Mueller: Themen und Tendenzen seiner publizistischen Schriften. Frankfurt a.M. u.a.: Peter Lang 1986, S. 216.

40 Robert Müller: Die Kulturpolitik des Bolschewismus. In: ders.: Kritische Schriften II, S. 473–475, zit. S. 473f.

41 Joseph Roth: Gespenster in Moskau. In: ders.: Werke 2, S. 596–601, zit. S. 601.

42 Ders.: Die Schule und die Jugend. In: ebd., S. 671.

43 Ebd., S. 656.

44 Ebd., S. 601.

45 Vgl. David Bronsen: Joseph Roth. Eine Biographie. Köln: Kiepenheuer & Witsch 1993, S. 284f.

46 Robert Müller: Bolschewik und Gentleman. In: ders.: Irmelin Rose – Bolschewik und andere verstreute Texte. Paderborn: Igel 1993, S. 139–208, zit. S. 205.

47 Daniela Magill: Nachwort. In: ebd., S. 209–215, zit. S. 211. Kritisch dazu: Primus-Heinz Kucher: Zwischen „West-östlichem Barock“ und Dämonisierung/Asiatisierung des Ostens. Strategien literarischer Anverwandlung des fremden Ostens bei Hermann Bahr und Robert Müller. In: Dagmar Lorenz/Ingrid Spörk (Hgg.): Konzept Osteuropa. Der „Osten“ als Konstrukt der Fremd- und Eigenbestimmung in deutschsprachigen Texten des 19. und 20. Jahrhunderts. Würzburg: Königshausen & Neumann 2011, S. 131–146, bs. S. 140f.

48 R. Müller: Bolschewik und Gentleman. In: ders.: Irmelin Rose, S. 139–208, zit. S. 207f.

49 Ders.: Gorki und Lenin. In: ders.: Kritische Schriften III. Paderborn: Igel 1996, S. 203–207, zit. S. 204.

50 Ebd.

51 Ebd., S. 206.