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Gewaltdarstellungen in der Gegenwartsliteratur

Martin Becker

Physische Gewalt ist ein häufiges Motiv in der Literatur. Diese Publikation untersucht die wichtigsten Elemente von Gewaltdarstellungen in der Gegenwartsliteratur und ordnet sie im ersten Teil typologisch. Der zweite Teil widmet sich emotionalen Wirkungspotenzialen von Gewaltdarstellungen und untersucht, wie Gewaltdarstellungen Sympathie, Ekel, Spannung und Komik erzeugen. Der dritte Teil identifiziert an vier Beispielromanen wichtige Themen, die mit den Gewaltdarstellungen verbunden werden. Anhand von Elfriede Jelineks Die Klavierspielerin, Cormack McCarthys Blood Meridian, Bret Easton Ellis‘ American Psycho und Roberto Bolaños 2666 wird gezeigt, dass zeitgenössische Gewaltdarstellungen die Kritik von Gesellschaftsstrukturen und Kontexten von Gewalt mit Sprachreflexion verbinden.

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12 Bret Easton Ellis: American Psycho

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„Abandon all hope, ye who enter here“602. Mit diesen Worten aus Dantes Divina Commedia beginnt Bret Easton Ellis‘ Roman American Psycho, und tatsächlich offenbart sich dem Leser eine Hölle der Gewalt. Wie bereits erwähnt, war der Roman bereits vor seiner Erscheinung ein Skandal, nachdem zwei Vorab-Rezensionen ihm Frauenfeindlichkeit und Pornografie vorwarfen (siehe Seite 93).603 Es ist dieser Literaturskandal, der den Roman zu einer der bekanntesten Gewaltdarstellungen der Gegenwartsliteratur gemacht hat. Angesichts der ausführlichen, ekelerregenden Darstellungen ist das auf den ersten Blick nicht erstaunlich, allerdings steht die Gewalt im Roman nicht für sich. Bereits der Titel des Romans verweist auf die Umkehrung des American Dream in einen Albtraum. Bei American Psycho handelt es sich um eine Satire auf die Konsumgesellschaft und den Neoliberalismus. In der Figur des Patrick Bateman, der ein Doppelleben als Banker und Serienmörder führt, präsentiert der Roman einen Menschen, der sich und andere über Konsum definiert. Dieses Denken hat Patrick so sehr verinnerlicht, dass auch seine Opfer für ihn zu Verbrauchsgütern werden. Die Gewalt, die Patrick ausübt, zeigt der Roman als eine logische Konsequenz der Konsumgesellschaft und der neoliberalen Ideologie.

Neoliberalismus ist kein einheitlich verwendeter Begriff. Im Zusammenhang mit American Psycho meint er eine Ideologie, die den freien Markt in das Zentrum ihrer Überlegung stellt, und die konkrete Ausformung der Wirtschafts- und Sozialpolitik unter Präsident Ronald Reagan (1981–1988), die in den USA als Reaganomics bekannt ist. Diese beruht auf...

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