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Autorschaft und Schuld in der Nachkriegsprosa von Hans Erich Nossack

Konstruktion von Subjektivität zwischen Existenzphilosophie und Postmoderne

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Katharina Gefele

Hans Erich Nossacks Nachkriegsprosa verhandelt die Frage, welche Form des Sprechens angesichts einer unmenschlichen (Kriegs-)Realität gerechtfertigt ist. Im Fokus der Analysen stehen daher der Zusammenhang von Autorschaft und Schuld und die autofiktionale Auseinandersetzung mit den Themen Tod, Entfremdung und Liebe nach 1945. Nossacks Konstruktion von Subjektivität wird im biographischen und historischen Kontext betrachtet und auf theoretischer Ebene zwischen existenzphilosophischer Selbstsuche und postmoderner Subjektkritik verortet. Dieser Ansatz bietet neue Zugänge für Nachkriegsautoren/innen wie Alfred Andersch, Peter Weiss und Ingeborg Bachmann an. Die Autorin zeigt, dass sich in Nossacks Literatur zentrale moderne Subjektdiskurse um Freiheit, Schuld und Erinnerung kreuzen.

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4 Autorschaft und Schuld bei Hans Erich Nossack

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4.1 Autorschaft und Tod – Interview mit dem Tode

Die Auseinandersetzung mit dem Tod ist ein zentrales Thema in Nossacks Werk und hängt unmittelbar mit der Frage nach seiner eigenen Autorschaft zusammen. Das (Künstler-)Dasein während des Nationalsozialismus versteht Nossack als ein falsches und „lebenloses Leben“1 – der Tod wird daher einerseits als Bedrohung und andererseits als mögliche Befreiung verstanden. So beschreibt er die biographische Erfahrung der Bombardierung Hamburgs 1943 sowohl als schmerzhaften als auch als befreienden ‚Untergang‘ der Vergangenheit, der einen wichtigen Ausgangspunkt seines literarischen Schaffens darstellt.2 Doch auch frühere Texte, wie das 1942 veröffentlichte Gedicht Ein Mädchen spricht zum Tod3 zeugen von einer anhaltenden Auseinandersetzung Nossacks mit dem Thema Tod. Das Motiv des Todes erhält in seiner Literatur eine Mehrfachbedeutung, die die Frage nach Autorschaft und Ästhetik angesichts einer todbringenden Welt aufwirft.

„Tod als Geheimnis des Lebens“4 stellt für den Autor als letzte Grenze des Lebens, des Wissens und der Sprache ein unlösbares Rätsel dar.5 Zugleich wird das Bewusstsein um die Endlichkeit als ein zentrales anthropologisches Kriterium betrachtet.6 In der Existenzphilosophie stellt die Auseinandersetzung mit der Grenzsituation des Todes die Bedingung des existentiellen Selbstseins dar. Und die Modernekritik erhebt den Vorwurf, dass der Mensch den Zugang zum ←123 | 124→Todesbewusstsein verloren habe, sei es durch Totalisierung, Enteignung oder Verdrängung des Todes.7 Für die Literatur nach 1945 stellt sich die Frage: Wie lässt sich angesichts des Zivilisationsbruchs der Tod...

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