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Italienische Literatur im Spannungsfeld von Norm und Hybridität

Übergänge – Graduierungen – Aushandlungen

Edited By Barbara Kuhn and Dietrich Scholler

Traditionell gelten die Begriffe Norm und Hybridität in der Literaturwissenschaft als Gegensatzpaar: Normen, wie sie seit der Antike und bis in die Frühe Neuzeit in Regelpoetiken festgehalten oder anderweitig definiert sind, werden im historischen Prozess mittels Hybridisierungen auf verschiedenen Ebenen aufgeweicht oder gebrochen, so dass sich die Hybridität spätestens in der Epoche der Romantik als neue Norm durchsetzt. Dagegen zeigen die hier versammelten Studien, dass sich die italienische Literatur einer solch eindeutigen Zuordnung entzieht. Es zeichnet sich ein von intrikaten Graduierungen und entsprechenden Aushandlungsprozessen geprägtes Spannungsfeld ab, das auf die grundsätzliche Übergänglichkeit der literarischen Rede weist: Sie ist stets unterwegs zu dem, was sie meint.

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«Cosa significa oggi essere italiani?» Hybridität und Norm in Italienbildern von Immigration und Emigration in der Literatur der Gegenwart: (Eva-Tabea Meineke / Stephanie Neu-Wendel (Mannheim))

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Eva-Tabea Meineke / Stephanie Neu-Wendel (Mannheim)

«Cosa significa oggi essere italiani?» Hybriditätund Norm in Italienbildern von Immigrationund Emigration in der Literatur der Gegenwart

I. Einleitung und theoretische Zugänge

Kulturelle und politische Diversität zählt zu den grundlegenden Merkmalen des europäischen Leitgedankens, wie das Motto der EU «In Vielfalt geeint» prägnant ausdrückt. Die hier ausgerufene Koexistenz von Vielfalt und Einheit wird jedoch im Zuge anti-europäischer, nationalistisch und populistisch agierender Bewegungen, die mit ihrem Ruf nach abstrakten ‹Leitkulturen› Vielfalt den Kampf ansagen, zunehmend zur Disposition gestellt. Ein konstruktiver Umgang mit kultureller Hybridität in steter Auseinandersetzung mit nationalen Normvorstellungen1 ist in diesem Kontext stärker denn je gefordert. Entsprechend stellt sich zunächst die Frage nach den einzelnen ‹Nationalkulturen› selbst und ihrer auf nationaler Ebene erfolgenden Normierung.2 Das Beispiel Italiens zeigt – und dies belegt die seit Dante noch nicht zu Ende geführte ←217 | 218→questione della lingua auf eindrückliche Weise –, dass die Normierung, beispielsweise durch ein italiano standard, vergleichbar den wirtschaftlichen und politischen Einheitsbestrebungen, reduktionistischen Charakter hat und pragmatische Zwecke verfolgt, denen die Literatur seit Jahrhunderten zugearbeitet hat3 (vgl. u.a. Manzonis Rolle im Hinblick auf das Risorgimento). Allerdings lehrt die italienische Geschichte – beispielhaft für Europa –, dass die politische Einheit auch ex post intensiver kultureller Arbeit bedarf; dies illustrieren die ungebrochene Aktualität der questione meridionale und ihre Verhandlung in der aktuellen italienischen Literatur, wie auch im vorliegenden Beitrag ausgeführt wird.

Der Literatur spricht...

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