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Grammatik und Ideologie

Feminisierungsstrategien im Russischen und Polnischen aus Sicht der Wissenschaft und Gesellschaft

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Edited By Dennis Scheller-Boltz

Dieses Buch beleuchtet das Verhältnis von Grammatik und Ideologie im Russischen und Polnischen. Anhand der Regeln und Normen, die die sprachliche Darstellung von Geschlecht – insbesondere des weiblichen Geschlechts – bestimmen, illustriert der Autor, wie Sprachnormen durch Autoritäten festgesetzt werden, wie Sprachnormen über die Gesellschaft hinweg bestehen bleiben, aber auch wie Sprachnormen durch die Gesellschaft verändert werden können. Im Fokus stehen dabei die Fragen: Wie weit ist die Feminisierung des Russischen und Polnischen fortgeschritten? Welche sprachpolitischen und sprachplanerischen Maßnahmen werden gegenwärtig zur Gewährleistung einer geschlechtergerechten Sprache erhoben? Ist die russische und polnische Gesellschaft überhaupt offen für eine Feminisierung der Sprache? Es zeigt sich: Der Gebrauch sowie die Ablehnung von Feminativa beruhen auf Ideologien – ein Phänomen, dem für gewöhnlich sehr vorsichtig begegnet wird und das im Zusammenhang mit den in einer Gesellschaft vorherrschenden Standpunkten und Bewertungen diskutiert werden muss. Dabei spielen Feminativa im Russischen und Polnischen eine wesentlich größere Rolle als in der Regel gedacht. Feminativa sind auch nicht so ungewöhnlich, wie gemeinhin behauptet. Vielmehr lässt sich feststellen: Ideologien wirken sich auf die Normierung von Sprache und damit auf die Möglichkeiten aus, wie Sprache geschlechtergerecht gestaltet wird – oder eben nicht.

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6 Gesellschaft und Identität in Russland und Polen

6 Gesellschaft und Identität in Russland und Polen

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Sprachpolitische Maßnahmen haben in Polen, dies zeigt v.a. der im Oktober 1999 erfolgte Erlass über das Gesetz zur polnischen Sprache (Ustawa o języku polskim), Tradition und bis heute einen sehr hohen Stellenwert (Lubaś 2009); v.a. aber genießen von Autoritäten getätigte Aussagen über einen korrekten Sprachgebrauch sehr hohes Ansehen, sodass bspw. Radio- oder Fernsehsendungen großen Einfluss auf die Gesellschaft ausüben (Ginter 2016: 73, Satkiewicz 1994: 22, vgl. auch Motschenbacher 2015a). Zwar sind Ratgeber nicht normschöpfend und nicht zwingend umzusetzen, da Sprachgebrauch in der Regel nicht gesetzlich vorgeschrieben ist, doch unterstützen sie bei der Verwendung eines angemessenen Sprachgebrauchs und haben daher vielmehr beratende Funktion (Ginter 2016: 88).

Es ist auffällig, dass stets auch Fragen zu geschlechtergerechter Sprache und zu Movierungsprozessen von Relevanz waren. Sie waren zwar nicht vordergründig relevant und auch nicht übermäßig frequent, dennoch haben Fragen zu einem ←239 | 240→gender-fairen Sprachgebrauch stets eine Rolle gespielt. Aufgrund der gegenwärtig kontinuierlich steigenden Frequenz von Feminativa sind Fragen zu sprachlicher Antidiskriminierung und zum legitimen Gebrauch femininer Personenbenennungen heute durchaus virulent. In Radio- und Fernsehsendungen werden Sprachwissenschaftler_innen sehr häufig dazu befragt; und auch die Polnische Sprachberatung wird immer öfter mit Fragen zum Gebrauch von Feminativa konfrontiert.

Das hier skizzierte Konglomerat aus unterschiedlichen Ereignissen und Einflüssen macht es nun notwendig, sich auch im Polnischen eingehender sprachpolitischen Maßnahmen zu widmen, die auf einen geschlechtergerechten und geschlechtsneutralen Sprachgebrauch abzielen. Zu unterscheiden gilt es dabei zwei Herangehensweisen:...

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