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Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹

Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938

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Edited By Primus-Heinz Kucher and Rebecca Unterberger

Die Oktoberrevolution von 1917 und die Gründung der Sowjetunion zog politisch-ideologisch wie kulturell-künstlerisch im deutschsprachigen Raum hohe Aufmerksamkeit auf sich und polarisierte die intellektuelle Öffentlichkeit. Insbesondere in der Ersten Republik bzw. im ›Roten Wien‹ stießen manche ihrer Impulse auf Resonanz, andere auf dezidierte Zurückweisung. Auch im bürgerlichen Kunst- und Literaturbetrieb, zum Beispiel dem der Musik, des Theaters oder des Films wurden (sowjet)russische Entwicklungen wahrgenommen und diskutiert. Der Band widmet sich solchen Rezeptionsbeziehungen, arbeitet ihre zum Teil erstaunliche Resonanz heraus, verortet sie in zeittypischen Diskursen wie dem des Aktivismus, der Theater- und Musikavantgarde, aber auch, kontrastierend-komplementär, dem des zeitgenössischen Amerika-Diskurses.

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Eine Frau erlebt den roten Alltag.

Walter Fähnders

Eine Frau erlebt den roten Alltag.

Lili Körbers „Tagebuch-Roman“ über die Putilow-Werke

Abstract: Lili Körber mainly lived and worked in Vienna from the middle of the 1920th until her forced emigration. In 1932, Körber presented a much-discussed ‘diary-novel’ about her experiences in the Soviet-Russian Putilow factory. The innovative approach of using fictional and factual writing strategies allowed Körber to emphasize aspects of the workflow in Socialist contexts. Contrary to many contemporary Russia books, she succeeded in a montage-synthesis of highly literary and new-objective methods and passages.

Lili Körber (1897–1982) gehörte zu jener Generation schreibender Frauen in Deutschland und Österreich, die bei Ende des Ersten Weltkriegs beziehungsweise zum Zeitpunkt ihrer ersten Veröffentlichungen zwischen zwanzig und dreißig Jahre alt waren.1 Es war die Generation so markanter deutschsprachiger Debütantinnen wie Veza Canetti, Marieluise Fleißer, Mela Hartwig, Gina Kaus, Irmgard Keun, Ruth Landshoff-Yorck, Erika Mann oder Anna Seghers. Ihre literarischen Karrieren wurden durch die politischen Zäsuren von 1933 beziehungsweise 1938 in der Regel unterbrochen, selten gelang unter den ganz anderen Lebens- und Arbeitsbedingungen des Exils ein Neustart. Auch Lili Körber, die während der zwanziger und dreißiger Jahre in Berlin, Wien und anderswo lebte und publizierte, musste 1938 aus Österreich fliehen. Dass Lili Körbers Schreibinteresse ganz besonders Russland galt, wie nicht allein ihr 1932 bei Rowohlt in Berlin erschienenes Russland-Buch Eine Frau erlebt den roten Alltag belegte, hatte biographische und politische Gründe, die zunächst zu skizzieren sind.

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1 Lili Körber und Russland

Lili Körber2 wurde in Moskau geboren und war die Tochter eines dort ansässigen österreichischen Kaufmanns Ignaz Körber und seiner aus Polen stammenden Frau Jeannette. Nach Beginn des Ersten Weltkriegs verließ die Familie Rußland, nachdem der Vater wegen Spionageverdachts kürzere Zeit inhaftiert worden war, und siedelte über Berlin nach Wien. Lili Körber legte in Zürich ihr Abitur ab, studierte Philologie (Germanistik, Romanistik) und Philosophie in Genf, Wien und Frankfurt am Main, wo sie 1925 ihr Studium mit einer Promotion über die Lyrik des expressionistischen Dichters Franz Werfel abschloss. Einzelheiten ihrer Vita sind insgesamt, und insbesondere aus dieser Zeit, spärlich, auch ihr genauer Weg zur Literatur ist nicht bekannt. Ihre erste Veröffentlichung stammt aus dem Jahr 1927. Sie publizierte zuerst in Wiener Blättern, unter anderen in der Arbeiter-Zeitung und in der Wiener Roten Fahne, bald auch in linken Berliner Zeitschriften wie Das neue Rußland und Der Weg der Frau, im Magazin für Alle sowie in der AIZ (Arbeiter-Illustrierte-Zeitung).3

In den späteren zwanziger Jahren pflegte Lili Körber in Wien Kontakte zu der ehemaligen Lenin-Mitarbeiterin Anželika Balabanova sowie zu Ernst Fischer. Das angedeutete besondere Interesse an Russland belegen viele ihrer frühen Arbeiten für die Presse. Da sie wegen ihrer Herkunft des Russischen mächtig war, hatte sie gegenüber dem Gros der westlichen Russlandreisenden und Sowjetexperten einen immensen Vorteil – man erinnere sich an Walter Benjamins Moskauer Tagebuch, das eindrucksvolle Beispiele für Notwendigkeit und Umständlichkeit des Dolmetschens sogar bei einer Theateraufführung demonstriert. Lili Körber übersetzte dann auch für die Arbeiter-Zeitung des Öfteren aus dem Russischen.

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Trotz schmaler Informationslage wird man sie als oppositionelle, linke Autorin sehen, die sich nicht unbedingt parteipolitisch gebunden hat, jedenfalls nicht auf Dauer, die sich aber in der linken Szene Wiens, Berlins und anderswo ausgekannt hat und literarisch aktiv gewesen ist. Sie gehörte wohl auch zu den Gründungsmitgliedern des Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller Österreichs, als deren erste Schriftführerin sie 1930 in den Bundesvorstand gewählt wurde. Als sicher gilt, dass sie später wieder ausgetreten ist – aus welchen Gründen auch immer.4 1933 nahm sie an der konstituierenden Hauptversammlung der Wiener Vereinigung sozialistischer Schriftsteller teil und wurde 1934 in den Vorstand gewählt.5

Wohl in ihrer Funktion als Schriftführerin (und Russischkennerin!) des Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller nahm sie im November 1930 an der II. Internationalen Konferenz proletarischer und revolutionärer Schriftsteller in Charkow teil, ohne dass darüber bisher nähere Dokumente bekannt wären. Diesen Russlandaufenthalt wusste sie für sich auch privat zu nutzen: Sie blieb fast ein Jahr im Land und arbeitete dort in den Leningrader Putilow-Werken, worüber sie dann, 1931 nach Wien zurückgekehrt, ihren Erstling Eine Frau erlebt den roten Alltag schrieb.

Seit 1933 gab es für sie in Deutschland keine Publikationsmöglichkeiten mehr; sie veröffentlichte in Exilblättern wie der Neuen Weltbühne. Ihre „sämtlichen Schriften“ landeten auf dem Nazi-Index von 1938.6 Lili Körbers nächste Bücher orientierten sich am erfolgreichen Erstling: Eine Jüdin erlebt das neue Deutschland (1934) und Eine Österreicherin erlebt den Anschluß (1938). 1936 erschien die NS-Parodie Sato-San, ein japanischer Held. Ein satyrischer Zeitroman. Nach dem sogenannten Anschluss floh Lili Körber 1938 von Wien nach Frankreich und 1941 von Lissabon nach New York, wo sie sich als Krankenschwester durchschlug und auch bis zu ihrem Tod 1982 lebte. Neben wenigen Zeitungsartikeln konnte sie im US-Exil nur mehr den Fortsetzungsroman Ein Amerikaner in Russland in der New Yorker Neuen Volks-Zeitung unterbringen. Von sozialistischen Positionen hatte sie sich seit den stalinistischen Säuberungen in den dreißiger Jahren längst verabschiedet, ihren Erstling später sogar ←119 | 120→verurteilt. Einige ihrer Romane wurden im Rahmen der Exilliteratur-Forschung der letzten Jahrzehnte wieder aufgelegt.7

2 Eine Frau erlebt den roten Alltag – Kontext und Werkgeschichte

„Jeder deutsche Verleger, der etwas auf sich hielt, brachte ein Rußlandbuch heraus. Rußland ja und nein, Rußland ja – ja – ja“, lässt Lili Körber 1934 die Titelheldin ihres zweiten Buches, Ruth Gomperz, sagen. Sie spielt dabei auf Hans Siemsens im Rowohlt Verlag veröffentlichtes Buch Rußland, ja und nein von 1931 an; wenig später sollte auch ihr Erstling, Eine Frau erlebt den roten Alltag, bei Rowohlt erscheinen.8

Tatsächlich erreichte in der Weimarer Republik die Zahl der Russlandbücher ihren Höhepunkt 1931.9 Bereits Siegfried Kracauer klagte in seiner Rezension von Körbers Buch in der Frankfurter Zeitung: „Ohne die begrenzte Nützlichkeit von Reportagen über Sowjetrußland zu verkennen, scheint es mir doch so, als ob sie in der letzten Zeit allzu dicht auf uns niederströmten.“10 Wollte man ←120 | 121→auf diesem umkämpften Markt noch reüssieren, musste man also geschickt und innovativ disponieren. Bereits dem Klappentext von Eine Frau erlebt den roten Alltag und auch der Anzeige im Börsenblatt11 ist dies Bemühen abzulesen, ein ganz besonderes Russland-Buch zu avisieren:

Dieser Tagebuchroman einer Wienerin, die auf ein Jahr in den „roten Betrieb“ der Putilow-Traktorenwerke als Arbeiterin eingetreten ist, enthält mehr als persönliche Erlebnisse und Bekenntnisse und ist reicher als es eine objektive Darstellung des heutigen Leningrad sein könnte. Hier spricht nicht ein kritisch beobachtender Fremder, hier schlägt ein lebendiges Menschenherz. In Werkstatt und Krankenhaus, im möblierten Zimmer und auf der Straße kämpft sie Tag für Tag mit Qual und Lust den schweren Liebesstreit des Einzelwesens mit dem Kollektiv. Immer wieder findet ein Ausgleich statt und immer wieder bricht der Kampf von neuem los. Wir bekommen eine Vorstellung von der unendlichen Kleinarbeit, deren es bedarf, um die Menschen für neue Ideen reif zu machen. Wir erleben mit einer Liebenden und Begeisterten das Dilemma: Fünfjahresplan und Menschenherz.12

Der Hinweis auf eine trotz ihrer russischen Herkunft umstandslos als „Wienerin“ etikettierte Autorin, die den „roten Alltag“ erlebe, vermittelt eine geschlechtsspezifische Konnotation, die in besonderem Maße Neugier erwecken soll. Denn Russlandberichte waren bis dato Männerdomäne. Unter den rund 100 deutschsprachigen Russlandreisenden, die Matthias Heeke bio-bibliographisch erschlossen hat,13 finden sich gerade fünf Autorinnen für die Zeit bis 1933: Anni Geiger-Gog, Berta Lask, Frida Rubiner, Helene Stöcker und Martha Ruben-Wolf. Aber deren Berichte bedeuteten von Sujet, Machart beziehungsweise Zielansprache her keine Konkurrenz für Körber. Das gilt sowohl für Der große Strom. Eine unromantische Wolgafahrt (1930) und die anderen, der KPD-Agitation verpflichteten Texte von Frida Rubiner, die ebenso wie Körber im zaristischen Russland geboren war und russisch sprach,14 als auch für Berta Lasks zeitgleich mit Körbers Eine Frau erlebt den roten Alltag erschienenem Bericht ←121 | 122→Kollektivdorf und Sowjetgut, das sich im Untertitel ebenfalls als „Tagebuch“, allerdings als „Reisetagebuch“ und nicht als „Tagebuch-Roman“, deklarierte. Das 1933 erschienene Moskauer Skizzenbuch von Anni Geiger-Gog, auf einer Russlandreise am Jahreswechsel 1932/33 fußend, wurde in Deutschland kaum mehr wahrgenommen, die sehr viel früheren Berichte von Helene Stöcker und der Ärztin Martha Ruben-Wolf standen im speziellen Zusammenhang der Arbeit für die Gesellschaft der Freunde des neuen Russlands beziehungsweise des Interesses an der Entwicklung der Medizin in Sowjetrussland. Hinzuzufügen wären dieser Liste Ilse Langner, Helene von Watter und Elisabeth Thommen. Ilse Langner fuhr 1928 „als erste deutsche Journalistin“15 nach Russland, wie die Zeitung des Scherl-Konzerns Der Tag verkündete, publizierte in der Scherl-Presse einige (noch unerschlossene) Reportagen sowie Berichte und konnte sich damit in Berlin als junge Schriftstellerin etablieren. Helene von Watters Bericht Eine deutsche Frau erlebt Sowjetrußland von 1932 gehörte eher zum rechten Spektrum, während die 1933 in Zürich erschienene Blitzfahrt durch Sowjet-Rußland der Schweizer Autorin Elisabeth Thommen liberal orientiert war.

Auch über den geschlechtsspezifischen Hinweis hinaus verspricht der zitierte Werbetext Außergewöhnliches: eben ein Konzept, das Subjektives und Objektives zu einen suche, weil das traditionell Subjektive allein ebenso wie das traditionell Objektive nicht ausreiche. Wahrheitsgehalt und Authentizitätsanspruch treten als ganz unstrittig auf, da aus eigenem Erleben gespeist – und dies zu einer Zeit, die literarhistorisch gesehen vom Kampf um das Dokumentarische geprägt ist.

Offenkundig reüssierte das Buch. Bereits Anfang 1932 erschien ein Vorabdruck in der Wiener Arbeiter-Zeitung, 1933 wurde es in der in Zürich erscheinenden sozialdemokratischen Tageszeitung Volksrecht in Fortsetzungen nachgedruckt und umgehend ins Englische, Japanische und Bulgarische übersetzt. Die nicht wenigen Besprechungen waren überwiegend positiv.16

3 „Fünfjahresplan und Menschenherz“

Eine Frau erlebt den roten Alltag erschien Mitte 1932 mit dem Untertitel: „Ein Tagebuch-Roman aus den Putilowwerken“. Die Auflage betrug beachtliche 6.000 ←122 | 123→Exemplare. Den Schutzumschlag entwarf John Heartfield, übrigens seine einzige Arbeit für Rowohlt (siehe Abb. 1).

Der zu dieser Zeit sehr bekannte kommunistische Fotomonteur John Heartfield verarbeitete drei Fotografien: Auf der Titelseite findet sich vor einem symbolisch-rötlichen Hintergrund das Schwarz-Weiß-Foto zweier modisch frisierter Arbeiterinnen, die wohl den Arbeitsvorgang verrichten, den auch die Protagonistin des Buches ausübt, nämlich Bohrungen und andere Feinarbeiten an der Werkbank. Der Buchrücken zeigt die Aufsicht auf eine Straße mit regem Publikumsverkehr; die Masse bewegt sich in eine Richtung, zum Beispiel auf ein Betriebstor, hin. Der Rückumschlag präsentiert das Foto zweier von unten gesehener Arbeiter, die einen perspektivisch verzerrten, auf diese Weise sehr dynamisierten Stern beschriften, dessen oberer Teil ein Porträtfoto zeigt, das eindeutig nicht identifizierbar ist, vermutlich aber Stalin darstellen dürfte.

Die kyrillischen Buchstaben erwecken für den deutschen Betrachter den Eindruck des Fremden, auch Authentischen. Für den des Russischen Kundigen lesbar sind die Worte „Est’ metall-pervenec“, ein Schnappschuss, der die im ←123 | 124→Entstehen begriffene Anbringung einer Fünfjahresplan-Parole wiedergibt: „Es gibt Metall – der Erstling“.

Es handelt sich hier also um eine fotografische Covermontage, die ein wichtiges Rezeptionssignal aussendet, indem sie sich nicht nur als aktuelle, sondern auch als unstrittig authentische, „wahre“ Momentaufnahme aus der Produktion gibt. Diese Frage nach der Wahrheit und diesbezügliche Verfahren der Authentifizierung und Verifizierung sind gerade eben im umkämpften Terrain der Russlandberichte brisant. Die „unsichere Nachrichtenlage“ spielt dabei eine Rolle, aber vor allem die ideologischen Grabenkämpfe: „Häufig thematisierten die Berichte selbst die Unzuverlässigkeit der Informationen, die zu einem strukturierenden Topos im Diskurs über Sowjetrussland wurde“,17 so Eva Oberloskamp. Das Cover erhebt also unmittelbaren Gegenwartsbezug und Anspruch auf Authentizität, den auch der Titel herstellt: Was eine Frau „erlebt“, sollte doch authentisch sein, und wenn dies per Tagebuch geboten wird, also dem traditionell weiblich konnotierten Medium, erst recht.

Dass im Untertitel freilich von Tagebuch-Roman die Rede ist, relativiert das Authentische – ein literarhistorisch erklärbares Kalkül. Seit etwa 1930 nimmt in der Weimarer Republik die Leselust am Dokumentarischen und an diesbezüglichen ästhetischen Strategien der sozusagen „kalten“ Neuen Sachlichkeit zugunsten „wärmerer“ Ansätze erkennbar ab. Darauf reagiert Körbers programmatisches Mixtum von Faktualem und Fiktionalem: Tagebuch-Roman. Das Dokumentarische wird dabei keineswegs dementiert, denn es folgt empirisch genau der Gegenwart der Leningrader Putilowwerke. Die traditionsreichen Putilow-Traktoren-Werke, „Rußlands Krupp“, wie Egon Erwin Kisch sie 1927 in Zaren. Popen. Bolschewiken genannt hat,18 dürften dem kundigen Leser um 1930 ein Begriff gewesen sein, sodass die Titelei den Hinweis auf Sowjetrussland sogar aussparen kann. Im Text lässt sich die Protagonistin einmal die „Gedenkmappe“ geben, „die 1926 zum 125jährigen Jubiläum der Putilow-Werke veröffentlicht wurde“ [RA 206]. Übrigens ist wenig später, 1933, ein weiteres Putilow-Buch erschienen, und zwar von dem österreichischen Metallarbeiter Leo Weiden, der mit viel Dokumentarmaterial angereicherte Bericht Turbinen Traktoren Stoßarbeiter. Skizzen aus dem Leben der Roten Putilow-Werke, Leningrad, von dem noch die Rede sein wird.

Wenn schließlich, wie bereits zitiert, der Klappentext des Buches die Leseanreize spektakulär bündelt zu „Fünfjahresplan und Menschenherz“, so ist darin ←124 | 125→der Anspruch einer erzählerischen Melange des Faktualen und Fiktionalen wiederholt; dabei scheint das Werk über jeden Verdacht erhaben, etwas Anderes als das wirklich „Erlebte“ zu präsentieren.

4 Innensicht und Authentizität

Die offene Erzählform eines zwei Monate lang geführten Tagebuchs mit fast täglichen, insgesamt knapp 60 Einträgen gestattet ein Panorama von Informationen, Meinungen und Erlebnissen. Diese Innensicht19 der Protagonistin an ihrem Arbeitsplatz im „Roten Putilowez“, wo sie als „Praktikantin“ [RA 38] einer eher wenig qualifizierten, durchaus anstrengenden Arbeit am Schraubstock nachgeht, markiert das Außergewöhnliche dieses Buchs als einem Produkt teilnehmender Beobachtung. Vergleichbares schufen zu dieser Zeit auch die sozialistische Schriftstellerin Maria Leitner, die sich für ihre Reportagen über Amerika als Hotelmädchen verdingte, oder auch der russische Avantgardist Sergej Tret’âkov mit seiner Wiedergabe von authentischen Materialien, der sogenannten Faktographie. Die wachsende Skepsis an dokumentarischen Verfahren in den Literaturdebatten seit Ende der zwanziger Jahre artikulierte sich beispielhaft in Bert Brechts Diktum: „Eine Photographie der Kruppwerke oder der AEG ergibt beinahe nichts über diese Institute.“20 Diese Skepsis beförderte neue Weisen des Schreibens, sei es im Konstrukt eines Tagebuch-Romans oder, wie bei Tret’âkov, im Bio-Interview.

Berichtet wird in stets positiver Grundeinstellung und Wertung über den betrieblichen „Alltag“. Strukturen der Produktion im Rahmen des ersten Fünfjahresplanes, den die Putilow-Werke tatsächlich in drei Jahren und sieben Monaten erfüllen, sind ebenso Gegenstand wie das politische Leben im Betrieb. Thematisiert werden Betriebsversammlungen, etwa eine Aussprache über die aktuelle Rede Stalins zur Umstellung von der fünf- auf die sechstägige Arbeitswoche oder das innerbetriebliche Gericht über eine säumige Kollegin. Als die Protagonistin erkrankt, sucht sie die Betriebsklinik auf, was Anlass ist, sich und die Leser unter anderem über die seinerzeit auch in Deutschland heftig diskutierte Abtreibungsproblematik zu informieren. Es geht zudem um Freizeitgestaltung, Besuche bei Kolleginnen, bei der „Roten Studentenschaft“, um ←125 | 126→Spaziergänge durch Leningrad, um Theaterbesuche. Ein Ausflug führt zur früheren Zarenresidenz Zarskoje Sjelo sowie zum zaristischen Peterhof.

In der bereits erwähnten Rezension preist Kracauer gerade die Fülle derartiger „Beobachtungen“, wobei er besonders „die Darstellung des Fabrikmilieus aus der Perspektive der Arbeiterin“ hervorhebt:

Man erhält hier wirklich einen inhaltlich erfüllten Begriff von den Veränderungen, die seit Beginn des sozialistischen Aufbaus mit dem Alltag des russischen Proletariats vor sich gegangen sind. Wie sich ein Dasein ohne materielle Existenzangst ausnimmt; wie die Freizeit genutzt wird; wie Schichten, denen der Weg nach oben früher versperrt war, jetzt durch die Ergreifung der staatlichen Macht in Bewegung kommen und ein gewaltiges Streben entwickeln – das alles tritt uns aus der Reportage sinnfällig entgegen.21

Kracauer also bescheinigt dem Buch Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit, wofür Lili Körber auch vielschichtig operiert. Sie legt eine Vielzahl von Spuren zur Beglaubigung ihrer tatsächlichen Existenz vor Ort: Sie wird etwa als „ausländische Schriftstellerin“ [RA 84] „aus Österreich“ [RA 86] tituliert, hat Zutritt zum exklusiven „Schriftstellerrestaurant“ und betätigt sich zu dieser Zeit auch literarisch; notiert wird, dass sie für die (bis heute existierende) Zeitschrift Wokrug Swjeta (Vokrug sveta, deutsch etwa „Um die Welt herum“) eine (bisher nicht ermittelte) Erzählung mit dem Titel General v. Lynch beehrt uns geschrieben habe [RA 78]. Eine weitere Kurzgeschichte über den Selbstmord eines Arbeitslosen stellt sie in Aussicht; dabei dürfte es sich um die zuerst 1927 in der Arbeiter-Zeitung erschienene Erzählung Der Schornsteinfeger handeln.22 Zuletzt ermuntern sie die Kolleginnen beim Abschied, sie möge zu Hause „ihr Buch fertig schreiben“ [RA 231].

Als nicht anzuzweifelndes Beweisstück für ihre tatsächliche Arbeit im Betrieb wird nach der Widmung des Buches an die „Putilowarbeiterinnen“ [RA 5] und noch vor dem ersten Tagebucheintrag das namentlich auf Körber ausgestellte Arbeitsbuch im Faksimiledruck, und zwar in russischem Original und deutscher Übersetzung, abgedruckt (siehe Abb. 2). Auch wenn sich bei Geburts- und Ausstellungsdatum Ungereimtheiten eingeschlichen haben,23 so verbürgt, genauer: beansprucht dieses Faksimile wie der später gleichfalls im Original und in Übersetzung abgedruckte Lohnzettel über 65 Rubel und 12 Kopeken [RA ←126 | 127→126f.] ein nicht zu übertreffendes Maß an Authentizität und in diesem Fall auch an „Wahrheit“. Es korrespondiert in seiner Funktion mit den häufigen Fotobeilagen in Reisereportagen.

Genau darum ist es dem Buch zu tun: Glaubwürdigkeit herzustellen und insofern die Rezeption dahin zu steuern, dass man den erzählten Fakten, aber eben auch ihrer Beurteilung, folgt. In dem, wie bereits erwähnt, heftig umkämpften Terrain namens „Die Wahrheit über Sowjetrussland“ – so lauten einschlägige Titel zum Thema in diesen Jahren von links bis rechts24 – sucht Lili Körber zu punkten, und sei es durch die dokumentaristische, trotz aller Kritik an der Neuen Sachlichkeit doch bewährte Methode des Abdruckes von historischen, außertextlich verbürgten und empirisch überprüfbaren Dokumenten.

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Das mag dann auch der Glaubwürdigkeit in Sachen Roman dienen. Als man die Heldin fragt, weshalb sie nach Russland gereist sei, antwortet sie ihren Arbeitsgenossinnen: „Ich bin hergekommen, um das Leben des Sowjetarbeiters kennenzulernen“. Dem Tagebuch und nur diesem (und somit auch dem Leser und der Leserin) vertraut die Schreiberin aber den ursächlichen Grund an: „Hauptsächlich aus Sensation und auch ein wenig, weil mein Freund, ein amerikanischer Ingenieur, hier beschäftigt ist. Aber hier darf ich es nie und nimmer sagen, sonst bin ich unten durch.“ [RA 11] Mit ihrer Notlüge positioniert sich die Protagonistin im Betrieb und wird bereitwillig als „Genossin“ akzeptiert. Der amerikanische Freund namens Ralph – „Über seine Ansichten läßt sich streiten, über sein ‚Äußeres‘ nicht.“ [RA 71] – arbeitet bei Putilow als „Spez“, als einer jener vielen ausländischen „Spezialisten“ also, die in der Sowjetunion in technischen Leitungsfunktionen tätig sind. Mit diesem Ralph nun ist die Protagonistin zusammen, ein reichlich naiver fellow-Typ, der „die Russen so gern [hat], daß er ihnen auch den Kommunismus verzeiht“ [RA 24]. Bereits am ersten Arbeitstag lernt sie aber den Facharbeiter und Kader Viktor Solowjow kennen, der sie in dem Maße fasziniert, wie ihre Distanz zu Ralph wächst. Die Dreieckskonstellation vermischt sich mit politischen Elementen. Die Heldin trennt sich von Ralph, Viktor aber erklärt, daß er seine kranke Frau, eine ehemalige Partisanin, nicht verlassen und auch kein „Doppelleben“ [RA 203] führen wolle. Schließlich wird Viktor in die Stalingrader Werke abkommandiert. Bei der Ausmalung dieser potenziellen Dreierbeziehung fällt auf, dass Lili Körber Klischees zu umschiffen weiß: Der unhaltbar gewordenen alten Beziehung folgt eben keine Romanze mit dem Sowjethelden.

5 „Arbeit“

„Ich bin anders geworden“ [RA 142], lautet ein späterer Tagebucheintrag. Die wachsende Integration in den Betrieb verleiht dem Gefühlschaos zunehmend Ordnung, wobei sich in der Tagebuchreflexion die konkrete Arbeit in eine Art Arbeitsutopie und zur Utopie eines anderen Lebens überhaupt ausweitet:

Nur im Betrieb finde ich mich wieder. Hier hat alles seinen Sinn. Arbeiten, um sich sein Essen zu verdienen? Ja, natürlich, auch. Aber die Hauptsache ist etwas anderes. Man verwirklicht den Traum seiner Kindheit, baut eine Welt auf, nicht aus Schnee oder Sand, sondern eine richtige. [RA 56]

Was auch immer im Einzelnen diese ‚richtige‘ Welt ausmacht – es ist eine Welt der Arbeit. Bekanntermaßen spielt die Darstellung der sozialistischen Produktion und der sozialistisch „befreiten“ Arbeit in den einschlägigen Reiseberichten von Kisch bis Roth, Rubiner und F.C. Weiskopf eine exponierte Rolle – auch und gerade unter dem Aspekt einer Taylorisierung und Amerikanisierung ←128 | 129→sowie einer Technikgläubigkeit sondergleichen ausgerechnet im Kontext der sozialistischen Arbeit.25 Annemarie Schwarzenbach, die 1934 zu Gast auf dem sowjetischen Schriftstellerkongress dieses Jahres war, notierte: „Für uns hat der enthusiastische Glaube an die Technik etwas Naives, weil wir ihr Desaster erlebt haben; die Russen hingegen teilen mit den Amerikanern die primitive Freude an der Maschine, am Tempo, am technischen Fortschritt.“26

Bei Lili Körber lautet der erste Tagebucheintrag:

1. Juli

So sieht also eine Sowjetwerkstatt aus.

Durch das gläserne Dach kommen ganz Bündel von Licht, die Kopftücher der Arbeiterinnen glühen wie Lampione. Festbeleuchtung? Jawohl! Blanke Maschinen geben die Spiegel ab und auch die Musik. Das ist ein Brausen um die Wette – so ein mächtiges Orchester hat nicht einmal der Zar gehabt! Die Tänzer – schlanke Stähle – drehen sich mit Blitzesschnelle, stampfen sich ins Eisen hinein, daß Metallfunken nur so aufsprühen, schälen von den Blöcken und Hebeln mutwillig das braune Kleidchen herunter, ihre glitzernden Silberkörper bloßlegend … […].

Gegen Mittag ist es als ob der Rhythmus beschleunigt würde – so wie gute Pferde rascher laufen, wenn sie in der Nähe den Stall spüren. Aus der Montage kommt ein Mädel mit ihrem Wägelchen, holt sich die fertigen Stücke – der Wagen ist elektrisch, sie steht vorn und kutschiert mit einer Stange, sieht aus, als fahre sie Karussell. Nun ja eben, es ist ein Fest, und selbst an Konfetti fehlt es nicht – da springt es in kleinen glänzenden Stücken von den Werkbänken herunter. Ein Fest, ein richtiges Fest der Arbeit! [RA 9f.]

Vergleicht man diese Arbeitshymne mit dem bereits erwähnten, gleichzeitig erschienenen Putilow-Bericht des österreichischen Metallarbeiters Leo Weiden, so zeigt sich die besondere Literarizität bei Körbers Bemühen, die Utopie vom „Fest der Arbeit“ ästhetisch zu bewältigen. Leo Weiden verfolgt eine erkennbar andere Erzählstrategie, der es um das Informative, um das Objektive der Arbeitszusammenhänge und nicht um deren subjektive Verarbeitung, geht. Insofern braucht er auch keine ausladende Bildlichkeit, wenn er, wie er es nennt, „die Intensität der Arbeit“ benennt. Das erste Kapitel, überschrieben „Die erste Turbine“, beginnt wie folgt:

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Der Laufkran rollt Tag und Nacht auf seinen Schienen durch die große geräumige Halle. Keinen Augenblick stehen die Transmissionen still. Die mechanischen und die Schlosserwerkstätten kennen keine Ruhe. Das Gedröhne und Gesurre setzt in der ganzen Abteilung nicht eine Sekunde aus. […]

Zum 1. Mai muß die erste Turbine des „Roten Putilowez“, die Maiturbine, fertig sein. Die Intensität der Arbeit wächst von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde. Ein beispielloser Enthusiasmus hat alle ergriffen und scheint auch in die Maschinen und Werkbänke gedrungen zu sein. Ein Arbeitsenthusiasmus, den man erlebt haben muß, denn beschreiben läßt er sich kaum.27

Genau dieses aber unternimmt Lili Körber. Der letzte Tagebucheintrag beginnt mit dem Versuch, die Fülle von Erfahrungen zu synthetisieren und im Abschied zu bewahren:

Lebt wohl! Lebt wohl! Mein schönes Eisen, ihr Traktoren, du Parteikomitee mit dem kleinen Nowikow, Walja, Warja, Kolka, Subinski, du Bohrer, du Reibahle, ihr Hebel, Werkbanklärm, Ölgeruch, du Schmiede mit Nikola und Mischka, Gießerei, Montage, Färberei, Schleiferei, alte Traktor-Mechanische, Thermische, Reparatur- und Hilfsreparaturwerkstatt! Schlüssel zum Eimerlager! Metallzylinder, mit dem man die Bohrung ausprobiert und die der Meister Kegel nennt! […] Junger froher Nachwuchs, ihr Mädels mit den roten Kopftüchern, Kultur- und Parteiarbeiter, lebt wohl! [RA 236]

Diese Reihung aus Personenanruf, Allegorie, neusachlich-technischem Fachjargon und politischen Pathosformeln verrät den Versuch, die sowjetische Erfahrung in einer expressiven Montage zusammenzuzwingen. Dass die alte Liebesbeziehung gescheitert ist und die neue nicht gelingen kann, scheint hier keiner Erwähnung wert und somit keine Rolle mehr zu spielen. Im Kontext der Selbstbilder, die Autorinnen Ende der zwanziger Jahre von sich und der Rolle der Frau entworfen haben,28 markiert diese Entscheidung Selbstständigkeit und Selbstbestimmung im Geschlechterdiskurs. Im politischen Diskurs ist es eine Entscheidung für den sowjetischen Weg einer neuen Arbeit: einer Arbeit als Fest, wie es eher utopisch denn apologetisch und fast fourieristisch anmutend hieß. Effektvoll endet das Buch mit einem „aus einer alten Wandzeitung“ zitierten Arbeitslied, das von einem Putilow-Arbeiter stammt:

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Doch am morgigen Tag

Steh ich wieder bereit

Die Maschine zur Arbeit zu richten.

Nur das Schaffen vermag

Alles bittere Leid

Von verdüsterter Stirne zu schlichten. [RA 240]

6 Höhlengleichnis

Über das Ziel, das die Protagonistin mit ihrer Tätigkeit verfolgt, räsoniert eine ihrer russischen Arbeitskolleginnen: „Damit du dir alles anschaust und drüben in deiner Heimat erzählst, wie es bei uns ist.“ [RA 129] Dies sei nicht so einfach, erwidert die Tagebuchschreiberin, und zieht zur Erklärung eine „schöne Geschichte“ von dem „Philosophen Plato“, das Höhlengleichnis, heran:

Er verglich die Menschen mit Gefangenen, die in einer Höhle gefesselt sind, mit dem Rücken zum Ausgang. Von den vorübergehenden Tieren und Menschen sehen sie nur die Schatten an der Mauer, die sie für die richtigen lebendigen Wesen halten. Da plötzlich werden dem einen die Fesseln abgenommen, er geht hinaus, ins volle Sonnenlicht, und sieht das wahre Leben. Werden die gefesselten Kollegen ihn verstehen, wenn er ihnen davon erzählt? [RA 129]

Darauf antwortet die russische Arbeiterin:

Ich begreife […], die Gefesselten, das sind die Arbeiter in den kapitalistischen Ländern, die draußen, das sind wir. Und der Mann, der hinausgeht und dann wieder zurückkommt, ist ein ausländischer Arbeiterdelegierter. Gut hat das dein Plato erklärt. Ist er Kommunist? [RA 129]

Lili Körber hat diese Szene in ihrem Russland-Roman aus dem amerikanischen Exil, Ein Amerikaner in Russland von 1942, das viele Motive ihres Erstlings aufgreift, erneut erzählt, mit einer für ihre mittlerweile antikommunistische Position charakteristischen Wendung: Auch hier heißt es, dass es „die Aufgabe von unsereinem“ sei, zu erzählen, „wie die Wirklichkeit ist“, und „die anderen dazu [zu] bringen, sie auch zu sehen“. Aber auf diese Botschaft antwortet nun die im stalinisierten Russland zunehmend kritischer gewordene kommunistische Protagonistin: „Und wenn es noch andere Wahrheiten gibt, als die unsrige, […] was dann?“29

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1 Zu dieser Generation vgl. die Einleitung zu: Walter Fähnders/Helga Karrenbrock (Hgg.): Autorinnen der Weimarer Republik. Bielefeld: Aisthesis 2003, S. 7–19; zu Körber vgl. auch das Online-Porträt v. Walter Fähnders unter http://litkult1920er.aau.at/?q=portraits/lilli-koerber (letzter Zugriff: 1.1.2017).

2 Ich beziehe mich im Folgenden auf: Walter Fähnders: „Roter Alltag“ – Lili Körbers Blicke auf Sowjetrußland 1932 und 1942. In: Archiv für die Geschichte des Widerstandes und der Arbeit, H. 18/2008, S. 423–460.

3 Vgl. die Nachweise bei: Ute Lemke: Lili Körber: Von Moskau nach Wien. Eine österreichische Autorin in den Wirren der Zeit (1915–1938). Siegen: Böschen 1999, S. 257–267; zu ergänzen wären u.a. die bei Herta Wolf nachgewiesenen Artikel aus der New Yorker Neuen Volks-Zeitung (vgl. Herta Wolf: Glauben machen. Über deutschsprachige Reiseberichte aus der Sowjetunion. Wien: Sonderzahl 1992, S. 363–364). Lemkes Körber-Bibliographie ist zu vergleichen und ergänzen mit derjenigen von: Viktoria Hertling: Lili Körber. In: John M. Spalek u.a. (Hgg.): Deutschsprachige Exilliteratur seit 1933. Bd. 4. Bibliographien. Schriftsteller, Publizisten und Literaturwissenschaftler in den USA. Teil 2. Berlin–New York: de Gruyter Saur 1994, S. 956–964.

4 Nach einer Notiz in: Die Linkskurve H. 4/1930, S. 32; vgl. Lemke, Lili Körber, S. 76.

5 Vgl. Lemke, Lili Körber, S. 70; auch die Angaben von Hertling bleiben vage (vgl. Viktoria Hertling: Quer durch. Von Dwinger bis Kisch. Berichte und Reportagen über die Sowjetunion aus der Epoche der Weimarer Republik. Königstein/Ts.: Athenäum 1982, S. 91–93).

6 Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums. Stand vom 31. Dezember 1938. Leipzig: Hedrich 1938, S. 74.

7 Lili Körber: Die Ehe der Ruth Gomperz. Roman. Mannheim: persona 1984 [Neuausgabe von Eine Jüdin erlebt das neue Deutschland, zuerst 1934 in Wien und zugleich Zürich erschienen], bzw. Leipzig: Kiepenheuer 1988; dies.: Eine Österreicherin erlebt den Anschluß. Wien: Brandstätter 1988.

8 Dies., Die Ehe der Ruth Gomperz, S. 20.

9 Vgl. die Verlaufskurve im deutsch-französischen Vergleich bei: Eva Oberloskamp: Fremde neue Welten. Reisen deutscher und französischer Linksintellektueller in die Sowjetunion 1917–1939. München: Oldenbourg 2011, S. 189; vgl. dazu auch: Bernhard Furler: Augen-Schein. Deutschsprachige Reisereportagen über Sowjetrußland 1917–1939. Frankfurt a.M.: Athenäum 1987, S. 146f. Insgesamt sind zwischen 1921 und 1941 mehr als 900 Berichte über Russlandreisen auf dem deutschsprachigen Buch- und Zeitschriftenmarkt nachgewiesen – leider ohne Kennzeichnung österreichischer Provenienzen; vgl. Matthias Heeke: Reisen zu den Sowjets. Der ausländische Tourismus in Rußland 1921–1941. Mit einem bio-bibliographischen Anhang zu 96 deutschen Reiseautoren. Münster u.a.: LIT Verlag 2003 (= Arbeiten zur Geschichte Osteuropas, Bd. 11), S. 19; vgl. auch: Wolfgang Metzger: Bibliographie deutschsprachiger Sowjetunion-Reiseberichte, -Reportagen und -Bildbände 1917–1990. Wiesbaden: Harrassowitz 1991. Aus Frankreich stammen etwa 400 Berichte (über 200 nichtselbständige eingeschlossen), hier war der Höhepunkt 1936/37, also zu Zeiten der Volksfront-Regierung, nachdem die deutschen Reisen 1933 abrupt abbrachen (vgl. die Tabelle bei Oberloskamp, Fremde neue Welten, S. 189).

10 S[iegfried] Kracauer: Aus dem roten Alltag. In: Frankfurter Zeitung (24.7.1932, 2. Morgenblatt), S. 5.

11 Der Anfang lautet in der Börsenblatt-Anzeige wie folgt: „Eine junge Wienerin, die auf ein Jahr in den ‚roten Betrieb‘ der Putilow-Traktorenwerke als Arbeiterin eingetreten ist, schreibt ihre Erlebnisse auf. Aber was sie schreibt, wird mehr als persönliches Bekenntnis und reicher als es eine objektive Darstellung des heutigen Leningrad sein könnte.“ (Zit. nach: Lemke, Lili Körber, S. 81f.)

12 Klappentext zu: Lili Körber: Eine Frau erlebt den roten Alltag. Ein Tagebuch-Roman aus den Putilowwerken. Berlin: Rowohlt 1932. Zitate daraus werden mit der Sigle [RA] samt Seitenzahl belegt.

13 Heeke, Reisen zu den Sowjets, S. 561–637.

14 Vgl. Walter Fähnders: Frida Rubiner. In: Neue Deutsche Biographie (NDB), Bd. 22/2005, S. 157.

15 Vgl. Ilse Langner: Ich reise nach Rußland, in: Der Tag (31.3.1928).

16 Vgl. beispielsweise die unten zitierte ausführliche Besprechung von Siegfried Kracauer sowie die Rezensions-Nachweise in: Hertling, Lili Körber, S. 963; zur zeitgenössischen Rezeption vgl. auch: Lemke, Lili Körber, S. 95–104.

17 Oberloskamp, Fremde neue Welten, S. 188f.

18 Egon Erwin Kisch: Zaren. Popen. Bolschewiken. Berlin: Rowohlt 1927, S. 95.

19 Gabriele Kreis spricht von einem „teilnehmenden ‚Ausblick von innen‘ “ (Gabriele Kreis: Vorwort, zu: Körber, Die Ehe der Ruth Gompertz, S. 5–13, zit. S. 7f.).

20 Vgl. Walter Fähnders: „Linkskunst“ oder „reaktionäre Angelegenheit“? Zur Tatsachenpoetik der Neuen Sachlichkeit. In: Primus-Heinz Kucher (Hg.): Literatur und Kultur im Österreich der Zwanziger Jahre. Bielefeld: Aisthesis 2007, S. 83–102.

21 S[iegfried] Kracauer: Aus dem roten Alltag. In: Frankfurter Zeitung (24.7.1932, 2. Morgenblatt), S. 5.

22 Lili Körber: Der Schornsteinfeger. In: Arbeiter-Zeitung (25.9.1927), S. 18f.; wieder in: Pariser Tageszeitung (25.6.1936).

23 Lili Körber war 10 Jahre älter, die Tagebuchdatierungen stimmen nicht mit denen des Arbeitsbuches überein.

24 Näheres vgl. Fähnders, „Roter Alltag“, S. 436f.

25 Vgl. ders.: „Amerika“ und „Amerikanismus“ in deutschen Rußlandberichten der Weimarer Republik. In: Wolfgang Asholt/Claude Leroy (Hgg.): Die Blicke der Anderen. Paris–Berlin–Moskau. Bielefeld: Aisthesis 2006 (= Reisen Texte Metropolen, Bd. 2), S. 101–120.

26 Annemarie Schwarzenbach: Notizen zum Schriftstellerkongreß in Moskau. In: dies.: Auf der Schattenseite. Ausgewählte Reportagen, Feuilletons und Fotografien 1933–1942. Hg. v. Regina Dieterle u. Roger Perret. Basel: Lenos 21995 (= Ausgewählte Werke, Bd. 3), S. 35–62, zit. S. 38.

27 Leo Weiden: Turbinen Traktoren Stoßarbeiter. Skizzen aus dem Leben der Roten Putilow-Werke, Leningrad. Anhang: Rechenschaftsbericht der Arbeiter, Ingenieure und Techniker der Leningrader Roten Putilow-Werke. Moskau-Leningrad: Verlagsgenossenschaft ausländischer Arbeiter in der UdSSR 1933, S. 7. Es wäre lohnend, die Russland-Berichte österreichischer Arbeiter zu ermitteln und auszuwerten.

28 Vgl. Helga Karrenbrock: „Das Heraustreten der Frau aus dem Bild des Mannes“. Zum Selbstverständnis schreibender Frauen in den Zwanziger Jahren. In: Fähnders/Karrenbrock, Autorinnen der Weimarer Republik, S. 21–38.

29 Lili Körber: Ein Amerikaner in Russland. Roman. In: Neue Volks-Zeitung (5.12.1942 bis 9.10.1943); zit. nach: Walter Fähnders: „Es geschah in Moskau“ von Arthur Holitscher. In: ders. u.a. (Hgg.): Europa. Stadt. Reisende. Blicke auf Reisetexte 1918–1945. Bielefeld: Aisthesis 2006 (= Reisen Texte Metropolen, Bd. 4), S. 85–106, zit. S. 85.