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Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹

Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938

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Edited By Primus-Heinz Kucher and Rebecca Unterberger

Die Oktoberrevolution von 1917 und die Gründung der Sowjetunion zog politisch-ideologisch wie kulturell-künstlerisch im deutschsprachigen Raum hohe Aufmerksamkeit auf sich und polarisierte die intellektuelle Öffentlichkeit. Insbesondere in der Ersten Republik bzw. im ›Roten Wien‹ stießen manche ihrer Impulse auf Resonanz, andere auf dezidierte Zurückweisung. Auch im bürgerlichen Kunst- und Literaturbetrieb, zum Beispiel dem der Musik, des Theaters oder des Films wurden (sowjet)russische Entwicklungen wahrgenommen und diskutiert. Der Band widmet sich solchen Rezeptionsbeziehungen, arbeitet ihre zum Teil erstaunliche Resonanz heraus, verortet sie in zeittypischen Diskursen wie dem des Aktivismus, der Theater- und Musikavantgarde, aber auch, kontrastierend-komplementär, dem des zeitgenössischen Amerika-Diskurses.

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Schreiben zwischen Fakten und Fiktion?

Natalia Blum-Barth

Schreiben zwischen Fakten und Fiktion?

Das Russlandbild bei Alja Rachmanowa

Abstract: The contribution deals with the emigrated Russian novelist Alja Rachmanova who was married to a former official of the Austrian army and a prisoner of war. Her trilogy about the (post-)revolutionary ‘Red Terror’ advanced to a successful editorial event of anti-bolshevist writing, especially the volume Die Milchfrau von Ottakring (1932). The texts re-discuss key concepts like “New Man” in the context of the everyday violence experience.

1 Kontextualisierung

Neben Fёdor Stepun und Vladimir Lindenberg nannte Wolfgang Kasack in seiner Geschichte der russischen literarischen Emigration als SchriftstellerInnen der ersten Emigrationswelle, die einen „besonders starken Einfluß auf das Denken in Deutschland ausgeübt hatten, wenn man die Zahl der Bücher und das Wirken in Vorträgen als Maßstab wählen kann“, auch Alja Rachmanowa.1 Hinter dem im österreichischen Exil zum Schutz ihrer in Russland verbliebenen Verwandten gewählten Pseudonym verbirgt sich Galina Djurjagina,2 die 1898 in Kasli im Ural in eine großbürgerliche Familie geboren wurde. Im post-revolutionären Sowjetstaat heiratete Rachmanowa den aus Salzburg gebürtigen Englischlektor Arnulf von Hoyer, der das Kriegsgefangenenlager überlebt hatte. 1922 wurde der Sohn Jurka geboren, 1925 die kleine Familie ohne Angabe von Gründen aus der Sowjetunion ausgewiesen. In Wien verdiente Rachmanowa, selbst Akademikerin, den Lebensunterhalt für die Familie als Milchfrau, bevor von Hoyer in Salzburg eine Stelle als Lehrer antrat und Rachmanowa spätestens mit der Veröffentlichung von Milchfrau von Ottakring. Tagebuch einer russischen Frau (1932) als drittem Band einer Trilogie zu einer Erfolgsautorin avancierte, ←405 | 406→insbesondere bei einer tendenziell (katholisch-)konservativen Leserschaft: Dass sich Ehen im Sturm als Fortsetzung zu Studenten, Liebe, Tscheka und Tod, dem ersten Teil der Trilogie, „stärkster Nachfrage“3 erfreue, war im Dezember 1932 etwa in der Wiener Tageszeitung Reichspost zu lesen. In der Zeitschrift Schönere Zukunft kam Ferdinand Pawlikowski, Fürstbischof von (Graz-)Seckau, in einer Annonce mit folgender Empfehlung für dieses „Tagebuch einer russischen Studentin“ zu Wort:

Eine ähnliche lebenswahre und fürchterliche Schilderung des wahren Gesichts der Sowjetdiktatoren ist mir noch nicht untergekommen. […] Wer aus bürgerlichen Kreisen noch nicht ahnt, wie Sozialismus in seiner reinsten Kultur, im Kommunismus und Bolschewismus, hinführen, der greife nach diesem Buche.4

Bei der Vermarktung von Rachmanowas Büchern, insbesondere des ersten Bandes, betonte der Verlag Tyrolia mit Nachdruck, dass es sich um Tagebuchaufzeichnungen handle: „Alle drei Bände wurden vom Verlag als ‚russische Originaltagebücher‘ beworben und auch die Autorin selbst erhob wiederholt den Wahrheitsanspruch.“5 Somit wurde die Rezeption von Rachmanowas Büchern als historische Zeugnisse bewusst gesteuert, wohl auch aus verlegerischem Kalkül: Das Tagebuch6 als Textsorte war damals sehr populär, und das Pochen auf Authentizität half – was auch andere Russland-Tagebücher7 der Zeit belegen – den Verkauf anzukurbeln.

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Mittlerweile ist der dokumentarische Charakter der Tagebuchaufzeichnungen von Alja Rachmanowa relativiert, ja dementiert worden. Der Schweizer Slawist Heinrich Riggenbach, der die Tagebücher aus den Jahren 1942–1945 übersetzt hat,8 verortet diese klar im Bereich des Literarischen: „Wenn man das jetzt hart ausdrücken wollte, könnte man vielleicht sagen, die von Alja Rachmanowa selbst veröffentlichten Tagebücher sind Pseudo-Tagebücher. Sie sind Literatur.“9 Was als „Entzauberung“10 von Alja Rachmanowa präsentiert wird, kommt aber ihrer Aufwertung als Schriftstellerin gleich, obwohl hier ein komplizierter Fall kollektiver Autorschaft vorliegt: Arnulf von Hoyer hat die Tagebücher aus dem Russischen ins Deutsche übertragen, und auch der im Verlagswesen tätige Karl Maria Stepan scheint Anteil an der Textgenese gehabt zu haben. Er war gemeinsam mit von Hoyer in russischer Kriegsgefangenschaft gewesen und hatte ihm 1930 vorgeschlagen, ein Buch darüber zu schreiben. Bei dieser Gelegenheit brachte von Hoyer die Tagebücher seiner Frau ins Gespräch, Stepan war von der Idee gleich begeistert und setzte sich für die Veröffentlichung der Tagebücher ein, unter anderem auch durch die Vermittlung an Otto Müller und den Anton Pustet Verlag.11

Die im Nachlass der Autorin erhaltenen russischen Typoskriptseiten lassen die Behauptung zu, dass es sich lediglich um Notizen und Entwürfe handelte, an denen weder stilistisch noch sprachlich gefeilt wurde. Erst als der Verlag das Interesse an diesem Material signalisierte, überarbeitete Rachmanowa ihre Aufzeichnungen, worauf die in den Typoskripten enthaltenen alternativen Formulierungen und deutschen Wörter12 schließen lassen. Die Übersetzung durch Arnulf von Hoyer war keine konventionelle Arbeit eines Übersetzers mit einem Text, sondern vielmehr mit der Autorin, die weitere Änderungen, Ergänzungen, Umstellungen des russischen Rohmaterials vornahm. Es war ein ←407 | 408→gemeinschaftliches Werk, an dem sich auch das Lektorat des Verlages beteiligt haben muss. Der deutsche Text kann somit als das angestrebte literarische Original gelten, während die russischen Aufzeichnungen lediglich eine Grundlage für diesen geliefert haben. Der Authentizitätsanspruch war jedoch nicht nur eine Vermarktungsstrategie, sondern Rachmanowa empfand ihre Schilderungen als Wahrheit, berichtete sie doch aus ihrem Leben, auch wenn einiges subjektiv und unausgewogen erscheinen mag.

In der Zwischenkriegszeit sind auffallend viele Bücher über Russland erschienen, die sich gemäß ihrer Intention bis auf wenige Ausnahmen zwei verschiedenen Grundhaltungen zuordnen lassen.13 Während die einen den Kommunismus beziehungsweise die Entwicklungen in der Sowjetunion euphorisch und oftmals auch unreflektiert verherrlichen, prangern die anderen den Roten Terror an und beklagen Enteignung und Kollektivierung. Rachmanowas Bücher gehören eindeutig der zweiten Tendenz an. Nicht umsonst wurden sie zur Zeit des Nationalsozialismus für antibolschewistische Propaganda in den Dienst genommen. So wurde zu Beginn des Zweiten Weltkrieges – ohne Wissen der Autorin – eine anonyme Raubübersetzung ins Russische verfasst, um 1943 in den besetzten Gebieten der Sowjetunion als antisowjetisches Propagandamaterial eingesetzt zu werden.14 Riggenbach und Marti bringen weitere Beispiele dafür, wie Rachmanowas Texte – unter anderem ein Kapitel aus dem Buch Die Fabrik des neuen Menschen (1935), das von der Pariser Académie d’éducation et d’entr’aide sociales 1936 als bester antibolschewistischer Roman ausgezeichnet wurde – von den Nationalsozialisten als Stimmungsmacher gegen die Sowjetunion verbreitet wurden.15

Rachmanowas Büchern kann in der Tat eine politische Tendenz und eine klare antibolschewistische Haltung bescheinigt werden. Die Autorin hat sich als Oppositionelle, die gegen den großen Feind ankämpft und in ihrer Überzeugung unbeugsam ist, inszeniert. Nicht umsonst ist dem Buch Studenten, Liebe, Tscheka und Tod als Epigraph ein Zitat von Awwakum Petrow vorangestellt: „Du magst ←408 | 409→ohne Furcht sprechen. Wenn Du Dich nur durch Dein Gewissen leiten läßt!“ Der Protopope, eine Leitfigur für die Bewegung der sogenannten Altgläubigen, hat sich gegen die Neuerungen der orthodoxen Staatskirche starkgemacht und ist dafür als Ketzer an die Eismeerküste verbannt worden. Dort schrieb er in den Jahren 1672/73 an seinen Lebenserinnerungen, die als erste russische Autobiographie gelten.16

Rachmanowa, die ebenfalls Altgläubige gewesen ist, scheint sich mit ihrem Schreiben gegen die an die Macht gekommenen Bolschewiki in der Nachfolge von Awwakum gesehen zu haben. Gewiss dürfen ihre Bücher nicht als historische Dokumente gelesen, aber auch nicht als bloße Fiktion abgetan werden. Das Erlebte, das Faktuale, ist auf dem Weg von den russischen Notizen der Autorin bis hin zum druckfertigen Buch stark nachbearbeitet worden, sodass die veröffentlichten Tagebücher Rachmanowas als ein Paradebeispiel für die Vermengung von faktualem und fiktionalem Erzählen einzuschätzen sind. Sie sind eine poetische, subjektive Verarbeitung des Erlebten, für die die Bezeichnung „fiktionalisierte Autobiographie“ gut geeignet zu sein scheint. Wurde bereits Autobiographie als „das subjektive Zentrum der ästhetischen Organisation lebensgeschichtlichen Wissens“17 beschrieben, so zeichnet sich die fiktionalisierte Autobiographie durch die „Literarisierung“ aus, das heißt die „Übernahme, Variation und analogische Nachbildung fiktionaler Darstellungstechniken“.18 Strategien der „Literarisierung“, aber vor allem das von Rachmanowa entworfene Russlandbild sind Gegenstand der nachfolgenden Ausführungen.

2 Literarisierung der Revolution von 1917

In ihren Werken zeichnet Rachmanowa ein Russlandbild vor dem Hintergrund der Revolution von 1917: Umverteilung der Machtverhältnisse, Anarchie, Zerstörung, Religionsbekämpfung, Verfolgung, Deportation und Mord bilden die Thematik ihrer Bücher. Die historischen Ereignisse – den Sturz des Zaren, die Machtergreifung durch die Bolschewiken und die damit einhergehenden ←409 | 410→Verfolgungen, Hausdurchsuchungen, Plünderungen, Verhaftungen und Erschießungen der Bourgeoisie – schildert die Autorin anschaulich und eindringlich. Als ob Rachmanowa sich zum Ziel gesetzt hätte, den Sog der Gewalt zu studieren, fokussiert sie in ihren Büchern das unfassbar gewalttätige Handeln der Masse. Was in der Geschichtsschreibung bislang kaum hinreichend untersucht worden ist,19 und zwar die Ausgangspunkte für die Entstehung von Gewalt und deren Instrumentalisierung durch das System, beschreibt Rachmanowa als menschliches Drama anhand konkreter Schicksale. Während der Terror jener Jahre in vielen Studien20 untersucht worden ist, ist die Gewalt darin weitgehend unberücksichtigt geblieben. Stefan Plaggenborg gehört zu den wenigen Historikern, die versuchen, Gewalt im Stalinismus als historisch bedingt und herleitbar zu beschreiben und den Dispositionen zur Entstehung und Legitimation von Gewalt nachzuspüren.21

Ein in Gewalt versinkendes Russland ist auch das zentrale Bild, das Rachmanowa in Studenten, Liebe, Tscheka und Tod entwirft. Die erzählte Zeit beträgt vier Jahre: vom September 1916 bis zum September 1920. Am Beispiel einer Arztfamilie wird die ganze Brutalität des neuen Regimes beschrieben. Die sechzehnjährige Ich-Erzählerin Alja berichtet stellenweise Banales aus ihrer Kindheit, erinnert sich an Feiertage bei ihren Großeltern, schildert ihre Erlebnisse an der Universität und weiht den Leser in ihre Gedanken und Gefühle ein. Gleichzeitig werden die täglichen Ängste spürbar, die mit dem fortschreitenden Verfall staatlicher und sozialer Strukturen einhergehen. Zügellosigkeit, Willkür und Anarchie führen zum Wegfall moralischer und gesetzlicher Schranken und kündigen den Großen Terror an. In mitunter kruden Bildern schildert Alja das durch die Revolution ausgebrochene Chaos und die Zerstörung:

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Revolution heißt Blut, Rache und Zerstörung! Wir müssen jetzt alles zerstören, um dann erst eine neue Welt aufzubauen! [125]22

Und doch zerstörten sie nur, was andere im Schweiße ihres Angesichtes im Laufe von Jahrzehnten geschaffen. Wenn die Maschinen wenigstens in gute Hände gefallen wären. Aber sie schleppten alles fort, einzig und allein von der Absicht geleitet, alles zu vernichten, alles zu zerstören; ihr einziges Ziel war, die verfluchte Burshuiwirtschaft vom Erdboden verschwinden zu lassen. [254]

Dargestellt wird eine sinnlose Zerstörungswut, die die Täter ihre Macht spüren lässt, ihnen das Gefühl der Überlegenheit gibt, sie in Wirklichkeit aber zu Mitläufern und Mördern macht, was Rachmanowa auch durch Episoden mit Nebenfiguren veranschaulicht: „Stepan Petrowitsch Pugowkin fügt jetzt zu jedem Worte hinzu: ‚Erschießen‘ oder ‚An die Wand stellen‘!“ [285] Das Leben eines Menschen ist nichts mehr wert. Revolution legitimiert und rechtfertigt das Töten. Als Marusja Bjeljajewas Mann aus Irrtum erschossen wird – er ist mit einem Gleichnamigen verwechselt worden –, meint ein Tschekist: „Wo kämen wir denn da hin, wenn wir bei einem jeden noch auf den Vatersnamen achten würden! Übrigens, ’s ist ja sowieso ganz egal, Pjotr Stepanowitsch oder Pjotr Andreitsch Lebedjew!“ [284] Ganz gewöhnliche Menschen stürzen sich plötzlich wie Bestien auf ein hilfloses Kind, zerfleischen es, nur weil der Gymnasiast eine Kokarde getragen hat, wohl unwissend, dass auf einer Versammlung beschlossen worden ist, alle alten Kokarden zu entfernen:

Als die Soldaten den leblosen Körper weitertrugen, sah ich ihnen mit tiefstem Interesse ins Gesicht. Ich war sprachlos vor Staunen. Die gewöhnlichsten, gutmütigsten Gesichter der Welt blickten mir entgegen. Wo war denn jetzt die Bestie, die sie noch vor einer Minute besessen hatte, als sie den armen Leib des Kindes zerfleischten? [247]

Beispiele dieser Art finden sich unzählige Male bei Rachmanowa. Sie sind der Ausdruck für die zur Normalität avancierte und durch die Revolution legitimierte Gewaltausübung, für die Plaggenborg folgende Erklärung bereitstellt:

Der neue Staat, nach Lenin zum Absterben verurteilt, mußte die Gewalt monopolisieren, wenn er überleben wollte. An diesem Punkt schlug revolutionäre Gewalt in staatliche Gewalt um: Die Gewalt der Massen wurde die Gewalt im Namen der Massen. Von nun an galt die doppelsinnige Formel: Alle Gewalt geht vom Staate aus. Zugleich wurde die Gewalt verrechtlicht und institutionalisiert. Die Geheimpolizei und die ←411 | 412→Revolutionstribunale stehen dafür. Revolutionäre Gewalt war verstaatlicht worden. Wer jetzt revoltierte, war Konterrevolutionär.23

Die künstlerische Manifestation der Gewaltausübung in Studenten, Liebe, Tscheka und Tod gipfelt in der Konzeption der Figur Griselda Nikolajewna. Dass eine Frau im Namen des Bolschewismus zu einer Tötungsmaschine wird, zu einer krankhaft mordlustigen Sadistin, mochte die Leserschaft besonders erschüttert und schockiert haben. Laut im Nachlass der Autorin befindlichen Leserbriefen waren es vor allem Leserinnen, die sich dem emotionalen Sog des Geschilderten kaum entziehen konnten.24 Somit könnte Rachmanowas Konzeption der Frauenfiguren zudem durch Konzessionen an die zu erwartende Leserzielgruppe motiviert gewesen sein. Dieses Verhältnis kann heute kaum zuverlässig geklärt werden, aber es liegt nahe zu vermuten, dass der Verlag gerade weibliches Publikum als Zielgruppe für Rachmanowas Bücher ansprach, alleine aus der Notwendigkeit heraus, für ein weiteres Russlandbuch das Terrain aufzubereiten.

3 Frauenfiguren und Gewalt

Rachmanowas Konzeption der Frauenfiguren in ihren Büchern verdient also besondere Betrachtung. Es sind immer außergewöhnliche Persönlichkeiten, die mal imponieren – wie in Milchfrau von Ottakring etwa –, mal schockieren, wie Griselda in Studenten, Liebe, Tscheka und Tod. Anhand der Griselda-Figur kann Rachmanowa Willkür, Zerstörungswut, krankhafte Grausamkeit, perverse Brutalität und stellenweise die Sinnlosigkeit der Revolution darstellen – und damit negative Voreinstellungen den Bolschewiken gegenüber aufgreifen und bekräftigen. Die Wirkungsabsicht zielt darauf, diese Figur und ihre Zerstörungswut mit den Leitvokabeln ‚Revolution‘ und ‚Bolschewismus‘ gleichzusetzen. Griselda Nikolajewna ist dennoch eine der gelungensten Figuren in diesem Roman und könnte durch ihre Grausamkeit, radikale Andersartigkeit und ihr politisches Engagement kaum widersprüchlicher und tragischer sein. Zum einen ist sie selbst Opfer ihres gewalttätigen Mannes, den sie verlässt und flieht, um ihre Unabhängigkeit zurück zu erlangen. Zum anderen ist sie an Schizophrenie ←412 | 413→erkrankt, betrachtet dies aber als besondere Auszeichnung und hält sich allen in allem überlegen.25

Der Leser begegnet Griselda gleich zu Beginn des Romans. Sie ist 22 Jahre alt – deutlich älter als Alja, die Ich-Erzählerin und andere Erstsemester an der Universität – und wird als „ein ganz eigenartiges Wesen“ und „sehr intelligent“ [33] beschrieben. Sie tritt selbstbewusst und emanzipiert auf, polarisiert, ja provoziert, hinterfragt die bestehenden Normen und versucht, diese durch ihr politisches Engagement zu verändern. Das äußere Erscheinungsbild von Griselda übt eine Faszination auf das Gegenüber aus:

So wie ihr Benehmen, hat auch ihr Aussehen etwas Merkwürdiges an sich. Sie hat große Augen, die sie aber immer fast ganz geschlossen hält, was ihr ein müdes Aussehen gibt. Ihr Gesicht ist eher häßlich als schön, aber so interessant, daß man sich kaum losreißen kann, wenn man beginnt, es näher zu betrachten. Sie macht den Eindruck eines Menschen, der viel durchlebt und viel gefühlt hat. Sie spricht außerordentlich wenig. Ebenso selten wie sie spricht, lacht sie, aber das Lachen paßt nicht zu ihr, es ist häßlich und böse. Sie ist sehr blaß, sehr schmächtig, färbt sehr stark die Lippen und setzt starke Ringe unter die Augen. [34]

Ihre Anziehungskraft wird durch den Eindruck, sie hätte „viel durchlebt und viel gefühlt“, gesteigert. Mitgefühl, ja Mitleid soll das Gegenüber dieser in sich gekehrten, sonderbaren Person entgegenbringen. Denn gerade ihr vordergründiges Lächeln irritiert und kontrastiert mit ihrer krankhaften Erscheinung. Als Griselda von ihrer Epilepsie spricht, relativiert sie die Last der Krankheit und kann ihr sogar etwas Reizvolles abgewinnen; „es liegt auch etwas Schönes darin“, und: „[I];ch finde im Leiden mehr Reiz als in der Freude“ [53].

Diese masochistische Disposition wird bald in Sadismus umschlagen. Sie empfindet „eine tiefe Freude“ daran, anderen Schmerzen zuzufügen:

In den Büchern suche ich nur Beschreibungen von Qualen, von Foltern und von Mord. Heute früh schlug ich meinen Foxterrier so, daß er fast tot war, und ich hatte eine unendliche Wollust daran! […] Ich habe immer so merkwürdige Träume. Ich schlage ein Kind, oder ich träume, wie man ein Weib schlägt, und jeden Hieb höre ich ganz deutlich… Und welche Freude, wenn Sie es nur wüßten, diese Schreie zu hören! Wissen Sie, was ich möchte? Ich möchte in irgendein Kinderheim kommen oder in ein Waisenhaus, wo niemand ist als die Kinder, ohne Schutz, so wie mein Foxterrier, und ich möchte sie dort schlagen, eins heute, ein anderes morgen, und so immer fort! Das wäre ein Leben! [54]

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Diese Offenbarung vermag umso mehr zu schockieren, als die Gewaltphantasien gegen Schutzlose – Foxterrier, Frauen, Kinder – gerichtet sind. Sehr bald wird Griselda ihre Gewalttätigkeit nicht nur ausleben, sondern auch als Kampf gegen den „Bourgeois“ rechtfertigen können: Die politischen Ziele und ideologischen Ansichten der Revolutionärin Griselda Nikolajewna legitimieren Gewaltanwendung. Dabei ist sie sich ihrer Taten bewusst und reagiert verwundert, als sie auf der Flucht vor der Polizei Schutz im Hause der Ich-Erzählerin findet:

Weiß Ihre Mutter auch, daß ich gerade das Leben derer zerstören und die Menschen vernichten will, zu denen sie gehört?

„Natürlich“, lachte ich, „wenn Sie doch Revolutionärin sind!“

„Aber warum hat sie mir dann erlaubt hierzubleiben?“ fragte Griselda Nikolajewna mit beinahe bösem Gesichtsausdruck.

„Sehr einfach, Sie sind doch in Gefahr und bedürfen des Schutzes!“ [69]

Dieser Dialog zwischen Griselda und Alja impliziert die Hauptbotschaft von Rachmanowas Werken: Revolution verunstaltet den Menschen, degradiert und verwandelt ihn in eine gefühllose, hasserfüllte, fanatische Tötungsmaschine. Alja Rachmanowa setzt dies gekonnt in Szene. Die kranke und mitleiderregende Griselda verwandelt sich geradezu in eine Furie, wenn sie Reden auf der Arbeiterversammlung hält:

Jetzt stand wieder Griselda Nikolajewna auf, ihr Gesicht brannte feuerrot […], die Augen leuchteten, und sie wäre geradezu schön gewesen, wenn nicht dieser Ausdruck der Grausamkeit, ja der Blutgier gewesen wäre.

„Towarischtschi!“ schrie sie mit schallender Stimme. […]

Lange noch sprach sie in diesem Tone, und jedes ihrer Worte triefte förmlich von Haß und Blut. [60]

Das bei dem Leser anfangs geweckte Mitgefühl für diese Figur kippt in Angst vor ihren Aufrufen zu Rache und Mord:

Rache allen, Rache allen Bourgeois, allen Satten, allen Reichen, allen Parasiten! Mögen die Arbeiter die Macht in ihre Hände nehmen und sich an denen rächen, die sie quälten, sie mögen sich rächen für sich, für ihre Kinder, für ihre Väter und Großväter! Tod ihnen allen, Tod! […]

Aber nicht einen gewöhnlichen Tod, sondern einen qualvollen Tod, tropfenweise sollen sie ihr Blut vergießen, so wie sie es im Laufe der Jahrhunderte aus dem Volke herausgepreßt haben! Foltern sollt ihr sie, quälen, martern!

Ihre Worte übten auf mich einen entsetzlichen Eindruck aus. Sie muß wahnsinnig sein, sagte ich mir. [60f.]

Was hier als „Wahnsinn“ empfunden wird, ist der kommunistischen Ideologie geschuldet, die zu Selbstaufopferung und Entsagung, mitunter zu Verblendung ←414 | 415→verführt. Während Griselda als charismatische Rednerin dargestellt wird, die mit Worten die Massen hypnotisieren und auf Gewalt programmieren kann, begegnet man im zweiten Band, Ehen im roten Sturm, der Studentin Babkina, die ideologisch so stark indoktriniert ist, dass ihre Persönlichkeit allmählich verloren gegangen ist:

Wenn ich sie nur sehe, bekomme ich beinahe physische Schmerzen. Eine ausgetrocknete Stange, ein grober zerzauster Kopf und ein leeres Gesicht mit wässrigen Albino-Augen. Ihren Körper hat sie in eine Männerbluse, in einen Rock aus Soldatenstoff und in Soldatenstiefel gesteckt. Sie kennt nur eines auf dieser Welt: die Partei. […] Für sie gibt es nicht den Begriff Mensch; für sie gibt es nur Proletarier und Burshui. Nur die ersten haben ein Recht zu leben, aber auch da eigentlich nur, wenn sie zugleich Kommunisten sind.26

Ähnlich wie der Verfall des äußerlichen Erscheinungsbildes bei Babkina ihren politischen Fanatismus einleitet, ist auch Griselda Nikolajewna bald zur Unkenntlichkeit verändert. Interessant ist dabei, dass in beiden Fällen das Feminine durch Attribute des Maskulinen ersetzt wird. Im Fall Griseldas findet sogar ein äußerlicher Geschlechtswechsel statt. „Sie trägt Männerkleidung und hat sich einen kleinen Schnurrbart und einen schmalen Spitzbart aufgeklebt“ [265]. Diese Travestie, das inszenierte männliche Äußere, ist nicht unwesentlich im Hinblick auf ihre Gewaltobsession. Sie übt Gewalt nicht als Frau, sondern als Mann aus. Alles Weibliche an sich scheint sie ausgelöscht zu haben. Das veränderte Äußere der beiden Frauenfiguren kann als Ausdruck ihrer bolschewistischen Überzeugungen und damit als Beweis für die Verbreitung der bolschewistischen Ideologie gedeutet werden. Da Frauen den Bolschewiken als Schlüssel zur Veränderung der Gesellschaft im Zeichen des „Neuen Menschen“ gegolten haben,27 ist die Figurenkonzeption von Griselda Nikolajewna vor allem auch unter solch politisch-ideologischen Aspekten zu analysieren.

Nach einer knapp zweijährigen Abwesenheit taucht die Gewalttätige in der Stadt auf, auch um sich mit Alja zu treffen. Die mittlerweile politisch verfolgte, gehetzte und psychisch zerrüttete Griselda sieht in ihrer ehemaligen Kommilitonin die einzige Vertraute, der sie ihre Verbrechen beichten will:

Ich mußte mit jemandem sprechen, und da erinnerte ich mich an Sie. Mir scheint es, als ob ich manchmal den Verstand verlieren würde. Abends höre ich immer irgendwelche Stimmen und Seufzer. Ich habe in der letzten Zeit zu viele getötet! Ich bin müde vom ←415 | 416→Schreien, vom Rufen, vom Stöhnen und vom Weinen … Aber ohne dieses kann ich nicht leben, ich muß jeden Tag jemand quälen, martern … [265]

Sie berichtet, wie grausam sie Sonjetschka Iwanowa gequält, getötet und ihre Freundin „niedergeschossen“ [266] hat. Als Alja von einer Freundin von einer Tschekistin hört, „die sich durch ganz unmenschliche Grausamkeit auszeichnen soll“ [272f.], ist sie sich sicher, dass es sich um Griselda Nikolajewna handeln muss.

Mit dem Sprechen über ihre Gewalttaten versetzt Griselda ihre Zuhörerin in Schrecken und genießt ihre Überlegenheit. Das Verbalisieren der Misshandlungen kann sogar als deren Fortführung gedeutet werden, denn die gewünschte Wirkung – Einschüchterung des Gegenübers beziehungsweise Demonstration der eigenen Macht – wird dadurch gleichfalls erreicht. Neben Gewalt thematisieren Rachmanowas Bücher auch Machtverhältnisse im alltäglichen Leben. Die Revolution zieht eine Umverteilung der Macht nach sich: „So hat sich alles verändert. Stepan Petrowitsch Pugowkin, der früher im Spital, wenn er nüchtern war, die Fußböden wusch, ist jetzt eine hochgestellte Amtsperson.“ [440] Diejenigen, die Macht bekommen haben, müssen sich dessen bewusst werden und tun dies in Rachmanowas Darstellung, indem sie ihre Macht missbrauchen. Wer Macht hat, übt sie willkürlich aus, missbraucht sie etwa bei drastischen Gewaltexzessen.

Heute fand ich Einzelheiten über den Tod Wadims in einer Zeitung. […] Eine Rote Strafabteilung faßte sie und tötete sie nach entsetzlichen Martern. An Wadims Leiche waren Arme und Beine gebrochen, die Nase, die Ohren und die Zunge waren abgeschnitten und in die Augen Holzpflöcke eingetrieben. Auch die andern waren so verstümmelt. [353]

Es sind keine Bestien, die – vorgeblich – im Dienste bolschewistischer Ideen töten, sondern Rotarmisten. Machthaber vor Ort und Handlanger des Systems versuchen, sich als linientreue Kommunisten zu beweisen, indem sie Zukunfts- und Sozial-„Schädlinge“ beseitigen. In diesem Kontext ist die bei Rachmanowa geschilderte Hinrichtung des Staretz Grigori und der Popenfamilie zu sehen:

Auf den Befehl Gorbunows hat man den alten Staretz Grigori von der Insel im See hergebracht. Gorbunow hat beschlossen, dem Volke zu zeigen, daß seine Heiligkeit und seine Wunder nichts als ein ganz plumper Schwindel seien. Sie brachten ihn gefesselt, zu Fuß, und an seinem Hals hing ein langer Strick. Er wurde vor das Ispolkom geschleppt, eine riesige Menschenmenge sammelte sich an.

„Wenn du ein Heiliger bist“, sagte Gorbunow, „dann tu so, daß du nichts davon spürst, was wir jetzt mit dir machen werden!“ […]

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Vier Soldaten schlugen nun in die Erde einen zugespitzten Pfahl. Zwei packten den Staretz, hoben ihn empor und setzten ihn dann mit aller Macht auf die Spitze, daß sie tief in den Leib drang.

„Nein, halt, nicht so!“ brüllte Gorbunow. „Fester, der Pfahl muß ihm bis in den Magen gehen!“

Da packten sie ihn wieder, hoben ihn empor und stießen ihn wieder mit voller Wucht nieder. So taten sie noch einige Male, bis Gorbunow befriedigt war. Keinen einzigen Schrei hat der Staretz ausgestoßen, nur ganz leise hat er geseufzt.

„Nu, wenn du ein Heiliger bist und wenn dein Gott wirklich ist“, schrie Gorbunow, „warum hilft er dir denn nicht?“ […]

Am Tage ließ Gorbunow den Popen mit seiner Familie vor die Leiche des Staretz führen. Er wollte seinen Beweis, daß es keinen Gott gäbe, weiter führen. Der Geistliche und seine Frau wurden gebunden und auf eine Bank vor dem Pfahl gesetzt. Dann brachte man ihre Kinder, einen achtjährigen Knaben und ein dreijähriges Mädchen, herbei und erschlug sie vor den Augen der Eltern mit Kolbenhieben.

„Nu, bete, Popenschwein!“ schrie Gorbunow, der wieder schwer betrunken war. „Warum betest du denn nicht, daß er dich rette?“

Die Mutter stieß markerschütternde Schreie aus, dann fiel sie in Ohnmacht. Nach einiger Zeit band man die Eltern los und führte sie an den See. Dort packten sie die Soldaten bei den Beinen, steckten sie mit dem Kopfe in ein Eisloch, zogen sie wieder heraus und trieben das Spiel so lange, bis die Märtyrer kein Lebenszeichen mehr von sich gaben. [256f.]

Nicht nur die unzähligen Toten, sondern vor allem auch die unmenschliche Misshandlung der Leichen ist Ausdruck der entfesselten Moral und der Barbarei. Der Wunsch der Bolschewiken, den „Neuen Menschen“ hervorbringen zu wollen, wird damit in Studenten, Liebe, Tscheka und Tod nachgerade konterkariert. In Rachmanowas Anschauung setzen die Bolschewiken ihre Herrschaft mit Legalisierung von Gewalt und Verbreitung von Angst und Schrecken durch. Die Durchführung von Reformen und die Erfüllung von Plänen gehen einher mit drastischen Strafen für Andersdenkende und Unbeugsame: Ganze Dörfer werden ausgelöscht, wenn sie sich der Kollektivierung versagen, ganze Ethnien werden deportiert, wenn sie die Etablierung der neuen Ordnung gefährden, Millionen von Menschen werden ihrer Freiheit beraubt, um die Verbreitung der kommunistischen Ideologie zu sichern.28 Stefan Plaggenborg hat herausgearbeitet, dass der Stalinismus als „Modernisierungsdiktatur“ notwendigerweise ←417 | 418→Gewalt enthalten habe müssen.29 Dass die Sirenen der Fabrik immer wieder zu unmöglichen Zeiten heulen, erklärt sich die Ich-Erzählerin in Studenten, Liebe, Tscheka und Tod folgenderweise: „Ich glaube, die Towarischtschi wollen einfach die Bevölkerung in Angst und Schrecken halten.“ [245] Die Angst wird zudem zum Mittel, die Herrschaft der Bolschewiken zu nobilitieren, denn der Glaube an die Allmacht der neuen Ideologie soll den Glauben an Gott und die Autorität der Kirche ersetzen. Die Furcht vor Gott soll der Angst vor der Totalität des bolschewistischen Regimes weichen. In diesem Zusammenhang ist auch die Verfolgung der Kirche, das Verbot der Religion und die Ausrottung der christlichen Tradition zu sehen: Kommunismus ist die neue Religion, und Stalin der neue allmächtige Götze.30

4 Ideologie der (Selbst)Zerstörung

Die Trennung von Kirche und Staat (1918), die Konfiszierung des Kirchengutes (1922), das Verbot „religiöser Propaganda“ und religiöser Bildung (1929) sind nur einige Schritte des herrschenden Regimes, das sich zum Ziel gesetzt hat, das religiöse Leben in der Sowjetunion im Zeichen einer umfassenden Modernisierung auszulöschen.31 An eben diesen „Reformen“ übt Alja Rachmanowa Kritik, zum Beispiel im nachfolgenden Gespräch zwischen dem Geistlichen Alexander Ljuperssolski und einem Dozenten:

„Die Bolschewiken wollen einen Feldzug gegen die Kirche beginnen“, sagte er [der Geistliche]; „wird die Seele des russischen Volkes genügend Widerstand leisten? Man will die Religion als eine unnütze Lebensform abschaffen, man will die Kinder in atheistischem Geiste erziehen … […]“

„Bald wird es in den Kirchen leer sein“, meinte der Dozent; „ich habe gehört, die Bolschewiken wollen die Kirche vom Staat trennen.“ [246]

Mit der Zerstörung der institutionellen Grundlage für die Existenz religiöser Gemeinschaften ging der Kampf gegen das religiöse Bewusstsein einher, der in Form propagandistischer „Aufklärung“ ausgetragen wurde. Marx’ Postulat, ←418 | 419→Religion sei „das Opium des Volkes“, wurde bereits von Lenin beherzigt und im methodischen Vorgehen gegen die Kirche umgesetzt. Mit dem Tod des Patriarchen Tichon 1925 starteten die Bolschewiken einen regelrechten Feldzug gegen die Religion; zahllose Kirchengebäude wurden entweder zerstört oder für weltliche Zwecke umgewidmet, Geistliche in Arbeitslager verbannt. Die Revolutionäre bemächtigten sich religiöser Feste und richteten einen neuen Festkalender für die „Untertanen“ ein, indem neue Feiertage als Ersatz für religiöse zeitlich nah an diese positioniert wurden.32 Auch diese und andere Modernisierungsschritte gingen in die Geschichte als Kulturrevolution ein.

Ziel der Kulturrevolution war der „Neue Mensch“, und damit ein von der russischen Intelligenzija reaktivierter „frühchristliche[r]; Traum“.33 Mit seinem 2013 erschienenen Buch Der kollektive Gott hat Thomas Tetzner die Ideengeschichte des „Neuen Menschen“ in Russland vorgelegt.34 Der Mensch sollte frei, emanzipiert und ungebunden sein, keine Zwänge kennen und als die erste und letzte Instanz des Lebens fungieren. Außerdem war der Neue Mensch „ein Kämpfer, der seinen Körper stählte, der allen Widerständen trotzte, die die Natur bereithielt“.35 Er sollte ein autonomer Mensch sein, der mit der Herkunft und Tradition seiner Vorfahren brach, diese zu überwinden suchte und sich jeglicher Bindung, religiöser oder familiärer, entledigte. Seine Vergangenheit sollte er vergessen, sie auslöschen und nur an seine große kommunistische Zukunft denken. So wurde der Neue Mensch für das System verfügbar, konnte überwacht, manipuliert und im Dienste des Regimes instrumentalisiert werden. Die Idee des Neuen Menschen wurde nicht nur von Schriftstellern der Revolution wie Maksim Gor’kij, Nikolaj Černyševskij oder Aleksej Gastev enthusiastisch verbreitet, sondern vom Genetiker Valerian Murav’ёv und vom Psychotherapeuten Aron Zalkind als Arbeitsauftrag angesehen.36

Der erste Schritt zur Hervorbringung des neuen war die Zerstörung des „alten“ Menschen, die sich in Enthemmung manifestierte, in Pogromen, Plünderungen, Gewaltexzessen, die von Bolschewiken nicht nur geduldet, sondern als ←419 | 420→Wegfall der moralischen, religiösen, autoritären Hemm-Mechanismen gefördert wurden. „Im rechtsfreien Raum, ausgestattet mit revolutionärer Legitimation, entledigten sich die Täter jeglicher Hemmungen.“37 Dies wurde nicht als Verbrechen und Mord klassifiziert, sondern als ideologischer Kampf hingenommen. Deshalb etablierte sich das Bild vom roten Soldaten, der sich in Lebensverachtung, Zähigkeit, Gewandtheit, Kraft und Ausdauer übte. Seine Bestimmung war zu töten und getötet zu werden: „So schrieben sich die Bolschewiki freilich auch in das Gedächtnis der Untertanen ein: als Männer der Gewehre, die, wo sie in Erscheinung traten, Tod und Verderben brachten.“38

Alja Rachmanowa hat in ihren Büchern bereits vor dem Zweiten Weltkrieg den Blick darauf gelenkt, wie der Mensch nicht nur Gott, sondern sich selbst entfremdet und in ein kontrolliertes und instrumentalisiertes Wesen verwandelt wird. Ihre Tagebuchaufzeichnungen enthalten das Psychogramm der Menschen auf beiden Seiten des bolschewistischen Systems: der Machthaber und der Opfer. Dabei wird der utopische Gehalt der Idee vom Neuen Menschen ohne Schwächen und Beschränkungen deutlich. Sie schildert enthemmte Menschen, die wie in Ekstase plündern, erniedrigen, töten – „normale“ Menschen, wohlgemerkt, keine Bestien, die auch das Gewalttätige und Mörderische in ihrem Mensch-Sein vereinbaren:

Bei uns wohnt ein Mensch, auf dessen Seele so viele Morde liegen! Das entsetzliche aber ist, daß er eigentlich kein Ungeheuer ist. Wenn er es wäre, wäre es weniger schrecklich. Er ist mit uns höflich, mit seiner Frau zärtlich. Nach dem Dienst sitzt er stundenlang mit ihr auf dem Sofa und hält sie zärtlich umschlungen. Dabei singt er leise irgendein melancholisches Lied. Er liebt sehr die Musik, zu den Tieren fühlt er eine wahre Leidenschaft. Unsere Katzen trägt er stundenlang auf den Knien und streichelt sie. Geld gegenüber ist er vollständig gleichgültig, er ist beinahe arm gekleidet. […] Und doch hat er so viele Menschen getötet und unmenschlich gemartert. [305f.]

Rachmanowas Bücher fokussieren das, was den Historikern mitunter entgeht: Emotionen und Stimmungen, Widersprüche und Dilemmata der Menschen, die vom Bolschewismus ‚verführt‘ worden sind. Ihre Protagonisten sind nicht in Schwarz-Weiß gezeichnet, sondern als dynamische Figuren konzipiert, die jedoch in ihrer Zeit und Umgebung gefangen sind. Ihre Ich-Erzählerin installiert Rachmanowa als eine Instanz der Vernunft und Moral: Eigenschaften, die der Kommunismus dem Neuen Menschen abgenommen hat.39 Dies führte zur ←420 | 421→Inhumanität, Erbarmungslosigkeit und Barbarei, die den Umgang der Menschen untereinander prägen. Unsicherheit, Angst, Missgunst, Habgier, Niedertracht bemächtigen sich der Menschen, machen sie verletzlich und angreifbar: „Wir sprechen immer nur im Flüstertone, denn wir fürchten, selbst in den gleichgültigsten Gesprächen könnte man etwas Konterrevolutionäres finden.“ [305] Was Rachmanowa hier anspricht, gerät rasch zu einem perfiden Merkmal des Kommunismus und versetzt das ganze Land in Angst und Schrecken: Denunziationen. Baberowski bezeichnet Denunziation als eine Waffe, „mit der die Untertanen sich der Feinde des Alltags erwehrten, sie gab der Bevölkerung die Möglichkeit, den strafenden Arm des Staates für eigene Interessen zu instrumentalisieren.“40

Rachmanowa veranschaulicht, dass die Besessenheit von kommunistischen Überzeugungen Menschlichkeit und Humanität ausrottet. Die Machtergreifung der Bolschewiken wird als Untergang der Kultur dargestellt:

Der Russe wird – angenommen, daß sich die Träume der Bolschewiken erfüllen – vielleicht die größten Kraftwerke, die schnellsten Eisenbahnen und die meisten Aeroplane haben, aber er wird ein Tier sein. Das hundertprozentig durchtechnisierte Tier, das ist das Ideal, das denen vorschwebt, die jetzt den russischen „Menschen“ formen, indem sie „das Menschliche“ in ihm vernichten.41

Der technische Fortschritt des Bolschewismus wird um den Preis erreicht, dass das Geistige aufgegeben wird. Die Autorin bezeichnet den Sieg des Bolschewismus als Rückstand ihres Landes und als Gefahr für Andersdenkende:

Die Bolschewiken sind an der Macht. Es ist eine schwere Aufgabe, Prophet zu sein; aber ich glaube, der Tag, an dem die Bolschewiken die Macht in die Hand genommen haben, ist der Todestag der russischen Intelligenz. Wir müßten eigentlich unsere Siebensachen zusammenpacken und ins Ausland emigrieren. Hier in Rußland haben wir nichts mehr zu suchen. Oder es ist noch ein Ausweg … Sich mit der bolschewistischen Strömung vereinigen, sich geistig erniedrigen, vergröbern, geistig und physisch wieder zu Primitiven zu werden …“ [240]42

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Mit ihren Büchern legt Alja Rachmanowa ein regimekritisches, antibolschewistisches Russland-Narrativ vor, nicht nur vermittels der hier präsentierten Trilogie, sondern auch mit Ehen im roten Sturm (1932) und Die Fabrik des neuen Menschen (1935). Die einfache, emotional aufgeladene Sprache hat diesen Texten ein breites Publikum garantiert. Die anfangs offene Haltung ihrer Ich-Erzählerin den bolschewistischen Ideen gegenüber43 ermöglicht dem Leser Identifikation, die jedoch rasch in Ablehnung kippt. Diese wird durch die Figur von Griselda Nikolajewna potenziert und gipfelt im Schock über die beschriebenen Gewaltexzesse, über Grausamkeit, Mordlust und Willkür. Am Beispiel einzelner Schicksale fängt Rachmanowa die Tragödie des Roten Terrors ein. In ihren Protagonisten, allen voran in Griselda Nikolajewna, spiegelt sich die gescheiterte Idee des Neuen Menschen wider. Diese Figur wird zum Paradebeispiel für ein ‚degeneriertes‘ Frauenbild und zum Sinnbild des in bolschewistischer Gewalt versinkenden Russlands, das Alja Rachmanowa in ihren Büchern porträtiert hat.

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1 Wolfgang Kasack: Die russische Schriftsteller-Emigration im 20. Jahrhundert. Beiträge zur Geschichte, den Autoren und ihren Werken. München: Verlag Otto Sagner 1996, S. 24.

2 Zur Vita Rachmanowas vgl. N.N.: Alja Rachmanowa. Online unter: http://www.salzburg.com/wiki/index.php/Alja_Rachmanowa (letzter Zugriff: 12.3.2017); Renate Wagner: [Rezension v.] Ilse Stahr: DAS GEHEIMNIS DER MILCHFRAU VON OTTAKRING. Online unter: http://der-neue-merker.eu/ilse-stahr-das-geheimnis-der-milchfrau-in-ottakring (letzter Zugriff: 12.3.2017).

3 N.N.: Man schenkt wieder Bücher. Aus einer Umfrage bei Wiener Buchhandlungen. In: Reichspost (18.12.1932), S. 12.

4 Zit. bei: N.N.: [Annonce, o.T.]. In: Schönere Zukunft, Nr. 23/1931, o.S. [Beilage]. Für den Hinweis auf dieses Rezeptionsdokument danke ich Primus-Heinz Kucher.

5 Ilse Stahr: Das Geheimnis der Milchfrau in Ottakring. Alja Rachmanowa. Ein Leben. Wien: Amalthea Signum Verlag 2012, S. 13.

6 Es sei darauf hingewiesen, dass die Vielfalt der Formen des Tagebuches zur schwammigen Vorstellung über diese Textsorte beiträgt. Die Formen schwanken von hingeworfenen Kurznotizen oder Rohmaterial für eine geplante Autobiographie, das nur als Gedächtnisstütze dienen soll, über anekdotische Betrachtungen und Ereignis-Tagebücher zu kürzeren Zeitspannen (Kriegs-, Reise-, Bord-Tagebuch) bis hin zur essayistischen Meinungs- und Gewissenserforschung. Darüber hinaus zeichnet sich das Tagebuch durch hohe Subjektivität, Unausgewogenheit und Aufeinanderbezogenheit aus und kann nur bedingt als historisches Dokument betrachtet werden. Es enthält persönliche Aufzeichnungen der erlebten Ereignisse und dient der Selbstvergewisserung des Schreibers (vgl. Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur. Stuttgart: Alfred Kröner 2001, S. 808).

7 Hingewiesen sei beispielsweise auf Lili Körbers „Tagebuch-Roman“ Eine Frau erlebt den roten Alltag (1932); vgl. dazu den Beitrag von Walter Fähnders.

8 Vgl. Alja Rachmanowa: Auch im Schnee und Nebel ist Salzburg schön. Tagebücher 1942 bis 1945. Übersetzt und herausgegeben von Heinrich Riggenbach. Salzburg: Otto Müller Verlag 2015.

9 Florian Felix Weyh: Die Entzauberung der Alja Rachmanowa. Online unter: http://www.deutschlandradiokultur.de/russische-schriftstellerin-die-entzauberung-der-alja.1270.de.html?dram:article_id=323080 (letzter Zugriff: 31.08.2016).

10 Ebd.

11 Vgl. Stahr, Das Geheimnis der Milchfrau in Ottakring, S. 99f.

12 Nachlass von Alja Rachmanowa in der Kantonsbibliothek Thurgau, Signatur RACH A-1-C-1, ohne Seitenangabe. Neben dem Nomen „Geschäft“, das mehrmals in diesem Typoskript vorkommt, finden sich auch weitere deutsche Wörter, z.B. in: „Ah, imet unehelichnago rebenka takoje mucen’je!“, oder „Ottmar sdal swoi poslednii Bürgerowskii ekzamen s Auszeichnunhom.“

13 Simon Huber verzeichnet elf Russlandbücher – es dürften vermutlich mehr gewesen sein – in seiner Studie (vgl. Simon Huber: Orientierungsfahrten. Sowjetunion- und USA-Berichte der Weimarer Republik als Reflexionsmedium im Moderne-Diskurs. Bielefeld: Aisthesis 2014, S. 244f.).

14 Vgl. Heinrich Riggenbach/Roland Marti: На книге стоит „Александра Рахманова“, но это не моя книга. Eine Raubübersetzung und ihre Kritik. In: Patrick Sériot (Hg.): Schweizerische Beiträge zum XIV. Internationalen Slavistenkongress in Ohrid, September 2008. Frankfurt u.a.: Peter Lang 2008, S. 197–213, hier S. 198.

15 Vgl. ebd., S. 199.

16 Vgl. Peter Hauptmann: Altrussischer Glaube. Der Kampf des Protopopen Avvakum gegen die Kirchenreformen des 17. Jahrhunderts. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1963, S. 8f.

17 Peter Sloterdijk: Literatur und Organisation von Lebenserfahrung. Autobiographien der Zwanziger Jahre. München: Hanser 1978, S. 5f.

18 Klaus-Detlef Müller: Autobiographie und Roman. Studien zur literarischen Autobiographie der Goethezeit. Tübingen: Niemeyer 1976 (= Studien zur deutschen Literatur, Bd. 46), S. 339.

19 Vgl. Stefan Plaggenborg: Gewalt im Stalinismus. Skizzen zu einer Tätergeschichte. In: Manfred Hildermeier (Hg.): Stalinismus vor dem Zweiten Weltkrieg. Neue Wege der Forschung. München: R. Oldenbourg Verlag 1998, S. 193–209, hier S. 193–196.

20 Vgl. hierzu u.a.: Jörg Baberowski: Wandel und Terror. Die Sowjetunion unter Stalin 1928–1941. In: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas 43 (1995), S. 97–129; Barry McLoughlin/Kevin McDermott (Hgg.): Stalin’s Terror. High Politics and Mass Repression in the Soviet Union. New York: Palgrave Macmillan 2013; Robert Conquest: Der große Terror. Sowjetunion 1934–1938. München: Langen-Müller 1992; Stefan Plaggenborg (Hg.): Stalinismus. Neue Forschungen und Konzepte. Berlin: Verlag Spitz 1998.

21 Plaggenborg, Gewalt im Stalinismus, S. 193f.

22 Die in eckigen Klammern eingefügten Seitenangaben beziehen sich auf: Alja Rachmanowa: Studenten, Liebe, Tscheka und Tod. Tagebuch einer russischen Studentin. Salzburg: Verlag Anton Pustet 1931.

23 Plaggenborg, Gewalt im Stalinismus, S. 199.

24 Pars pro toto sei hier aus dem Brief der Kaiserin Hermine, Gattin des letzten deutschen Kaisers Wilhelm II., zitiert: „Ihr ergreifendes Buch verdient weiteste Verbreitung. Es ist ein erschütterndes Zeit- und gleichzeitig Seelengemälde, das mich auf’s Tiefste bewegt hat und da ich nach Kräften unter meinen Bekannten und Freunden zirkulieren lasse.“ (Zit. bei: Stahr, Das Geheimnis der Milchfrau von Ottakring, S. 233.)

25 Vgl. Natalia Shchyhlevska: Gender, Geschichte und Gewalt in der österreichischen Literatur russischer Migrantinnen. In: Aussiger Beiträge, Nr. 8/2014, S. 85–101, hier S. 89f.

26 Alja Rachmanowa: Ehen im roten Sturm. Tagebuch einer russischen Frau. Salzburg: Verlag Anton Pustet 1932, S. 245.

27 Vgl. Baberowski, Der rote Terror, S. 106.

28 Vgl. dazu u.a.: Robert Conquest: Stalins Völkermord. Wolgadeutsche, Krimtataren, Kaukasier [The Nation Killers; üs. v. Peter Aschner]. Wien: Europaverlag 1984; Julie A. Cassiday: The Enemy on Trial: Early Soviet Courts on Stage and Screen. DeKalb, IL: Northern Illinois University Press 2000; Sergej P. Melgunov: Krasnyj terror v Rossii 1918–1923. Berlin: OEZ-Verlag 2009.

29 Vgl. Plaggenborg, Gewalt im Stalinismus, S. 201f.

30 Vgl. auch: Alja Rachmanowa: Die Fabrik des neuen Menschen. Salzburg: Anton Pustet 1935. Rachmanowas Schilderungen korrespondieren durchaus mit historischen Forschungen wie beispielsweise: Stefan Plaggenborg: Revolutionskultur. Menschenbilder und kulturelle Praxis in Sowjetrussland zwischen Oktoberrevolution und Stalinismus. Köln: Böhlau 1996.

31 Vgl. dazu u.a.: Christoph Gassenschmidt/Ralph Tuchtenhagen (Hgg.): Politik und Religion in der Sowjetunion 1917–1941. Wiesbaden: Harrassowitz 2001.

32 Vgl. Baberowski, Der rote Terror, S. 101.

33 Ders.: Der neue Mensch ist eine ziemlich alte Angelegenheit. In: Frankfurter Allgemeine [18.09.2013]. Online unter: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/sachbuch/thomas-tetzner-der-kollektive-gott-der-neue-mensch-ist-eine-ziemlich-alte-angelegenheit-12579863.html (letzter Zugriff: 31.08.2016).

34 Vgl. Thomas Tetzner: Der kollektive Gott. Zur Ideengeschichte des „Neuen Menschen“ in Russland. Göttingen: Wallstein Verlag 2013.

35 Baberowski, Der rote Terror, S. 97.

36 Vgl. Tetzner, Der kollektive Gott.

37 Baberowski, Der rote Terror, S. 125.

38 Ebd., S. 98.

39 Zum veränderten Menschenbild vgl. u.a. Nicolas Werth: Ein Staat gegen sein Volk. Gewalt, Unterdrückung und Terror in der Sowjetunion. In: Stéphane Courtois, Joachim Gauck, Ehrhart Neubert (Hgg.): Das Schwarzbuch des Kommunismus – Unterdrückung, Verbrechen und Terror. München: Piper Verlag 2004.

40 Ebd., S. 118.

41 Alja Rachmanowa: Ehen im roten Sturm. Tagebuch einer russischen Frau. München: [Paul List] 1979, S. 244.

42 Eine ähnliche Vision des durch die Bolschewiken verschuldeten geistigen Verfalls in Russland findet sich auch in Ehen im roten Sturm: „Es wird bald die Zeit kommen, in der solche Bücher, wie Sie sie hier aufgestapelt haben, in Rußland so unverständlich sein werden wie eine Beethovensonate einem Zulukaffer. Politik, Technik und Medizin, das sind die einzigen Wissensgebiete, die übrigbleiben werden. In fünfzig Jahren wird der Russe der unkultivierteste Mensch sein, der auf der Erde existiert, er wird hinter dem Australneger rangieren.“ (Ebd., S. 244.)

43 In den Tagebucheinträgen vom November 1916 notiert Alja den Verlauf der Studentenversammlungen, zu denen sie von Griselda Nikolajewna mitgenommen wurde. Als diese sich vor der Polizei verstecken muss, überzeugt Alja ihre Eltern, Griselda Zuflucht in ihrem Haus zu gewähren [vgl. 68f.]. Außerdem engagiert sich Alja in der Studentenschaft, indem sie Wohnungen für Studenten sucht und Nachhilfestunden organisiert [vgl. 23].