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Subjekt und Liminalität in der Gegenwartsliteratur

Band 8.2: Schwellenzeit – Gattungstransitionen – Grenzerfahrungen; Sergej Birjukov zum 70. Geburtstag

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Edited By Matthias Fechner and Henrieke Stahl

Liminalität ist ein Signum der Gegenwart. Die neuere Literatur, insbesondere die Lyrik, nimmt seismographisch liminale Phänomene der Gegenwart wahr und bildet vielfältige liminale Formen und Funktionen aus. Zentral betroffen ist das sprechende Subjekt, das in Transition versetzt wird: Zersetzung, Auflösung, Fluidität, aber auch Transparenz und Transformation öffnen seine Grenzen zum Anderen: zu den Mitmenschen, der Natur oder auch der Transzendenz. Der vorliegende Band vereint Aufsätze, die Liminalität in Bezug auf Schwellenzeit als conditio historiae der Gegenwart, auf Gattungstransitionen und auf Grenzerfahrungen des Subjekts behandeln. Der Schwerpunkt liegt auf russisch- und deutschsprachigen Gedichten. Darüber hinaus werden weitere slavische und ostasiatische Literaturen einzeln und komparatistisch behandelt sowie andere Gattungen, intermediale Formen und philosophische Perspektiven einbezogen.

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„wir, alle, haben einen Ort verloren, den kein / anderer ersetzt“ – Lyrische Subjektivität und Globalisierung in der deutschen Lyrik des 21. Jahrhunderts

„wir, alle, haben einen Ort verloren, den kein / anderer ersetzt“ Lyrische Subjektivität und Globalisierung in der deutschen Lyrik des 21. Jahrhunderts

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Peter Geist (Berlin)

Dem Begriff „Globalisierung“ eignet eine ziemliche Umständlichkeit in der kommunikativen Handhabung: Obzwar in aller Munde, entzieht er sich wegen seiner Komplexität, Abstraktheit und jeweils interessengeleiteten semantischen Füllungen wirklichen Bedeutungsübereinkünften nur zu oft. „Globalisierung“ inkludiert mehr als nur die weltumspannenden Ströme von Waren, Daten, Kapital und Menschen, mehr als die immer dichtere Vernetzung von Wirtschaftseinheiten über Ländergrenzen hinweg. Weitere Stichpunkte sind: Entgrenzung, Virtualisierung, Vernetzung, ständige Transformation von Ordnungsmustern, von Raum-Zeit-Strukturierungen, Kontingenzerfahrungen, Relativierung regionaler und nationaler kulturspezifischer Werte sowie symbolischer Ordnungen.

Globalisierungsprozesse haben Ursachen und haben Folgen. Vor allem aber finden sie unter kapitalistischen Auspizien statt, also dem Primat von Profitinteressen vor gesellschaftlichen, was im Übrigen das Agieren des derzeitigen US-Präsidenten weniger irrational erscheinen lässt, als es viele Medien suggerieren. Was die Folgen betrifft, liegt es nahe, an dieser Stelle globalisierungskritische Denker wie Jean Ziegler oder Noam Chomsky ins Feld zu führen, allein ich möchte einen der weitsichtigsten Dichter unserer Zeit zu Wort kommen lassen. In seiner Dankesrede anlässlich der Verleihung des Kranichsteiner Literaturpreises 2009 wählt Gerhard Falkner als Thema „Dienen die Kapitalmärkte dem Menschen, dienen die Buchmärkte der Literatur?“ und führt aus:

Mithilfe der globalisierten Finanzmärkte sind während der Zeit unseres Zuschauens, unserer historischen Zeugenschaft also, Zustände möglich geworden, die nicht nur jede Verhältnismäßigkeit von Leistung und Besitz ins Ungeheuerliche verzerrt haben, sondern die allein durch ihr Vorhandensein und...

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