Show Less
Open access

Il ʻpensiero per immaginiʼ e le forme dell'invisibile / Das ‚Denken in Bildern‘ und die Formen des Unsichtbaren

Atti del Convegno Internazionale Cagliari 7–9 marzo 2018 / Akten der Internationalen Tagung Cagliari 7.–9. März 2018

Series:

Edited By Laura Follesa

Questo libro è un volume bilingue e di carattere interdisciplinare che raccoglie i contributi di 14 studiosi sul tema del „pensare per immagini" analizzato da diverse angolazioni (storia della cultura, della filosofia e della scienza, estetica, letteratura e antropologia). Con l’espressione "pensiero per immagini" (o pensiero visuale), si intende una particolare modalità di pensiero, alternativa e complementare al pensiero logico e astratto che già in epoca moderna tra XVII e XVIII secolo aveva attirato l’attenzione di filosofi e studiosi. Nel presente lavoro verranno analizzati sia la storia del concetto che il suo significato culturale e sociale nell’ambito discussioni scientifiche più recenti.

Dieses zweisprachige und interdisziplinäre Buch sammelt die Beiträge von 14 Spezialisten, die das Thema „Denken in Bildern" aus verschiedenen Perspektiven (Kultur-, Philosophie- und Wissenschaftsgeschichte, Ästhetik, Literatur und Anthropologie) untersuchen. Das „Denken in Bildern" (oder „Bilddenken") ist eine besondere Denkform, alternativ und ergänzend zu logisch-abstraktem Denken, die schon Autoren im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert erforscht haben. Der Begriff „Denken in Bildern" wird durchforscht, mit dem Ziel, seine Geschichte und seine kulturelle und soziale Bedeutung bis zum gegenwärtigen Stand der Diskussion zu erklären.

Show Summary Details
Open access

Laura Follesa: Einführung zum Thema ‚Denken in Bildern‘: Ein interdisziplinärer Forschungsweg

←8 | 9→

Laura Follesa

Einführung zum Thema ‚Denken in

Bildern‘: Ein interdisziplinärer Forschungsweg

Möglichkeiten eines Denkens ‚in Bildern‘, also auf andere Weise als die logische, abstrakte Art, wenn auch nicht unbedingt im Gegensatz dazu, sind in letzter Zeit erneut zum Gegenstand wissenschaftlicher Debatten geworden, gerade auch aufgrund neuer Untersuchungen über die Rolle der Sensibilität, der Einbildungskraft und der Emotionen für das menschliche Wissen. ‚Denken in Bildern‘ bedeutet in der Tat, sich auf eine andere Grundlage zu beziehen als die, die durch intellektuelle Konzepte gebildet wird: Bilder, die sowohl als mentale Darstellungen und, in einem weiteren Sinne, körperliche Empfindungen zu verstehen sind, als auch als materielle Darstellungen, Symbole, Objekte, auf die wir im Denken verweisen. Aber es bedeutet auch, die Möglichkeit eines Denkens einzugestehen, das nicht den Kriterien des logisch-konsequenten Denkens folgt, sondern Assoziationen und Analogien, Ähnlichkeiten, ja sogar Vorschläge und Kombinationen, die oft unlogisch sind, heranzieht. Was in Träumen geschieht, ist ein unmittelbares Beispiel dafür; der Verstand kann unterschiedliche Elemente überlagern, die aus verschiedenen Erfahrungen stammen, aber diese Elemente werden auf eine ganz andere Weise überarbeitet als das, was im bewussten und sogenannten ‚rationalen‘ Denken geschieht. Dichter, Künstler oder alle diejenigen, in denen eine starke Einbildungskraft wirkt, tendieren dazu, sich eher ‚in Bildern‘ als durch Logik auszudrücken. Sie bieten damit eine gute Gelegenheit, imaginäres und kreatives Denken zu verstehen.

Dennoch zeigt ein genauerer Blick auf unser tägliches Handeln, dass das ‚Denken in Bildern‘ nicht nur mit Dichtungen, Träumen und kindlichen Phantasien zu tun hat, sondern alle Momente des menschlichen Lebens, heute wie in der Vergangenheit, betrifft. Es geht dabei um Gedankenbilder, Träume, Bildsprache, die Funktion des Sehens im kognitiven Prozess und die visuelle Kultur: Alle diese Themen führen auf das ‚Denken in Bildern‘ zurück. Das Thema ist nicht aus der aktuellen Reflexion hervorgegangen, sondern hat eine lange Geschichte; es kann seit der Antike verfolgt werden.

Der in diesem Band skizzierte Weg beschränkt sich jedoch darauf, die Neuzeit bis zur Gegenwart zu erfassen, um diese Fragen sowohl aus historischer und theoretisch-problematischer Sicht als auch aus einem breiten Spektrum disziplinärer Perspektiven zu vertiefen. Von der Geschichte der Philosophie ←9 | 10→bis zur Wissenschaftsgeschichte, vom Studium religiöser Traditionen bis zur Gelehrsamkeit, von der Literatur bis zur Sprachanalyse, von der Rhetorik bis zur Metaphorik, von der Kunstgeschichte und der Ästhetik bis zur philosophischen Anthropologie, modernen Bio- und Neurowissenschaften und zeitgenössischen Kulturwissenschaften: In diesem Band wollen wir zeigen, wie das Thema ‚Denken in Bildern‘ sowohl ein außergewöhnliches theoretisches Potenzial als auch eine große Komplexität aufweist, die nur durch eine breit angelegte interdisziplinäre Forschung erhellt werden können.

Auf der Grundlage dieser Prämissen wurde im März 2018 an der Universität Cagliari (Italien) und in Zusammenarbeit mit der Friedrich-Schiller-Universität Jena (Deutschland) eine internationale und interdisziplinäre Konferenz organisiert, an der Wissenschaftler teilnahmen, die sich dem Thema ‚Denken in Bildern‘ nach ebenfalls deutlich voneinander entfernten Forschungsperspektiven verschrieben hatten. Aus dieser Zusammenarbeit sind neue Ideen und Anregungen für die Forschung mit heterogenen Methoden und manchmal unerwarteten thematischen Verflechtungen entstanden. Ständig im Mittelpunkt der Untersuchungen steht die Reflexion über grundlegende Begriffspaare: Text–Bild, Vernunft–Wahnsinn, Wissenschaft–Poesie, Verstand–Einbildungskraft, theoretisches Wissen–Lebenswerte. Zwischen allen diesen Begriffen gibt es keine notwendige Opposition; manchmal ergibt sich eine Konvergenz verschiedener Aspekte, die erst in ihrer Vereinigung dem kulturellen System Leben einhauchen und es uns ermöglichen, es in seiner Herkunft und Komplexität zu verstehen. Häufig ist genau das ‚Denken in Bildern‘ ein ‚Mittel‘, um diese Gegensätzlichkeit zu verstehen. Die auf verschiedenen disziplinären Ebenen durchgeführte historische und theoretische Auseinandersetzung mit dem ‚Denken in Bildern‘ hat nicht nur neue Erkenntnisse, sondern vor allem neue Fragen zum Verständnis kultureller Prozesse und, ausgehend von Überlegungen der heutigen Gesellschaft, zur Zukunft des Menschen hervorgebracht. Dabei wurde deutlich, dass es unmöglich ist, die vielfältigen Potenziale dieses Themas unmittelbar auszuschöpfen. Vielmehr sticht die Erkenntnis hervor, dass die vorliegende Arbeit nur einen Teil der möglichen Forschungsrichtungen und Perspektiven abbildet, die notwendigerweise durch weitere Untersuchungen auch auf andere Fachgebiete und spezifische Themenkerne ausgedehnt werden müssen.

Dieser Band beginnt mit dem Verhältnis zwischen Text und Bild und mit Hans-Jürgen Schraders Analyse der emblematischen Literatur und ihrer Rezeption im 17. und 18. Jahrhundert, bis zur Goethezeit. Die Tradition der Emblembücher, die ihren Ursprung in der Renaissance und in einem typisch italienischen Kontext mit führenden Persönlichkeiten wie Andrea Alciato, Autor der sehr bekannten Emblemata (1531), hatten, verbreitete sich über verschiedene Kanäle ←10 | 11→in ganz Europa und zeigte ihre große Wirksamkeit gerade wegen der Rolle einer Kombination von Texten und Bildern. Schraders Beitrag berücksichtigt insbesondere, wie leicht sich die Botschaft verändern konnte, die durch die Embleme, Symbole und Bilder vermittelt wird. In der europäischen Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts wurden viele Embleme aufgenommen und wiederverwendet, in Bereichen, die sich oft völlig von den ursprünglichen unterscheiden. Es wird gezeigt, wie diese Embleme aufgrund ihrer evokativen Kraft und engen Verbindung zwischen Spiritualität und Sensibilität Verwendung finden. Sie verbreiten sich von der ‚heidnischen‘ Produktion auch in religiöse Bereiche, und zwar sowohl bei den Jesuiten als auch in der pietistischen Tradition. Das Paar der ‚Amoretti‘ (oder Putten), welches die geistliche und sinnliche Liebe vorstellt, bewährt seine kommunikative Kraft sowohl im Heidnischen und Sinnlichen als auch im Religiösen und Spirituellen. Die Pia Desideria des Jesuitenpaters Hermann Hugo, die 1624 erstmals in Antwerpen veröffentlicht wurden und Illustrationen von Boetius à Bolswert enthalten, stellen einen exemplarischen Fall dar, der aufgrund seiner suggestiven Bedeutung leicht die Grenzen unterschiedlicher Konfessionen überschreitet. Die Allegorie spielt eine bedeutende Rolle nicht nur unter Katholiken, sondern auch in der protestantischen Kultur, bei Lutheranern, Calvinisten, Pietisten und Mystikern (man denke an die deutsche Rezeption des Werkes von Madame Guyon), wie auch in der künstlerisch-literarischen Produktion Goethes im späten 18. Jahrhundert.

Das Verhältnis von Text und Bild erweist sich nicht nur in der Barockliteratur als propädeutisch-pädagogisch fruchtbar, sondern auch in emblematischer, esoterischer oder begrifflicher Erweiterung der Sinnhorizonte. Francesca Maria Crasta geht insbesondere auf die Bedeutung der Bilder für den neapolitanischen Philosophen Giambattista Vico ein, ausgehend von einigen Überlegungen zum Titelbild seiner Scienza Nuova (Die Neue Wissenschaft, 1730 und 1744). Die Komplexität des zu Beginn des Bandes dargestellten Gemäldes offenbart die Verflechtung von Bildern – scheinbar den einfachsten Kommunikationsmitteln – und den damit verbundenen philosophischen und metaphysischen Konzepten und bietet eine ideale Gelegenheit, über das Verhältnis zwischen den verschiedenen Denkmodi und der Wichtigkeit von Bildern und Einbildungskraft nachzudenken. Zwischen Vernunft und Phantasie, zwischen Konzept und Bild wirkt kein klarer Gegensatz, vielmehr werden der Wert und die Notwendigkeit beider für das menschliche Wissen bestätigt. Vico offenbart sich so als Theoretiker des ‚Denkens in Bildern‘ durch seine Analyse der Funktion der Bilder in der Geschichte der Menschheit. Er bietet eine Reflexion, die die kulturellen Manifestationen der antiken oder der sogenannten ‚wilden‘ Völker (der Bewohner Amerikas, auf die man damals mit wachsender Neugierde schaute) mit dem ←11 | 12→kindlichen Denken verbindet, ohne jedoch seine Unterlegenheit gegenüber dem rationalen Denken zu verringern. Vicos Ansichten erscheinen in vielerlei Hinsicht ähnlich denen Johann Gottfried Herders, die später in diesem Band diskutiert werden.

Die Aufmerksamkeit auf die Einbildungskraft als eigentümliche Fähigkeit des Menschen war nicht nur bei einem singulären Autor wie Vico lebendig, sondern durchdrang die gesamte europäische philosophische Debatte des 17. und 18. Jahrhunderts. Ein vielfältiges Panorama von Wissenschaftlern und Gelehrten befaßt sich mit diesem Thema, ausgehend vom kartesischen Denken und seinen Wirkungen in Philosophie und Physiologie. Und gerade in Italien wird die Debatte über die Phantasie durch die kontinuierliche Auseinandersetzung mit französischen Autoren (Descartes, Malebranche) oder englischen (Willis, Locke) in ihren neugierigsten und kontroversesten Facetten dargestellt. Andrea Lamberti untersucht im dritten Essay dieses Bandes die Rolle der Phantasie in den Werken von Lodovico Antonio Muratori wie Filosofia morale (Moralphilosophie, 1735) und La forza della fantasia (Die Kraft der Phantasie, 1745) und vertieft seine Untersuchung durch den Vergleich mit einigen Quellen von Muratori, wie Thomas Fienus und Prospero Lambertini (der zukünftige Papst Benedikt XIV.) und vor allem Nicolas Malebranche. Muratoris Werk hebt den wichtigsten philosophischen Kern hervor, der die Reflexion über die Imagination charakterisiert, nämlich die Frage nach der Beziehung zwischen der Seele und den Aktivitäten des Körpers. Wie Lamberti zeigt, reflektierte Muratori insbesondere über die pathologischen Zustände und die verschiedenen Arten von abergläubischen Überzeugungen, in denen die außerordentliche ‚Kraft der Phantasie‘ am deutlichsten zu erkennen ist.

Wenige Jahrzehnte später lieferte ein anderer Denker, Jean-Jacques Rousseau, neue Anregungen, die gegen Ende des Jahrhunderts zu einer Neubewertung der Einbildungskraft in ihrer Beziehung zur Vernunft führten. Die Protagonisten dieser neuen Kultur im Europa der späten Aufklärung sind, wie Albert Meier in seinem Essay zeigt, deutsche Autoren wie Karl Philipp Moritz und Johann Gottfried Herder. Mit diesen Autoren begann ein Neubewertungsprozess des Mythos, der das Bedürfnis einer ‚neuen Mythologie‘ erbrachte. Damit beschäftigen sich sowohl Herder selbst als auch kurz darauf Romantiker wie die Brüder Schlegel oder Novalis und später Persönlichkeiten wie Richard Wagner und Friedrich Nietzsche. Auf dieser Basis betont Meier eine gewisse Kontinuität zwischen Aufklärung und Romantik anhand der Aufmerksamkeit, die Autoren wie Moritz und Herder der Welt der mythologischen Bilder schenken, die in der Spätaufklärung in vielerlei Hinsicht Stimmen darstellen, die mit den Befürwortern einer ‚reinen Vernunft‘ nicht in Einklang stehen.

←12 | 13→

Johann Gottfried Herder betonte, dass das ‚Denken in Bildern‘ keine Besonderheit einer bestimmten Kategorie von Menschen sei (Kinder, Dichter oder Menschen mit starken Leidenschaften), da alle Menschen, darunter auch Philosophen, Wissenschaftler und Befürworter eines ‚reineren‘ rationalen Denkens, darüber verfügen. Herder richtete seine Kritik vor allem gegen Kant und die Kantianer und versuchte, die Inkonsistenz eines rein abstrakten und a priori-Denkens zu zeigen. Seine Bemühungen wurden jedoch nicht ausreichend anerkannt; im Vergleich zu seinem alten Meister Kant erwiesen sich seine Positionen als wenig wirksam: Sie bedürfen noch heute einer Neuauslegung. In einer neuen Arbeit von Ralf Simon und Ulrich Gaier, Bild und Begriff (2010), wird die Beziehung zwischen Kant und Herder durch die Analyse des Begriffs ‚Schema‘ erforscht. Es handelt sich dabei um ein komplexes, aber grundlegendes Konzept der Kantischen Philosophie. Dementsprechend werden sowohl die Berührungspunkte als auch gleichzeitig die unvermeidlichen Brüche zwischen den beiden Autoren aufgesucht. Die Unterscheidung zwischen diesen Autoren bleibt bestehen; aber trotzdem kann man auch bei Kant ein Interesse für Bilder und Einbildungskraft erkennen, die für Herder so wichtig wurden.

In seinem Essay bespricht Andreas Schmidt den Schema-Begriff von Kant und zeigt seine große Nähe zum Begriff des ‚Denkens in Bildern‘. Dieser Begriff, so Schmidt, gewinnt seine Bedeutung, wenn wir ein Konzept verwenden wollen, und stellt daher ein Element der Verbindung zwischen der transzendentalen Philosophie und ihrer möglichen konkreten Anwendung dar. Dies zeigt sich deutlicher in der ästhetischen Reflexion, in der die Rolle der Imagination und des ‚Schematismus‘ insbesondere im Bildungsprozess einer ästhetischen Idee auftritt.

Die Beziehung zwischen Subjekt und Objekt oder auch, mit anderen Worten, zwischen dem Bild oder der mentalen Repräsentation, die das Subjekt von einem Objekt und dem Ding oder dem Objekt selbst hat, gewinnt eine besondere Funktion zum Verständnis post-kantianischer Philosophien. Faustino Fabbianelli beschäftigt sich mit diesem unverzichtbaren Problem der deutschen klassischen Philosophie und des Idealismus und richtet seine Aufmerksamkeit auf die Repräsentationstheorie (Versuch einer neuen Theorie des menschlichen Vorstellungsvermögen, 1789) Karl Leonhard Reinholds und die Wissenschaftslehre Johann Gottlieb Fichtes in ihren verschiedenen Neuauflagen. Fabbianelli erklärt, dass Reinholds Hauptziel darin bestand, die Inkonsistenz der These zu zeigen, dass das Bild nur eine bloße ‚Kopie‘ des Originals, d. h. der Sache, sei. Danach zeigt er, dass bei Fichte eine noch ausgefeiltere Version desselben Problems zu finden ist, die gleichzeitig die Loslösung von der Kantischen transzendentalen Philosophie und vom Hegelschen entwickelten nicht-transzendenten Idealismus ←13 | 14→markiert. Fichte – so Fabbianelli – hatte ein neues originelles Konzept von ‚Vorstellung‘ entwickelt, das nicht mit dem äußeren Objekt verbunden war (das Konzept der ‚Dinge an sich‘ wird von Fichte abgelehnt), sondern mit dem Bild selbst. Fichte behauptete nicht nur – wie Reinhold –, dass die Vorstellung keine Kopie eines äußeren Objekts ist, sondern auch eine starke ‚produktive‘ Fähigkeit des wissenden Subjekts.

Fichtes Denken war ein Ziel der Polemik Herders, der sich in den letzten Jahren seines Lebens immer mehr einer heftigen Kontroverse gegen alle Formen von Idealismus und Transzendentalismus verschrieben hatte. Insbesondere in seinem letzten großen Werk, der Zeitschrift Adrastea, finden wir die Namen seiner theoretischen ‚Gegner‘ zwar explizit nicht, aber unverkennbar macht er sie dort wiederholt zum Ziel seiner Angriffe. Unter Berücksichtigung des kurzen Essays über den Visionär Emanuel Swedenborg, der 1802 im sechsten Heft der Zeitschrift veröffentlicht wurde, zeigt Laura Follesa die Gründe auf, warum Herder den ‚Fall Swedenborg‘ erneut untersuchte. Herder exhumierte den alten Kantischen Vergleich zwischen den Träumen von Visionären und den Träumen von Metaphysikern und kehrte die Auswirkungen zum Nachteil Kants selbst und seiner Nachfolger um. Follesa behauptet, dass im Swedenborg-Essay Herders Erkenntnistheorie und ihr grundlegender Unterschied zu jeder Art von Empirie oder Rationalismus explizit gezeigt wird. Herder bekräftigte die Notwendigkeit einer Wiedervereinigung der verschiedenen Fähigkeiten der Menschen, d. i. ihrer spirituellen Wirksamkeit mit dem Körper, die zuerst von Descartes und dann auch von der idealistischen Philosophie als unvereinbar aufgefasst wurde. Die Ablehnung eines rein abstrakten Menschenbildes und das Bedürfnis einer Reflexion des konkreten Netzwerks von Beziehungen zwischen Innen und Außen, Materialität und Spiritualität, die den Menschen charakterisieren, begründet Herder über den Begriff eines harmonischen und angemessenen Ganzen; nur dieser ermögliche ein ‚wahres‘ Wissen. In seinem Essay über Swedenborg erklärte Herder sein Konzept des ‚Denkens in Bildern‘ und bestimmte es als besondere Form von Wissen, die sich nie ganz von der sinnlichen Tätigkeit löst und zwangsläufig diskursives und konzeptionelles Denken begleiten muss. Auch der Verstand selbst kann ohne Phantasie und ohne ‚Bilddenken‘ nicht richtig wirken. Wurzeln dieser Ideen finden sich auch in vorangehenden Schriften Herders, wie z. B. im 1778 veröffentlichten Essay Vom Erkennen und Empfinden der menschlichen Seele, der bereits die grundlegenden thematischen Kerne von Herders Erkenntnistheorie enthält, die später in der Adrastea wiederaufgenommen wird.

Herders Schriften von den siebziger bis zu den letzten Jahren des 18. Jahrhunderts zeigen am deutlichsten die Bedeutung mentaler Bilder und bildlicher ←14 | 15→Sprache für sein Denken. Werke wie die bekannte Abhandlung über den Ursprung der Sprache (1774), der bereits erwähnte Essay Vom Erkennen und Empfinden der menschlichen Seele, oder Vom Geist der Hebräischen Poesie (1782–1783) und der spätere Essay Über Bild, Dichtung und Fabel von 1787, dienen Liisa Steinby als Ausgangspunkt für die Auseinandersetzung Nietzsches mit dem Denken Herders. Bildern, Metaphern und Symbolen als ‚Vermittler‘ zwischen sinnlichem und geistigem Wissen bieten in vielerlei Hinsicht Berührungspunkte zwischen Herder und Nietzsche. Trotzdem ist es notwendig, so Steinby, die Differenz zwischen Herders Auslegungen und Nietzsches Reflexionen zu markieren. In der Tat behaupten beiden Autoren, dass die Sprache und ihre Bilder ihren sinnlichen Ursprung oft unbewusst verbergen, ohne den der Mensch kein Mensch sein könnte. Trotzdem scheint die Kluft zwischen den beiden unüberwindbar, wenn man die unterschiedliche historische Periode, in der sie operierten, betrachtet.

Diese Bemerkung eröffnet den Weg für weitere Überlegungen, die Andrea Orsucci in seinem Beitrag zu den Konzepten von ‚Wert‘ und ‚Weltanschauung‘ durchführt. In seiner ausführlichen begriffshistorischen Rekonstruktion betrachtet Orsucci ein sehr breites Zeitspektrum von über einem Jahrhundert, das mit Herder einsetzt und bis zu deutschen Denkern des frühen 20. Jahrhunderts reicht: Wilhelm Dilthey und Heinrich Rickert. Zusammen mit Kant, der zuerst das Wort ‚Weltanschauung‘ verwendete, dient Herder wieder einmal als Ausgangspunkt mit seiner neuen Idee von Menschheit und als Anreger von Themen, die in den Lebensphilosophien an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert von grundlegender Bedeutung wurden. Orsucci legt dar, dass die Geschichte des Wortes ‚Weltanschauung‘ einem gewundenen Weg folgte und sich an einem bestimmten Punkt mit der des ‚Wertes‘ (z. B. in Friedrich Nietzsches Reflexion) kreuzte, was seine Bedeutung zwangsläufig verzerrt und von ihrem ursprünglichen Sinn abgelenkt hat. Die Auseinandersetzung mit den Schriften einiger deutscher Autoren des 19. Jahrhunderts, von Ludwig Feuerbach bis Eugen Dühring und Nietzsche, erlaubt Orsucci, die verschiedenen Phasen dieser konzeptuellen ‚Metamorphose‘ des Begriffs ‚Weltanschauung‘ zurückzuverfolgen, bis er zu seiner weitesten Bedeutung (fast ‚modisch‘, wie Martin Heidegger sagte) in den Debatten des frühen 20. Jahrhunderts führte. Dies verdeutlicht den tiefen Zusammenhang zwischen Ideen, Bildern, Interpretationen auf der einen Seite und ‚Weltsinn‘, Lebensstilen und Werten auf der anderen Seite, die unter dem Begriff ‚Weltanschauung‘ zusammengefasst sind.

Zwischen den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts und den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts sind die Verflechtungen, der Austausch und die wechselseitigen Anregungen zwischen den verschiedenen Disziplinen keine Seltenheit, sondern die Grundlage für eine gewisse Lebendigkeit bei der Entwicklung neuer ←15 | 16→Ideen und Konzepte. So waren in Deutschland in der Zeit 1880–1930 die figurativen Künste und die ästhetische Reflexion besonders sensibel und empfänglich für die neuen Entwicklungen in den Biowissenschaften. Stefano Poggi hebt vor, wie die Konzepte von ‚Organismus‘, ‚Form‘, ‚Formation‘ für die ästhetischen Diskussionen der Zeit besonders fruchtbar waren. Sehr oft wurde auf Goethes naturwissenschaftliche und ästhetische Forschungen hingewiesen – z. B. dank der Vermittlung von Autoren wie Rudolf Steiner – und dieser zum Ausgangspunkt für einen fruchtbaren Vergleich zwischen dem Prozess der Schaffung neuer Lebensformen und dem der künstlerischen Produktion genommen. Unter den Kunsthistorikern jener Zeit, die die Parallelität zwischen dem biologischen Bereich und dem künstlerisch-figurativen Prozess herausstellten, erwähnt Poggi Wilhelm Waetzoldt (Das Kunstwerk als Organismus, 1905) und thematisiert seine Idee des ‚biologischen Werts‘ der Kunst als Werkzeug zur Befriedigung von Leidenschaften und Gefühlen. Neben Waetzold konzentrieren sich viele Maler und Bildhauer wie Rudolph Czapek auf den ästhetischen Wert abstrakter Bildern, die nicht direkt mit Naturformen verbunden scheinen, aber ihre Stärke genau in den Konzepten von Form, Harmonie und Komposition haben, was vor allem in biologischen Formen sichtbar ist. Die Abstraktion repräsentiert keineswegs einen Bruch zwischen Menschen und der natürlichen Welt; sie scheint, im Gegenteil, etwas Unentbehrliches im künstlerischen Schaffen zu sein. Sie ist ihr eigentliches Kennzeichen, wie ein anderer deutscher Kunsthistoriker, den Poggi berücksichtigt, Wilhelm Worringer, 1908 erklärte. Einige Jahre später war diese Art von Argumentation für den jungen Paul Klee von Interesse, für den sich der Begriff des Organismus wieder einmal als grundlegendes Modell erwies, zu dem sich die Kunst inspirieren lassen muss, um ihre Schöpfungen ‚von innen heraus‘ zu gestalten.

Der Begriff ‚Bild‘, wie er sich aus den zahlreichen Beiträgen in diesem Band ergibt, kann daher nicht einheitlich verstanden werden, sondern ändert sich je nach disziplinärem Kontext, in dem er betrachtet wird, der historischen Periode, in der er gefasst wird, und der Verwendung, die die verschiedenen berücksichtigten Autoren daraus gemacht haben. Bettina Wahrig untersucht den sprachlichen Aspekt – auch aufgrund seiner grundsätzlichen Relevanz für die Denkweisen – in einem Beitrag, der sich auf die Rolle der Metapher in sehr unterschiedlichen Fachbereichen (Literatur, Philosophie, Wissenschaftsgeschichte bis hin zu aktuelleren theoretischen Debatten) konzentriert. Ziel des Aufsatzes ist die Vertiefung einiger der Metapher zuzuschreibender Funktionen (Systematik, Konstruktion, Kontingenz, Wiederholung), dank derer es möglich ist, ihre Bedeutung nicht nur in der Sprache, sondern auch in der Bildung realer Konzepte, d. h. in der Produktion von Ideen und Eindrücken, besser zu klären.

←16 | 17→

Die theoretische Untersuchung der Bedeutung von Begriffen, Konzepten, Bildern oder Metaphern, wie sie in den bisherigen Beiträgen erscheint, muss mit einer historischen Art der Rekonstruktion verknüpft werden und kann diese nicht völlig ignorieren. Historische Bezüge fehlen nicht in Björn Hambschs Beitrag, der ausgeprägter systematisch vorgeht und der ‚Rhetorik‘ als einer Disziplin nachspürt, die trotz ihrer erheblichen Veränderung im Laufe der Jahrhunderte immer das menschliche ‚Denken in Bildern‘ bewiesen hat. Die Spannung zwischen Bild und Sprache ist hier wieder einmal das Hauptobjekt der Untersuchung, wobei auch der Rolle des Gedächtnisses besondere Aufmerksamkeit entgegengebracht wird. Sowohl in der ‚klassischen‘ Rhetorik als auch in ihren jüngsten Entwicklungen und in ihren Anwendungen in anderen Wissensbereichen (Psychologie, Semiotik, Linguistik) manifestiert sich diese Disziplin in ihrer Fähigkeit, mentale Bilder zu erschaffen und diese als Vermittlung zwischen nicht-konzeptionellen, emotionalen und pragmatischen Bedeutungen und streng konzeptuellen Denkweise zu verwenden.

Aufgrund seiner engen Verbindung zu den pragmatischeren Aspekten des Lebens und zur Körperlichkeit – zwei Elemente, die in diesem Überblick über die Beiträge zu diesem Band bereits mehrfach hervorgehoben wurden – hat das Bilddenken eine wichtige Bedeutung in der philosophisch- anthropologischen Forschung erlangt, die sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelte und auch heute noch von hoher Relevanz ist. Michele Cometas Beitrag bietet einen interessanten Einblick in die Beziehung zwischen Imagination und Erinnerung. Er nimmt Arnold Gehlens Ideen und Begriffe wieder auf, um sie mit der zeitgenössischen Forschung zu vergleichen: Die anthropologische Perspektive lässt daher die neuesten Beiträge auf dem Gebiet der Neurobiologie und Kognitionswissenschaften nicht außer Acht. Der Input für Cometas Untersuchung wird durch einen Beitrag von Siri Hustvedt aus dem Jahr 2011 geboten; Cometa reflektiert über die Konzepte von ‚Hiatus‘ und ‚Entlastung‘, zwei theoretische Kategorien, die auf Gehlen zurückgehen und sich im Lichte modernerer Studien als entscheidend für die Untersuchung der Prozesse der Entstehung von ‚Bildern‘ erweisen. Ohne eine Hiatus, d. h. ohne einen ‚leeren Raum‘, und ohne Entfernung zwischen dem Bewusstsein und der objektiven Erfahrung, würden weder Bilder und Emotionen noch Erinnerungen stattfinden. Auf der Grundlage dieser Überlegungen zeigt Cometa die Möglichkeit einer biopoetischen Wissenschaft, einer Disziplin, in der das philosophische und poetische Denken auf die biologischen und kognitiven Wissenschaften trifft.

Die Beziehung zu den Bildern bildet einen wesentlichen Bestandteil für die Definition der eigenen Identität der Menschen und der menschlichen Kultur. ←17 | 18→Federico Vercellone untersucht im letzten Essay dieses Bandes genau diese Probleme; er erinnert an die außergewöhnliche Fülle an Bildern, die in unserer Gesellschaft dem Menschen zur Verfügung stehen und mit einer ‚bulimischen‘ Haltung gegenüber ihnen einhergehen. Die ständige Gegenwärtigkeit von Bildern beschädigt unsere Fähigkeit, die Vergangenheit einzubeziehen, und beeinträchtigt den Prozess der Historisierung. Diesen Herausforderungen zu begegnen, denen sich die heutige Gesellschaft täglich zu stellen hat, bedeutet daher, sich mit dem Status der Bilder selbst, ihrer Rolle im täglichen Leben, bei der Entwicklung des Denkens und unserer kulturellen Identität auseinenderzusetzen.