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Eine Geschichte des Verhältnisses von Literatur und Wahnsinn

Experimente jenseits der Sprache

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Rasmus Rehn

Geisteskrankheiten als «Pioniere des Fortschritts»? (K. Bayer)


Diese diskursanalytische Studie untersucht die Bedeutung und Funktion psychiatrischen Wissens in der Gegenwartsliteratur. Neben systematischen Analysen der Prosa-Werke einiger zeitgenössischer Autoren bietet diese Untersuchung auch einen historischen Überblick, der zeigt, wie stark die Gegenwartsliteratur von älteren Vorstellungen des Wahnsinns beeinflusst ist.

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2. Die Diskurse des Wahns: Rainald Goetz’ Blick auf die psychische Devianz

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2.1 Die Studentenrevolte und die Antipsychiatrie

Nach dem ausführlichen historischen Teil, in dem die verschiedenen Deutungen des Wahnsinns und der Zusammenhang zwischen poetischem und psychiatrischem Wissen behandelt wurden, soll nun der Literatur des späten 20. bzw. 21. Jahrhunderts die vollständige Aufmerksamkeit gelten. Man kann diese Zeit als einen weiteren Höhepunkt der ‚psychiatrischen Literatur‘ bezeichnen, da sich gerade in dieser Epoche psychopathologische Themen großer Beliebtheit erfreuten. Angesichts der Fülle des Materials musste hier eine Auswahl getroffen werden, die die wichtigsten Veröffentlichungen auf diesem Gebiet erfasst. Zunächst wird in einem ersten Teilkapitel der zeitgeschichtliche Kontext erläutert, der den Werken der vier behandelten Autoren zugrunde liegt.

Im Jahre 1978 bemerkte die amerikanischen Literaturkritikerin Shoshana Felman in einem Essay, dass das Phänomen des Wahnsinns derzeit alle wichtigen wissenschaftlichen Disziplinen beherrsche und die Literatur zu jenem Thema inflationär zunehme. Wahnsinn, so stellt sie fest, sei inzwischen zu einem „Gemeinplatz“ geworden.496 Doch wie kam es dazu, dass das Interesse am Wahnsinn erneut erwachte?

In der Tat erreichte die literarische Auseinandersetzung mit psychopathologischen Phänomenen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts einen neuen Höhepunkt. Davon zeugen zahlreiche literarische Prosawerke wie Heinar Kipphardts März (1976), Rainald Goetz’ Irre (1983), Thomas Hettches Ludwig muß sterben (1989) und Paulus Hochgatterers Über die Chirurgie (1993).497 Auffällig ist jedoch, dass das Thema „Geisteskrankheit“ ←153 | 154→nicht nur in der Literatur, sondern auch in vielen anderen Kontexten auftauchte...

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