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Subjekt und Liminalität in der Gegenwartsliteratur

Band 8.2: Schwellenzeit – Gattungstransitionen – Grenzerfahrungen; Sergej Birjukov zum 70. Geburtstag

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Edited By Matthias Fechner and Henrieke Stahl

Liminalität ist ein Signum der Gegenwart. Die neuere Literatur, insbesondere die Lyrik, nimmt seismographisch liminale Phänomene der Gegenwart wahr und bildet vielfältige liminale Formen und Funktionen aus. Zentral betroffen ist das sprechende Subjekt, das in Transition versetzt wird: Zersetzung, Auflösung, Fluidität, aber auch Transparenz und Transformation öffnen seine Grenzen zum Anderen: zu den Mitmenschen, der Natur oder auch der Transzendenz. Der vorliegende Band vereint Aufsätze, die Liminalität in Bezug auf Schwellenzeit als conditio historiae der Gegenwart, auf Gattungstransitionen und auf Grenzerfahrungen des Subjekts behandeln. Der Schwerpunkt liegt auf russisch- und deutschsprachigen Gedichten. Darüber hinaus werden weitere slavische und ostasiatische Literaturen einzeln und komparatistisch behandelt sowie andere Gattungen, intermediale Formen und philosophische Perspektiven einbezogen.

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Tanikawa Shuntarōs Konstruktion eines Mythos von Menschwerdung und Sprachfähigkeit – Eine Lehrdichtung? Über die „Pseudo-Fragmente des Talamaika-Stamms“ („Taramaika gisho zanketsu“, 1978)

Tanikawa Shuntarōs Konstruktion eines Mythos von Menschwerdung und Sprachfähigkeit – Eine Lehrdichtung? Über die „Pseudo-Fragmente des Talamaika-Stamms“ („Taramaika gisho zanketsu“, 1978)

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Eduard Klopfenstein (Zürich)

Für mich soll jedes Gedicht eine kleine Offenbarung sein, eine Offenbarung nicht unbedingt Gottes, aber eine Offenbarung von etwas. Ich glaube, es gibt eine Welt der Poesie. Ich weiss nicht, wo sie ist. Aber jedes Gedicht soll darauf anspielen. Ich weiss, es klingt ein bisschen mystisch, oder? Ich bin überzeugt, dass die Poesie ontologisch existiert. Es gibt sie irgendwo. Und wenn man Gedichte schreibt oder Musik komponiert, ist das – wie die ganze Kunst – auch ein Versuch, eben die Tür zu dieser anderen Welt zu öffnen.

Adam Zagajewski1

1. Der Dichter als ‚Nicht-Ich‘

Neben den traditionellen Kurzgedichtformen Tanka und Haiku hat sich die moderne, freirhythmische Dichtung westlichen Stils in Japan seit dem Anfang des 20. Jahrhunderts fest etabliert und hat besonders nach dem Zweiten Weltkrieg, in den sechziger und siebziger Jahren, einen gewaltigen Boom erlebt. Unter den zahllosen Vertretern dieser zeitgenössischen Poesie profilierte sich Tanikawa Shuntarō (*1931) in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts als herausragende Dichterpersönlichkeit. Als er 1950 mit ersten Gedichten an die Öffentlichkeit trat, wurde er sogleich als Repräsentant einer jungen, zukunftsgerichteten Nachkriegsgeneration begrüßt, und im Verlauf der vergangenen siebzig Jahre errang er durch zahllose Gedichtbände und andere Publikationen eine Bekanntheit und Popularität in allen Bevölkerungsschichten, wie sie bis dahin kaum je einem Dichter der Moderne zuteil geworden ist.

Von allem Anfang an distanzierte er sich unbewusst vom Konzept der Lyrik als reiner Selbstaussage...

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