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Professionelles Schreiben in mehreren Sprachen

Strategien, Routinen und Sprachen im Schreibprozess

Series:

Sabine E. Dengscherz

Wie schreiben professionelle Schreiber*innen? Wie passen sie ihre Strategien, Routinen und sprachlichen Ressourcen situativ an? In 17 Fallstudien wird Mustern und Zusammenhängen in Schreibprozessverläufen mehrsprachiger Schreiber*innen nachgegangen: 13 Studierende und 4 Wissenschaftler*innen haben Schreibsessions im Real life writing mit Screen-Capturing-Software aufgezeichnet und in Interviews über ihre Sprach(en)- und Schreibbiographien Auskunft gegeben. Auf der Cross-Case-Analyse dieser 17 Fallstudien basiert das PROSIMS-Schreibprozessmodell, das die spezifischen Einflussfaktoren und dynamischen Wechselbeziehungen in Schreibsituationen konzipiert und visualisiert. Es wird durch eine umfassende interdisziplinäre Diskussion einschlägiger Fachdiskurslinien kontextualisiert.

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Zur Einführung

Was ist das Professionelle am professionellen Schreiben? Wie funktioniert professionelles Schreiben im Kontext von Mehrsprachigkeit? Welche Anforderungen müssen dabei bewältigt werden, welche Herausforderungen ergeben sich für individuelle Schreiber*innen? Welche Strategien haben erfolgreiche Schreiber*innen entwickelt, um Herausforderungen beim Schreiben zu meistern? Wie unterscheiden sich diese Strategien individuell und situativ? Diese Fragen – fokussiert auf Schreiben in akademischen Kontexten – bilden den Kern meiner explorativen Untersuchung. Im Zentrum stehen Schreibprozessabläufe von Wissenschaftler*innen und Studierenden, die anspruchsvolle Texte in ihrem Studium bzw. ihrem Beruf verfassen: „focused writing“ im Sinne von Hicks/Perrin (2014: 237 – und nicht nur „writing by-the-way“).

Mehrsprachiges Arbeiten gehört im Wissenschaftsbetrieb zum Alltag: Studierende und Wissenschaftler*innen lesen Fachtexte in unterschiedlichen Sprachen, je nach disziplinärem und beruflichem Kontext verfassen sie auch selbst Texte in einer Fremd- oder Zweitsprache (L2). Die Fähigkeit, funktionierende Texte in mehreren Sprachen verfassen zu können, ist sowohl im Bildungssystem als auch in vielen beruflichen Kontexten höchst relevant. Strategien und Routinen für erfolgreiche Textproduktion können über Bildungskarrieren entscheiden. In der Internationalisierung der Universitäten spielt Mehrsprachigkeit eine wichtige Rolle, die allerdings bislang noch wenig thematisiert wird (vgl. Hu 2018: 370), und wenn, dann hauptsächlich in Bezug auf die steigende Bedeutung des Schreibens in der Lingua franca Englisch (vgl. Jakobs 1997a: 24, Mocikat 2007: 135, Kruse 2012: 9).

In meiner Untersuchung berücksichtige ich Schreiben in den Zielsprachen Deutsch, Englisch, Französisch und Ungarisch1 und fokussiere auf einer Metaebene auf Anforderungen und Herausforderungen in spezifischen Schreibsituationen sowie auf Strategien und Routinen, mit denen individuelle Schreiber*innen darauf ‚antworten‘. Die Mehrsprachigkeitsperspektive bietet bei dieser prozessorientierten Untersuchung doppeltes Erkenntnispotential: Zum einen zeigt sich, wie mehrsprachige Schreiber*innen ihre individuellen sprachlichen Repertoires bei der Textproduktion (in einer L2) einsetzen, und zum anderen ergibt sich dadurch ein differenzierterer Blick auf das Schreiben selbst – sowie auf heuristische und rhetorische Anforderungen (und Herausforderungen), die dabei zu bewältigen sind. Als heuristisch verstehe ich dabei jene Ebene des Schreibens, die auf Erkenntnisprozesse abzielt, als rhetorisch jene, die auf die Textgestaltung fokussiert (für eine ausführliche Erläuterung siehe Abschnitt 3.3.1.1.).

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Professionelles Schreiben („professional writing“) ist ein mehrdeutiger Begriff und wird – auf Deutsch wie auf Englisch – in unterschiedlicher Bedeutung gebraucht: Es kann Schreibexpertise bezeichnet werden oder berufliches Schreiben. Dabei wird professionelles Schreiben aus verschiedenen Perspektiven betrachtet: Aus einer Kontextperspektive erscheint es als Schreiben im Beruf, aus einer Perspektive der Schreibentwicklung, der Schreibkompetenzen oder der Anforderungen werden hingehen bestimmte Qualitätsmerkmale des Schreibens in den Blick genommen. Zuweilen wird „professionelles Schreiben“ als Gegenstück zum „intuitiven Schreiben“ gesehen (vgl. Trappen 2003: 171ff).

Ich verstehe professionelles Schreiben als erfolgreiche Textproduktion, als effizientes Schreiben, das auf einem reichen Erfahrungsschatz aus unterschiedlichen Schreibaufgaben und Domänen aufbaut und in dem Schreibroutinen und Schreibstrategien flexibel und gezielt eingesetzt werden, um verschiedenartige Schreibaufgaben unterschiedlicher Domänen erfolgreich zu lösen. Professionelles Schreiben ist also mehr als berufliches Schreiben, auch wenn es in der Regel in beruflichen Kontexten verankert ist oder sich an beruflichen Kontexten orientiert. Diese Sichtweise entspricht weitgehend der Konzeption professionellen Schreibens am ZTW und wird auch von Studierenden geteilt (vgl. Dengscherz/Steindl 2016: 183f).

Transkulturelle Kommunikation ist ebenfalls ein mehrdeutiger Begriff: Das Verhältnis von Transkultureller Kommunikation und Translation lässt sich aus einer Doppelperspektive verstehen: Einerseits kann ‚Transkulturelle Kommunikation‘ auf einer gesellschaftlichen Ebene – als ein Überbegriff gebraucht werden (vgl. Kaiser-Cooke 2004: 113), der unterschiedliche Formen von Kommunikation bezeichnet, die zwischen verschiedenen Diskursgemeinschaften und/oder Disziplinen stattfindet und ‚Kulturgrenzen‘ überschreitet bzw. auflöst. Andererseits kann ‚Transkulturelle Kommunikation‘ – aus einer prozess- oder kompetenzorientierten Perspektive – als ein Teilaspekt von Translation betrachtet werden, der bei der professionellen Zieltextgestaltung mitberücksichtigt werden muss (vgl. Cooke/Dengscherz 2019 und Dengscherz/Cooke i.V.).

Die Grenzen zwischen professionellem Schreiben und Translation sind fließend. Wo sie gezogen werden, hängt zu einem guten Teil davon ab, wie weit oder eng Translation gefasst wird. Während Schreiben sich auf schriftliche Textproduktion bezieht, bezieht Translation weitere Formen der Textproduktion mit ein. Schwieriger ist die Abgrenzung im Hinblick auf den Umgang mit Ausgangstexten und Mehrsprachigkeit. So kommt etwa intralinguale Translation (vgl. Jakobson 1959) ohne sprachkontrastives Arbeiten aus, professionelles Schreiben hingegen oft nicht ohne Ausgangstext.

Professionelles Schreiben, transkulturelle Kommunikation und Translation haben eine ‚Familienähnlichkeit‘ im Wittgenstein’schen Sinn: Wer in mehreren Sprachen professionell schreibt, muss sich mit ähnlichen Fragen beschäftigen wie professionelle Übersetzer*innen (vgl. Dam-Jensen/Heine 2013 und Schrijver et al. 2014). Dazu gehören die Organisation von Handlungsschritten in verschiedenen Textsorten und Sprachen, textstrukturelle Merkmale (die für manche Textsorten stark formalisiert sind, für andere offener) oder syntaktische Präferenzen für ←32 | 33→bestimmte kommunikative Situationen (vgl. Kvam 1996: 125f). Der Professionalitätsaspekt spielt in der Translation eine ebenso wichtige Rolle wie im professionellen Schreiben, auch im Hinblick auf die damit verknüpften sozioökonomischen Faktoren und Bedingungen der Auftragserfüllung (vgl. Kaiser-Cooke 2004: 15). Professionelles Schreiben in mehreren Sprachen ist eine Aktivität in der Transkulturellen Kommunikation und eine Fähigkeit für Transkulturelle Kommunikation. Dementsprechend spielt es in der Translationsdidaktik eine wichtige Rolle.

In meiner Untersuchung gehe ich in den meisten Fallstudien von translationsdidaktischen Kontexten aus und fokussiere dabei auf das Schreiben. Im Mittelpunkt stehen unterschiedliche Arten von Schreibaufgaben, die Studierende und Wissenschaftler*innen erfüllen müssen: wissenschaftliches Schreiben im engeren Sinne (z.B. das Verfassen von Seminararbeiten und Fachartikeln) sowie die Produktion von Kurztexten mit professionellem Anspruch. Insbesondere wurden typische Schreibaufgaben aus dem BA-Studium Transkulturelle Kommunikation am Zentrum für Translationswissenschaft (ZTW) der Universität Wien miterfasst: Studierende schreiben hier neben wissenschaftlichen Hausarbeiten regelmäßig kurze Übungstexte mit professionellem Anspruch im Hinblick auf die Erfüllung von kommunikativer Funktion, Textsortenkriterien und Adressat*innen-Orientierung. Die Wissenschaftler*innen wiederum verfassten in den Fallstudien Fachartikel, Abstracts, Projektberichte oder Teile von Projektanträgen. Die explorativ angelegten Fallstudien spiegeln eine breite Palette akademischer Schreibaufgaben. Die Analyse umfasst damit Kurztextproduktionen, die in wenigen Schreibsessions zu bewältigen sind, ebenso wie die Produktion von komplexen Langtexten, für die Schreibprozessorganisation über einen längeren Zeitraum notwendig ist.

Es wird Real Life Writing untersucht, d.h. den Schreiber*innen wurden keine Aufgaben von der Projektleitung gestellt. Sie arbeiten an Texten, an denen sie auch ohne die Teilnahme am Projekt arbeiten würden. Die Analyse fokussiert auf den individuell und situativ unterschiedlichen Einsatz von Strategien und Routinen in Schreibprozessen und auf gewisse Muster im Zusammenspiel von individuellen Voraussetzungen und situativen Bedingungen. Das Material für die Analyse stammt aus 17 Fallstudien (mit 13 Studierenden und 4 Wissenschaftler*innen), die das Kernstück des FWF-Projekts PROSIMS (Strategien und Routinen für Professionelles Schreiben in mehreren Sprachen) darstellen. Zwischenergebnisse aus früheren Phasen des Projekts und zu einzelnen Aspekten aus ausgewählten Fallstudien wurden bereits publiziert (vgl. Dengscherz 2019a, b, 2018a, b, c, d, 2017a, b, c, 2016, 2015 sowie Dengscherz/Steindl 2016). Die vorliegende Monographie geht weiter in die Tiefe und präsentiert und diskutiert die wichtigsten Ergebnisse der Cross-Case-Analyse aller 17 Fallstudien aus dem Projekt und stellt sie in den Kontext aktueller Fachdiskussion.

Das Buch ist in neun Kapitel gegliedert: Kapitel 1 bis 4 sind der Diskussion von theoretischen Grundlagen und der Modellierung von Konzepten für professionelles Schreiben in mehreren Sprachen gewidmet, Kapitel 5 bis 9 der Analyse von individuellen Schreibpraxen der 4 Wissenschaftler*innen und 13 Studierenden in den Fallstudien. Die Anordnung der Kapitel von Grundlagen über Methoden ←33 | 34→zu empirischen Ergebnissen erfolgt thematisch aufbauend. In den ersten Kapiteln geht es hauptsächlich um die Verortung der Thematik im Fachdiskurs, in Kap. 3 stelle ich zudem meine eigene Theorie des professionellen Schreibens in mehreren Sprachen und das dreiteilige PROSIMS-Schreibprozessmodell vor.

Die Annäherung an professionelles Schreiben erfolgt über vier Grundperspektiven, die sich mit vier wichtigen Bereichen des professionellen Schreibens beschäftigen: dem Produkt (dem Text), der Entwicklung, dem Schreibprozess und der Mehrsprachigkeit. Daraus ergeben sich die ersten vier Kapitel:

Der Einstieg erfolgt über Überlegungen zum Handlungsraum Text. Dabei werden Anforderungen professionellen Schreibens in mehreren Sprachen aus der Produktperspektive erörtert. Die Reflexion erfolgt zunächst auf einer Metaebene und wird dann auf wissenschaftliches Schreiben und die Produktion von Kurztexten mit professionellem Anspruch fokussiert (Kap. 1).

Darauf aufbauend werden aus einer ontogenetischen Entwicklungsperspektive Wege zu dieser Schreibexpertise diskutiert. Bekannte Stufen- und Kompetenzmodelle aus der Schreibwissenschaft werden im Hinblick auf ihre Anwendbarkeit und Aussagekraft für die vorliegende Untersuchung analysiert. Besonderes Augenmerk wird auf das Verhältnis von Sprachkompetenz und professioneller Schreibkompetenz gelegt (Kap. 2).

Aus der Prozessperspektive werden aktualgenetische Wege zum Text in den Blick genommen. Im Spannungsfeld zwischen überindividueller Modellierung von Schreibprozessen und individueller und situativer Variation ist das PROSIMS-Schreibprozessmodell zu verorten, das Zusammenhänge zwischen Anforderungen, Herausforderungen und dem Einsatz von Strategien und Routinen im Schreibprozess visualisiert (Kap. 3).

Daran anschließend werden Handlungsräume diskutiert, die sich aus der Mehrsprachigkeitsperspektive ergeben: Ausgehend von Überlegungen zu Konzeptionen von ‚Sprache‘ und ‚Sprachen‘ werden mehrsprachige Handlungsräume beim professionellen Schreiben ausgelotet, im Hinblick auf Textgestaltung und hinsichtlich des Einsatzes individueller sprachlicher Repertoires im Schreibprozess (Kap. 4).

Im Übergang zu den ‚empirischen Kapiteln‘ werden zunächst die Forschungsmethoden und der methodologische Hintergrund der Untersuchung skizziert, diskutiert und evaluiert (Kap. 5). In den weiteren Kapiteln werden die in den ersten Kapiteln diskutierten Konzepte mit individuellen Schreibpraxen in konkreten Schreibsituationen verknüpft. Der explorative qualitative Fallstudien-Ansatz macht es möglich, sich Real Life Writing in seiner tatsächlichen Komplexität anzunähern und ein vielseitiges, plastisches Bild davon zu gewinnen. Die vier erwähnten Perspektiven werden wieder aufgegriffen und systematisch miteinander verknüpft:

Die Schreibsituationen in den Fallstudien werden integrativ aus der Produkt- und der Entwicklungsperspektive analysiert, es wird auf Anforderungen – und auf individuelle Herausforderungen – eingegangen. Dabei werden ←34 | 35→Anforderungen und Herausforderungen der Schreibaufgaben vor dem Hintergrund der Vorerfahrungen der Schreiber*innen sowie ihrer Herangehensweisen an das Schreiben beleuchtet (Kap. 6).

Aufbauend auf den in Kap. 6 identifizierten Anforderungen und Herausforderungen werden individuelle Schreibprozessverläufe verglichen und im Hinblick auf den Einsatz von Strategien und Routinen aus der Prozessperspektive analysiert (Kap. 7).

Aus der Mehrsprachigkeitsperspektive werden zunächst die Sprach(en)repertoires der 17 Proband*innen analysiert. Dies bildet die Grundlage für die explorative Untersuchung des Einsatzes von Sprache/n im Schreibprozess und in Zwischenprodukten auf dem Weg zum Zieltext (Kap. 8).

Schließlich werden die Analyseergebnisse mehrperspektivisch zusammengeführt: Die identifizierten Routinen und Strategien werden nach Zielen und situativen Bedingungen systematisiert und in ihrer Funktionsweise im Hinblick auf individuelle Voraussetzungen und situative Bedingungen diskutiert (Kap. 9).

Aus diesem Aufbau ergibt sich Schritt für Schritt die Integration unterschiedlicher Perspektiven in die Analyse. Dies soll – trotz der Komplexität der Thematik – Übersichtlichkeit und Lesbarkeit gewährleisten. Weiters soll ermöglicht werden, die Ergebnisse aus dieser Grundlagenforschung zum professionellen Schreiben in mehreren Sprachen für die Schreibdidaktik nutzbar zu machen: So bietet etwa die Zusammenstellung der Routinen und Strategien in Kap. 9 konkrete Anknüpfungspunkte für die individuelle Professionalisierung mehrsprachiger Schreiber*innen.

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1 Die Auswahl der Sprachen hat pragmatische Gründe: Es sind dies jene Sprachen, in denen ich selbst in der Lage bin, die Produktion eines anspruchsvollen Texts nachzuvollziehen und zu analysieren.