Show Less
Open access

Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹

Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938

Series:

Edited By Primus-Heinz Kucher and Rebecca Unterberger

Die Oktoberrevolution von 1917 und die Gründung der Sowjetunion zog politisch-ideologisch wie kulturell-künstlerisch im deutschsprachigen Raum hohe Aufmerksamkeit auf sich und polarisierte die intellektuelle Öffentlichkeit. Insbesondere in der Ersten Republik bzw. im ›Roten Wien‹ stießen manche ihrer Impulse auf Resonanz, andere auf dezidierte Zurückweisung. Auch im bürgerlichen Kunst- und Literaturbetrieb, zum Beispiel dem der Musik, des Theaters oder des Films wurden (sowjet)russische Entwicklungen wahrgenommen und diskutiert. Der Band widmet sich solchen Rezeptionsbeziehungen, arbeitet ihre zum Teil erstaunliche Resonanz heraus, verortet sie in zeittypischen Diskursen wie dem des Aktivismus, der Theater- und Musikavantgarde, aber auch, kontrastierend-komplementär, dem des zeitgenössischen Amerika-Diskurses.

Show Summary Details
Open access

Geist und Gesicht des Bolschewismus – Deutungsmuster und Rezeptionslinien in René Fülöp-Millers Reisereportage von 1926

Katja Plachov

Geist und Gesicht des Bolschewismus – Deutungsmuster und Rezeptionslinien in René Fülöp-Millers Reisereportage von 1926

Abstract: Based on two travels through Russia, René Fülöp-Miller’s Geist und Gesicht des Bolschewismus (1926) constitutes one of the landmarks in literary and cultural surveying of post-revolutionary Russia. Contrary to expectations, Fülöp-Miller is less interested in political and economic developments, than rather in what he calls a “spiritual moment” of contemporary Russia investigated in phenomena such as experimental theatre (Mejerchol’d), Tatlin’s machine art or concepts of the collective human and the mass.

„Der Bolschewismus ist bisher fast stets nur als ein politisches Problem angesehen worden; ihn dieser verfälschenden und flachen Beurteilung zu entreißen, ist der Zweck dieses Buches.“1 Mit diesem einleitenden Satz zu seinem monumentalen, 500 Seiten Text und 500 Abbildungen umfassenden Werk Geist und Gesicht des Bolschewismus formuliert René Fülöp-Miller (1891–1963) nahezu ein Jahrzehnt nach der Machtübernahme durch die Bolschewiki den ehrgeizigen Anspruch, seiner Leserschaft eine neue Perspektive auf die Geschehnisse in der Sowjetunion eröffnen zu können. Die „Darstellung und Kritik des kulturellen Lebens in Sowjet-Rußland“, wie der Untertitel präzisiert, ist 1926 im Wiener Amalthea-Verlag in einer Erstauflage von fünftausend Exemplaren erschienen und zeitgenössisch breit rezipiert worden. Darauf weisen die verlagseigene Werbung, zahlreiche Besprechungen, eine zweite Auflage bereits im Jahr 19282 sowie ←149 | 150→Übersetzungen, etwa ins Englische, Portugiesische und Italienische, hin.3 In den USA ist das Werk zuletzt 1965, also drei Jahre nach der Kubakrise, in Westberlin dann im Jahre 1978 – in stark gekürzter Fassung unter dem Titel Fantasie und Alltag in Sowjet-Rußland. Ein Augenzeugenbericht – erneut herausgegeben worden.4

Die Tatsache, dass Fülöp-Millers Werk im Europa der Zwischenkriegszeit stark rezipiert worden ist und dass seine Deutungslinien auch in Zeiten des Kalten Krieges noch gültig schienen, zieht einige Fragen nach sich: Welche Einschätzungen und Erklärungen zur aktuellen Lage in der Sowjetunion werden in dem Text vermittelt? Auf welche Themen hat sich Fülöp-Miller konzentriert und welche rhetorischen Strategien angewendet, um diese für sein Lesepublikum schlüssig aufzubereiten? Für die Untersuchung ist zudem Fülöp-Miller in seiner Rolle als Akteur zwischen dem deutschsprachigen Westeuropa und Russland und den damit verbundenen pragmatischen Faktoren zu betrachten. Welche Kontakte stehen ihm bei der Recherche zur Verfügung? Warum hat er sich ausgerechnet dieser Thematik angenommen? Die seit dem kommunistischen Umsturz und nach Ende des Ersten Weltkriegs nahezu unüberschaubar gewordene Zahl an Russland-Publikationen im deutschsprachigen Raum hatte ihren ←150 | 151→vorläufigen Höhepunkt bereits im Jahre 1924, dem Todesjahr Lenins, gefunden.5 Fülöp-Miller stand folglich vor der Herausforderung, dem deutschsprachigen Europa – vorrangiges Absatzgebiet seines Werks – ein im Verhältnis zu den bestehenden Russlandberichten innovatives Deutungsangebot zu machen, da er mit der Veröffentlichung von Geist und Gesicht nicht zuletzt auch finanzielle Interessen verfolgte.

Nachfolgend soll die unleugbare Durchschlagkraft von Fülöp-Millers Opus Magnum zudem in Zusammenschau mit der Theorie der „Entgegenkommenden Strömung“ des russischen Literaturtheoretikers Aleksandr Veselovskij (1838–1906) perspektiviert werden. Veselovskij stellte bereits Mitte des 19. Jahrhunderts fest: „Der Einfluss eines fremden Elements ist immer durch seine innere Affinität zu der Ebene bedingt, [auf] die es [wirkt]“.6 Fülöp-Miller ist mit seinen Schilderungen über Facetten der sowjetischen Ideologie, von sowjetischen Kunst- und Kulturtendenzen eindeutig auf eine solche „Affinität“ gestoßen, das heißt auf ein Informationsbedürfnis in der Ersten Republik und in der Weimarer Republik.7 Die in Anlehnung an die Überlegungen Veselovskijs erstmals in den 1980er Jahren von den Germanisten Michel Espagne und Michael Werner formulierte Kulturtransfertheorie8 geht noch einen Schritt weiter, indem sie nach ←151 | 152→den pragmatischen Gründen und Bedingungen der Selektion, Distribution und Rezeption eines fremdkulturellen Elements – sei dies ein gedankliches Konzept, ein technisches Objekt oder aber ein Text – in der aufnehmenden Kultur fragt. Grundannahme ist hierbei, dass für die Übertragung „fremder“ Elemente Akteure und Vermittler eine zentrale Rolle spielen, da sie, neben dem Faktor der Kontingenz, deren Aneignung und die damit einhergehende Bedeutungstransformation in der aufnehmenden Kultur maßgeblich mitlenken sowie den dortigen Diskurs mitgestalten.9 Vor diesem theoretischen Hintergrund werden im Folgenden, nach einem Aufriss zum Entstehungskontext von Geist und Gesicht, exemplarisch die Einleitung, das erste Kapitel sowie die Sektion über bolschewistische Kunst, Kultur und Literatur und zuletzt die zeitgenössische Resonanz auf Fülöp-Millers Reisereportage analysiert.

1 Entstehungskontext

Für das Verständnis des Hintergrunds, vor dem Fülöp-Miller den deutschsprachigen Lesern Informationen und Interpretationen zur Sowjetunion liefert, sind die konkreten Entstehungsbedingungen der Reisereportage von zentraler Bedeutung: Was waren die Umstände und Absichten, die Fülöp-Millers Reisen in die Sowjetunion bestimmten und welche Auswirkungen auf die Gestaltung von Geist und Gesicht hatten sie?

Fülöp-Miller, als Sohn einer Apothekerfamilie 1891 in Caransebeș im heutigen Rumänien geboren, reiste von seinem langjährigen Wohnsitz Wien aus zwei Mal in die Sowjetunion: 1922 und 1924.10 Offenbar verfügte er während seiner rund zweijährigen Aufenthalte in der kurz zuvor gegründeten Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR) über schlechte bis keine Russischkenntnisse, sodass er bei der Beschaffung von Text- und Bildmaterial vor Ort wahrscheinlich auf die Hilfe von Übersetzern angewiesen war.11 Historisch fielen seine Reisen in die Phase des beginnenden Ausländertourismus sowie in eine von den Auswirkungen des Bürgerkriegs und der anschließenden Hungersnot geprägten ←152 | 153→Sowjetunion, in der gleichzeitig die 1921 initiierte Neue Ökonomische Politik zu einer Stabilisierung des Landes führen sollte.12 In Folge der Hungersnot waren es vor allem Hilfsorganisationen, die durch die Versorgung der betroffenen Gebiete erste Kontakte zwischen der UdSSR und dem Ausland herstellten und damit die späteren institutionellen Strukturen der Gesellschaft für die kulturelle Verbindung der UdSSR mit dem Ausland (Vsesojusnoe obščestvo kul’turnoj svjazi s zagranizej, kurz: VOKS) vorbereiteten.13 1925, im Jahr deren Gründung, hatte Fülöp-Miller die Sowjetunion jedoch bereits zweifach bereist, weshalb anzunehmen ist, dass er sich noch ohne fest ausgebildete Überwachungsstrukturen vor Ort verhältnismäßig frei bewegen hatte können. Laut Gerd Koenen konnte die Gruppe früher Reisender grundsätzlich sogar in Kontakt zu Mitgliedern der sowjetischen Führung treten: „Einmal in Moskau, bewegte man sich erstaunlich leicht und ungezwungen im inneren Zirkel dieser jungen Macht, die noch ganz improvisiert und unzeremoniell wirkte und viele Züge eines etwas bohèmehaften Feldlagers trug.“14 Es ist nicht belegt, ob oder mit welchen Persönlichkeiten der politischen Führung Fülöp-Miller tatsächlich Kontakt gehabt hat, auch wenn solche Kontakte durch originäre Aussagen von Lenin und Trockij in Geist und Gesicht zum Teil suggeriert werden.15 Mit mehreren zentralen Kulturakteuren jedoch stand er vor Ort nachweislich in Austausch, wovon unter anderem eine Korrespondenz mit dem in Westeuropa bereits populären Theaterregisseur Vsevolod Mejerchol’d zeugt.16

←153 | 154→

Drei Jahre nach der Ersterscheinung des Werks und ein Jahr nach der zweiten Auflage17 äußerte sich Fülöp-Miller in einem Interview mit der konservativen Wiener Tageszeitung Reichspost über die von ihm beabsichtigte Ausrichtung seiner Studie und die Motive seiner Reise wie folgt:

[I];ch [habe] aus eigenem Antrieb das Land bereist, die Provinzen besichtigt. Mein Augenmerk war dabei nicht sosehr auf die politische oder volkswirtschaftliche Seite des neuen Systems gerichtet. Ich suchte vielmehr das seelische Moment, das geistige Antlitz des Bolschewismus. Diese meine Erfahrungen habe ich dann nach bestem Gewissen in dem genannten Buche niedergelegt.18

Möglicherweise hat Fülöp-Miller die Reise aus eigenem Antrieb, das heißt aus einem persönlichen Interesse heraus bestritten, nicht aber auf Grundlage eigener Mittel, da zahlreiche Reiseabrechnungen in seinem Nachlass eine Fremdfinanzierung seines Unternehmens belegen.19 Da er während seiner beiden Aufenthalte journalistisch tätig ist und aus Moskau und Leningrad Beiträge für österreichische Tageszeitungen verfasst, ist Geist und Gesicht sicher auch als Ergebnis von Textproduktionen für diese Presseorgane mit einem spezifischen Zielpublikum zu betrachten. Im Jahr 1924 erscheinen beispielsweise in der Neuen Freien Presse zahlreiche Texte mit explizit markiertem Urheberrecht, die thematisch den späteren Unterkapiteln von Geist und Gesicht in Teilen entsprechen und Fotografien enthalten, mit denen Fülöp-Miller etwa die Entwicklungen der russischen Bühnenkunst illustriert.20 Es liegt nahe, diese journalistischen Arbeiten als Grundlage für Geist und Gesicht zu betrachten.

←154 | 155→

Für die Veröffentlichung des groß angelegten Werks, das umfangreiche Bildmaterial eingeschlossen, sind schließlich die editorischen Möglichkeiten eines Verlagshauses wie Amalthea von entscheidender Bedeutung gewesen: Der Wiener Amalthea-Verlag produzierte vornehmlich für ein „Elitepublikum“21 und, so das Jahrbuch der Wiener Gesellschaft von 1929,

nimmt weit über das deutsche Sprachgebiet hinaus durch seine vorbildlich ausgestatteten und inhaltlich wertvollen Werken aus den Gebieten der Kunst, Literatur, Lebensgeschichte, Politik und Philosophie eine führende Stellung ein. Weltberühmt sind seine prachtvollen, großen Lichtdruckausgaben und seine Standardwerke.22

←155 | 156→

Zweifelsohne war Geist und Gesicht aufwendig gestaltet: Hochglanzfotografien und teilweise mehrfarbige Illustrationen machten das Werk zu einem teuren Produkt.23 Das Absatzgebiet des Verlags beschränkte sich dabei freilich nicht auf den österreichischen Markt, sondern berücksichtigte auch das deutsche Lesepublikum. Verlagsgründer Heinrich Studer konnte sich daher trotz seiner politisch konservativen Haltung24 nicht der konjunkturellen Nachfrage zum Thema Sowjetunion verschließen: „Das Werk fügte sich damals gut in mein Verlagsprogramm, das sich besonders in künstlerischer Hinsicht gegen die nivellierenden und die Menschen in ihrer Persönlichkeit entkleidenden Tendenzen der Kunst- und Staatspolitik Moskaus richtete“.25 Die Aussage des Verlagsdirektors verdeutlicht die diskursive Verortung des Werks, die sich, wie noch zu zeigen ist, auch rhetorisch niederschlägt.

2 Deutungsmuster und Argumentationsstrategien

Im Folgenden ist zu untersuchen, welche thematischen Aspekte Fülöp-Miller selektiert, wie er diese aufbereitet und gestaltet hat. Sein Werk ist 1926 – nahezu ein Jahrzehnt nach der Oktoberrevolution – in einer Landschaft bestehender Deutungsmuster erschienen: In Deutschland und in Österreich wird die Sowjetunion zum einen als revolutionäre politische Gefahr, zum anderen als „Land der Zukunft“, das Europa spirituell erneuern könne, wahrgenommen.26 Wie Fülöp-Miller sein Werk zu diesen Diskursen positioniert, wird nachfolgend anhand der Einleitung zu Geist und Gesicht, des ersten Kapitels mit dem Titel „Der kollektive Mensch“, sowie anhand einer der insgesamt drei Groß-„Abteilungen“ in den Blick genommen. Nicht geleistet werden kann im Rahmen dieses Beitrags eine Tiefenanalyse von Fülöp-Millers Kompendium aufgrund dessen Umfänglichkeit, die anhand des hier abschließend wiedergegebenen Inhaltsverzeichnisses auch deutlich wird.

←156 | 157→

2.1 Einleitung

Mit dem bereits eingangs zitierten Satz, demzufolge Fülöp-Miller den Bolschewismus nicht nur als „politisches Problem“ betrachtet wissen will, beginnt die kurze, zweieinhalbseitige Einleitung. Inhaltlich wie formal, etwa durch den nachstehenden Namen des Verfassers sowie die Angabe „Wien, im April 1926“, gleicht sie eher einem Vorwort. Fülöp-Miller betont hier die Brisanz seines Betrachtungsgegenstands: Die gegenwärtigen Geschehnisse in Russland seien „zu schicksalhaft und bedeutsam“, als dass deren Bewertung „einer Kaste von Politikern“ überlassen werden dürfte, die ihr Urteil von taktischen Erwägungen abhängig machten. Fülöp-Miller vermittelt dem Leser hier, ihm mit seiner Publikation ein von Ideologien und Interessen befreites und zu den vorherrschenden Elitendiskursen alternatives – und somit implizit wahrheitsgetreueres – Deutungsangebot zu machen. „Das Problem des Bolschewismus wächst über den engen Horizont politischer Sympathien oder Antipathien hinaus; seine Bejahung oder Verneinung ist gleichzeitig jene der europäischen Kultur überhaupt“ [GG I]. Über sein Verhältnis zum Bolschewismus bestimmt Europa also, so der Umkehrschluss zu dieser Aussage, die kulturelle Grundlage seiner zukünftigen Existenz. Die beiden ‚Welten‘ Russland und Europa werden damit in enger Wechselwirkung gezeichnet.

Nur die „sinnliche Nachgestaltung von Erlebtem“, wie Fülöp-Miller im Anschluss daran seine Betrachtungsmethode erläutert, könne zu einem „anschauliche[n]; und wahre[n]“ [GG II] Bild der sowjetischen Verhältnisse verhelfen. Objektivität ist laut Fülöp-Miller eine Unabdingbarkeit bei der damit in Aussicht gestellten Wahrheitsfindung:

Unter Objektivität wird hier die Wahrhaftigkeit schon in der Art des Schauens verstanden, die Unbefangenheit des persönlichen Eindrucks […]: was wirklich groß ist, wird auch dort als groß anerkannt […], das Hohle und Unzulänglich-Anmaßende aber spöttisch belächelt, auch wenn es sich noch so pathetisch gebärdet[.]; [GG II]

Paradigmatisch für das Vorwort ist der wiederholt formulierte Anspruch auf Authentizität und Objektivität: Nur jene Äußerungen von „Anhängern und Feinden des Bolschewismus“, die „der Kontrolle durch den Augenschein [Fülöp-Millers] standgehalten“ haben, seien berücksichtigt worden [GG II].

Dass Fülöp-Miller seine Leserschaft einleitend der Wahrhaftigkeit seiner Aussagen versichert, korrespondiert mit den Beglaubigungsstrategien in anderen zeitgenössischen Russlandreiseberichten, die Bernhard Furler analysiert hat: Indem sie als faktografisch inszenierte Texte ein der ideologisch aufgeladenen Presseberichterstattung entgegengesetztes Deutungsangebot bereitstellen, befriedigen sie das „allgemeine […] Bedürfnis nach […] gesicherter Information“ ←157 | 158→seitens der Leserinnen und Leser.27 Die Einleitung zu Geist und Gesicht offenbart somit zum einen das Selbstverständnis Fülöp-Millers als Verfasser und spiegelt zum anderen die Erwartungshaltungen des Lesepublikums wider, die für Autoren von Texten mit Bezug zur Sowjetunion wohl zu berücksichtigen waren; „schließlich ist auch der Konkurrenzdruck innerhalb der Reportageliteratur nicht zu unterschätzen, beanspruchte doch jeder der vielen Russlandreisenden, die Wahrheit gesehen und beschrieben zu haben.“28

Im Gegensatz zu anderen Russlandreiseberichten, etwa zu Alfons Paquets Im kommunistischen Rußland (1919) oder Arthur Holitschers Drei Monate in Sowjet-Rußland (1921), wählt Fülöp-Miller weder in der Einleitung noch im Haupttext die Ich-Perspektive für seine Darstellungen und verzichtet auf direkte Adressierungen seiner Leser. Durch die Vermeidung eines „autoptischen“ Erzählprinzips, bei dem die Verfasser formelhaft ihre Augenzeugenschaft beteuern (‚Ich habe es gesehen und erlebt‘) und damit die Leser in den Stand zweiter Augenzeugen erheben,29 grenzt sich Fülöp-Miller formal von vielen zeitgenössischen Reiseberichterstattern ab. Der Text scheint eher einen wissenschaftlich-komplexen Stil imitieren zu wollen und enthält gleichzeitig auch viele Redundanzen sowie stark wertende Passagen.

Fülöp-Miller nutzt die einleitenden Bemerkungen zudem, um auf die Fotografie als konstitutivem Bestandteil der Publikation hinzuweisen, die mit „unbeirrbare[r]; Verläßlichkeit […] als dokumentarische Unterlage für das Gesagte“ diene.30 Viele Momente, die fotografisch festgehalten worden seien, kehren nie mehr wieder und seien daher als „kostbare historische Dokumente“ zu betrachten.31 Fülöp-Miller verleiht den Abbildungen damit eine dokumentarische sowie den Wahrheitsgehalt des Gesagten legitimierende Funktion und reklamiert dadurch für sein Werk eine nachhaltige historische Qualität. In der bereits erwähnten Studie über deutschsprachige Reportagen zu Sowjetrussland hat Bernhard Furler bereits den „Glaube[n] an die alles überzeugende Beweiskraft des Bildes“,32 an den auch Fülöp-Miller in seiner Einleitung appelliert, in ←158 | 159→Rede gestellt. Aufgrund der damaligen Bildeuphorie – Furler verweist hier auf die Rolle der neuen Massenillustrierten in den 1920ern – sei die Authentizität von Abbildungen kaum angezweifelt worden,33 obgleich John Heartfield mit seinen Fotomontagen in der Arbeiter-Illustrierten-Zeitung sehr wohl das Manipulationspotential von Abbildungen aufzeigt hat, und sich auch Siegfried Kracauer, Bertolt Brecht und Walter Benjamin kritisch mit der wahrnehmungssteuernden Wirkung der „photographische[n] Konstruktion[en]“ auseinandergesetzt haben.34

2.2 Erstes Kapitel: Der kollektive Mensch

Eine alte Volkslegende, die lange vor der Revolution schon unter den russischen Bauern verbreitet gewesen, kündet das Herannahen einer Zeit, da das „Tier ohne Namen“ die Herrschaft über Rußland antreten werde, jenes Tier, das darum namenlos sei, weil es aus unzählbaren Vielen bestehen werde. Nun ist es da, […] und hat sein Reich aufgerichtet: die unpersönliche Masse ist der Herr über Rußland, sie ist die wichtigste neue Erscheinung, welche der Bolschewismus vorgebracht hat[.]; [GG 1]

Die zu Beginn des Kapitels bemühte Metaphorik einer tierähnlichen Masse, die im heutigen Russland herrsche, verdichtet sich im Verbund mit dem Rekurs auf eine nicht näher ausgeführte Volkslegende zu einem bedrohlichen Szenarium: Ein neuer Menschentypus ist durch die Abschaffung seiner inneren Seele entstanden [vgl. GG 2ff., 14]. Mit Blick auf die äußere Erscheinung dieses „Massewesens“ entwirft Fülöp-Miller eine surreal anmutende, endzeitliche Prognose für Sowjetrussland: Der Einzelne werde durch den Kollektivkörper, der einem Urtier gleiche [vgl. GG 3], vereinnahmt und damit ausgelöscht. „Unwillkürlich muß man sich fragen, ob dieser ‚Massemensch‘ wohl auch einmal über das organisierte Gehen und Brüllen, über das Losschlagen hinaus, ein höheres Wesen zu werden verspreche, ob er wirklich dazu bestimmt sei, neue Werte in die Geschichte zu tragen.“ [GG 4]

←159 | 160→

Zur Untermauerung seiner Anschauung verweist Fülöp-Miller auf den Sozialpsychologen Gustave Le Bon, dessen Psychologie der Massen (frz. Psychologie des foules) von 1895 europaweit enorme Popularität erlangt hatte und auch in der Zwischenkriegszeit noch breit rezipiert wurde:

In der Weimarer Republik bilden Le Bons Ideen einen Steinbruch, aus dem Kulturkonservative wie Oswald Spengler, Karl Jaspers, aber auch Literaten wie Hugo von Hofmannsthal und Stefan George ihre Argumente herausschlagen. Was die durchaus unterschiedlichen Denker und Dichter verbindet, ist ihr Fortschrittspessimismus.35

Dass der Mensch durch die Zugehörigkeit zu einer Masse auf der Stufenleiter der Zivilisation herabsteige, da seine bewusste Persönlichkeit verschwinde und das Unbewusste vorherrsche [vgl. GG 6], zitiert Fülöp-Miller als Le Bons zentralen Gedanken. Als zweiten Kronzeugen für seine Ausführungen führt er Sigmund Freud ins Treffen: Freuds Studie über Massenpsychologie und Ich-Analyse (1921) findet Erwähnung, als Fülöp-Miller „[g];anz im Gegensatz zu diesen Ansichten westeuropäischer Forscher“ die Dichter des Bolschewismus, etwa Dem’jan Bednyj, positioniert, die „in apokalyptischer Begeisterung das kommende Reich des Massemenschen“ feiern [GG 6].

Fülöp-Miller präsentiert die Geschehnisse in Sowjetrussland somit durch das transformierende Prisma der massenpsychologischen Konzeption Le Bons und aktiviert durch diese Bezugnahme die Deutungen des nach wie vor populären Autors. Die Vorstellung, die er daran anschließend über den Zustand der Kunst und Kultur in Sowjetrussland entwickelt, fällt dementsprechend aus: Alles in Russland geschehe um der Masse willen, und Kunst, Literatur, Musik und Philosophie dienen vor allem dazu, sie zu lobpreisen [vgl. GG 5]. Diese Vorstellung von Sowjetrussland wird auch visuell transportiert: Im ersten Kapitel von Geist und Gesicht dominieren Fotografien von Demonstrationen und anderen Menschenansammlungen, gezeigt aus der Vogelperspektive oder in der Totale. Teilweise wirken die Abbildungen collagenhaft verzerrt, etwa wenn über die Fläche eines ganzen Fotos nahezu gleichgroße Personen angeordnet sind und die natürliche Tiefendimension fehlt.36

←160 | 161→

Fülöp-Miller bescheinigt der Sowjetunion im einführenden Kapitel eine pervertierte, das heißt falsche Rezeption und Anwendung von ursprünglich westeuropäischen Prinzipien des Marxismus. Die kulturhistorische Bedeutung des Bolschewismus für das russische Geistesleben sei bereits im zaristischen Russland in „falschen Ideenverbindung“ entwickelt worden und werde nunmehr in Form des „Vulgär-Marxismus“ ad absurdum geführt.37 Im gegenwärtigen Russland sei die westliche Grundidee, derzufolge der Sozialismus als ein stetig wirkendes ökonomisches Gesetz begriffen werde, mit „naiv-magischen Formeln“ vermengt worden.38 Die hier von Fülöp-Miller aktivierte Auffassung, Russland ←161 | 162→bringe keine selbstständige Philosophie hervor, sondern greife lediglich westliche Gedankenmodelle auf, um sie dann zu pervertieren, transferiert die Vorstellung eines kulturellen West-Ost-Gefälles. Das seit der Aufklärung dominante Deutungsmuster, das Russland im Vergleich zum westlichen Europa zivilisatorisch abwertet, dient, wie Larry Wolff in seiner grundlegenden Studie39 gezeigt hat, westeuropäischen Intellektuellen noch im 20. Jahrhundert dazu, „Osteuropa nach ihren eigenen politischen Phantasievorstellungen zu erfinden“.40 Die dabei stattfindende Verquickung von Raum- und Zivilisationsdiskursen zur Vergewisserung darüber, „dass man [im Westen] in einer besseren Welt lebte“,41 bildet nach Wolff eine diachrone Konstante westeuropäischer Identitätsbildung mithilfe des Kontrastbilds Osteuropa.42 Diese hier auch von Fülöp-Miller implizierte Denkfigur setzt sich paradigmatisch in den folgenden Kapiteln von Geist und Gesicht fort.

2.3 II. Abteilung

Es ist bemerkenswert, mit welcher thematischen Bandbreite der Leser in der zweiten und umfangreichsten Sektion von Geist und Gesicht mit aktuellen Erscheinungen der sowjetischen Realität in Berührung kommt. In dem Kapitel Der bolschewikische Monumentalstil etwa widmet sich Fülöp-Miller ausführlich den Werken Vladimir Tatlins, dessen Modellturm des Monumentes für die III. Internationale von 1919 auch abgebildet ist.43

←162 | 163→ ←163 | 164→

Die Deutung von Tatlins „Maschinenkunst“ jedoch fällt nach einer Detailbeschreibung wiederum tendenziell skeptisch, ja negativ aus. Architektur auf ihre technische Zweckmäßigkeit zu reduzieren sei, so Fülöp-Miller, in Deutschland bereits diskutiert und wieder verworfen worden. Zudem trachten die Revolutionäre laut Fülöp-Miller diese ursprünglich von Gottfried Semper stammende Idee als „der proletarischen Kultur eigene Errungenschaft“ einzuverleiben [GG 144]. Das gleicht den Ausführungen eines französischen Reisenden des 19. Jahrhunderts, die Wolff ebenfalls in seiner Studie zitiert hat: „Ich mache den Russen keinen Vorwurf daraus, dass sie sind, was sie sind; was ich ihnen vorwerfe, ist, dass sie vortäuschen zu sein, was wir sind.“44 Durch die Bezugnahme auf angeblich alte, europäische Ideen werden die Bauten Tatlins als künstlerische Erscheinungen eines defizitären, da lediglich nachahmenden Charakters überführt und abgewertet. In Ergänzung zum zivilisatorischen Unterlegenheitsdiskurs Le Bons im ersten Kapitel stellt Fülöp-Miller an dieser Stelle die technisch-handwerkliche Unterlegenheit der Bolschewiki heraus, wobei diskursiv wiederum Raumvorstellungen mit Entwicklungsgefällen verknüpft werden. Die wirklichkeitsfremde Bauplanung sei zwar auch auf die aktuelle wirtschaftliche Notlage im Land, vor allem jedoch auf das „völlige […] Fehlen jeglicher Sachkenntnis bei all den Künstlern, Architekten und Ingenieuren“ zurückzuführen, die nicht im entferntesten an jene der westeuropäischen Baumeister heranreichen [GG 152].

Als weiterer zentraler Aspekt der zweiten Abteilung ist die Darstellung des zeitgenössischen Theaters um den Regisseur Mejerchol’d zu nennen, wobei Fülöp-Miller nicht als erster dessen experimentelle und politisierte Bühnenkunst beschrieben hat: Einige Jahre zuvor hatte bereits Arthur Holitscher das Schauspielverfahren der Biomechanik, der Agitationsstücke sowie das 1918 in Petrograd aufgeführte Massenschauspiel Einnahme des Winterpalais geschildert.45 Tatsächlich waren es, so Wladimir Koljasin, „deutsche Reisende, die als erste das revolutionäre Theater in Rußland entdeckten“,46 wobei sich die „Legende Mejerchol’d“ insbesondere durch Texte etwa von Walter Benjamin und Fülöp-Miller und die darin entworfenen „grellen Porträts“ des Künstlers konstituierte. Vor allem Fülöp-Miller war ein „leidenschaftlicher Propagandist“ des Regisseurs.47

←164 | 165→

Im Gegensatz zu den oben exemplarisch angeführten, in der Tendenz abwertenden Ausführungen zu Tatlin wird Mejerchol’d tatsächlich „echte künstlerische Befähigung und produktive Kraft“ bescheinigt – als einem der wenigen Künstler, deren Produkte, so Fülöp-Miller, „auch in ihren extremsten Phasen und selbst in den gelegentlichen Verirrungen […] immer wieder eine unleugbare starke Individualität“ vorweisen [GG 165–167]. Eine dichotomische Wertung wird hier fortgeschrieben: Die positive Konnotierung von „Individualität“ ist das logische Andere zu der als bedrohlich wahrgenommenen „Masse“ und spiegelt damit den vorherrschenden Diskurs in den aufkommenden Sozialwissenschaften zu Beginn des 20. Jahrhunderts wieder.48

Ein in dieser Sektion von Fülöp-Miller außerdem selektiertes Phänomen ist das jüdisch-russische Ensemble Habima,49 bei dem sich eine Traditionslinie russischer Schauspielkunst erhalten habe, „die einem religiösen Kult der Seele nahekommt und die eingeführt zu haben das Verdienst Stanislawskis bildet“ [GG 162–165]. Insbesondere dieser Glaube an eine „russische Kunstreligiösität“ und an eine „wunderwirkende Rolle des Theaters“ ist im deutschsprachigen Raum als politische Projektionsfläche populär gewesen und bereits von sozialdemokratisch orientierten Autoren vermittelt worden.50 Fülöp-Miller liefert hier jedoch lediglich eine detaillierte Beschreibung von Schauspiel- und Aufführungsverfahren der Truppe und verzichtet auf politische Aufladungen. Die Veröffentlichung von Geist und Gesicht fiel zeitlich mit den Gastspielen der Habima in München und Wien51 zusammen, wodurch unter Kulturinteressierten sicherlich beide Ereignisse an Auftrieb gewannen, da die Theatergruppe mit „unglaublicher Begeisterung“ vom deutschsprachigen Publikum begrüßt wurde.52

Mithilfe der oben genannten theoretischen Perspektive, Fülöp-Miller als Akteur zu verstehen, der auch aufgrund pragmatischer Interessen bestimmte Vorstellungen über die Sowjetunion geformt und transferiert hat, wird anhand ←165 | 166→der hier untersuchten Beispiele deutlich, dass er offenbar konservativ-konventionelle Deutungen zur Sowjetunion bei seinen westeuropäischen Lesern als „aufnehmendes Bedürfnis“ (Veselovskij) antizipiert und dieses mit entsprechend anschlussfähigen Interpretationen zu bedienen versucht hat. Die Themenauswahl in Geist und Gesicht zeugt davon, dass er dabei innovative Aspekte des sowjetischen Kulturlebens sehr wohl erkannt und auch medial zeitgemäß aufzubereiten wusste. Das scheinbar gegensätzliche, in der Anlage jedoch einander ergänzende Informations- und Deutungsangebot bot somit Identifikationsmöglichkeiten sowohl für politisch konservative als auch für kunstinteressierte, avantgardistisch orientierte Rezipienten.

3 Rezeption

In dem bereits zitierten Interview mit der Reichspost äußert sich Fülöp-Miller 1929 zur Resonanz auf Geist und Gesicht wie folgt: „Es war zu einer Zeit, wo die […] Darstellung der Verhältnisse in den Sowjets noch eine Seltenheit war. Auch ←166 | 167→die Sozialdemokratie hat das Buch günstig beurteilt.“53 Seine Einschätzung, mit dem Werk schlicht auf ein Informationsbedürfnis reagiert zu haben, ist, wie oben gezeigt wurde, wohl zutreffend.

Eine Gemeinsamkeit der zahlreichen Rezensionen, von denen im Folgenden einige aus der Tages- und Fachpresse54 sowie eine briefliche Äußerung exemplarisch betrachtet werden, ist die Hervorhebung der Abbildungen als ein Alleinstellungsmerkmal des Werks. Obwohl die meisten Kritiker Geist und Gesicht tendenziell positiv bewerten, werden in Bezug auf den Text jedoch auch Zweifel an Fülöp-Millers Unvoreingenommenheit gehegt: „[In]wieweit […] Verallgemeinerungen schiefe Bilder ergeben […][,]; kann ein Fernstehender kaum beurteilen.“55 Der Eindruck von im Werk vermittelten ‚schiefen Bildern‘ korrespondiert ferner mit der Einschätzung Walter Benjamins, die er in einem Brief an Siegfried Kracauer geäußert hat:

Zu Ihren marxistischen Studien empfehle ich Ihnen das große Reportagewerk „Geist und Gesicht des Bolschewismus“, von dem Sie wissen werden. Wie unzuverlässig im Einzelnen und voreingenommen im Ganzen es sein mag, so stellt es doch ein sehr reiches und intelligent erfaßtes Material zusammen. Vor allem besitzt der Referent Sinn für extreme, exzentrische Erscheinungen.56

Auf die von Fülöp-Miller vorgenommene Auswahl von sowjetischen Phänomenen geht auch Max Brod in seiner Rezension für das Prager Tageblatt ein, der das Werk prinzipiell positiv bewertet. Brod wendet jedoch ein, dass ihm bei den Ausführungen zur neueren russischen Musik, die ihm thematisch „einigermaßen zugänglich“ sei, aufgefallen sei, dass Fülöp-Miller sich mit besonderer ←167 | 168→Vorliebe an Seltsamkeiten und Experimente der Bolschewiki halte, etwa Fabrikpfeifensymphonien beschreibe, die Musik von Aleksandr Skrjabin und Samuil Fejnberg hingegen mit nur wenigen Worten abtue: „Seine Darstellung erinnert daher ein wenig an ein Raritäten- und Kuriositäten-Kabinett“.57

Deutlich gegen Fülöp-Millers Darstellung spricht sich lediglich ein Kritiker aus: Der Rezensent der Zeitschrift für Bücherfreunde wirft ihm ein unhistorisches Vorgehen anhand einer illegitimen Fragestellung vor, nämlich Russland nur auf seine kulturellen Aspekte hin zu betrachten, wo es doch im eminentesten Sinne politisch sei. Des Weiteren sieht er in dem Werk Belege für eine schlichte Unkenntnis der Spezifika des Landes: „Heillose Verwirrung herrscht im ganzen Buche über die Begriffe Adel, Aristokratie, Bürgertum, auf die er kurzweg die westeuropäische Auffassung überträgt.“58

Einerseits scheinen die Rezensenten der thematischen Auswahl Fülöp-Millers und den ihnen dadurch vermittelten Eindrücken über die aktuelle Lage in der Sowjetunion skeptisch gegenüberzustehen, da sie ihnen stellenweise unzutreffend oder tendenziös anmuten. Andererseits stellt gerade die dadurch erzeugte Bandbreite an Phänomenen, die in Geist und Gesicht präsentiert wird, das Alleinstellungsmerkmal des Werks dar. Hierzu bietet die Einordnung in das Spektrum der gegenwärtigen Russlandberichte durch Brod Aufschluss: „Wir wurden in letzter Zeit mit Reiseberichten aus Rußland überschwemmt, die bewußt oder unbewußt der bolschewistischen Propaganda dienten. Ganz eben so wie man Paquet, Goldschmidt, Holitscher usw. mit Vorsicht lesen muß“. Im Gegensatz dazu wolle Fülöp-Millers „antibolschewistisches Buch“ objektiv sein, „und schon das unschätzbar reiche Bildmaterial dient ja der Nachprüfung, der es eine feste Grundlage bietet“.59 Hier wird die in der Einleitung von Fülöp-Miller proklamierte Intention bezüglich des dokumentarischen Gehalts der Abbildungen übernommen und bestätigt. Auch schätzt Brod die Abbildungen als Gewinn bei der Lektüre ein, deren Wirkung er über jene einer filmischen Darstellung stellt: „[I];ch [muß] erklären, daß mich seit langem kein Buch so erschüttert, bereichert, zum Problematischen hingewiesen und vom ersten bis zum letzten Wort gespannt hat, aufregender als der geschickteste und originellste Film.“60 ←168 | 169→Von der Überzeugung, dass die Bilder jedoch nicht nur Unterhaltungs-, sondern vor allem auch Informationswert haben, zeugt zudem die Einschätzung Bert Brechts, dass die ausgezeichneten Illustrationen den Leser davor bewahren, „über den Bolschewismus den üblichen Unsinn zu reden“.61 Man könne Geist und Gesicht gar überhaupt nur kaufen, wenn man sich vornehme, den Text mit einer Schere zu entfernen, so Brecht.62

4 Fazit

Anhand der exemplarischen Analysen zu Geist und Gesicht wurden die Strategien Fülöp-Millers nachvollzogen, mit denen er die gesellschaftliche und kulturelle Lage in der Sowjetunion für ein zunächst deutschsprachiges Lesepublikum aufbereitete. Formal nutzt er dabei einen Schreibstil, der einerseits den Anspruch von Wissenschaftlichkeit suggeriert und andererseits stark metaphorisch aufgeladen ist. Fülöp-Miller geht an einigen Stellen rhetorisch stark verallgemeinernd und ironisierend vor. Durch die Bezugnahme und Aktualisierung von Texten wie dem Le Bons wird die Bedeutung zeitgenössischer sowjetischer Kunsterscheinungen dem Leser gegenüber geformt und tendenziell abgewertet. Dies gilt auch für die Maschinenkunst Tatlins, die durch die Bezugnahme auf westliche Baukunst als defizitär dargestellt wird. Damit schreibt Fülöp-Miller seit der Aufklärung bestehende Deutungsschemata, etwa des Ostens als „Trugbild“ des Westens, fort.

Das Potential in Fülöp-Millers Werk im Gegensatz zu anderen Russlandberichten der Zeit liegt in den von ihm selektierten Phänomenen begründet, die in großen Teilen sehr aktuell und somit allein durch ihren Informationsgehalt innovativ gewesen sind, wofür das Themengebiet Theaterkunst beispielhaft steht. Daran anschließend ist zweifellos die mediale Aufbereitung geknüpft. Die weitgehend analoge Anordnung von Text- und Bildmaterial schafft einen Bilderbuch-Effekt, der den Einstieg in die Lektüre an beliebiger Stelle ermöglicht. Mit dieser zweidimensionalen Wissensvermittlung bedient das Werk, trotz seiner im Verhältnis zum großen Boom der Russlandliteratur späten Erscheinung, sicherlich auch Erwartungshaltungen, die die neuen Medien in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre, etwa durch illustrierte Zeitschriften, geweckt haben. Die Auswahl, Platzierung und Beschriftung der enthaltenen Abbildungen ist auch im zeitgenössischen Kontext jener medialen Entwicklungen zu betrachten.

←169 | 170→

Diese Konzeption von Geist und Gesicht – mannigfaltige Illustrationen sowie innovative Themenauswahl zur russischen Kunst und Kultur – wurde dann auch von einer Vielzahl von Rezipienten mit großem Interesse aufgenommen, wobei sich nicht zuletzt aufgrund des hohen Kaufpreises des Amalthea-Produkts das Lesepublikum wohl eher aus wohlhabenderen Schichten rekrutierte. Dabei zeigten sich die von Fülöp-Miller populärwissenschaftlich aufbereiteten konservativen Deutungsschemata nicht als völlig anschlussfähig, wie anhand der zeitgenössischen Rezensionen deutlich wurde. Trotz der thematischen Bandbreite und der medialen Originalität zeigte sich die Mehrheit der Leser skeptisch gegenüber den von Fülöp-Miller geleisteten Einordnungen.

Diese scheinen für die Bedeutung von Geist und Gesicht gegenüber den originellen Themensetzungen durch Fülöp-Miller jedoch zweitrangig. Beispielhaft für die Langzeitwirkung der Rezeption der Reisereportage steht der vom Musikwissenschaftler Wolfgang Mende erbrachte Nachweis, dass etwa die Darstellung der genannten Pfeifenorchester sich in wissenschaftlichen Publikationen bis zum Jahre 2000 vor allem aus Geist und Gesicht gespeist habe. Dies betreffe insbesondere den Beginn der sogenannten Geräuschkunst in der jungen Sowjetunion:

Eine Reihe von Darstellungen der sowjetischen Musik- und Kunstgeschichte zeichnet ein Bild, wonach sich in Russland bald nach der Oktoberrevolution eine „Lärmorchesterbewegung“ gebildet habe, die maßgeblich vom Proletkul’t getragen worden sei. Ein quellenkritischer Vergleich der hierfür angeführten Belege zeigt, dass sämtliche Informationen [dieser wissenschaftlichen Darstellungen] auf eine einzige Quelle zurückgehen, nämlich auf René Fülöp-Millers Bildreportage Geist und Gesicht des Bolschewismus aus dem Jahr 1926. […]

Die Zuordnung dieses Berichts zur Musikpraxis des Proletkul’t, von der alle neueren Darstellungen wie selbstverständlich ausgehen, ist möglicherweise auf die angegebene Datierung zurückzuführen. […] [Seine] zeitliche Einordnung ist [jedoch] höchstwahrscheinlich falsch. 63

Sicherlich kann Fülöp-Miller als Vermittler ein gewisses Gespür für ‚Wissensbedürfnisse‘, die kontingenterweise die Zeit überdauert haben, nicht abgesprochen werden, ist er doch Trends in der Rezeption der sowjetrussischen Avantgarde nicht nur gefolgt, sondern hat sie – mit ‚Langzeitwirkung‘ – auch gesetzt.64

←170 | 171→ ←171 | 172→ ←172 | 173→

Inhaltsverzeichnis: Geist und Gesicht des Bolschewismus

Einleitung

I. Abteilung

Der kollektive Mensch

Lenin

Die Philosophie des Bolschewismus

Der Bolschewismus im Lichte des Sektierertums

II. Abteilung

Der bolschewikische Monumentalstil

Die Agitationsbühne

Das theatralisierte Leben

Die Mechanisierung der Dichtkunst

Die bolschewikische Musik

Die Revolutionierung des Alltags

III. Abteilung

Das große Museum

Das versunkene alte Rußland

Die neuen Reichen

Das russische Elend

Die Reformation der Byzantinischen Kirche

Die Neugeburt der russischen Mystik

Die Krim, das „russische Palästina“

Die Bolschewisierung des Orients

Analphabetentum und neue Erziehung

Die „Katorga“ von einst und jetzt

Die Moral des Bolschewismus

Epilog

Dostojewskis Vision des Bolschewismus

←173 | 174→ ←174 | 175→

1 René Fülöp-Miller: Geist und Gesicht des Bolschewismus. Darstellung und Kritik des kulturellen Lebens in Sowjet-Rußland. Wien: Amalthea 1926, S. I. Zitate daraus werden nachfolgend mit der Sigle [GG] samt Seitenzahl belegt.

2 „Das erste authentische, objektiv-kritische Buch über das heutige Rußland […] war 14 Tage nach dem Erscheinen im ersten Tausend vergriffen. Der Band […] erschien eben im Amalthea-Verlag […] in zweiter Auflage.“ (N.N.: Neue Bücher und Zeitschriften. In: (Linzer) Tagespost (24.6.1926), S. 13.) Die Zahl der ersten Auflage leitet sich ab aus der Angabe der Auflage von 1928, in der eine Stückzahl von „5.–9. Tausend“ angegeben ist (vgl. René Fülöp-Miller: Geist und Gesicht des Bolschewismus. Darstellung und Kritik des kulturellen Lebens in Sowjet-Russland. Wien: Amalthea 21928).

3 René Fülöp-Miller: Mind and face of bolshevism: An examination of cultural life in Soviet Russia. Translated from the German by F.S. Flint and D.F. Tait. London-New York: G.P. Putnam’s Sons Ltd. 1927; ders.: The mind and face of bolshevism. New York: Alfred A. Knopf 1928; ders.: The Mind and Face of Bolshevism. An Examination of Cultural Life in Soviet Russia. With a new epilogue „Changes in Soviet life and culture during the last decades“ and a new bibliography. New York: Harper & Row 1965 [diese letzte Auflage des Werks erschien zwei Jahre nach dem Tod Fülöp-Millers]; ders.: Il volto del bolscevismo. Milano: Bompiani 1930; ders.: Espirito e physionomia do Bolchevismo: descripção e critica da vida cultural da Russia Sovietica. Pôrto Alegre: Ed. da Livraria do Globo 1935.

4 In seinem Vorwort benennt Siepmann die Bedeutung von Geist und Gesicht wie folgt: „Spannend und wertvoll ist Fülöp-Millers Veröffentlichung durch die akribische Schilderung des sowjetrussischen Alltags, durch Beschreibungen, die vor allem von detailbezogener Sachlichkeit und oft fast kindlichem Staunen geprägt sind. Ganz anders die politisch-philosophische Begleitmusik, mit der der Autor seinen Bericht auf den ersten und letzten Seiten verziert. Hier […] hört man die Eltern und Lehrer tönen, hier tritt uns der Anti-Kommunismus noch in seinem alten gedrechselten, vor-springer’schen Kostüm entgegen.“ (Eckhard Siepmann (Hg.): René Fülöp-Miller: Fantasie und Alltag in Sowjet-Russland. Ein Augenzeugenbericht. Berlin (West): Elefanten-Press 1978, S. 6.)

5 Vgl. Gerd Koenen: Blick nach Osten. Eine Gesamt-Bibliographie der deutschsprachigen Literatur über Rußland und den Bolschewismus 1917–1924. In: ders. u.a. (Hgg.): Deutschland und die Russische Revolution 1917–1924. München: Fink 1998 (= West-östliche Spiegelungen, Reihe A: Russen und Rußland aus deutscher Sicht, Bd. 5), S. 827–934.

6 Sergej P. Taškenov: Aleksandr Nikolaevič Veselovskij. Diskursbegründer der Historischen Poetik. In: Dirk Kemper u.a. (Hgg.): Die russische Schule der historischen Poetik. München: Fink 2013, S. 43–58, zit. S. 52. Das Originalzitat lautet: „Влияние чуждого элемента всегда обусловливается его внутренним согласием с уровнем той среды, на которую ему приходится действовать“, s. Žurnal ministerstva narodnogo prosveščenija. Čast’ CXX, Dekabr. 1863, Abt. II. S. 557–558 (zit. bei: S. I. Suchich: Istoričeskaja poetika A.N. Veselovskogo. Iz lekzij po istorii russkogo literaturovedenija. Nižnij Novgorod: KiTizdat 2001, zit. S. 40).

7 Vgl. hierzu auch den Beitrag Jürgen Dolls in diesem Band, der ausführlich auf die große Bedeutung von Geist und Gesicht als Textvorlage für die praktischen Theaterkonzeptionen sozialdemokratischer Gruppen im Wien der Zwischenkriegszeit eingeht.

8 Vgl. Michel Espagne/Michael Werner: Deutsch-französischer Kulturtransfer im 18. und 19. Jahrhundert. Zu einem neuen interdisziplinären Forschungsprogramm des C.N.R.S. In: Francia, H. 13/1985, S. 502–510; Matthias Middell: Kulturtransfer, Transferts culturels. In: Docupedia-Zeitgeschichte. Begriffe, Methoden und Debatten der zeithistorischen Forschung, 28.01.2016. Online unter: https://docupedia.de/zg/Kulturtransfer#artikel_inhalt_zitation (letzter Zugriff: 22.11.2016).

9 Vgl. Thomas Keller: Kulturtransferforschung. Grenzgänge zwischen den Kulturen. In: Stephan Moebius u.a. (Hgg.): Kultur. Theorien der Gegenwart. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften 2011, S. 106–119, zit. S. 109f.

10 Vgl. hierzu einer der wenigen ausführlicheren Beiträge zu Fülöp-Miller: Franz-Joseph Wehage: René Fülöp-Miller. In: John M. Spalek (Hg.): Deutschsprachige Exilliteratur seit 1933. Bd. 2.1. Bern: Francke 1989, S. 202–216, zit. S. 204.

11 Darauf weist unter anderen ein Brief des Amalthea-Verlagsleiters hin: Heinrich Studer an Fülöp-Miller (12.12.1929), Amalthea-Verlagsarchiv [ohne Signatur].

12 Vgl. Matthias Heeke: Reisen zu den Sowjets. Der ausländische Tourismus in Russland 1921–1941. Münster: Lit Verlag 2003, bs. S. 15–17; Dietmar Neutatz: Träume und Alpträume. Eine Geschichte Russlands im 20. Jahrhundert. München: Beck 2013, S. 170–193.

13 Vgl. Julia Köstenberger: Österreichisch-sowjetische Kulturkontakte im Überblick. In: Verena Moritz u.a. (Hgg.): Gegenwelten. Aspekte der österreichisch-sowjetischen Beziehungen 1918–1938. St. Pölten: Residenz 2013, S. 231–249, hier S. 232; Matthias Heeke: Reisen nach Moskau: Organisierte Trampelpfade der Fremdwahrnehmung? In: Walter Fähnders u.a. (Hgg.): Berlin, Paris, Moskau. Reiseliteratur und die Metropolen. Bielefeld: Aisthesis 2005 (= Reisen Texte Metropolen, Bd. 1), S. 169–190, hier S. 170f.

14 Gerd Koenen: „Indien im Nebel“. Die ersten Reisenden ins „neue Rußland“. Neun Modelle projektiver Wahrnehmung. In: ders. (Hg.): Deutschland und die Russische Revolution. München: Wilhelm Fink 1998, S. 557–615, zit. S. 558.

15 Etwa durch Aussagen wie: „Hörte man Lenin sprechen, so vernahm man Worte, […] die […] vielleicht sogar banal gewesen wären, hätte nicht eben er sie angewendet.“ [GG 37]

16 Fülöp-Miller traf Vsevolod Mejerchol’d offenbar mehrmals in Moskau und blieb auch nach seiner Rückkehr nach Wien mit ihm in Kontakt, u.a. um eine Theatertournee für den Regisseur und sein Ensemble durch Europa zu organisieren. Einige deutschsprachige Briefe darüber befinden sich im Nachlass des Theaterregisseurs in Moskau (vgl. z.B. René Fülöp-Miller an Mejerchol’d (28.7.1924), Rossijskij archiv literatury i isskustva (RGALI), Fond 963, opis’ 1, delo 84).

17 Die Angaben des Amalthea-Verlags „1.–4. Tausend 1926“ und „5.–9. Tausend 1928“ sind vor dem Inhaltsverzeichnis der zweiten Auflage zu finden (vgl. Fülöp-Miller, Geist und Gesicht [2. Auflage]).

18 Rochus Kohlbach: „Ich glaube an die Gnade …“. Gespräch mit René Fülöp-Miller. In: Reichspost (25.12.1929), S. 9.

19 Material Abteilung für Handschriften und Alte Drucke, Bayerischen Staatsbibliothek, Signatur: Ana 373, Schachtel 11. Weitere Hintergründe der Reise Fülöp-Millers in die Sowjetunion werden im Rahmen des laufenden Dissertationsprojekts erforscht.

20 Vgl. u.a. René Fülöp-Miller: Russische Kunst und russische Künstler. In: Neue Freie Presse (5.4.1924), S. 1f.; ders.: Originalaufnahmen aus Sowjet-Russland. In: Illustrierte Wochenendbeilage der Neuen Freien Presse (5.4.1924), S. 23: Bei erstgenanntem Beitrag steht „Copyright 1923 by René Fülöp-Miller, Nachdruck verboten“, bei letztgenanntem fotografischen Beitrag „Spezialkorrespondent der Neuen Freien Presse, Copyright by René Fülöp-Miller, Wien“. Das hier abgebildete Foto wurde nach seiner Veröffentlichung in der genannten Ausgabe der Neuen Freien Presse nochmals in Geist und Gesicht verwendet. Für eine systematische Bibliographie von Fülöp-Millers Beiträgen in der Tageszeitung in den Jahrgängen 1923 und 1924 siehe: http://litkult1920er.aau.at/?q=dokumentation (letzter Zugriff: 22.11.2016).

21 Vgl. Murray G. Hall: Österreichische Verlagsgeschichte 1918–1938. Bd. 2: Belletristische Verlage der Ersten Republik. Wien: Böhlau 1985, S. 22.

22 Eintrag „Studer, Dr. Heinrich“, in: Franz Planer (Hg.): Das Jahrbuch der Wiener Gesellschaft. Biographische Beiträge zur Wiener Zeitgeschichte. Wien: Planer 1929, S. 383.

23 Der Preis des Werks lag bei dreißig Reichsmark (vgl. Heinrich Studer an Fülöp-Miller (12.12.1929), Amalthea-Verlagsarchiv).

24 Vgl. Hall, Verlagsgeschichte, S. 13–15.

25 Heinrich Studer an Fülöp-Miller (12.12.1929), Amalthea-Verlagsarchiv.

26 Vgl. Iver B. Neumann: Russland positionieren: Nördlich oder östlich der Mitte? In: Karl Kaser (Hg.): Europa und die Grenzen im Kopf. Klagenfurt: Wieser 2003, S. 35–64, zit. S. 45f.

27 Bernhard Furler: Augen-Schein. Deutschsprachige Reportagen über Sowjetrußland 1917–1939. Frankfurt a.M.: Athenäum 1987, S. 18.

28 Ebd., S. 33 und 36. Hier wird Bezug genommen auf die Vorworte in: Alfons Paquets Im kommunistischen Russland (1919) und Arthur Holitschers Drei Monate in Sowjet-Russland (1921).

29 Vgl. ebd., S. 30.

30 Fülöp-Miller, Geist und Gesicht, S. II.

31 Ebd.

32 Furler, Augen-Schein, S. 63.

33 In Bezug auf die Fotografie der Zwischenkriegszeit hebt Furler die Rolle der Massenillustrierten hervor, wo Abbildungen bis Ende der 1920er Jahre durch ihren „[p];rägenden Einfluß auf die Gestaltung moderner Illustrierten“ durch das Abbildungsprinzip „des Schocks und der Sensation“ Millionenauflagen verzeichneten (vgl. ebd., S. 57).

34 Ebd., S. 58.

35 Falko Schneider: Filmpalast, Varieté, Dichterzirkel. Massenkultur und literarische Elite in der Weimarer Republik. In: Rolf Grimminger (Hg.): Literarische Moderne. Europäische Literatur im 19. und 20. Jahrhundert. Reinbek b.H.: Rowohlt 1995, S. 453–478, zit. S. 456.

36 S. die Bildtafeln 4, 5, 7, 8, 10 sowie die Einträge unter „Masse“ im Schlagwort-Register der Illustrationen in: [GG 474].

37 Vgl. ebd., S. 20f.

38 Vgl. ebd., S. 22.

39 Vgl. das Kapitel „Imagining Eastern Europe: Fiction, Fantasy, and Vicarious Voyages“ in: Larry Wolff: Inventing Eastern Europe. The Map of Civilization on the Mind of the Enlightenment. Stanford: Stanford University Press 1994, S. 89–143.

40 Ders.: Die Erfindung Osteuropas: Von Voltaire zu Voldemort. In: Kaser, Europa und die Grenzen im Kopf, S. 21–34, zit. S. 28.

41 Dubravka Ugrešić: Kultura laži [1999], zit. bei: Wolff, Erfindung Osteuropas, S. 29.

42 Ebd., S. 24.

43 Vgl. [GG 137–144] bzw. die Bildtafeln 66 und 67 ebd.

44 Wolff, Erfindung Osteuropas, S. 25.

45 Vgl. Wladimir Koljasin: Theater und Revolution. Glanz und Elend der deutsch-russischen Künstlerbeziehungen. In: Gerd Koenen (Hg.): Deutschland und die Russische Revolution. München: Wilhelm Fink 1998, S. 703–732, zit. 712.

46 Ebd., S. 709.

47 Ebd., S. 717 und 727. S. außerdem den Beitrag von Kurt Ifkovits.

48 Vgl. Michael Gamper: Masse lesen, Masse Schreiben. Eine Diskurs- und Imaginationsgeschichte der Menschenmenge 1765–1930. München: Wilhelm Fink 2007, S. 27f.

49 Vgl. Shelly Zer-Zion: Habima. Eine hebräische Bühne in der Weimarer Republik. Paderborn: Wilhelm Fink 2016.

50 Vgl. Koljasin, Theater, S. 710.

51 Vgl. ebd., S. 726; Julia Köstenberger: Österreichisch-sowjetische Kulturbeziehungen: Liste der wichtigsten Veranstaltungen/„Österreichische Gesellschaft zur Förderung der geistigen und wirtschaftlichen Beziehungen mit der UdSSR“. In: Moritz, Gegenwelten, S. 463.

52 Vgl. Koljasin, Theater, S. 726.

53 Rochus Kohlbach: „Ich glaube an die Gnade …“. Gespräch mit René Fülöp-Miller. In: Reichspost (25.12.1929), S. 9.

54 Vgl. Hans Raschle: Geist und Gesicht des Bolschewismus. In: Schweizerische Monatshefte für Politik und Kultur, H. 1/1927–28, S. 52–54; F. Braun: René Fülöp-Miller, Geist und Gesicht des Bolschewismus. […]. In: Zeitschrift für Bücherfreunde, H. 2/1926, Sp. 214–216; Paul Schrecker: Geist und Gesicht des Bolschewismus. Darstellung und Kritik des kulturellen Lebens in Sowjet-Rußland von René Fülöp-Miller. In: Die Literarische Welt, H. 33/1926, S. 5; F. Giese: René Fülöp-Miller, Geist und Gesicht des Bolschewismus […]. In: Zeitschrift für angewandte Psychologie, H. 28/1927, S. 355f.; G. Molden: Geist und Gesicht des Bolschewismus. Ein Buch von René Fülöp-Miller über das neue Rußland. In: Beilage der Neuen Freien Presse (18.7.1926), S. 21–23.

55 F. Giese: René Fülöp-Miller, Geist und Gesicht des Bolschewismus […]. In: Zeitschrift für angewandte Psychologie, H. 28/1927, S. 355f., zit. S. 356.

56 Walter Benjamin an Siegfried Kracauer (16.11.1926). In: Walter Benjamin: Briefe an Siegfried Kracauer. Marbach a. Neckar: Dt. Schillergesellschaft 1987 (= Marbacher Schriften, Bd. 27), S. 34f.

57 Max Brod: „Geist und Gesicht des Bolschewismus“. In: Prager Tageblatt (6.6.1926), S. 3f., zit. S. 3.

58 Vgl. F. Braun: René Fülöp-Miller, Geist und Gesicht des Bolschewismus. […]. In: Zeitschrift für Bücherfreunde, H. 2/1926, Sp. 214–216, zit. Sp. 216.

59 Max Brod: „Geist und Gesicht des Bolschewismus“. In: Prager Tageblatt (6.6.1926), S. 3f., zit. S. 3.

60 Ebd.

61 Bertolt Brecht: Die besten Bücher des Jahres 1926. In: ders.: Gesammelte Werke. Bd. 21, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1992, S. 176.

62 Vgl. ebd.

63 Wolfgang Mende: Musik und Kunst in der sowjetischen Revolutionskultur. Köln: Böhlau 2009, S. 287f.

64 Vorliegender Beitrag entstand im Rahmen des laufenden Dissertationsprojekts Zur Bedeutung René Fülöp-Millers in den europäisch-russischen Kulturbeziehungen der Zwischenkriegszeit (Arbeitstitel) an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.