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Die Ethik der Widersetzlichkeit

Theoretische und literarische Transformationen der Antigone

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Ines Böker

Von der Antike bis in die Gegenwart partizipiert die Antigone an disparaten Denkmodellen geschlechtlicher, verwandtschaftlicher und ethisch-moralischer Konzepte. Aus literatur-und kulturwissenschaftlicher Perspektive betrachtet, lassen sich die Konstruktionen dieser Konzepte kritisch hinterfragen. Ines Böker untersucht die Entstehungsmöglichkeiten, Wandlungsprozesse und (kritischen) Implikationen von Antigone-Transformationen in dem Spannungsfeld der vielschichtigen theoretischen und literarischen Rezeptionsgeschichte. Trotz unterschiedlicher Positionen enthüllen die Untersuchungen der Antigone-Transformationen das, was die Antigone selbst aktiv gestaltet: Die Ethik der Widersetzlichkeit.

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3. Theoretische Transformationen in Judith Butlers Antigone’s Claim

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3.1 Judith Butlers ‚kinship trouble‘

In Judith Butlers Studie Antigone’s Claim: Kinship Between Live And Death wird die sprachliche Handlungsmacht Antigones zum zentralen Aspekt einer Beleuchtung der Konzepte von Geschlecht und Verwandtschaft in der sophokleischen Antigone. So sieht Butler in der sophokleischen Antigone „wie ihre [Antigones] Sprache sich ganz paradox der Sprache Kreons nähert, der Sprache der souveränen Macht und Handlung“. (JBA 19) Butler zeigt, welche Brisanz Antigones performativer Sprechakt annimmt und welche der Sprache inhärenten subversiven Möglichkeiten so für das Verhältnis von Sprache und Macht zu denken sind. In Unbehagen der Geschlechter bestimmt Butler ganz grundsätzlich für die Sprache und ihr subversives Potential, dass die Sprache zu den „konkreten kontingenten Praktiken und Institutionen“ gehört, „die durch die Wahl der Individuen aufrechterhalten werden und daher durch das kollektive Handeln der Individuen geschwächt werden können.“236 Performativität gilt Butler als Konvergenzpunkt verschiedener Überlegungen innerhalb der Diskussion um (Geschlechts-)Identität, die über die repräsentative Funktion der Sprache hinauszugehen trachten und sich auf die konstitutive Funktion der Sprache richten, um so die Mechanismen performativer Hervorbringung von (Geschlechts-)Identität herauszustellen und zu unterlaufen.237 In ihrer Relektüre der sophokleischen Antigone arbeitet sie verschiedene Aspekte (transgressiver) geschlechtlicher Verortungen heraus:

Interessanterweise geraten Antigones Handlung der Beerdigung wie ihr Akt verbalen Ungehorsams zu Anlässen, bei denen sie vom Chor, von Kreon und den Boten als „männlich“ bezeichnet wird. Kreon, empört über Antigones Ungehorsam,...

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