Show Less
Restricted access

Italienische Literatur im Spannungsfeld von Norm und Hybridität

Übergänge – Graduierungen – Aushandlungen

Edited By Barbara Kuhn and Dietrich Scholler

Traditionell gelten die Begriffe Norm und Hybridität in der Literaturwissenschaft als Gegensatzpaar: Normen, wie sie seit der Antike und bis in die Frühe Neuzeit in Regelpoetiken festgehalten oder anderweitig definiert sind, werden im historischen Prozess mittels Hybridisierungen auf verschiedenen Ebenen aufgeweicht oder gebrochen, so dass sich die Hybridität spätestens in der Epoche der Romantik als neue Norm durchsetzt. Dagegen zeigen die hier versammelten Studien, dass sich die italienische Literatur einer solch eindeutigen Zuordnung entzieht. Es zeichnet sich ein von intrikaten Graduierungen und entsprechenden Aushandlungsprozessen geprägtes Spannungsfeld ab, das auf die grundsätzliche Übergänglichkeit der literarischen Rede weist: Sie ist stets unterwegs zu dem, was sie meint.

Show Summary Details
Restricted access

Hybridität als Norm – Amara Lakhous und Igiaba Scego im Vergleich. Scontro di civiltà per un ascensore a piazza Vittorio (2006), Adua (2015): (Milan Herold (Bonn))

Extract

Milan Herold (Bonn)

Hybridität als Norm – Amara Lakhous undIgiaba Scego im Vergleich. Scontro di civiltàper un ascensore a piazza Vittorio (2006),Adua (2015)

οὐ γὰρ νόθους ἔδει ἅπτεσθαι, ἀλλὰ γνησίους.

(«Sie hätten nicht Bastarde sein sollen, sondern echte Abkömmlinge»)

Platon: Politeia1

Orientaliste: Homme qui a beaucoup voyagé.

Flaubert: Dictionnaire des idées reçues2

Italien hat eine reichere und historisch längere Migrationsliteratur als Deutschland. Die hier behandelten Gegenwartsautoren Igiaba Scego und Amara Lakhous lassen sich als Autoren der dritten Phase der Migrationsliteratur in Italien ansehen, d.h. sie publizieren bei renommierten Verlagshäusern, benötigen keine Übersetzer und sind (teils) Einwanderer der zweiten Generation, die eine eigene Poetik und komplexe Analysen von Kultur und Gesellschaft entwickeln, ←263 | 264→die ein breites öffentliches Publikum erreichen.3 Lakhous, der 1995 von Algerien nach Italien einwandert und 1999 seinen ersten Roman Le cimici e il pirata publiziert,4 spielt mit weiten kulturellen und literarischen Filiationen, ebenso wie Scego, die allerdings Italienerin in zweiter Generation ist und ihren ersten Roman entsprechend direkt auf Italienisch verfasst. Lakhous’ Roman setzt sich mit dem Mythos Italiens als europäisches Land, das sichere Arbeit und ein einfaches Leben verspricht, auseinander.5 Scegos Roman konzentriert sich stärker ←264 | 265→auf die öffentlich wenig aufgearbeitete geschichtliche Identität und koloniale Vergangenheit Italiens, die sich immer schon aus der Erfahrung von Hybridität und Migration speisen und einen «[c]ultural and linguistic métissage»6 darstellen.

Beide Werke werden...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.