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Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹

Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938

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Edited By Primus-Heinz Kucher and Rebecca Unterberger

Die Oktoberrevolution von 1917 und die Gründung der Sowjetunion zog politisch-ideologisch wie kulturell-künstlerisch im deutschsprachigen Raum hohe Aufmerksamkeit auf sich und polarisierte die intellektuelle Öffentlichkeit. Insbesondere in der Ersten Republik bzw. im ›Roten Wien‹ stießen manche ihrer Impulse auf Resonanz, andere auf dezidierte Zurückweisung. Auch im bürgerlichen Kunst- und Literaturbetrieb, zum Beispiel dem der Musik, des Theaters oder des Films wurden (sowjet)russische Entwicklungen wahrgenommen und diskutiert. Der Band widmet sich solchen Rezeptionsbeziehungen, arbeitet ihre zum Teil erstaunliche Resonanz heraus, verortet sie in zeittypischen Diskursen wie dem des Aktivismus, der Theater- und Musikavantgarde, aber auch, kontrastierend-komplementär, dem des zeitgenössischen Amerika-Diskurses.

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Joseph Gregors sowjetische Reise und Das russische Theater

Kurt Ifkovits

Joseph Gregors sowjetische Reise und Das russische Theater

Abstract: The following contribution deals with Joseph Gregor, one of the key Austrian figures of the 1920s with regards to the reception of Russian art and theatre. In 1924, Gregor organised the first exhibition on Russian theatre concepts in the Albertina (Vienna). From that moment on he intensively studied the performing ideas of Stanislavski, Mejerhol’d and Tairov, radicating them in the specific Russian symbolism. Furthermore, attention is given to Gregor’s interest in a parallel view of contemporary American performing concepts.

In das Jahr 19281 datiert ein im Amalthea-Verlag erschienenes, von Joseph Gregor und René Fülöp-Miller verfasstes Buch mit dem Titel Das russische Theater. Sein Wesen und seine Geschichte mit besonderer Berücksichtigung der Revolutionsperiode.2 Freilich ist dieses mit rund 400 Abbildungen opulent ausgestattete Buch3 bloß der Rest eines umfangreicheren Projektes, von dem im Folgenden berichtet sei. Treibende Kraft war der damalige Leiter der Theatersammlung der Nationalbibliothek, Joseph Gregor, der 1888 in Czernowitz aus einer deutsch-böhmischen Familie geboren war. Nach dem Studium in Wien kehrte er 1912 in seine Heimatstadt zurück, wo er als Lektor an der Universität die Musikwissenschaft aufbaute und sich als Theater- und Kunstreferent der Czernowitzer ←177 | 178→Zeitung betätigte. Die Einberufung brachte ihn erneut nach Wien, wo er nur wenige Tage nach Kriegsende Aspirant der Hofbibliothek (ab 1920: Nationalbibliothek) wurde.4

Schon früh war bei Gregor eine Spezialisierung auf performative Künste erkennbar. Bereits während des Studiums hatte er einschlägige Praktika unter anderen an den Wiener Hofbühnen sowie bei Max Reinhardts Deutschem Theater absolviert. In Wien sollte er die Theatralia der Hofbibliothek übernehmen und diese in rascher Folge als eigenständige Sammlung begründen: die 1922 offiziell eröffnete Theatersammlung der Nationalbibliothek, der er bis zu seiner Pensionierung vorstand.

Gregor war eine faszinierende und einflussreiche Persönlichkeit. Breit gefächerte Interessen – vom Tanz bis zum afrikanischen Theater, von Perikles bis Gerhart Hauptmann, vom Film bis zur Architektur – sowie Unkonventionalität kennzeichnen sein umfangreiches Œuvre, das an die 1000 bibliographische Einträge umfasst. Gregors unorthodoxer Zugang, im heutigen Verständnis wohl ein kulturwissenschaftlicher, schien zuweilen ebenso verdächtig wie seine Mehrfachbegabung; denn Gregor war auch ein dem Expressionismus nahestehender Literat, Librettist, Herausgeber, Ausstellungsgestalter, Theater- und Filmwissenschafter, Lehrender, Organisator. Vor allem aber war er Leiter einer Institution, Sammler im Dienste des Staates und mehrerer Systeme, und zugleich auch jemand, der sich anzupassen, in den Lauf der Zeit einzufügen wusste, womit auf seine nicht unproblematische Rolle während der NS-Zeit hingewiesen sei.5

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Die unmittelbare Nachkriegszeit Wiens war kein schlechter Boden für die Theatermoderne; interessanterweise wurde sie zu einem maßgeblichen Teil von Ausstellungen vermittelt. Dies mochte zwei Gründe haben: einerseits handfeste finanzielle, andererseits eine mit der Internationalen Ausstellung für Musik- und Theaterwesen des Jahres 1892 begründete spezifisch Wiener Ausstellungstradition. Ein Kristallisationspunkt hinsichtlich der Vermittlung der Theatermoderne in Wien war zweifellos der Herbst des Jahres 1924. Damals veranstaltete die Gemeinde Wien im Rahmen des Musik- und Theaterfestes 1924 im Konzerthaus die Internationale Ausstellung neuer Theatertechnik: eine visionäre Ausstellung, die kein Geringerer als Friedrich Kiesler gestaltete und an der sich auch die Theatersammlung der Nationalbibliothek mit 38 Objekten beteiligte. Parallel dazu lief in den Räumen der Albertina eine von Joseph Gregor zusammengestellte, 546 Objekte umfassende Exposition unter dem Titel Ausstellung von Neuerwerbungen, insbesondere auf dem Gebiete Moderner Theaterkunst. Auch hier war die aktuelle Theatermoderne prominent vertreten. Neben Arbeiten des Futuristen Enrico Prampolini wurden auch Werke der sowjetischen Avantgardistin Natal’ja Gončarova gezeigt, und zwar – wie das Plakat nicht uneitel vermerkt – aus ihrer eigenen Sammlung.6

Joseph Gregor versuchte also zu diesem Zeitpunkt, die Theatermoderne via Ausstellungen zu vermitteln; ein spezifisches Interesse galt dabei der sowjetischen (Theater-)Moderne, zu deren Vertretern bereits Kontakt bestand. Gastspiele russischer Bühnen wie jenes des Kammertheaters im April 1923 in Berlin unter der Leitung Aleksandr Tairovs waren Gregor nicht entgangen.7 Sicherlich hatte Gregor auch die internationale Diskussion um die Sowjetkunst rezipiert. ←179 | 180→Immerhin war er überzeugt, dass, wie er es in einem offiziellen Ansuchen formulierte, das sowjetische Theater im „Vordergrund des fachlichen Interesses“8 stand.

1 Ausstellungspläne

So nimmt es nicht wunder, wenn Gregor spätestens Ende des Jahres 1926 eine Ausstellung über das russische Theater in Wien plante. Im Zuge mehrerer Reisen nach Deutschland knüpfte er Kontakte und traf auch schon eine Vorauswahl an Objekten. Er besuchte etwa die Ausstellung Byzantinisch-russische Monumentalmalerei, die vom 3. November bis 5. Dezember 1926 in Berlin zu sehen war, und zudem eine Schau des Bühnenbildners Mstislav Dobužinskij, die von der Deutschen Gesellschaft zum Studium Ost-Europas veranstaltet worden war.9 In Berlin weckten auch Ikonen des Friedrich-Museums sein Interesse.

Ende Februar 1927 – Gregor befindet sich im Zuge eines Vortrages erneut in Berlin – sind bereits Leihgeber wie Konzeption angedacht: An Kooperationspartnern erwähnt er neben der Gesellschaft zum Studium Osteuropas10 das Friedrich-Museum sowie den Leiter der in Westeuropa äußerst erfolgreichen Theatertruppe Der Blaue Vogel Jascha Južnyj und Natal’ja Gončarova,11 die sich beide mit privaten Objekten beteiligen wollen. Bereits am 24. Februar 1927 stellt der Generaldirektor der Nationalbibliothek, Josef Bick, auf Aufforderung Gregors hin das Ausstellungsprojekt inklusive Details dem Bundesministerium ←180 | 181→für Unterricht vor und bittet um Kenntnisnahme und Förderung. Insbesondere ersucht er um Vermittlung des ersten Geschäftsträgers der Republik Österreich in der Sowjetunion, Otto Pohl.12 Pohl, ein linker Sozialdemokrat, war innerhalb der sowjetischen Moderne bestens vernetzt und somit idealer Partner.13 Auf Bicks beziehungsweise Gregors Wunschliste standen theatrale Institutionen und Persönlichkeiten wie das Museum für Theaterkunst, Konstantin Stanislavskij, Aleksandr Tairov, Vsevolod Mejerchol’d oder der Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Leonid Grossman. Die vierte von der Theatersammlung veranstaltete Ausstellung mit dem vorgesehenen Titel Russisches Theater im ersten Viertel des XX. Jahrhunderts sollte vom 5. bis 19. Juni (vermutlich) 1927 im Rahmen der Wiener Festwochen im Redoutensaal in der Wiener Hofburg stattfinden. Unterstützung seitens des Fremdenverkehrsamtes der Stadt Wien sowie der Bundestheater war zugesichert.14 Zu diesem Zeitpunkt, Ende Februar 1927, war auch schon eine erste kurze Zeitungsnotiz über die geplante Ausstellung an die Wiener Öffentlichkeit gedrungen.15

Bald nach dem Februar des Jahres 1927 begab sich Gregor mit seiner (zweiten) Frau Felizitas in die Sowjetunion. Bisher ließ sich das exakte Datum der Reise nicht bestimmen. Vieles spricht für Anfang April; ein Dokument legt nahe, das Ehepaar Gregor sei am 15. April 1927 aus der Sowjetunion zurückgekehrt.16 Gesandter Otto Pohl scheint Gregors Wunschliste erfüllt zu haben. Gregor traf ←181 | 182→Tairov, Mejerchol’d und andere sowie den Theatralia-Sammler Alekseï Bachruchin. Im Zuge der Sichtung von Objekten für die Ausstellung rekrutierte Gregor auch Material für die Theatersammlung der Nationalbibliothek und begründete damit einen noch heute international bedeutenden Bestand.17 Außerdem war Gregor von der Nationalbibliothek beauftragt worden, einen Bericht über die Situation der Bibliotheken in der Sowjetunion zu verfassen und Möglichkeiten des Büchertauschs zu sondieren.18 Und vor der Akademie der Kunstwissenschaften hielt er in Moskau einen bereits früher geplanten Vortrag über die Situation der Theaterwissenschaft in Österreich und Deutschland, bei dem übrigens auch Stanislavskij und Tairov anwesend waren.19 Dieser dürfte Gregor überhaupt die Tore in die Sowjetunion geöffnet haben.

Spätestens zu dem Zeitpunkt, als sich Gregor in der Sowjetunion befand, befassten sich offizielle Stellen Österreichs mit der geplanten Ausstellung. Am 5. März 192720 teilte das Unterrichts- dem Außenministerium mit, dass man die projektierte Ausstellung aus künstlerischen und kunstwissenschaftlichen Erwägungen außerordentlich beachtenswert fände, gab jedoch die politischen Implikationen zu bedenken. Da die „neurussische Theaterkunst auf das Engste mit der dortigen politischen Ideologie verknüpft“ sei, könnte das Projekt als „unmittelbare politische Propaganda“ aufgefasst werden. Die notwendige Mitarbeit sowjetischer Kräfte würde der Ausstellung „automatisch propagandistischen Charakter“ verleihen. Daher ersuchte man das Außenministerium um ein Gutachten unter Berücksichtigung außenpolitischer und staatspolizeilicher Gesichtspunkte.21 Das ebenfalls um ein Gutachten gebetene Außenamt versuchte derartige Bedenken zu zerstreuen. Da das Material nur zu geringerem Teil aus der Sowjetunion kommen werde, seien die „allfällig zu befürchtenden propagandistischen Folgewirkungen auf ein Minimum einzuschränken“.22 Diese Position des Außenamtes blieb die Ausnahme. Eine Note des Bundeskanzleramtes vom 31. März 1927 teilte mit, dass die Polizeidirektion eine derartige Ausstellung als „Agitationsmittel“ einstufe, die „hiesige kommunistische Kreise“ ←182 | 183→„im weitgehenden Masse [!]; zu propagandistischen Zwecken im Dienste ihrer Ideen ausnützen werden“. Jeder Kontakt mit der Sowjetunion sei gefährlich, da „erfahrungsgemäß jede Gelegenheit zu einer Propaganda benützt wird“. Zudem bestehe die Gefahr, das Ausland könne Wien als „Zentralstelle der sowjetrussischen Propaganda“ ansehen, gerade „auf einem propagandistisch so bedeutsamen Gebiete, wie es das Theaterwesen ist“. Eine derartige Verbindung zwischen Wien und Moskau könne und wolle das Bundeskanzleramt offiziell nicht unterstützen und spricht sich

sohin aus Gründen der öffentlichen Sicherheit und Ordnung gegen die Abhaltung der in Aussicht genommenen Ausstellung […] mit aller Entschiedenheit aus und stellt das dringende Ersuchen, der Generaldirektion der Nationalbibliothek ungesäumt die entsprechenden Weisungen zukommen zu lassen.23

Dabei sollten die

erforderlichen Absagen […] ohne Bezugnahme auf die vorliegende Verfügung in einer Weise vorgenommen werden, welche die einer zeitgerechten Fertigstellung der Ausstellung tatsächlich entgegenstehenden und eventuell bestehenden sonstigen technischen Hindernisse als ausschliesslichen [sic] Grund des Unterbleibens dieser Veranstaltung erscheinen lässt.24

So ist es auch geschehen. Die Bundestheater informierte man, dass „unvorhergesehene, unüberwindliche Schwierigkeiten das Zustandekommen der geplanten Ausstellung im Redoutensaale […] unmöglich gemacht“25 hätten. Gregor erhielt einen Verweis, weil er Kontakte ohne Wissen des Ministeriums geknüpft hatte. „In Hinkunft wolle [sic] bei Veranstaltungen, die für die Öffentlichkeit bestimmt sind und die Mitwirkung ausländischer Faktoren erfordern, vor der Einleitung von Verhandlungen mit denselben die h.o. Ermächtigung eingeholt werden.“26

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Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die österreichischen Behörden letztlich kein Interesse an kulturellen Kontakten zwischen der Sowjetunion und Österreich hatten, zumal sie die Infiltration kommunistischer Propaganda und – damit verbunden – auch um die internationale Reputation Österreichs in Westeuropa fürchteten.27 Diese politischen Überlegungen, verschärft durch die sich radikalisierenden innenpolitischen Entwicklungen,28 machten letztlich eine Präsentation der sowjetischen (Theater-)Moderne in Wien (und Österreich) unmöglich. Tatsächlich blieben der Öffentlichkeit die Gründe der Absage verborgen. Es muss sogar angenommen werden, dass Gregors Ausstellungspläne überhaupt unbemerkt blieben; die erwähnte (kurze) Notiz in der Wiener Zeitung sprach von dem Ausstellungsvorhaben nur en passant.29 Abgesehen von einem Vortrag Gregors anlässlich eines Gastspiels des Moskauer Künstlertheaters am 15. November 1927 im Wiener Redoutensaal – also an jenem Ort, wo die Ausstellung stattfinden hätte sollen – war das Buch Das russische Theater das Einzige, was vom ambitionierten Projekt in die Öffentlichkeit trat. Damit geriet das als Begleitprogramm Vorgesehene zum Hauptakt.

Der Vertrag für das Buch wurde nach der Absage der Ausstellung am 23. Mai 1927 zwischen Joseph Gregor und René Fülöp-Miller auf der einen, dem Verleger Heinrich Studer auf der anderen Seite unterschrieben.30 Mit René Fülöp-Miller hatte man einen – nicht unumstrittenen – Kenner der Sowjetunion gewonnen, der die Sowjetunion 1922 und 1924 bereist und bereits einschlägige Publikationen vorzuweisen hatte, etwa die gemeinsam mit Friedrich Eckstein 1925 ins Deutsche übersetzten Lebenserinnerungen der Gattin Fёdor Dostoevskijs. Besonders empfohlen hatte sich Fülöp-Miller jedoch mit seinem 1926 erschienenen Werk Geist und Gesicht des Bolschewismus. Darstellung und Kritik des kulturellen Lebens in Sowjet-Rußland, worin auch das sowjetische Theater ←184 | 185→behandelt wurde. Daneben bemühte sich Fülöp-Miller (vergeblich) Mejerchol’d mittels eines Gastspieles nach Österreich zu bringen.31

2 Joseph Gregors Konstruktion des russischen Theaters

René Fülöp-Miller verfasste den als „historischen“, Joseph Gregor den als „methodischen“ bezeichneten Teil sowie das Vorwort des Buches Das russische Theater. Darin beschäftigte sich Gregor „unter Enthalt aller privaten und gesellschaftlichen Funktionen des Theaters rein mit der Analyse der Mittel künstlerischer Darstellung“ [RT 9]. Das bewusste Aussparen alles Politischen gelingt freilich nicht immer. Bemerkenswert ist die von Gregor berücksichtigte Literatur. Neben Carl Einsteins Kunst des 20. Jahrhunderts verwendet er auch aktuelle sowjetische Literatur, die er aufgrund einschlägiger Sprachkenntnisse im Original zitiert.32

Einleitend arbeitet Gregor Differenzen zwischen dem russischen und dem europäischen Theater heraus. Im russischen Theater fehle das das europäische Theater Prägende, wie beispielsweise das Jesuitendrama. Gregor führt dies auf die Liturgie des orientalisch-byzantinischen Christentums zurück, die episch sei, jene des okzidentalen hingegen dramatisch. Während die katholische Liturgie theatrale Elemente integriert habe, bleibe in der Orthodoxie alles „verhüllt, hinter Bildern, Symbolen und Gesängen“ [RT 13]. Dergestalt erweise sich die russische Religion als theaterfeindlich: Das russische Volksspiel jener Zeit sei primär Sache der Folklore, nicht der Religion. Theatralik komme im Russischen aus dem Volksbewusstsein, was wiederum die starke Beziehung des Theaters zum Volk erkläre. Denn im Gegensatz zum Westen, wo die Theater aus Wandertruppen entstanden seien, waren es in Russland Leibeigenentheater. Die Machtverhältnisse sind damit umgekehrt: Hier stehe der Rechtlose auf der Bühne, dort der Star. Damit hänge auch die unterschiedliche Psychologie der Schauspieler zusammen: Der russische, im Kollektiv verankert, sei Ausdruck des schauspielerisch-schöpferischen Willens seines Volkes, lebe in der Seele, nicht im Schein.

Zwar seien auch in Russland Wandertruppen, die eine vermittelnde Funktion hatten, nachweisbar, doch wurden diese von Peter dem Großen ins Land geholt. ←185 | 186→Was sich in Europa allmählich entwickelt habe, sei in Russland von außen eingeführt worden. In der Folge werde die Spannung von Kosmopolitismus versus Autochthonie, gleichzeitige Anziehung und „Reperkussion des Auslandes“ ein „charakteristisch russische[r]; Gedanke“ [RT 16] der russischen Kultur. So lasse sich die Geschichte des russischen Theaters auch als ein Kampf um Autochthonie verstehen. Die explosionsartige Ausbreitung des russischen Theaters gegen Ende des 19. Jahrhunderts erklärt Gregor beispielsweise aus der Befreiung von den „westlichen Formen und Fesseln“ [RT 18]. Ungeheures, genuin russisches Inhalts- und Formenmaterial habe sich angesammelt, doch es gäbe keinen Ort, an dem es sich entfalten könne. Dieses genuin russische Formenmaterial leitet Gregor nun aus der Ikonen- und Buchmalerei ab, die er folgendermaßen kennzeichnet: begrenzte Motivik, Prägnanz, Eindeutigkeit, Fehlen von Natur, räumlicher Symbolismus. In der Miniaturistik erkennt Gregor einen „theatralischen Formengeist“, der sich durch äußerste Abstraktion, Gestik der Gestalten und eine Farbsymbolik auszeichne. Hierin liegen die Wurzeln der spezifischen Gestaltungsgabe des modernen russischen Theaters. Symbol werde neben Symbol gesetzt; nicht das malerische Ergebnis, sondern die Ausdruckskraft des Ergebnisses sei primär. Die Komposition sei „nicht bildlich, sondern räumlich“. Das „Symbol“ „überwiegt“ das Dargestellte. Gregor spricht daher von einer „Mystik des Dargestellten“ [RT 20f.].

Den Beginn der russischen Theatermoderne datiert Gregor mit der Person Konstantin Stanislavskijs. Diesem gelinge es erstmals, das gesamte theatrale Spiel grafisch auf kleinstem Raum zu entfalten, um es schließlich auf die Bühne zu bringen. Dem Verfahren der Miniaturisten nicht unähnlich, eröffne sich aus einer kleinen Skizze eine ungeheure Vision: Das Regiebuch als „Partitur der Aufführung“. Stanislavskijs Theater, das aus dem Russischen hinausstrebt,33 sei im Westen als Naturalismus missverstanden worden. So viel Theaterwille, so viel Hingabe wurde für Natur gehalten. Tatsächlich sei sein Theater ein harmonisches Ganzes für Ohr und Auge, das, den Arbeiten Otto Brahms und Max Reinhardts ähnlich, realen Gegenständen auf der Bühne eine Bedeutung verleihe, die weit über sie hinausgeht – kurzum: angewandter Symbolismus [vgl. RT 31–33].

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3 Das russische Theater als Ausformungen des Symbolismus

Damit ist ein zentraler Begriff von Gregors Verständnis des russischen Theaters angesprochen, denn gerade in der Entdeckung des Symbolismus auf der Bühne sieht Gregor den wichtigsten ‚Augenblick‘ des russischen Theaters [vgl. RT 32]. Nicht feststehende Prägung, sondern permanente Neuschaffung des Symbols zeichne das russische Theater aus. So kann er das gesamte russische Theater unter den Wandlungsformen des Symbols kategorisieren.

Den Impressionisten Léon Bakst, der seine Bühne zu einem freien, unerschöpflichen, doch stets auf das Theater bezogenen Bildraum entwickelt habe („unerschöpflich zur Aufnahme der Wunder des Balletts“), versteht Gregor als Vertreter eines reinen „Symbolismus der Farbe, des Ornaments, der Bewegung“ [RT 34f.]. Nichts sei mehr Dekoration um der Dekoration willen. Während Baksts Verhältnis zu den Objekten noch ‚impressionistisch‘ sei, jedes Objekt vielerlei Formen annehmen könne, gewinnen die Dinge bei Michail Larionov ‚Wesen‘. Die Fülle weicht wenigen Bewegungen und Andeutungen. „Die weichen Formen verhärten und zerbrechen, die Andeutung kehrt auf das russische Theater zurück, das Symbol“ wird wieder ‚russisch‘. Mit Ost-West-Dichotomien und Länderstereotypen agierend, hält Gregor fest: „Es ist so, als fürchte man sich vor dem Uferlosen des Auslandes, kehrt aus dem lachenden Frankreich, dem finsteren Deutschland, dem schreienden Amerika in die geheiligte symbolische Enge des Ikons zurück.“ [RT 36] Hier zerbreche die Weichheit des (impressionistischen) Bildes; die Teile werden bedeutend für das Ganze, wirken nicht mehr bildhaft, sondern hart symbolisch wie einige Arbeiten Gončarovas. Hinsichtlich der Bühnenzeichnung bedeutet dies laut Gregor: Übergang vom Malerischen zum Theatralischen [vgl. ebd.].

Wenn Gregor im Folgenden das Theater nach der Oktoberrevolution behandelt, kann er, entgegen seiner im Vorwort angekündigten Absicht, freilich nicht umhin, Gesellschaftliches und Politisches zu streifen. Theater bedeute in Russland seit der Revolution „eine Art Ersatz für eine Menge verlorener Kategorien, wie Religion, Privatleben, individueller Liebe, allerlei Erlebnisse persönlicher Natur, die der herrschende Kollektivismus aufgesucht hat“. So werde ein Theaterbesuch zu einer „berauschende[n]; Möglichkeit, sich unkontrollierbar in der Phantasie ausleben zu können“ [RT 39].34 Da sich auf der Bühne (wie im Film) ←187 | 188→der kollektive Gedanke sowie die neuen Symbole, Ideen, Lebenstypen unmittelbar aussprächen, sei diese erkenntnistheoretisch wertvoll. Darin liege auch das Faszinosum für Freunde und Gegner des aktuellen russischen Geisteslebens. Die politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen wirken sich auch auf die theatralen Symbole aus, wobei Gregor erneut Analogien zur bildenden Kunst zieht: Der Ansturm neuer Gedanken und Gefühle forme also rasch neue theatrale Symbole. Diese Erneuerung der Werte bedeute zugleich Auflösung. Vasilij Kandinskijs Bildsymbolik, dessen Reduktion auf das Einfachste, Elementarste, habe im Theater, besonders im sogenannten „entfesselten Theater“ Tairovs, „seine genauen Parallelen gefunden“. Tairov habe ein autochthon russisches Theater entworfen, das „zu den Kräften der primären, starken Schauspielkunst“ [RT 40f.], zum ‚puren‘ Theater, zum stilisierten Stil der Rede und des Spiels zurückkehren möchte. Der Schauspieler werde nicht in ein Bild gestellt, sondern auf die Bühne, womit sich Tairov zum Wiederentdecker der Dreidimensionalität der Bühne mache. Nicht die Auflösung des Theaters, sondern, umgekehrt, strengere Bindung bedeute das entfesselte Theater; in Raumkonstruktionen ist der Schauspieler beispielsweise gezwungen, präziser zu spielen. Ähnlich den Bildern Kandinskijs werde die Anordnung der einzelnen konstitutiven Elemente (Bühnenbild, Schauspieler) neu erfunden, womit sich ein Assoziationsraum öffne. Indem Tairov auf überkommene szenische Mittel der Raumwertigkeit verzichtet und stattdessen die alten Raumverhältnisse der Bühne zugrunde legt, entstehe Raumsymbolik (anstelle von Bildsymbolik). Dabei erziele er ähnliche Ergebnisse wie das Barocktheater: Vorgetäuschte Architektur wirke raumsymbolisch [vgl. RT 43].

Das Architekturtheater, insbesondere die Versuche Tatlins, gelten Gregor als logische Konsequenz des Raumkünstlers Tairov und zugleich als Vollendung, über die hinaus keine weitere Auflösung mehr möglich sei. In der voranschreitenden Reduktion auf elementare Gebilde wie Pfeiler, Kreis, Segel wird die Bühne selbst Symbol mit räumlich-dramatischer Wirkung; ein Symbol, das kaum mehr mit Schauspielern zu bevölkern sei – radikalstes Theater.

Auch Mejerchol’d kehre zu den „reinen Elementen des Theaters“ zurück. In seinem dynamisch-bewegten Theater sei der „Ausdruck des Spiels statt im Bilde und in der Stimmung, statt in der Rede und in der Beleuchtung“ „in der ←188 | 189→Bewegung zu finden“. Gregor nennt diese naive Symbolik für die Massen „motorischer Symbolismus“, womit Mejerchol’d zur Theaterform der hellenistischen Zeit zurückgekehrt sei. Gregor resümiert, dass, während der Vorstoß Tairovs, zu den ‚reinen‘ Elementen des Theaters zu gelangen, zum Barocktheater und der Evgenij Vachtangovs zum Shakespeare-Theater zurückführe, sei Mejerchol’ds Theater „in der Gegend des klassischen Theaters und des Mimus“ angesiedelt [RT 48f.]. Konträre Bestrebungen stehen, wie auch in der religiösen Malerei, synchron nebeneinander: „Das russische Theater bietet das unerhörte Schauspiel, vermöge seiner Analysis Erscheinungen, die sich geschichtlich auf viele Jahrhunderte verteilen, im engsten zeitlichen und örtlichen Rahmen nebeneinander beobachten können.“ [RT 55]

Abschließend widmet sich Gregor dem sowjetischen Massentheater, und auch dieses behandelt er unter dem Aspekt des Symbols. Ausgangspunkt der Analyse ist der Vergleich mit Massenfesten und Umzügen der Französischen Revolution. Während diese Natursymbole verwendete, um Befreiung zu veranschaulichen, benutze man im Russischen „die Abbreviatur von Formen, deren Aufhäufung ein mathematisch und maschinell begeistertes Zeitalter als ausdrucksvoll empfinden mag“. Es herrsche eine „naive Freude an maschinellen Vorgängen“. Den nahtlosen Übergang technischer Motive in das Theater (und den Film) bezeichnet Gregor als „pragmatischen Symbolismus, der ohne Übergang die Trophäe symbolisch wirken läßt, die er erst soeben eroberte“ [RT 53]. Einstige Symbole der Unterdrückung (die eroberte Fahne, Zylinder, Geldsäcke, Statistiken) werden nun zu Symbolen der Befreiung. Da jeder Gegenstand theatral werden könne, verschwimme im pragmatischen Symbolismus die Grenze zwischen realem Leben und Theater. In diesem Kontext wird auch die theatrale Wiederholung der historischen Begebenheiten verständlich. Die theatrale Wiederholung der Wirklichkeit, etwa der Erstürmung des Winterpalais, sei pragmatischer Symbolismus, nicht nur weil dies in Originaluniformen mit -akteuren geschehe, sondern und vor allem, weil hier der theatrale Akt erstmals ohne das Medium der Dichtung auskommt. Dieses Verdienst komme alleine Russland zu – und führt jegliche Analyse zu einem unumgänglichen Ende, zumal die „Grenzen zwischen realem Leben und Theater“ verschwinden. Die „höchste Vollkommenheit [sei] erreicht und zugleich überwunden“: „Ich lebe und erlebe Theater“ [RT 55].

4 Das russische und das amerikanische Theater: „Zwei Pole der Gegenwartskultur“

Belege für Joseph Gregors Interesse am russischen beziehungsweise sowjetischen Theater, ja an dem gesamten Kulturkreis, sind neben dem Buch Russisches ←189 | 190→Theater und dem erwähnten Vortrag im Redoutensaal im November 1927 weitere Projekte mit einschlägigem Bezug, die sich allerdings zerschlagen haben, wie etwa eine geplante Reihe mit Übersetzungen russischer Schauspiele35 und ein weiterer Vortrag Gregors in der Sowjetunion.36 Besondere Aufmerksamkeit verdient jedoch ein ab 1929 mehrfach gehaltener Vortrag Gregors sowie, damit im Zusammenhang stehend, seine Analyse des amerikanischen Theaters.

Die Vorgeschichte: Bald nach seinem Besuch der Sowjetunion sollte Gregor eine Studienreise in die USA antreten. Auch hier entstand in der Folge ein Buch mit dem Titel Das amerikanische Theater und Kino. Zwei kulturgeschichtliche Abhandlungen, das als Parallelunternehmung zu dem Kompendium über das russische Theater betrachtet werden kann. Ebenfalls im Amalthea-Verlag erschienen, weist es wieder Fülöp-Miller als Co-Autor aus.37 Der direkte Bezug auf das vorhergegangene Projekt erfolgt formal (identisches Format, ebenso große Zahl von Abbildungen in hervorragender Qualität) wie auch expressis verbis. Das Vorwort beginnt folgendermaßen:

Das vorliegende Buch folgt der Schrift der beiden Verfasser über das russische Theater im Abstande von drei Jahren. Der Vergleich mit dem vorangegangenen Bande wird naheliegen und dies vielleicht nicht nur in äußerlichen Merkmalen, hinsichtlich des Umfanges, der Anordnung des Bildmaterials und seiner Erscheinung, sondern auch hinsichtlich einer Verwandtschaft des Systems[.];38

Sowohl das russische als auch das amerikanische Theater wären, so Gregor, streng vom europäischen zu scheiden, stünden beide doch „außerhalb des uns bekannten mittel- und westeuropäischen Theaters liegenden Kulturkreis[es]“.39 Die evidente Krise Europas öffne den Blick auf das Andere, allerdings in beide Richtungen, und so „überschütte“ das russische Theater das europäische mit Ideen und Tatsachen, das amerikanische es mit Rhythmen, was Gregor am Beispiel ←190 | 191→des Films exemplifiziert. Am russischen Theater fasziniere die „Ergriffenheit im Ganzen“ und Analyse im Einzelnen, am amerikanischen die „primitive Synthese der Erscheinungen“.40 Das amerikanische Theater befriedige das Unterhaltungsbedürfnis, dem eine materialistische Weltanschauung zugrunde liege. Bei beiden Ausformungen handle es sich um zwei Pole gegenwärtiger Kultur.

Den (fast) identischen Titel, nämlich Russisches und amerikanisches Theater. Pole der Gegenwartskultur trug auch jener Vortrag „mit Lichtbildern und Grammophon-Einlagen“, den Gregor beispielsweise im Februar 1929 in München41 und am 1. Februar 1931 vor dem Wiener Frauenverein in den Räumen der Politischen Gesellschaft hielt.42 Bereits der Titel antizipiert die antithetische Argumentation, die in einer gewissen Weise das Nachkriegsszenario des Kalten Krieges vorwegnimmt: Amerika und die Sowjetunion als geographisch wie ethnographisch unterschiedliche Welten, deren Gegensätze sich durch die politische Entwicklung der letzten Jahre verstärkt haben. Gregor illustriert dies mittels der Folklore: Während das russische Volkslied schlicht-‚innig‘ sei, seien amerikanische Tanzweisen spitz-grell-rhythmisch. Ebendies zeige sich auch in der Malerei: Russische Zeichnungen charakterisiere anspruchslose, gefühlsbetonte Primitivität, indianische Masken und Tänze dagegen zeigen „stark auf physiologischen Reiz eingestelltes künstlerisches Streben“. Selbiges gelte adäquat für die Bühne: Das russische Theater möchte die Aufmerksamkeit des Zuschauers auf das Wichtigste konzentrieren, primitiv und analytisch bleiben, während das amerikanische Theater synthetisch Detail über Detail – Schauspieler, Ausstattung, Musik etc. – türme, um den Zuschauer zu ‚erschlagen‘. Amerika ziele auf Reiz, Unterhaltung und Entspannung vom Alltag; in Russland bedeute das Theater die ‚Krönung‘ des Alltags.43 Wohin sich Europa wenden mag, darüber trifft Gregor noch keine Entscheidung.44

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5 Nachtrag: Joseph Gregors russische Reise nach 1945

Während Joseph Gregors Kontakte in die Sowjetunion 1927 von offizieller Seite unerwünscht waren und eine Ausstellung über das sowjetische Theater unmöglich war, gefährdeten diese Kontakte, vor allem aber das Buch über das russische Theater, ihn in der Zeit des Nationalsozialismus.45 Sogar nach 1945 sollten Gregors seinerzeitige Reise in die Sowjetunion und das daraus resultierende Buch noch einmal in Diskussion geraten – interessanterweise in konträrem Sinn: Standen sie einmal als Beleg für Gregors Opportunismus, verhalfen sie ihm das andere Mal zu einer Expertise hinsichtlich des russischen beziehungsweise sowjetischen Theaters.

Als Joseph Gregor im Jahr 1945 sein Ansuchen um die Habilitation an der Universität Wien einreichte, erhob der Generalsekretär der Demokratischen Vereinigung österreichischer Akademiker in einem Brief an den Dekan der Philosophischen Fakultät Ende November des Jahres heftigen Einspruch. Sein Argument: Gregor sei Opportunist, ein „Regenbogentyp“, der nicht auf die Jugend losgelassen werden dürfe. Als Beweis wurden seine seinerzeitigen Reisen in die Sowjetunion sowie in die USA angegeben:

Als 1918 der demokratische Umbruch kam und es unbequem wurde, schwarz-gelb gewesen zu sein, trat Gregor zur Legitimation seines Farbenwechsels ins Rote eine Reise nach Sowjetrussland an. Es war eine recht kurze Reise, noch dazu ohne russische Sprachkenntnisse. Umso dicker war das grell rot eingebundene Buch über das russische Theater, das daraus unter Mithilfe eines Feuilletonisten hervorging. Fehler über Fehler im historischen Teil paarten sich mit dick aufgetragenen Schmeicheleien für die Sowjets, bei gänzlicher Verkennung ihrer wirklichen Leistungen. Konjunktur kann eben wahrhafte Kenntnis sowenig ersetzen wie wahrhafte Zuneigung. […]

Da sich inzwischen die österreichische Politik mehr der Mitte zugewandt hatte, schien es wünschenswert, nicht mehr rot, sondern liberal oder demokratisch in Erscheinung zu treten. Also trat Gregor eine Reise nach Amerika an …46

Fast zur gleichen Zeit wurde Joseph Gregor für die Erstellung eines Konzeptes für eine (Foyer-)Ausstellung mit dem Titel Russische Theaterkunst anlässlich der Aufführung von Anatolij Lunačarskijs Der befreite Don Quichotte im Wiener ←192 | 193→Volkstheater (ab 24. November 1945) angefragt.47 Die im Nachlass erhaltene Eröffnungsrede zeigt Gregors Konzept sowie gewisse Akzentverschiebungen, die freilich auch zeitbedingt waren. Nach wie vor erkennt Gregor die Bedeutung des russischen Theaters an, bilde es doch „die stärkste Anregung, die lebhafteste Diskussion, die aufregendste Problematik, die ganz Europa jemals auf diesem Gebiete zuteil geworden ist“.48 Da es aus Platzgründen unmöglich sei, sämtliche „Erscheinungen und Leistungen“ zu zeigen, „deren Wirkung auf das Theater Europas fortdauert“, reduzieren sich die vorgestellten Personen auf Konstantin Stanislavskij als Beispiel für eine vorbildliche Theaterkultur, auf Vachtangov, dem der Übergang vom Symbolismus der Bühne zu jenem des Raumes gelungen sei, sowie Nikolaj Evreinov, der die Oktoberrevolution theatralisch zu fassen versucht habe. Abschließend verweist Gregor noch auf die im Westen stilbildende Kraft des russischen Balletts. Als „größte Leistung des russischen Theaters im letzten halben Jahrhundert“ versteht Gregor den „Weg ins Innere der Kunst des Theaters, die Steigerung zu seiner immer grösserer [sic] Kultur“,49 womit er den zentralen Gedanken des Buches Das russische Theater wiederholt. Bemerkenswert sind die Leerstellen, gerade im Vergleich mit dem Buch: Die radikale Avantgarde eines Tatlin fehlt ebenso wie das Theater Mejerchol’ds, der das Opfer stalinistischen Terrors geworden war. Objekte hätte Gregor zweifellos gehabt, politisch war dies im Wien der unmittelbaren Nachkriegszeit aber nicht möglich.

6 Ausblick

Auch nach 1945 konnte Gregor mit den Rahmenbedingungen gut umgehen, erfüllte die an ihn gestellten und von ihm erwarteten Anforderungen – ein erneuter Beleg für Gregors Opportunismus im Wandel der Zeiten?

Hinsichtlich seiner Reise in die Sowjetunion und seines Interesses am russischen beziehungsweise sowjetischen Theater gilt es, dies differenzierter zu ←193 | 194→betrachten. 1927 schien dem allem Neuen Aufgeschlossenen der russische beziehungsweise sowjetische Kulturkreis (wie eben auch der amerikanische) als zu erwägender Gegenentwurf zu einer, wie er damals schrieb, „phantasiemüden, mechanisierten, entgöttlichten, durch Politik und Krieg hindurchgegangenen und beim nüchternsten Zweckmäßigkeits- und Geldglauben befriedigt angelangten Welt“ zu sein.50 Gregor gehörte einer Generation zutiefst verunsicherter Intellektueller an, die die europäische Kultur, insbesondere das Theater, zum damaligen Zeitpunkt in einer existentiellen Krise sah. Im russischen Theater nahm Gregor dagegen Entwicklungen und Ergebnisse wahr, die ihn beeindruckten und von denen er meinte, sie könnten Europa befruchten, ja vielleicht sogar aus seiner Krise retten. Gregors Interesse war freilich kein politisches, wie ihm – sowohl während der Zeit des Nationalsozialismus als auch in der unmittelbaren Nachkriegszeit – vorgeworfen wurde, sondern ein ästhetisches. Insofern war Gregor Symptom seiner Zeit und in seiner offiziellen wie wissenschaftlichen Position auch Vertreter einer spezifischen bürgerlichen Schicht.

Dabei liest sich Gregors Erklärungsversuch des russischen Theaters in einer gewissen Weise als totalitärer: Seine Interpretation des russischen Theaters als Ausformungen des Symbolismus muss gewisse Erscheinungen ignorieren. Kühn erscheint auch die These, im russischen Theater laufen sämtliche säkulare Stil-Epochen des europäischen Theaters synchron. Wenn Gregor dem russische Theater zugesteht, sich auf Jahrhunderte verteilende Erscheinungen des europäischen Theaters in ihrer Gesamtheit nebeneinander im engsten zeitlichen und örtlichen Rahmen darstellen zu können (Tairov, das Barocktheater, Mejerchol’d, die antike Bühne, das archaische Massenfest im proletarischen Massentheater), so ist damit ein weiteres Kennzeichen von Gregors Konstruktion des russischen Theaters angesprochen: Die Folie, vor der das russische Theater gehalten wird, bleibt stets eine ‚westliche‘. Selbst wenn es als Gegenentwurf zum europäischen dargestellt wird, bleibt der Maßstab letztlich ein europäischer, ein ‚westlicher‘, wenn auch ex negativo.51 Obgleich Gregor Europa, Russland und Amerika kulturell strikt voneinander trennt, bilden die beiden letzteren, trotz aller Bipolarität, eine gewisse funktionale Einheit, insofern nämlich, als sie einen befruchtenden Gegenentwurf zu Europa bilden. Russland begreift Gregor als außerhalb Europas liegenden Raum mit genuin „russischem“ Formenmaterial ←194 | 195→und Verfahrensweisen, als einen Raum, der mit externen Einflüssen umzugehen gezwungen ist. Ost-West-Dichotomien und, damit in Zusammenhang stehend, die in der Kulturwissenschaft im Allgemeinen, im Topos des „Petersburger Textes“ im Speziellen immer wieder diskutierten Fragestellungen von Reperkussion des Auslandes, Autochthonie, Eigenem etc. finden sich auch bei Gregor.52

Bezeichnend für Gregors unorthodoxen Zugang scheint seine kühne Ableitung der theatralen Formensprache aus der Bildenden Kunst53 ebenso wie die – durchaus den Anschein eines Prokrustesbetts erweckende – Fassung des russischen Theaters unter den Ausformungen des Symbolbegriffs. Denkt man allerdings an die Hochkonjunktur des Symbol- und Allegoriebegriffs zu jener Zeit, stand Gregor damit jedoch keinesfalls allein. Ein ‚barocker Blick‘ war auch den angegrauten Vertretern der Wiener Moderne in der Zwischenkriegszeit keineswegs fremd. Im Gegensatz zu diesen überrascht der Konnex von barockem und Revolutionstheater, wenn sich der (auch) Barockforscher Gregor mit dem ‚Barocken‘ des sowjetischen Theaters auseinandersetzt: Das Revolutionstheater als endlos laufende Maschine mit Motoren als Allegorie, das die Revolution „im Bilde endlos“ fortsetzen könne, ähnle dem spanischen Jesuitendrama des 17. Jahrhunderts.54 Sowjetunion trifft Jesuitenstaat, Gregor trifft sich über den Umweg des Theaters mit einigen anderen bürgerlichen Interpreten der Sowjetunion, nicht zuletzt mit seinem Co-Autor.55

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1 Zwar wurde das Buch im Prager Tagblatt bereits im September 1927 als „demnächst“ erscheinend angekündigt, doch war es erst im Februar 1928 vorrätig (vgl. N.N.: Bücher, die demnächst erscheinen. In: Prager Tagblatt (21.9.1927), S. 6; N.N.: Das russische Theater. In: Arbeiterwille (5.2.1928), S. 4). 1929 erschien in Philadelphia eine Übersetzung von Paul England, 1930 dasselbe in London bei Harrap, ehe 1931 eine Übersetzung ins Spanische in Barcelona folgte (vgl. Agnes Bleier-Brody: Gregoriana: Joseph Gregor, Leben und Werk. Druckfahnen, Theatermuseum Wien, Nachlass Agnes Bleier-Brody [das Buch hätte 1989 im Böhlau-Verlag, Wien–Köln, als Beiheft 11 von Maske und Kothurn erscheinen sollen]).

2 Joseph Gregor/René Fülöp-Miller: Das russische Theater. Sein Wesen und seine Geschichte mit besonderer Berücksichtigung der Revolutionsperiode. Wien–Zürich–Leipzig: Amalthea 1928 (fortan mit der Sigle [RT] samt Seitenangabe im Text zitiert).

3 Gerade die Illustrationen beeindruckten die Rezensenten wie Leser, etwa Arthur Schnitzler; vgl. z.B. Arthur Schnitzler an Joseph Gregor, Brief vom 16. Februar 1928, Theatermuseum, Wien, HS_AM 54.729 Gr.

4 Entgegen seiner zeitgenössischen Wirkung und Bedeutung hielt sich das wissenschaftliche Interesse an Gregor nach seinem Tod in Grenzen. Zu erwähnen wäre die (unveröffentlichte) Bibliographie seiner Mitarbeiterin Agnes Bleier-Brody, ein 2005 erschienener Sammelband und zwei jüngst veröffentlichte Aufsätze: vgl. Bleier-Brody, Gregoriana; Christiane Mühlegger-Henhapel (Hg.): Joseph Gregor. Gelehrter – Dichter – Sammler. Frankfurt a.M. u.a.: Peter Lang 2005; Christina Gschil: Joseph Gregor und die Theatersammlung der Nationalbibliothek in Wien – rastlose Tätigkeit im Dienste der Sammlung. In: Eva Blimlinger/Heinz Schödl (Hgg.): Die Praxis des Sammelns. Personen und Institutionen im Fokus der Provenienzforschung. Wien–Köln–Weimar: Böhlau 2014 (= Schriftenreihe der Kommission für Provenienzforschung, Bd. 5), S. 263–297; Gernot Heiss: Joseph Gregor – Librettist, Theaterwissenschaftler und leidenschaftlicher Sammler im Wandel der Regime. In: Lucile Dreidemy u.a. (Hgg.): Bananen, Cola, Zeitgeschichte: Oliver Rathkolb und das lange 20. Jahrhundert. Wien–Köln–Weimar: Böhlau 2015, Bd. 2, S. 768–783.

5 So zeigen seine Publikationen ab 1939 den Versuch, sich publizistisch anzupassen. Während der NS-Zeit versuchte er einerseits aktiv an von den Nazis beschlagnahmtes Material für die Sammlung zu gelangen, während er andererseits – etwa aufgrund seiner Kontakte zu jüdischen Autoren und nicht zuletzt wegen seines Interesses für sowjetische Kunst und Kultur, aber auch seiner Mitgliedschaft in der „Vaterländischen Front“ – von den Nazis als typischer „Konjunkturmensch“ eingestuft wurde; vgl. Heiss, Gregor.

6 Vgl. http://www2.onb.ac.at/sammlungen/plakate/archiv/erwerb/objekt_dezember_2005.htm; zu Prampolini und Kiesler vgl. Arturo Larcati: Zur Rezeption des italienischen Futurismus in Wien während der 1920er und 1930er Jahre. In: Primus-Heinz Kucher (Hg.): Verdrängte Moderne – vergessene Avantgarde. Diskurskonstellationen zwischen Literatur, Theater, Kunst und Musik in Österreich 1918–1938. Göttingen: V& R unipress 2016, S. 95–115, bs. S. 100–106.

7 Vgl. Wladimir Koljasin: Gastspiele russischer Theater in Berlin in den zwanziger und dreißiger Jahren. Von Ost nach West, von Tairow zu Meyerhold. In: Irina Antonowa/Jörn Merkert (Hgg.): Berlin Mockba 1900–1950. München–New York: Prestel 31995, S. 172–177; Galina Makarowa: Das Moskauer und das Berliner Theater zu Beginn des 20. Jahrhunderts. In: ebd., S. 43–45.

8 Generaldirektion der Nationalbibliothek [Josef Bick] an das Bundesministerium für Unterricht, 24.2.1927 (Abschrift), Österreichisches Staatsarchiv, Archiv der Republik, Neues Politisches Archiv, Karton 671, Folio 322–343 (Liasse Russland 34) 1927, Kopie im Nachlass Agnes Bleier-Brody, Theatermuseum, Wien [fortan: ÖSA AdR NPA 671].

9 Vgl. M. Dobushinski: Kollektiv-Ausstellung Katalog. Berlin 1926.

10 Über diese Gesellschaft versuchte Gregor, Objekte Dobužinskijs zu erhalten (vgl. Generaldirektion der Österreichischen Nationalbibliothek [Josef Bick] an die Deutsche Gesellschaft zum Studium Osteuropas, Generalsekretär Hans Jonas (undat.); Joseph Gregor an Josef Bick, 25.2.1927, Österreichische Nationalbibliothek Archiv, Generaldirektion/Allgemeine Verwaltungsakten, 1927 [fortan: ÖNB, GD/AVA 1927]).

11 Nachdem die russische avantgardistische Malerin Natal’ja Gončarova 1914 Russland Richtung Paris verlassen hatte, beteiligte sie sich ebenda an einigen Projekten der Ballet Russes. Ihre spektakulären Arbeiten zeichneten sich durch vereinfachte, nicht zuletzt von der Folklore inspirierte Formen aus, die in der Folge als spezifisch ‚russisch‘ interpretiert wurden. Fortan sollte sie primär als russische Künstlerin denn als Vertreterin einer transnationalen Avantgarde rezipiert werden (vgl. John E. Bowlt/Matthew Drutt (Hgg.): Amazonen der Avantgarde. Alexandra Exter, Natalja Gontscharowa, Ljubow Popowa, Olga Rosanowa, Warwara Stepanowa und Nadeschda Udalzowa. Ostfildern–Ruit: Hatje 1999).

12 Joseph Gregor an Josef Bick, 25.2.1927, ÖNB, GD/AVA 1927.

13 Otto Pohl wurde 1927 von seinem Botschafterposten abberufen. Zu Pohl sowie den österreichisch-sowjetischen Beziehungen vgl. Verena Moritz, Julia Köstenberger, Aleksandr Vatlin, Hannes Leidinger, Karin Moser (Hgg.): Gegenwelten. Aspekte der österreichisch-sowjetischen Beziehungen 1918–1938. St. Pölten–Salzburg–Wien: Residenz 2013, S. 453.

14 Vgl. Generaldirektor der Österreichischen Nationalbibliothek [Josef Bick] an die Deutsche Gesellschaft zum Studium Osteuropas, Generalsekretär Hans Jonas (undat), ÖNB, GD/AVA 1927; Fremdenverkehrskommission der Bundesländer Wien u. Niederösterreich an den Generaldirektor der Österreichischen Nationalbibliothek [Josef Bick], 22.2.1927, ebd.; Generaldirektion der Nationalbibliothek [Josef Bick] an das Bundesministerium für Unterricht, 24.2.1927 (Abschrift), ÖSA AdR NPA 671.

15 Vgl. die Meldung anlässlich Gregors Vortrag in der Gesellschaft für Theatergeschichte, Berlin, in: Wiener Zeitung (27.2.1927), S. 9.

16 Vgl. Telegramm Joseph Gregor an den Generaldirektor der Österreichischen Nationalbibliothek [Josef Bick], 11.4.1927, ÖNB, GD/AVA 1927: Darin schreibt Gregor aus Moskau „eintreffe Freitag mittags“, womit der 16. April der Tag der Ankunft in Wien wäre. In Gregors Personalakten im Archiv der Nationalbibliothek sind bloß Details hinsichtlich der Kontaktaufnahme mit Bibliotheken nachweisbar.

17 Vgl. hierzu den Beitrag von Barbara Lesák.

18 Vgl. Joseph Gregor an den Generaldirektor der Österreichischen Nationalbibliothek [Josef Bick], Bericht vom 15.6.1927, ÖNB, GD/AVA 1927: Gregor berichtete über das Buchwesen in der Sowjetunion und sondierte Möglichkeiten des Büchertausches.

19 Vgl. ebd.

20 Sämtliche Unterlagen: ÖSA AdR NPA 671.

21 Vgl. Bundesministerium für Unterricht an Bundeskanzleramt (Auswärtige Angelegenheiten), 5. März 1927, ebd.

22 Bundeskanzleramt, Außenamt in Beantwortung Zuschrift vom 5. März, ebd.

23 Weitere Liasse, April 1927. Abschrift pro Actis einer Note des Bundeskanzleramtes vom 31. März 1927, ebd. Die Unterstreichungen im Original werden hier kursiviert wiedergegeben.

24 Abschrift pro Actis des Einsichtsaktes des BM. F. Unterricht vom 8. April 1927, ebd.

25 Joseph Bick an die Generaldirektion der Bundestheater, 12. April 1927; vgl. auch: Generaldirektor der Österreichischen Nationalbibliothek [Josef Bick] an die Generaldirektion der Bundestheater, 12.4.1927, ÖNB, GD/AVA 1927.

26 Abschrift pro Actis. Bundesministerium für Unterricht an Generaldirektor der Österreichischen Nationalbibliothek [Josef Bick], 8. April 1927, ÖSA AdR NPA 671; vgl. auch: Bundesministerium für Unterricht/Schmitz an Generaldirektor der Österreichischen Nationalbibliothek [Josef Bick], 8.4.1927, ÖNB, GD/AVA 1927. Eine handschriftliche Notiz zitiert Gregor zu einer Besprechung, dabei sei ihm Eigenmächtigkeit vorzuwerfen, in Zukunft sei bei jedem ausländischen Kontakt das Ministerium zu informieren.

27 Auch von sowjetischer Seite wurde eine derartige Ausstellung allerdings mehr als skeptisch angesehen; vgl. den Beitrag von Julia Köstenberger.

28 Bezeichnenderweise wurde Otto Pohl im selben Jahr als Gesandter abberufen; vgl. Moritz, Gegenwelten, passim.

29 Neben der erwähnten Notiz in der Wiener Zeitung Ende 1927 findet sich kein Hinweis auf die geplante Ausstellung, auch nicht im Vorwort des Buches Russisches Theater.

30 Vgl. Übereinkommen Joseph Gregor/René Fülöp-Miller – Amalthea-Verlag, Dr. Heinrich Studer, 23. Mai 1927, Theatermuseum Wien, HS_AM 77.011 Gr.: Abgabetermin ist der 30. August. Bemerkenswert ist ein, freilich handschriftlich korrigierter, abweichender Titel Geschichte des russischen Theaters und Ballets; der ursprüngliche Titelvorschlag klammert die Oktoberrevolution also bewußt aus.

31 Vgl. Koljasin, Gastspiele russischer Theater in Berlin, S. 175.

32 So gab Gregor auf diversen Curriculae Vitae an, u.a. Ruthenisch, also Ukrainisch, Polnisch und Russisch zu beherrschen (vgl. Standesnachweis Joseph Gregor, 1936, Bundesministerium für Unterricht 1936, GZ 33741-I/69. HSTA, Rub 56; Ansuchen Joseph Gregor Aspirant Nationalbibliothek, 24.9.1918, beigelegtes Curriculum vitae. Kopie im Nachlass Agnes Bleier-Brody, Theatermuseum Wien).

33 Stanislavskijs Hinausstreben aus dem Russischen wurde von Gregor anlässlich dessen 70. Geburtstags zum zentralen Gedanken seines Würdigungsbeitrags, in dem, durchaus mit pejorativem Beigeschmack, zu lesen ist, Stanislavskij „war niemals Russe“, „verkappter Ausländer“, „Westler“ und stehe „ganz außerhalb seiner Zeit, dies seine Größe, allerdings auch sein Verhängnis“ (Joseph Gregor: Constantin Stanislawsky. In: Die Bühne, H. 360/1933, S. 12–15).

34 Als „Zufluchtstätte aller abgedrängten Wünsche“ interpretierte Gregor das sowjetische Theater auch in seinem Vortrag im Redoutensaal. Dort heißt es u.a.: „Das russische Theater ist das grösste [sic] Beispiel der Geschichte, wie das Leben durch die Phantasie zu überwinden sei. Wenn soviel aus den privaten Kategorien des Lebens gestrichen ist, individuelle Liebe, Religion, Eigentum, wenn wir alle nur im Kollektivum leben und für das Kollektivum tätig sind, dann stürzen sich diese verloren gegangenen Werte in das schöne Scheinbild des Theaters, um sich zwischen acht Uhr abends und Mitternacht ungehindert ausleben zu können.“ Um die Forderung zu erheben: „Nein, in Russland sollte vor allem das Theater verboten werden.“ (Ders.: Gastspiel Moskauer Künstlertheater, Typoskript, Theatermuseum, Wien HS_VM 2742 Gr).

35 Vgl. Vereinbarung Joseph Gregor und René Fülöp-Miller, 14. Juni 1928, Theatermuseum Wien, HS_AM 77.011 Gr.

36 Vgl. Gesellschaft für Kulturelle Verbindungen der Sowjetunion mit dem Auslande an Joseph Gregor, 2. Februar 1932: Hier wird die Möglichkeit von Vorträgen negativ eingestuft, der Austausch von Material hingegen sei möglich.

37 Ursprünglich sollte Fülöp-Miller Gregor bei dieser Reise begleiten, was Terminschwierigkeiten jedoch verhinderten (vgl. René Fülöp-Miller an Joseph Gregor, 25.8.1928, Theatermuseum, Wien HS_AM 53456 Gr.). Eine Ausstellung zum amerikanischen Theater scheint Gregor nicht geplant zu haben.

38 Joseph Gregor/René Fülöp-Miller: Das amerikanische Theater und Kino. Zwei kulturgeschichtliche Abhandlungen. Zürich–Leipzig–Wien: Amalthea 1931, S. 9.

39 Ebd.

40 Ebd., S. 10.

41 Vertrag Kammerspiele im Schauspielhaus (München) – Joseph Gregor, 16.2.1929, Theatermuseum, Wien HS_VM 78555Gr.

42 Im Nachlass Gregors hat sich kein Vortragsmanuskript erhalten, sodass der Inhalt aus zeitgenössischen, sehr wohl im Nachlass befindlichen Zeitungsberichten rekonstruiert werden muss.

43 Vgl. -y -y.: Vortrag Josef [sic] Gregors im Wiener Frauenheim. In: Neue Freie Presse (1.2.1931), S. 15.

44 Vgl. ebd.

45 Gregor, so Gernot Heiss, reagierte mit „literarische[r]; Anpassung und übereifrige[r] Einordnung in das kulturelle Leben des Regimes“ (Heiss, Joseph Gregor, S. 780).

46 Dr. Ferber [Faber?], Generalsekretär Demokratische Vereinigung österreichischer Akademiker an den Dekan der Philosophischen Fakultät der Universität Wien, Dr. Czermak, 29. November 1945, Kopie im Nachlass Agnes Bleier-Brody, Theatermuseum Wien.

47 Vgl. Josef Bick an die Direktion des Volkstheaters, 12. November 1945, Konzept Ausstellung „Russische Theaterkunst“, Gr 29/9/1/1. Das Material sollte von Joseph Gregor mit Direktor Günther Haenel ausgewählt und anschließend vom sowjetischen Hauptmann Komarow und Max Meinecke und Gustav Manker begutachtet werden. Erwähnt werden reproduzierte Fotos und vier Bühnenmodelle. Der befreite Don Quichotte wurde am 24.12.1945 erstmals aufgeführt.

48 Joseph Gregor: Die Ausstellung „Russisches Theater“. Typoskript mit hs. Korrekturen. Theatermuseum Wien, HS_VM 2807 Gr.

49 Ebd.

50 Ders.: Tilly Losch. In: Der Schünemann-Monat, H. 12/1927, S. 1198–1202, zit. S. 1198.

51 Wie sehr Gregor die westeuropäische Theatertradition als Maßstab gilt, zeigt u.a. auch sein Vergleich Dobužinskijs mit Alfred Roller (vgl. Joseph Gregor an den Generaldirektor der Österreichischen Nationalbibliothek, Josef Bick, 25. Februar 1927, ÖNB, GD/AVA 1927).

52 Vgl. z.B. Renate Lachmann: Gedächtnis und Literatur. Intertextualität in der russischen Moderne. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1990; Maria Deppermann: Mythos Petersburg. Agonie der Moderne oder postmoderne Konstellation? In: Heiko Haumann/Stefan Plaggenborg (Hgg.): Aufbruch der Gesellschaft im verordneten Staat. Rußland in der Spätphase des Zarenreiches. München u.a.: Lang 1994, S. 318–352.

53 Dies betonten auch einige Rezensenten; vgl. z.B. O. F.: J. Gregor und Fülöp-Miller/Das russische Theater. In: Das Nationaltheater, H. 5/1930, S. 396.

54 Vgl. Gastspiel Moskauer Künstlertheater, Typoskript, Theatermuseum, Wien HS_VM 2742 Gr.

55 Damit wäre auch zu hinterfragen, ob die strikte Trennung in einen ‚restaurativen‘, auf die österreichische Tradition des Barock bezogenen Gregor und einen sozusagen ‚modernen‘, der sich beispielsweise für das sowjetische Avantgardetheater interessiert, aufrechtzuerhalten ist.