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Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹

Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938

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Edited By Primus-Heinz Kucher and Rebecca Unterberger

Die Oktoberrevolution von 1917 und die Gründung der Sowjetunion zog politisch-ideologisch wie kulturell-künstlerisch im deutschsprachigen Raum hohe Aufmerksamkeit auf sich und polarisierte die intellektuelle Öffentlichkeit. Insbesondere in der Ersten Republik bzw. im ›Roten Wien‹ stießen manche ihrer Impulse auf Resonanz, andere auf dezidierte Zurückweisung. Auch im bürgerlichen Kunst- und Literaturbetrieb, zum Beispiel dem der Musik, des Theaters oder des Films wurden (sowjet)russische Entwicklungen wahrgenommen und diskutiert. Der Band widmet sich solchen Rezeptionsbeziehungen, arbeitet ihre zum Teil erstaunliche Resonanz heraus, verortet sie in zeittypischen Diskursen wie dem des Aktivismus, der Theater- und Musikavantgarde, aber auch, kontrastierend-komplementär, dem des zeitgenössischen Amerika-Diskurses.

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Die „schöne neue Welt“ des Sowjetimperiums in Joseph Roths Reportagenreihe „Reise in Rußland“

Ievgeniia Voloshchuk

Die „schöne neue Welt“ des Sowjetimperiums in Joseph Roths Reportagenreihe „Reise in Rußland“1

Abstract: The paper investigates and expounds how Joseph Roth’s travel to Russia and the experience of Soviet-Russian reality in 1925 contributed to his personal delusion of the Soviet utopia moving him henceforth “beyond the Left-Right-Front”. His Reise in Russland, first published in the Frankfurter Zeitung, presents a disenchantment of most of the Bolshevist myths covered by technological pragmatism on the one hand, and propagandistic efforts on the other.

1 Russland als Magnet?

Im Sommer 1926 unternahm Joseph Roth, damals schon ein bekannter Schriftsteller und Starjournalist der Weimarer Republik, eine Reise nach Sowjetrussland, das im Deutschland der Zwischenkriegszeit nicht nur Gegenstand der öffentlichen Aufmerksamkeit, sondern auch ein maßgeblicher Einflussfaktor auf der politischen Bühne war. Während des fünfmonatigen Aufenthaltes, den er als gut bezahlter Berichterstatter der Frankfurter Zeitung in der Sowjetunion genossen hat, ist Roth kreuz und quer durch das Land gefahren: Neben der Metropole Moskau hat er andere bedeutsame Großstädte kennengelernt, russische Kernländer und ukrainische Gebiete besichtigt, die Krim und den Kaukasus besucht und eine Wolga-Schifffahrt unternommen, die als eine Reisetour durch russische Seelenlandschaften traditionell gepriesen wird. Somit hat sich der Schriftsteller ein Bild vom Leben und Treiben im Zentrum und in der Peripherie des bolschewistischen Staates machen können, eines Staates, der sich entgegen der antiimperialistischen Rhetorik seiner ideologischen Väter als ein neues Imperium immer deutlicher herauskristallisiert hat.2 Aus diesen Erfahrungen ←133 | 134→entstand Roths umfangreiche Reportagenreihe „Reise in Rußland“ (1926), die als eines der prägnantesten Porträts des jungen Sowjetrusslands anzusehen ist.3

Dieses literarisch-journalistische Projekt lag ganz im Trend der Zwischenkriegszeit, da das damalige Europa und insbesondere die Weimarer Republik eine Konjunktur der Reisen in die Sowjetunion erlebten. Angeregt durch ihre eigene Neugier, das brennende Interesse der Öffentlichkeit und nicht zuletzt durch die utopischen Energien der Epoche, strömten viele westliche Intellektuelle in das bolschewistische Land, das im Mittelpunkt heftiger politischer Diskussionen stand. Aus den schriftlichen Zeugnissen dieser Intellektuellen hat sich eine bunt schillernde Bibliothek ergeben, zu der auch die Texte von Herbert Wells, Alfons Paquet, Alfons Goldschmidt, Arthur Holitscher, René Étiemble, Franz Jung, Walter Benjamin, Egon Erwin Kisch, Franz Carl Weiskopf, Ernst Toller, Armin Theophil Wegner, Heinrich Vogeler, Hans Siemsen, Stefan Zweig, Oskar Maria Graf, André Gide, Lion Feuchtwanger, Lili Körber4 oder René Fülöp-Miller5 und vielen anderen gehören. Verlockend war das nachrevolutionäre Russland, wie man dieser Liste entnehmen kann, in erster Linie für die Linken, aber auch für bürgerliche Autoren wie Paquet und Zweig. Die Anziehungskraft des „Oktobers weltweiten Zaubers“6 (François Furet) bewog viele von ihnen, in der Sowjetunion nach dem kommunistischen „gelobten Land“ zu suchen und das von der bolschewistischen Revolution proklamierte Programm der Erneuerung von Mensch und Gesellschaft enthusiastisch zu begrüßen. Texte dieser Art machen sogar, glaubt man Jacques Derrida, ein spezifisches Genre – nämlich die „Reisen in die Sowjetunion“ – aus, das sich als eine Kombination von „Pilgerfahrt nach dem Heiligen Land“, Zeugenberichten und Autobiografie beschreiben lässt.7 Kennzeichnend dafür sind die uneingeschränkte Anerkennung kommunistischer Ideale, die Gleichsetzung der Reisen in die Sowjetunion mit der Idee ←134 | 135→eines In-die-Zukunft-Reisens und die Auffassung des neuen Staatsaufbaus als eines Probestücks für die künftige Neugestaltung Europas. Ein solches Wahrnehmungsmuster setzt eine konsequente Ausblendung von Themen und Fragen voraus, die den Rahmen des optimistischen Narrativs über die Erreichbarkeit des kommunistischen Paradieses hätten sprengen können und als Leerstellen den Grad ideologischer (Selbst-)Verblendung beziehungsweise der (Selbst-)Zensur der Reiseberichterstatter an den Tag legen.8

Roths Reportagenreihe steht im krassen Kontrast zur literarischen Produktion der linken ‚Pilger‘, obwohl sich Roth vor seiner sowjetischen Reise zu den Sympathisanten der sozialistischen Ideen gezählt und diese seine politische Tendenz mit dem Pseudonym „der Rote Joseph“ unterstrichen hat. Und doch ist sein journalistisches Sowjetrussland-Projekt nicht nur durch die Ausstrahlung des roten Sterns im Osten, sondern, wie Klaus Westermann hinweist, durch die eher pragmatische Absicht angeregt worden, mithilfe dieses brisanten Themas seine eigene journalistische Karriere im Westen abzusichern. Bemerkenswerterweise hat der Schriftsteller am Vorabend dieser Reise behauptet, dass es im nachrevolutionären Russland noch vieles außer dem „roten Terror“ gebe und dass ihn zunächst das dortige „menschliche unpolitische Material“ interessiere.9

Demgemäß hat Roth, so Wolfgang Müller-Funk, „das zentrale Feld des Politischen, wenigstens im engeren Sinn des Wortes“,10 in seinen sowjetischen Reisereportagen systematisch ausgeklammert, und diese damit als Berichte jenseits der ideologischen Links-Rechts-Front profiliert. Dabei ist freilich nicht zu übersehen, dass Roth sich in den lokalen russischen Verhältnissen vergleichsweise gut auskannte – im Gegensatz zu vielen reisenden Russland-Bewunderern, deren Blickfeld wegen des Mangels an sprachlichem, kulturellem oder mentalem Hintergrundwissen stark eingeschränkt war. Als gebürtiger Galizier, der an der Grenze zum Russischen Zarenreich aufgewachsen war, als Künstler, der den Einfluss der klassischen russischen Literatur in sich aufgenommen hatte, schließlich als Mensch, in dem Stefan Zweig die russische oder sogar die Karamasow’sche ←135 | 136→Seele zu erkennen glaubte,11 war Roth mit russischen Realien und Phantasien relativ gut vertraut. Mehr noch: Als ehemaliger Untertan des Habsburgischen Imperiums, das mit dem Russischen Zarenreich in zum Teil scharfer Konkurrenz gestanden war und sich stets ideologisch mit ihm gerieben hatte,12 war er daran gewöhnt, die russische Wirklichkeit kritisch zu betrachten, zwischen ihrem Schein und ihrem Sein zu unterscheiden.

Unter diesen Prämissen hat Roths literarisches UdSSR-Projekt die Konturen einer grundsätzlichen Revision des neuen Russlands durch die kritische Analyse des sozialistischen Alltags, vor allem des sozialen, kulturellen und Privatlebens des Sowjetmenschen im ersten nachrevolutionären Jahrzehnt angenommen. Gerade durch die journalistische Untersuchung dieses Bereiches, und nicht durch die unmittelbare Auseinandersetzung mit der damaligen sowjetischen politischen Landschaft, demontiert Roth sowohl die kommunistische Theorie als auch die Praxis des sozialistischen Aufbaus. Der wichtigste Punkt seiner Kritik sind nämlich die Differenzen und die sich auftuenden Klüfte zwischen der sowjetischen Realität und den Mythen der bolschewistischen Propaganda, die dem neuen Bild Russlands einen Glanz realisierbarer beziehungsweise sich schon entfaltender Utopie verleihen sollen. Dabei werden die Kontraste zwischen dem ideologischen Diskurs und dem tatsächlichen sowjetischen Alltagsleben, gesehen aus der „privaten“ Perspektive eines angeblich „neutralen“ Beobachters, dekuvriert, indem dieser sein Urteil über die „schöne neue Welt“13 nicht mit den modernen politischen Doktrinen, sondern mit dem traditionellen europäischen humanistischen Wertesystem, das seinem politischen Liberalismus zugrunde liegt, begründet. Diese generelle Absicht prägt die Komposition des Reportagezyklus, der neben typischen Reiseberichten oder analytischen Essays auch kleine eingefügte Novellen oder spontan entstandene Skizzen beinhaltet und zu einer konsequenten Narration mit Vor- und Nachspiel, eigener Entwicklungslogik und dem ganzen Komplex von Leitmotiven, Symbolen und Metaphern stilisiert wird.

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2 An der Grenze „zwischen Welt und Welt“

Es ist auffallend, dass schon im Rahmentitel der Reportagenreihe das Reiseziel Roths mit dem alten, politisch anscheinend neutralen Namen „Russland“ bezeichnet wird. Während der offizielle neue Name des Staates den Anspruch auf historische Novität und – um wieder mit Derrida zu sprechen14 – einen präzedenzlosen Bruch mit der eigenen historisch-kulturellen Tradition veranschaulicht, verweist das Toponym auf die Resistenz dieser Tradition und evoziert die gewöhnliche Stereotype des patriarchalen, (im Sinne von Karl Emil Franzos, der das „Halb-Asiatische“ mit dem „Halbbarbarischen“ gerne gleichsetzte, „halbasiatischen“)15, von Modernität kaum affizierten zaristischen Russland. Somit werden schon im Paratext die allgemeinen Parameter von Roths Russland-Vision angedeutet, die den neuesten politischen Realien, dem bolschewistischen Diskurs über den Aufbau eines neuen Staates auf den Ruinen des alten Russland und nicht zuletzt dem zukunftsorientierten Mainstream der sowjetischen Reportagen von europäischen linken Intellektuellen die Strategie des Rekurrierens auf die vorrevolutionäre Vergangenheit des Landes und sein historisches Erbe entgegenstellt.

Symbolträchtig widmet Roth dem Russland von gestern die erste Skizze seines Reportagenzyklus, in dem er mit bitterer Ironie über das Schicksal der zaristischen Emigranten berichtet, die in Europa oft in die jämmerliche Rolle der lebendigen Splitter des untergegangen Reiches schlüpfen:

Lange bevor man noch daran denken konnte, das neue Rußland aufzusuchen, kam das alte zu uns. Die Emigranten trugen den wilden Duft ihrer Heimat, der Verlassenheit, des Bluts, der Armut, des außergewöhnlichen, romanhaften Schicksals. Es paßte ←137 | 138→zu den europäischen Klischeevorstellungen von den Russen […]. Europa kannte die Kosaken aus dem Variete, die russischen Bauernhochzeiten aus opernhaften Bühnenszenen, die russischen Sänger und die Balalaikas. Es erfuhr (auch nachdem Rußland zu uns gekommen war) niemals, wie sehr französische Romanciers – die konservativsten der Welt – und sentimentale Dostojewski-Leser den russischen Menschen umgelogen hatten zu einer kitschigen Gestalt aus Göttlichkeit und Bestialität, Alkohol und Philosophie, Samowarstimmung und Asiatismus […]. Je länger die Emigration dauerte, desto näher kamen die Russen der Vorstellung, die man sich von ihnen gemacht hatte.16

Zwar hat die erste postrevolutionäre Emigrationswelle eine ganze Plejade bedeutender russischer Denker und Künstler in ihrem Sog mitgezogen, doch nivelliert Roth die Figuren der Vertriebenen der Oktoberrevolution in einem karikaturhaften kollektiven Porträt der durch Ressentiment und Nostalgie verkrüppelten Stiefkinder der großen Geschichte. Wie Gespenster des untergegangenen Zarenreiches spuken sie „mit krummen Türkensäbeln, die auf dem Flohmarkt […] erworben waren“, in „großen Bärenmützen aus echten Katzenfellen“ [RW 591] herum. Wie lebendige Anachronismen speisen sie sich aus ihren obsessiven Erinnerungen an das ehemalige Russland, die mit dem realen Land schon lange nichts mehr zu tun haben. Wie die vom Baum abgefallenen Blätter lassen sie sich durch Europa treiben, ohne Hoffnung, in die Heimat jemals zurückzukehren, und unbefähigt, in der Fremde Wurzeln zu schlagen. Indem sie, Roth zufolge, ihren Adel, ihr Russentum, ja selbst ihr tragisches Schicksal im Exil verpulvert haben, sind sie zur Selbstparodie und somit zum lebendigen Beweis für die kitschigsten westeuropäischen Russen-Stereotype geworden [RW 591].17

Das Porträt der zaristischen Emigranten, die das alte Russland verkörpern, bildet eine symbolische Präambel zur Beschreibung des neuen Russlands, in dessen Bild der Schriftsteller dieselben Elemente von Kitsch, trügerischem Glanz, gespensterhafter Existenz, gefälschter Europäizität und getarntem Asiatentum integriert. Dadurch wird in Roths Narrativ jene Kluft überbrückt, die nach dem Epochenumbruch das zaristische Russland und die bolschewistische Sowjetunion zu trennen scheint. Dieser Zusammenhang wird im nächsten Artikel deutlich, in dem Roth von seinem Übertritt der sowjetischen Grenze berichtet. Hier taucht eine westliche Grenzübertrittsstelle auf: das weißrussische Dorf mit ←138 | 139→dem exemplarischen Namen Njegoreloje (wörtlich: „ungebrannt“), das weniger durch die Roth’sche, vielmehr durch eine historische Sinnbildlichkeit den Brandgeruch der Katastrophen, Revolutionen und Kriege erahnen lässt.

Die Grenzstelle in Njegoreloje fokussiert sich im Bild des düsteren braunen, mit Holz verkleideten Saals, der den europäischen Ankömmling aufgrund der unbehaglichen Ordnung, der Eintönigkeit der Uniformen und der heuchlerischen Bürokratie verblüfft. Auf Schritt und Tritt spürt der Gast eine Bedrohung, die ihm Vernichtung oder wenigstens Demütigung verspricht. Ihm wird der Pass und damit die Identität ab- beziehungsweise weggenommen, sodass er Gefahr läuft, im Chaos der Grenze mit jemand anderem verwechselt zu werden. Er wird von den gegen jede Kontrolle immunen Diplomaten abgesondert und fühlt sich dadurch zu einem Menschen zweiter Klasse, womöglich nur zum Begleiter seines eigenen Koffers heruntergestuft. Er sieht, wie die grobe Hand eines Beamten Spielsachen und Damenkleider aus dem inspizierten Gepäck herausfischt und schaudert vor deren Devaluation unter dem Blick eines den Luxus verachtenden Prüfers, aber auch vor der Gebrechlichkeit jeglichen Privatlebens angesichts der Staatsgewalt. Grauenerregend wirken auf ihn sogar die eckigen Buchstaben in den Plakataufschriften, die geschliffenen Beilen ähneln.

Das bedeutet etwas mehr als eine banale Grenzneurose, die in der Zeit der Weltkriege und Revolutionen zu einer Alltagserfahrung geworden ist. Hier geht es vor allem um einen traumatischen Eintritt in die andere Welt, die zwar noch hinter dem Schleier der nasskalten russischen Nacht verborgen bleibt, doch in jedem Detail gegenwärtig ist. Diese Welt ist dem Europäer völlig fremd und in mancherlei Hinsicht ihm gegenüber sogar feindselig. Zugleich steht sie dem Roth’schen Bild des Russischen Zarenreichs nahe, dessen Wesensmerkmale zivilisatorische und kulturelle Rückständigkeit, verwerflicher Byzantinismus, despotische Macht sowie die unifizierten und jedweder Rechte beraubten Völkermassen sind. In diesem „nicht-europäischen“ und „halb-asiatischen“ Staat sieht Roth das Gegenstück zum „echt europäischen“ Habsburgerreich, das er später als Ideal eines liberalen, toleranten, humanen Imperiums rühmen und zum Vorbild für ein zukünftiges Europa erheben wird.18 Dass die Sowjetunion, allen ←139 | 140→Deklarationen zum Trotz, in diesem Sinne als Nachfolger des russischen Zarenreiches wirkte, war für Roth ein Zeichen für ihre „nicht-europäische“ historische Weiterentwicklung, die von diesem Gesichtspunkt aus gesehen den neuen Staat bloß zur Modifikation des untergegangenen Imperiums machte. Darum erlebt der Roth’sche Erzähler seine Einreise in die Sowjetunion als eine Überschreitung der Grenze „zwischen Welt und Welt“ [RW 595]. Daneben kommen in dieser Szene jene Merkmale zum Vorschein, an denen die neueren bolschewistischen Mutationen des Codes und des Genoms des alten Imperiums erkennbar werden. Als eine unheimliche Metapher der Erlebnisse an der sowjetischen Grenze lässt sich das Bild der bei der Visitation herausgezogenen Stehaufmännchen interpretieren, deren Gesichter zugleich „grinsen, lachen und weinen“ [RW 595].

3 Wohin geht das neue Russland?

Indem Roth über seine Reise durch die Sowjetunion eingehend berichtet, kartiert er das Land als ein alt-neues Imperium, das zwar in seinen regionalen Unterschieden als ein heterogenes Staatsgebilde erscheint, in seinem Geist jedoch einheitlich ist. Diese Einheitlichkeit impliziert allerdings eine bizarre Kombination von Rudimenten des patriarchalen Zarenreiches und Keimen der bolschewistischen Moderne. Die unterschiedlichen Gesichter dieses Imperiums kommen in verschiedenen Regionen zum Vorschein. So tritt im europäischen Westen des Landes, wie es die Erfahrung mit der Grenze in Niegoreloje bezeugt, das bolschewistisch-bürokratische Gesicht des Staates in den Vordergrund, das sich durch eine Mischung aus zum Dogmatismus degenerierter revolutionärer Energie und der von der klassischen russischen Literatur angeprangerten Vorschriftenbesessenheit des zaristischen Russlands auszeichnet. In der sowjetischen Hauptstadt werden dann Züge eines aggressiven militaristischen Imperiums sichtbar, wovon Roths detaillierte Schilderung der berühmten Militärparade am Roten Platz deutlich Zeugnis ablegt („Der neunte Feiertag der Revolution“). Dieser Platz, voll von paradierenden Massen, wirkt hier als offizielle Fassade der sowjetischen Hauptstadt. Es fällt sofort auf, dass als Hauptgebäude des Roten Platzes das Lenin-Mausoleum hingestellt wird, das der Autor als eine Symbiose von Denkmal und Rednertribüne darstellt. Mit dieser symbolischen Charakteristik bringt Roth die nachrevolutionären Transformationen der sowjetischen Gesellschaft auf den Punkt, vor allem die Erstarrung des revolutionären Eifers, der in Rhetorisierung der Revolution und blinde Verehrung der Revolutionsführer ←140 | 141→mündet. Außerdem veranschaulicht das Lenin-Mausoleum in Roths Darstellung eine Neigung des Sowjetstaates zum ideologischen Drill, dessen zentrales Element das Zusammenwachsen der Kulte von toten und lebenden Götzen der Revolution ist. In ihrer Zusammenführung bilden das Hauptdatum (der Feiertag der Revolution) als der Gründungstag des neuen Staates, die Militärparade als „wichtigster“ Festanlass, die Hauptstadt und deren zentrale Repräsentationsräume, der „Hauptplatz“ und die „Haupttribüne“, einen „sakralen Kern“ des Sowjetimperiums. Dabei erhebt der Schriftsteller die Parade, die er als „das stärkste militärische Schauspiel der Gegenwart“ kennzeichnet, zu einem plakativen sowjetischen Eigenbild,19 dessen Quintessenz die perfekte Bewegungsmechanik der restlos entindividualisierten Masse ist:

Das ist die einzige Parade, die nichts Überflüssiges hat, keinen glänzenden Knopf, keinen Theaterblitz, keine eitle Geste. Sie hat nur einen einzigen Traditionsfehler: Die Soldaten rufen – zum zweiten Mal – „Hurra“, wenn sie am Kommandeur vorbeigehen. Stehende Massen sollen, marschierende dürfen nicht den Mund öffnen […] Breite Reihen marschieren, lebendige Wände. […]; Obwohl sie immer dasselbe bleibt, ist sie spannend. Man blickt jeder Abteilung entgegen wie einem neuen Dramen-Akt — und weiß doch schon, was man sehen wird: grau-gelb, grau-gelb, grau-gelb, Mäntel, Gewehre, Mützen. Bis die letzten Abteilungen eine unerwartete Abwechslung bringen: nämlich Gesichter. Es sind Elitetruppen: Eisenbahner, Sappeure, Techniker, Sicherheitstruppen. Die Mützen werden bunt, die Gesichter individuell[.] [RW 627f.]

Während sich die Militärparade auf dem Roten Platz als Muster der neuen, im Wesentlichen vortotalitären sowjetischen Gesellschaft lesen lässt, bieten Roths Reportagen über die Wolga-Schifffahrt, die als eine Reise in die Vergangenheit geschildert wird, ein völlig anderes Russland-Bild. Das Wolgagebiet mit seinen patriarchalen Lebensweisen, seiner unverdorbenen Natur und zivilisatorischen Rückständigkeit kommt Roths Erzähler wie eine getreue Kopie der alten russischen Provinz vor, die weder von der Oktoberrevolution noch vom technischen Fortschritt erfasst wurde. Als eine Reinkarnation der althergebrachten Sünden des zaristischen Russlands tauchen hier die Lastträger auf, deren Vorgänger der russische Maler Il’ja Repin mit seinem Gemälde Die Wolgatreidler (russ. Burlaki) noch in den 1870er Jahren zum weltweit bekannten tragischen Symbol des Zarenreiches erhoben hatte.20 Wie in den Zeiten „der Zaren und Kapitalisten“ ←141 | 142→heben die sowjetischen Burlaki untragbare Lasten, trinken Wodka und singen ihre ewig traurigen Lieder, und in ihren Städten herrscht weiterhin eine Atmosphäre jahrhundertelangen Stillstands. Die unerschütterliche Rückständigkeit, der das exotische Lokalkolorit ein „nicht-europäisches“ Gepräge gibt, verblüfft den Fremden mit zahlreichen alltäglichen Seltsamkeiten, die der Autor sarkastisch als die besten touristischen Attraktionen dieser Gegend bezeichnet.

Als einen Ort, der dem Reisenden eine besonders breite Palette von solchen „Wundern“ bietet, rühmt Roth die Stadt Astrachan. In deren Beschreibung spitzt Roth krasse Anachronismen zu, die den ideologischen Diskurs über den sich rapid modernisierenden bolschewistischen Staat subvertieren. Eines der markantesten Beispiele dafür ist die Darstellung einer Droschkenfahrt – eine kleine Szene, in der solche Anachronismen durch sorgfältig gewählte Assoziationen und Details zu den prägnanten „barbarischen“ Elementen umgedeutet werden:

Die Droschkensitze sind schmal, ohne Rückenlehne, lebensgefährlich, ohne Dach, die Pferde tragen lange weiße Ku-Klux-Klan-Gewänder gegen den Staub – als gingen sie zum Turniere. Die Kutscher verstehen sehr wenig Russisch und hassen das Pflaster. Sie fahren durch die sandigen Straßen, weil ja das Pferd bekleidet ist. Der Fahrgast, der in einem dunklen Anzug abfährt, kommt in einem silbernen an. Wer einen weißen angezogen hatte, trägt am Ziel einen taubengrauen. Die für Astrachan ausgerüstet sind, tragen wie die Pferde lange Staubmäntel mit Kapuzen. In der spärlich beleuchteten Nacht sieht man, wie Gespenster von gespenstischen Pferden gefahren werden[.]; [RW 610]

Eine Anspielung auf das „unzivilisierte“, „halbbarbarische“ Russland ist wohl auch die satirische Beschreibung der „Insektenwelt“ von Astrachan, die die impliziten, für Roths Prosa charakteristischen Parallelen zwischen Fliegen und vorrevolutionären russischen Verhältnissen21 miteinbezieht:

Die Fliegen, nicht die Fische, machen achtundneunzig Prozent der Astrachaner Fauna aus […][.]; In dicken schwarzen Schwärmen lagern sie auf Speisen, Zucker, Fensterscheiben, Porzellantellern, Überresten, auf Sträuchern und Bäumen, auf Kotlachen ←142 | 143→und Misthaufen und selbst auf kahlen Tischtüchern, auf denen ein menschliches Auge nichts Nahrhaftes sehen kann […][.] Auf den weißen Hemdblusen, die hier die meisten Männer tragen, sitzen Tausende Fliegen, sicher und versonnen, sie fliegen nicht auf, wenn sich ihr Wirt bewegt, sie sitzen zwei Stunden auf seinen Schultern, sie haben keine Nerven, die Fliegen von Astrachan, sie haben die Ruhe großer Säugetiere, etwa der Katzen, und ihrer Feinde aus der Insektenwelt, der Spinnen… Es wundert mich und ich bedauere es, daß diese intelligenten und humanen Tiere nicht in großen Scharen nach Astrachan kommen, wo sie nützliche Mitglieder der menschlichen Gesellschaft werden könnten. Zwar leben acht Kreuzspinnen in meinem Zimmer, stille, kluge Tiere, freundliche Genossen durchwachter Nächte […][,] aber wie gering ist der Lohn! Tausend Fliegen summen im Zimmer, ich wünsche mir zwanzigtausend giftige Spinnen her, eine Armee von Spinnen! Bleibe ich in Astrachan, ich würde sie züchten und ihnen mehr Sorgfalt zuwenden als dem Kaviar[.] [RW 611]

Die Aufzählung der „Wunder“ von Astrachan gipfelt in einer lakonischen Lobrede auf die Bettler, an denen diese Stadt besonders reich sein soll. Der ironischen Bemerkung des Autors zufolge sind diese Gespenster des untergegangenen zaristischen Russland, in deren Namen die Revolution durchgesetzt wurde, das erstaunlichste Wunder von Astrachan, da sie ein Leben lang von nur einer Kopeke leben können [RW 612].

Als die einzige Region, in der nach der Oktoberrevolution eine sichtbare Erneuerung stattgefunden hat, zeigt sich bei Roth der Kaukasus. Unter den wichtigsten positiven Ergebnissen der Revolution in diesem Teil des Sowjetimperiums werden – allerdings nicht ohne Vorbehalte – die Lösung der nationalen Autonomiefrage kaukasischer Völker und die rasche Modernisierung der Petroleumgebiete genannt. Gleichzeitig weist Roth auf die Schattenseite des beeindruckenden industriellen Fortschritts hin. In den futuristischen Landschaften mit Bohrtürmen und Arbeitersiedlungen erblickt er eine ferne Ähnlichkeit zum Bild des vom Goldrausch besessenen Amerika mit seinem Drang nach technischer Innovation, seinem nachgerade epidemischen Städtebau, seiner Sucht nach Abenteuern und Sensationen. Dies interpretiert Roth als Symptom einer paradoxen Annäherung des sowjetischen an das amerikanische Zivilisationsmodell, das die bolschewistische Propaganda, bei allem Interesse an wissenschaftlichen und technischen Errungenschaften in den USA, dem Projekt des sozialistischen Staates entschieden entgegensetzt hat.22 Roth nimmt in den heftig geführten Amerika(nismus)-Debatten eine ausgesprochen kritische Position ein. Im Unterschied zu jenen Intellektuellen, die die technische Modernisierung in ←143 | 144→US-Amerika enthusiastisch begrüßt und als Vorbild menschlichen Fortschritts gepriesen haben, hat er im amerikanischen Modell eine Mischung aus Technizismus, Pragmatismus und primitivem Optimismus gesehen. Auf Roths politischer Karte der Zwischenkriegszeit bildet Amerika einen Gegenpol zu Europa, das von ihm als der einzige Bewahrer des humanistischen Geistes wahrgenommen wird.23

„Russland geht nach Amerika“ lautet, wie auch der Titel einer der Reportagen, Roths politische Diagnose, die auf den antieuropäischen Weg beziehungsweise Irrweg hindeutet, der den Sowjetstaat von jenen Zielen abbringen werde, die seine glühenden Ideologen proklamiert haben:

[M];an verachtet „Amerika“, das heißt den seelenlosen großen Kapitalismus, das Land, in dem Gold Gott ist. Aber man bewundert „Amerika“, das heißt den Fortschritt, das elektrische Bügeleisen, die Hygiene und die Wasserleitung. Man will die vollkommene Produktionstechnik. Aber die unmittelbare Folge dieser Bestrebungen ist eine unbewußte Anpassung an das geistige Amerika. Und das ist die geistige Leere. Die großen Kulturleistungen Europas, das klassische Altertum, die römische Kirche, die Renaissance und der Humanismus, ein großer Teil der Aufklärung und die ganze christliche Romantik – sie alle sind bürgerlich. Die alten Kulturleistungen Rußlands: der Mystizismus, die religiöse Kunst, die Poesie, die Slawophilie, die Romantik des Bauerntums, die gesellschaftliche Kultur des Hofes, Turgenjew und Dostojewski: sie alle sind selbstverständlich reaktionär. Woher also geistige Grundlagen für eine neue Welt nehmen? Was bleibt übrig? – Amerika! Die frische, ahnungslose, gymnastisch-hygienische rationale Geistigkeit Amerikas – ohne die Hypokrisie der protestantischen Sektiererei: aber dafür mit der Scheuklappenfrömmigkeit des strengen Kommunismus[.] [RW 631f.; Hervorhebung im Original]

Alle Gesichter des Sowjetimperiums setzen sich zu einem kuriosen Bild eines amerikanisierten Riesenbaus zusammen, der zwischen den Ruinen des zaristischen Russlands hochwächst. Über dieser Baustelle wacht ein millionenarmiger seelenloser bürokratischer Apparat, der die Tradition der Alleinherrscherdespotie zwar hinter sich, die Perspektive der totalitären Macht dagegen vor sich hat. Die ganze Bevölkerung, die von ihren „Führern“ für den Aufbau des neuen Staates mobilisiert wird, ist auf dem Baugerüst anzutreffen: „Jeder Greis, jedes ←144 | 145→Kind ist beteiligt und verantwortlich […] alle Menschen klettern auf Gerüsten, stehen auf Leitern, steigen auf Treppen, reparieren, bauen ab, schütten zu. Noch steht niemand frei und souverän auf der Erde“ [RW 624]. Trotz ihrer ironischen Färbung trifft die Roth’sche Metapher der Baustelle ein zentrales sowjetisches Ideologem, das sich durch die ganze Geschichte des Landes zieht: von Lenins These über „den Bau des Kommunismus in einem Einzelland“ über das letzte Allunion-Projekt, die als „Bau des Jahrhunderts“ gepriesene Baikal-Amur-Magistrale (BAM), bis hin zu Michail Gorbačёvs Perestroika, also hin zur „Umgestaltung“, die das nachfolgende Ende des Staates ausgelöst hat.

4 Hinter der Maske der Utopie

Das seltsame Gemisch aus kulturellem Verfall, technisch-pragmatischer Modernität und kommunistischem Drill, das Roth zum Kern des nachrevolutionären Sowjetrusslands erklärt, findet er überall, das heißt im öffentlichen wie im privaten Leben der Sowjetmenschen, wieder. Dadurch unterminiert er die sowjetische Propaganda, die alle Fehlschläge und Entstellungen des sozialistischen Aufbaus in einem rosigen Licht erscheinen ließ und sich dabei durch präzedenzlose Verlogenheit24 hervorgetan hat. Der desillusionierende Umgang mit der sowjetischen Realität wird zu seiner wichtigsten Darstellungsstrategie. Aus diesem Blickwinkel analysiert Roth die Politik der kommunistischen Partei in den Bereichen Religion, Bildung, Kunst, Presse, öffentliche Meinung und Geschlechterverhältnisse. Dabei entlarvt er nicht nur die Schattenseiten der nachrevolutionären Umwandlungen, die die bolschewistische Ideologie als große Errungenschaften der Sowjetmacht verherrlicht hat, sondern auch jene Methoden und Mittel, derer sich diese Ideologie bedient hat. So mokiert sich der Schriftsteller über die brutale atheistische Propaganda, die gegen die religiöse Lehre mit groben, antiquierten „Beweisen“ ins Feld ziehe, etwa mit Verweis darauf, dass

Donner und Blitz […] Erscheinungen der Elektrizität [sind]; die Welt […] billionenmal älter [ist], als die Bibel glaubt; die Welt […] nicht in sechs Tagen, der Mensch nicht aus Staub erschaffen worden [ist]: Er kommt vom Affenmenschen her. Besonders über diese Entdeckung herrscht in Rußland eine unwahrscheinlich naive Freude. Die Menschen sind stolz darauf, mit dem Pithekanthropus verwandt zu sein, als hätten sie eine ←145 | 146→Erbschaft von ihm zu erwarten und als hätten wir dieses Erbe nicht schon längst aufgezehrt[.]; [RW 639]

Eine ähnliche Rhetorik wird auch in den atheistischen Broschüren verwendet, die unter dem Deckmantel der Aufklärung eher primitivste Propaganda betreiben:

In einer Broschüre „Antireligiöse Propaganda im Dorf“ von E. Feodorow, die für Dorf-Agitatoren bestimmt ist, stehen folgende Definitionen: „Das Peter- und Paulsfest gehört zu jenen Feiertagen, die den Zweck haben, die Ausbeutung der arbeitenden Massen durch die Kapitalisten zu rechtfertigen und jeden Versuch, einen Aufstand zu erheben, durch eine Berufung auf die göttliche Autorität zu unterdrücken.“ Oder: „Alle unsere Seelenerscheinungen – Ärger, Freude, Angst, die Fähigkeit, zu denken und zu räsonieren – sind Folgen der Arbeit des Zentralhirns und der Nerven“. Der zwanzigste Juni alten Stils, der Tag des Elias, der nach dem Glauben der Bauern über Donner und Blitz zu verfügen hat, wird im neuen Rußland auch offiziell gefeiert, und zwar als „Elektrifikationstag“. Und manchmal protestiert eine Broschüre gegen das Läuten der Kirchenglocken, weil es denerviere und weil in – Zürich das Glockenläuten verboten ist. Ich weiß nicht, ob es stimmt – aber: Zürich! Zürich! Welch ein Muster für Revolutionäre! … [RW 639; Hervorhebung im Original]

Die Konsequenzen der Täuschungen und Vortäuschungen, die die sowjetische Propaganda dem Bewusstsein der Massen aufoktroyiert hat, beobachtet Roth an verschiedenen Lebenspraktiken. Er attackiert etwa die sowjetische Presse, die durch den harten Zensurdruck und den vorgetäuschten direkten Kontakt mit dem Lesepublikum desinfomierend wirke; ferner die politische Landschaft, in der sich trotz proklamierter demokratischer Prinzipien die Zwangsherrschaft der kommunistischen Partei etabliere; die Mann-Frau-Beziehungen, die durch die Einbuße der „spießigen“ Romantik und „dekadenten“ Erotik zur pragmatischen Begattung geworden seien; die Frauenemanzipation, die die sowjetische Frau auf einige wenige soziale Funktionen reduziere,25 oder das Erziehungssystem, das im ←146 | 147→Endeffekt bloß Objekte für ideologische Manipulationen produziere. Hinter der roten Hochglanzfassade des Sowjetstaates sieht er das Grau und das Grauen der entprivatisierten Existenz, die der Ideologie des Aufbaus der „schönen neuen Welt“ restlos unterworfen ist. Sogar im trivialen Alltagsleben stößt Roths Erzähler auf tendenziell Kurioses: Einmal ist es ein Ziegenbock, der den Eingang zum modernen Hotel blockiert, dann die Serviette, gefertigt aus Einschlagpapier, ein anderes Mal die europaweit besten Busse, die auf dem weltweit schlechtesten Pflaster dahinrollen.

Konsequenterweise entwickelt sich in der Reportagenreihe das Motiv des Illusorischen, Phantomhaften oder Scheinbaren. Wie Gespenster aus der Vergangenheit erscheinen neben den zaristischen Emigranten die im nachrevolutionären Russland übrig gebliebenen Vertreter der vorrevolutionären Welt: die ehemaligen Bourgeois, die altmodischen liberalen Intellektuellen und nicht zuletzt die alten Bolschewisten oder „Helden der Revolution“. Gespenstisch wirken aber auch die Repräsentanten der neuen Welt: Männer ohne individuelle Freiheit, Frauen ohne erotischen Reiz, Kinder ohne Phantasie. Diese Bilder sind für Roth die großen und kleinen Beweise für das vollständige Scheitern der bolschewistischen Revolutionsidee, die seines Erachtens die Kluft zwischen Russland und Westeuropa nur noch vertieft hat. Die versprochene „schöne neue Welt“ hat sie nicht zu etablieren vermocht, ist stattdessen zum platten sowjetischen Biedermeier, etwa in Form von Tintenfässern mit Lenin-Porträts oder von mit Lassalle-Porträts geschmückten Kaviarbüchsen, verkommen. Den infolge dieser Revolution gegründeten Staat tut Roth als Land der gescheiterten Hoffnungen ab, das unter dem falschen Glanz das wahre Elend und hinter der Maske des Ideenfanatismus seine historische Niederlage verberge. Im Tagebuch, das Roth während der sowjetischen Reise geführt hat, formuliert er sein schonungsloses Urteil über das bolschewistische Experiment wie folgt:

Ich habe mich endgültig vom Osten losgesagt. Wir haben nichts von ihm zu erwarten, als eine Blutauffrischung, eine Muskelerneuerung, eine Lyrik vielleicht und eine Bereicherung der Traumwelt – keineswegs Gedanken, Tag, geistige Kraft und Helligkeit. Das Licht kommt vielleicht vom Osten, aber Tag ist nur im Westen. Zwischen der französischen und der russischen Revolution ist ein Unterschied wie zwischen Voltaire und Bucharin, zwischen Katholizismus und Byzantinismus, zwischen Paris und Moskau[.]; [RW 1019]

Offensichtlich entwirft Roth aus seiner kulturskeptischen Perspektive ein teils tendenziöses, teils karikaturhaftes Russland-Bild, in dem Erfolge der frühen UdSSR in den Bereichen Wirtschaft, Sozialleben, Wissenschaft oder Kunst keinerlei Niederschlag finden.

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Nicht außer Acht zu lassen sind aber die Gründe für dieses vernichtende Urteil über das neue ‚Proletarierreich‘. Entscheidend war hier wohl, dass Roth in Sowjetrussland nach keinem Heiligen Gral von persönlicher oder gesellschaftlicher Bedeutung suchte. Deswegen wollte und konnte er dem neuen Russland aus einer allgemeinmenschlichen, humanistischen Perspektive ins Gesicht blicken, ohne hierzu ein die Wirklichkeit verzerrendes Okular zu benötigen. Eine solche Perspektive erhob ihn nicht nur über die politisch-ideologischen Scharmützel seiner Zeit, sondern auch über seine eigenen linken Sympathien. Seiner Revision des neuen Russlands lag das Paradigma der Entlarvung zugrunde, das sowohl die persönliche Enttäuschung über das bolschewistische Projekt als auch eine generelle Entzauberung der sowjetischen Wirklichkeit und Ideologie umfasste. Diese Revision wurde im Lichte von Eurozentrismus, europäischem Individualismus und europäischem Humanismus durchgeführt. Kein Wunder also, dass Roth seiner „Reise in Rußland“ einen Roman (Flucht ohne Ende, 1927) hat folgen lassen, dessen Hauptfigur ein Europäer ist, der sich im postrevolutionären Russland verliert und nach gescheiterten Versuchen, sich der sowjetischen Lebensweise anzupassen, am Ende nach Europa flüchtet.26

Die Reportagenreihe Joseph Roths wird mit einer kurzen Geschichte über die Bahnreise des Erzählers in Gesellschaft einer zwar verlockenden, doch äußerst unerquicklichen Dame abgeschlossen. Diese Novelle, die in keinem direkten Bezug zum übrigen Textkorpus zu stehen scheint, zieht einen Schlussstrich unter Roths Reisebericht über die Sowjetunion. Denn die Figur dieser Dame, die bei dem Erzähler zuerst falsche Erwartungen weckt, um ihm dann mit ihren Manieren Ärger zu bereiten, lässt sich als ein allegorisches Bild für Sowjetrussland auslegen, das in den Köpfen westeuropäischer Intellektuellen mit großen Erwartungen und – nicht selten – bitteren Enttäuschungen eng verknüpft gewesen ist. Entscheidend ist hier vor allem die finale Stimmungslage des Erzählers, nämlich seine heimliche Freude darüber, dass diese auf den ersten Blick anziehende, doch in Wirklichkeit ziemlich lästige Dame ihre Aufmerksamkeit endlich auf ein anderes Objekt gerichtet und den Erzähler in Ruhe gelassen hat [RW 696].

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1 Der Beitrag wurde im Rahmen des durch die Fritz-Thyssen-Stiftung geförderten Projekts „Die Ukraine als Palimpsest: deutschsprachige Literatur und ukrainische Welt von der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart“ (Az. 10.16.2.041 SL) zur Veröffentlichung vorbereitet.

2 Vgl. Wolfgang Müller-Funk: Besichtigung eines neuen Imperiums. Joseph Roths Reiseberichte über Russland anno 1926. In: Thomas Grob, Boris Previšić, Andrea Zink (Hgg.): Erzählte Mobilität im östlichen Europa. (Post-)Imperiale Räume zwischen Erfahrung und Imagination. Tübingen: Francke 2014, S. 43–58, zit. S. 43f.

3 Vgl. dazu: Alexander W. Belobratow: Joseph Roth in Russland und Russland bei Joseph Roth. In: Manfred Müller/Larissa Cybenko (Hgg.): Reise in die Nachbarschaft. Zur Wirkungsgeschichte der deutschsprachigen Literatur aus der Bukowina und Galizien nach 1918. Wien–Berlin–Münster: Lit 2009, S. 109–133.

4 S. dazu den Beitrag von Walter Fähnders.

5 S. dazu den Beitrag von Katja Plachov.

6 François Furet: Das Ende der Illusion: der Kommunismus im 20 Jahrhundert. München: Piper 1998, S. 151ff.

7 Жак Деррида: Back from Moscow, in the USSR. In: Жак Деррида/Михаил Рыклин: Жак Деррида в Москве: Деконструкция путешествия [Jacques Derrida: Back from Moscow, in the USSR. In: ders./Michail Ryklin: Jacques Derrida w Moskwe: Dekonstrukzija puteschestwija]. Moskau: RIK „Kultura“ 1993, S. 13–82, zit. S. 16.

8 Vgl. Anke Gleber: Die Erfahrung der Moderne in der Stadt. Reiseliteratur der Weimarer Republik. In: Peter R. Brenner (Hg.): Der Reisebericht. Die Entwicklung einer Gattung in der deutschen Literatur. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1989, S. 463–484.

9 Klaus Westermann: Nachwort. In: Joseph Roth: Das journalistische Werk 1924–1928. Köln: Kiepenheuer & Witsch 1990 (= Werke, hg. von Klaus Westermann, Bd. 2), S. 1023–1028, zit. S. 1026.

10 Müller-Funk, Besichtigung, S. 49.

11 Stefan Zweig: Joseph Roth. In: ders.: Zeiten und Schicksale. Aufsätze und Vorträge aus den Jahren 1902–1942. Frankfurt a.M.: S. Fischer 1990, S. 325–339, zit. S. 326.

12 Ausführlicher vgl. Klemens Kaps: Galizische Modernisierungsdiskurse zwischen Subalternität und Dominanz in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. In: Alexander Kratochvil u.a. (Hgg.): Kulturgrenzen in postimperialen Räumen. Bosnien und Westukraine als transkulturelle Regionen. Bielefeld: transcript 2013, S. 33–60.

13 So der Titel des bekannten dystopischen Romans von Aldous Huxley, im englischen Original Brave New World (1932).

14 „[S];elbst der Name ‚die UdSSR‘ “, so Derrida, „ist der weltweit einmalige Staatsname, der keinen Bezug auf die Gegend oder die Nation nimmt, somit auch der einmalige Staatsname, der kein Eigenname im üblichen Sinne dieses Wortes ist […][.] Beim Entstehen hat sich der Staat einen durchaus künstlichen, technischen, konzeptuellen, abstrakten, konventionellen und verfassungsbegrenzten Namen, einen allgemeinen ‚kommunistischen‘, ausgesprochen politischen Namen gegeben“ (Derrida, Back from Moscow, S. 15).

15 Eine interessante Analyse der Beziehungen zwischen Roths Kartierung von Osteuropa und dem damaligen Europa-Diskurs, für den Franzos’ Werk „modellbildend war“, bietet Telse Hartmann in seiner Monografie Kultur und Identität. Szenarien der Deplatzierung im Werk Joseph Roths (Tübingen: Francke 2006, S. 66–90). Zu den mentalen Karten Osteuropas vgl. auch Frithjof Benjamin Schenk: Mental Maps. Die Konstruktion von geografischen Räumen seit der Aufklärung. In: Geschichte und Gesellschaft, H. 3/2002, S. 493–514.

16 Zitiert wird nach der Ausgabe: Joseph Roth: Reise in Rußland. In: ders., Das journalistische Werk 1924–1928, S. 591–699, zit. S. 591. Fortan wird die Sigle [RW] im Fließtext verwendet.

17 Zu Russland-Stereotypen vgl. Hans-Henning Schröder: „Tiefste Barbarei“, „höchste Civilisation“. Stereotypen im deutschen Russlandbild. In: Osteuropa, Nr. 10/2010, S. 83–100.

18 Vgl. u.a. Joseph Roth: Lemberg in Düsseldorf. In: ders.: Das journalistische Werk 1915–1923. Hg. v. Klaus Westermann. Bd. 1. Köln: Kiepenheuer & Witsch 1989, S. 1084–1086; ders.: Munkacs, die brave Stadt. In: ders.: Das journalistische Werk 1929–1939. Hg. v. Klaus Westermann. Bd. 3. Köln: Kiepenheuer & Witsch 1991, S. 869–870; ders.: Huldigung an den Geist Österreichs. In: ebd., S. 792–795; ders.: Totenmesse. In: ebd., S. 795–798; ders.: Vae Victis. In: ebd., S. 802; ders.: Heute früh kam ein Brief. In: ders.: Romane und Erzählungen 1916–1929. Hg. v. Fritz Hackert. Bd. 4. Köln: Kiepenheuer & Witsch 1989, S. 1037–1043; ders.: Die weißen Städte. In: [RW 456–529].

19 Zur Ästhetik der Parade auf dem Roten Platz vgl. Karl Schlögel: Festplatz und Richtstätte: Der Rote Platz. In: ders.: Terror und Traum. München: Carl Hanser 2008, S. 280–286.

20 Auf seinem Bild Die Wolgatreidler (Burlaki) (1872–1873), eines der Meisterwerke der russischen realistischen Malerei, zeigt Repin elf Männer, die unter größter Anstrengung ihrer Kräfte und in tiefer Verzweiflung einen Lastkahn an der Wolga ziehen. Die harte monotone Arbeit veranschaulicht die unmenschliche Ausbeutung der sozialen Unterschichten im russischen Zarenreich und spricht ein vernichtendes Urteil über dessen Gesellschaftsordnung aus.

21 Zu diesen Parallelen vgl. Ольга Козонкова: Образ Росії в оповідній творчості Йозефа Рота [Olga Kosonkowa: Das Bild Russlands im erzählerischen Werk von Joseph Roth]. In: Факт як експеримент. Механізми фікціоналізації дійності у творах Йозефа Рота / за ред. Тимофія Гавриліва [Tymofiy Havryliv (Hg.): Fakt als Experiment. Die Mechanismen der Wirklichkeitsfiktionalisierung im Werk von Joseph Roth]. Lwiw: WNTL-Klasyka 2007 (= Студії австрійської літератури [Studien zur österreichischen Literatur], Bd. 3), S. 218–244.

22 Vgl. Simon Huber: Orientierungsfahrten. Sowjetunion- und USA-Berichte der Weimarer Republik als Reflexionsmedium im Modernediskurs. Bielefeld: Aisthesis 2014.

23 Vgl. Reiner Frey: Kein Weg ins Freie: Joseph Roths Amerikabild. Frankfurt a.M.: Peter Lang 1982; Kosonkowa, Das Bild Russlands im erzählerischen Werk von Joseph Roth, S. 238–240; Alexander Ritter: Über das „Gleichgewicht zwischen der Tischplatte und ihrer künstlichen Verlängerung“. Zur kulturkritischen Antithese „Amerika“ und der Lebensbalance in Joseph Roths Hiob. In: Johann Georg Lughofer/Mira Miladinović Zalaznik (Hgg.): Joseph Roth: europäisch-jüdischer Schriftsteller und österreichischer Universalist. Berlin–Boston: De Gruyter 2011, S. 87–101.

24 Dieses Urteil des von der bolschewistischen Revolution enttäuschten Europäers Pierre Pascal führt François Furet neben ähnlichen Beispielen an in: Furet, Das Ende der Illusion, S. 178.

25 „Sie [die russische Frau] lebt in einer Atmosphäre der politischen Sachlichkeit, der öffentlichen Tätigkeit, der allgemeinen Notwendigkeit, der sozialen Ethik, der kollektiven Pflicht“, so Roth in seiner Reportage „Die russische Frau von heute …“: „Sie ist kein erotischer Mensch mehr, sie ist ein sozialer Mensch – wie alle Menschen in Rußland. Die repräsentativen Typen der heutigen Frauen sind: die Politikerin, die Büroarbeiterin, die soziale Funktionärin, die Fabrikarbeiterin, die geistig produktive Arbeiterin, also Schriftstellerin und Künstlerin […][.] Die ‚Frau bei der Arbeit‘ ist ein Losungswort, eine Propaganda, ein moralisches Gebot und eine materielle Notwendigkeit […] Ich wünsche ihr, sie verlöre über der großen Ehre, ein ‚sozialer Faktor‘ zu sein, nicht das Vergnügen, eine Frau zu sein“ [RW 648–650].

26 Zu Korrespondenzen zwischen Roths Prosawerken und den journalistischen Texten mit russischem Fokus vgl. Matjaž Birk: „Der Heroismus der Intellektuellen – Der liquidierte Heroismus“. Fremd- und Selbstbilder in Joseph Roths und Stefan Zweigs Reisefeuilletons. In: Lughofer/Miladinović Zalaznik, Joseph Roth, S. 101–119.