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Grammatik und Ideologie

Feminisierungsstrategien im Russischen und Polnischen aus Sicht der Wissenschaft und Gesellschaft

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Edited By Dennis Scheller-Boltz

Dieses Buch beleuchtet das Verhältnis von Grammatik und Ideologie im Russischen und Polnischen. Anhand der Regeln und Normen, die die sprachliche Darstellung von Geschlecht – insbesondere des weiblichen Geschlechts – bestimmen, illustriert der Autor, wie Sprachnormen durch Autoritäten festgesetzt werden, wie Sprachnormen über die Gesellschaft hinweg bestehen bleiben, aber auch wie Sprachnormen durch die Gesellschaft verändert werden können. Im Fokus stehen dabei die Fragen: Wie weit ist die Feminisierung des Russischen und Polnischen fortgeschritten? Welche sprachpolitischen und sprachplanerischen Maßnahmen werden gegenwärtig zur Gewährleistung einer geschlechtergerechten Sprache erhoben? Ist die russische und polnische Gesellschaft überhaupt offen für eine Feminisierung der Sprache? Es zeigt sich: Der Gebrauch sowie die Ablehnung von Feminativa beruhen auf Ideologien – ein Phänomen, dem für gewöhnlich sehr vorsichtig begegnet wird und das im Zusammenhang mit den in einer Gesellschaft vorherrschenden Standpunkten und Bewertungen diskutiert werden muss. Dabei spielen Feminativa im Russischen und Polnischen eine wesentlich größere Rolle als in der Regel gedacht. Feminativa sind auch nicht so ungewöhnlich, wie gemeinhin behauptet. Vielmehr lässt sich feststellen: Ideologien wirken sich auf die Normierung von Sprache und damit auf die Möglichkeiten aus, wie Sprache geschlechtergerecht gestaltet wird – oder eben nicht.

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5.3.2 Politische Korrektkeit und Antisexismus: Ein Blick auf Polen

5.3.2 Politische Korrektkeit und Antisexismus: Ein Blick auf Polen

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Am Ende bleibt nun zu sagen: Wenn Sexismus in Russland nicht erkannt und weiterhin geduldet wird, dann können eigentlich auch keine Vorwürfe erhoben werden, dass die Movierung bislang so wenig Produktivität aufweist. Es ist unter diesen Umständen dann auch nachvollziehbar, wenngleich durchaus sehr bedauerlich, dass dekonstruktivistisch angelegte Vorschläge zum Sprachwandel, wie sie jüngst von Andreevskich, Pershái und Sitnikova (2017) in einem Interview vorgelegt wurden (URL 3), abgelehnt werden. In Russland sind Normen weiterhin dominant (Archangel’ska 2011: 43, Bartsch 1985f). Die Auffassung, dass Movierungen nicht möglich oder unüblich seien, resultiert allein aus dieser Normhörigkeit und nicht aus dem Wissen darum, dass Movierung nicht vollzogen werden können.

[Я]зык является «социальным фактом» [...], то есть говорящий обязан подчиняться языковым правилам, которые нельзя изменять произвольно (Peršaj 2014: 29).

Letztendlich haben wir es hier nicht mit einer soziokulturellen Ideologie zu tun, sondern wir werden mit einer innerhalb einer bestimmten Gruppe etablierten Sichtweise mit ihren eigenen Werten und Vorstellungen konfrontiert, was Dijk (1998a: 36f) als group belief beschreibt. Denn zweifelsohne lassen sich auch im Russischen Feminisierungstendenzen beobachten, die Archangel’ska (2011: 155f) auf drei Faktoren zurückführt: Zum einen zeichne sich die russische Sprache seit langem durch allgemeine Demokratisierungsprozesse aus, welche unmittelbar eine Liberalisierung und Pluralisierung von Norm(en) herbeigeführt hätten. Zum anderen lasse sich ein starker Einfluss feministischer Ideen beobachten, die der stark verbreiteten Nutzung von z.B. канцлерша, партнерша, премьер-министерша, фотографиня oder поэтка den Boden ebneten. Drittens gebe es im Russischen eine offensichtliche Kollision von maskulinisiertem Usus und potenziel nutzbarer Femininität. Zukünftig könnte also...

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