Show Less
Restricted access

Der Massenmensch zu Beginn des 20. Jahrhunderts

Ein diskursgeschichtlicher Vergleich zur deutschen und spanischen Literatur

Series:

Charlotte Jestaedt

Die Studie befasst sich mit der Frage, welche Wissensstrukturen in Bezug auf das Phänomen der Masse in Deutschland und Spanien vor den faschistischen Regimes präsent waren. Mit ihrer diskursanalytisch und komparatistisch angelegten Untersuchung zeigt die Autorin, dass die Spannungen zwischen Individuum und Masse sowohl für den wissenschaftlichen als auch für den literarischen Diskurs konstitutiv waren. Sie arbeitet die Querbezüge zwischen der Masse-Semantik in theoretischen Texten und in Kriegs- und Großstadtromanen heraus. Dabei rücken kulturraumübergreifende und kulturraumspezifische Ausprägungen sowie die Frage nach einem möglichen transnationalen spanisch-deutschen Diskurs in den Blick

Show Summary Details
Restricted access

III. Masse und Individuum im wissenschaftlichen Diskurs

III. Masse und Individuum im wissenschaftlichen Diskurs

Extract

Aufgrund seiner wachsenden Bedeutung wurde das Phänomen der Masse in den Wissenschaften im Europa des beginnenden 20. Jahrhundert rege diskutiert. Vor dem bereits erwähnten Le Bon und seinem Essay Psychologie des foules von 1895176 widmeten sich Alexis de Tocqueville mit De la démocratie en Amérique (1864), Hippolyte Taine mit Les origines de la France contemporaine (1876–1894), Gabriel Tarde mit Les Crimes des foules (1892) sowie in Italien Scipio Sighele mit La folla deliquente (1891) der Thematik.177 Diese Vorreiter werden von Le Bon, wenn überhaupt, nur am Rande erwähnt und dabei vielfach missbilligt, obwohl viele ihrer Thesen in Psychologie des foules wiederkehren. Als rechtmäßiger Begründer der Massenpsychologie, als der sich Le Bon in Szene setzt, kann er deshalb nicht bezeichnet werden.178 Seine Katalysatorfunktion für ←73 | 74→den modernen europäischen Diskurs wurde hier jedoch bereits angedeutet und soll im Folgenden durch den Vergleich zu anderen Beiträgen bestätigt werden.

Psychologie des foules besteht aus drei großen Kapiteln, die die Seele der Masse, ihre Meinungen und Glaubenslehren sowie eine Einteilung in verschiedene Masse-Arten beinhalten. Der Verfasser nimmt eine psychologische und charakterologische Untersuchung der Masse vor und bewertet diese mit ihren Eigenschaften insgesamt sehr negativ. Die Februarrevolution 1848 und die Pariser Kommune 1971 waren für ihn Ausdruck einer neu entstandenen Massenherrschaft, die ihm als konservativem Intellektuellen des Bürgertums widerstrebte. Er betrachtete seine Gegenwart deshalb kulturkritisch und strebte mit seiner antidemokratischen Haltung ein totalitäres, cäsaristisches System an....

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.