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Hans Albert und der Kritische Rationalismus

Festschrift zum 100. Geburtstag von Hans Albert

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Edited By Volker Gadenne and Reinhard Neck

Am 8.2.2021 feiert Hans Albert seinen 100. Geburtstag. Hans Albert ist der wichtigste Vertreter des Kritischen Rationalismus im deutschen Sprachraum und weit darüber hinaus. Aus diesem Anlass verfassten 19 Freunde, Schüler, Kolleginnen und Kollegen Forschungsbeiträge und Übersichtsaufsätze zu Themen dieser Philosophie. Behandelt werden unter anderem Themen wie das Münchhausen-Trilemma, die Erkenntnis- und Entscheidungspraxis des Kritischen Rationalismus und Anwendungen dieser Philosophie auf Fragen von Soziologie, Volkswirtschaftslehre, Rechtswissenschaft und Geschichtswissenschaft. Die Beiträge zeigen, dass der Kritische Rationalismus eine fortschrittliche und attraktive Philosophie auch für das 21. Jahrhundert ist.
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8. Zunehmende Erkenntnisse durch Analysen von falschen Ergebnissen

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Kapitel 8

Zunehmende Erkenntnisse durch Analysen von falschen Ergebnissen

John Wettersten

Poppers fallibilistische Wissenschaftstheorie trifft ziemlich direkt auf ein schwerwiegendes Problem: Wenn wir davon ausgehen, dass alle Theorien falsch sind, wie können wir gleichzeitig behaupten, dass wir uns durch Anwendung wissenschaftlicher Methoden der Wahrheit annähern? Popper hat relativ viel Arbeit investiert, um eine überzeugende Lösung dieses Problems anzubieten. Aber zufriedenstellend sind seine Lösungen nicht. Seine erste Theorie der Wahrheitsnähe (verisimilitude) ist daran gescheitert, dass kleine Änderungen in einer empirischen Theorie ziemlich leicht zu einer Änderung des Urteils über ihre Wahrheitsnähe führen. Es ist nicht möglich festzustellen, ob eine Theorie der Wahrheit näher kommt als andere Theorien. Seine zweite, auf Alfred Tarskis Logik basierende Theorie der Wahrheitsnähe bietet eine Definition von Wahrheitsnähe an, die jedoch in keinem Fall anwendbar ist, um die relative Wahrheitsnähe verschiedener Theorien herauszufinden.

Wenn wir das Lebenswerk von Hans Albert in Betracht ziehen, können wir feststellen, dass auch manche seiner problematischen Theorien zum Fortschritt beigetragen haben. Welchen Maßstab, wenn überhaupt einen, können wir anwenden, um die These zu verteidigen, dass manche von Alberts problematischen Vorschlägen uns der Wahrheit näher gebracht haben?

Wir können diese Frage nur dann beantworten, wenn wir eine neue Theorie der Wahrheitsnähe entwickeln. Bisher sind alle Vorschläge, etwa von William Whewell, davon ausgegangen, dass sich Wahrheitsnähe auf die relativen Abstände zwischen spezifischen Theorien und wahren Beschreibungen der Welt bezieht. Alle diese Vorschläge sind gescheitert, weil es niemandem gelungen ist, eine klare anwendbare Darstellung einer solchen Beziehung anzubieten. Es gibt aber eine bisher nicht in Betracht gezogene Alternative. Nach dieser Alternative nähern wir uns der Wahrheit nicht dann, wenn unsere besten Theorien zunehmend weniger Abstand von wahren Beschreibungen der Welt erzielen, sondern dann, wenn unsere neuen Betrachtungsweisen ein tieferes Verständnis von neuen Erklärungsproblemen erreichen, auch dann, wenn sie falsch sind.

In diesem Aufsatz wird erst erklärt, welche Eigenschaften falsche Theorien besitzen sollten, um unser Verständnis von Erklärungsproblemen zu erneuern und zu vertiefen. Zweitens wird eine relative kurze zusammenfassende Darstellung von ←185 | 186→einigen problematischen Theorien Alberts dazu benutzt, darzustellen, wie diese Theorien unser Verständnis von neuen Problemen vertiefen. Drittens wird erklärt, warum die Entdeckungen von Fehlern in diesen Theorien unser Verständnis von Erklärungsproblemen vertieft haben, das heißt wie sie uns der Wahrheit näher gebracht haben.

8.1Welche Eigenschaften besitzen falsche Theorien, die unser Verständnis von Erklärungsproblemen vertiefen?

Es ist ziemlich klar, dass Beweise, dass bestimmte Vermutungen falsch sind, uns in der Regel keine ernst zu nehmende Vertiefung unseres Verständnisses der Welt anbieten. Aber es ist auch ziemlich klar, dass uns manche Widerlegungen in signifikanter Weise zu solchen Vertiefungen voranbringen können. Als Wissenschaftler Widerlegungen der besten Theorien in der Geschichte der Wissenschaft vorgelegt haben, haben sie unser Verständnis der Welt erheblich verbessert. Ich erwähne nur ein paar Beispiele: Copernicus’ Widerlegung der Theorie, dass die Erde die Mitte des Universums ist; Galileos Widerlegung der These, dass außerirdische Entitäten aus anderen Materialien als die Erde gebaut sind; Keplers Widerlegung, dass die Orbits der Planeten Kreise sind; Faradays Widerlegung, dass das Universum aus Atomen aufgebaut ist; Einsteins Widerlegung, dass der Raum euklidisch ist. Jeder dieser Wissenschaftler hat bessere Erklärungen der Welt als ihre Vorgänger entwickelt, welche aber auch widerlegt worden sind.

Ein wichtiger Charakter dieser Änderungen liegt darin, dass jede Widerlegung zu neuen und tiefgreifenden Problemen führt. Wenn die Erde nicht das Zentrum des Universums ist, wie können dann die Bewegungen der Planeten erklärt werden? Wenn außerirdische Entitäten aus dem gleichen Material wie die Erde gebaut sind, wie kann ihre Verhaltensweise erklärt werden? Wenn die Orbits der Planeten keine Kreise sind, was sind dann? Wenn die Erde nicht aus Atomen aufgebaut ist, aus was dann? Wenn der Raum nicht euklidisch ist, wie kann der Raum dann beschrieben werden?

Diese Beispiele sind so einfach und so klar, dass man keine Maßstäbe anwenden muss, um ihre Wichtigkeit aufzuzeigen. Das liegt zum Teil daran, dass sie uns historisch so bekannt sind, dass wir ihre Bedeutung sofort begreifen. Wenn wir diese Betrachtungsweise verallgemeinern wollen, brauchen wir aber einige universell anwendbar Kriterien, um neue Fälle angemessen beurteilen zu können. Ich versuche hier nicht, eine vollständige Identifizierung solcher Maßstäbe vorzunehmen. Es genügt vorerst, nur ein paar Beispiele von klar identifizierbaren und klar anwendbaren Maßstäben zu beschreiben.

Die Anwendungen dieser Maßstäbe sollen zeigen, dass die in Frage kommenden Eigenschaften von widerlegten Theorien generell als fortschrittlich zu sehen sind. ←186 | 187→Wenn eine widerlegte Theorie fortschrittlich sein soll, soll sie eine Änderung herbeiführen, die mit den Änderungen klar vergleichbar ist, welche viele andere fortschrittliche Theorien anbieten. Zwei solcher in Frage kommender Eigenschaften widerlegter Theorien sind, dass die betreffenden widerlegten Theorien einerseits zu interessanten neuen Problemen führen und dass sie andererseits die Formulierung von klaren und spezifischen Maßstäben ermöglichen, denen die Lösungen von neuen Problemen genügen sollen.

Man kann davon ausgehen, dass die Widerlegungen vieler Theorien keine neuen interessanten Situationen herbeiführen. Die Widerlegungen von Theorien mit wenig Erklärungskraft oder mit weit hergeholten Annahmen werden in der Regel wenig Interessantes bieten. Die Widerlegungen von Theorien mit weithin akzeptierten Annahmen können dies aber in der Regel leisten. Sie zeigen, dass ein neuer Rahmen für die Formulierung neuer Theorien nötig wird. Noch dazu haben sie ein wichtiges Element: Sie geben Indizien dafür, welche Art von theoretischen Änderungen nötig sind. In den oben erwähnten Beispielen zeigen sie,

(1)dass eine neue Darstellung des Zentrums des Universums nötig ist,

(2)dass neue Beschreibungen der Orbits der Planeten gegeben werden müssen,

(3)dass neue Theorien darüber, aus welchen Stoffen die Welt aufgebaut ist, benötigt werden, und

(4)dass eine neue Erklärung der Raumbedingungen benötigt wird.

Die Indizien darüber, wie die grundlegenden theoretischen Annahmen geändert werden müssen, sind von großer Bedeutung. Sie wären aber von viel geringerer Bedeutung, wenn sie keine spezifischen Kriterien für die fortschrittliche Formulierung neuer Probleme aufstellen würden. Doch sie stellen spezifische Kriterien auf. Die Widerlegung der Annahme, dass die Erde das Zentrum des Universums ist, hat nicht nur zur Erkenntnis beigetragen, dass eine neue Theorie der Strukturen des Universums von Nöten war, sondern auch dazu, dass die neue Theorie eine neue Beschreibung der Beziehungen zwischen Planeten und Sonne liefern musste. Die Widerlegung der Theorie, dass die Orbits Kreise sind, hat gezeigt, dass eine neue Beschreibung von ihnen sie in Richtung Ellipsen bewegen musste. Die Widerlegung der Theorie, dass Himmelskörper aus einem besonderen Stoff aufgebaut sind, verlangte Theorien über die Gemeinsamkeiten des Aufbaus der Erde und der Himmelskörper. Die Widerlegung der Theorie, dass das Universum aus Atomen aufgebaut ist, hat Indizien dafür geliefert, dass es keinen leeren Raum gibt. Die Widerlegung der Theorie, dass der Raum euklidisch sein muss, gibt den Hinweis, dass neu entwickelte Geometrien wichtige Rollen in der Physik spielen können.

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8.2Beispiele von Alberts fortschrittlichen, aber problematischen Theorien

Eine Theorie der Wahrheitsnähe soll generell anwendbar sein: Sie soll es möglich machen, dass die Wahrheitsnähe von so gut wie allen Theorien, die die Aspekte des Universums beschreiben, unter die Lupe genommen werden kann. Die Benutzung der oben dargestellten Maßstäbe bietet dann eine Gelegenheit, die Wahrheitsnähe einiger Theorien Alberts zu überprüfen. Dabei sollen nur manche seiner Theorien einer näheren Betrachtung unterzogen werden. Hier versuche ich keine breite Überprüfung von Alberts zahlreichen Beiträgen zur Wissenschaftstheorie. Vielmehr nehme ich nur ein paar Beispiele seiner Theorien ins Visier, die ich als problematisch betrachte, um zu zeigen, wie diese in einer sinnvollen Weise behilflich waren, uns der Wahrheit näher zu bringen.

Alberts zentrale Themen betreffen die Verteidigung von Poppers grundlegenden Beiträgen zur Wissenschaftstheorie mit einer Betonung der sozialen Anwendungen dieser Beiträge. Ein wichtiger Aspekt seiner Diskussionen besteht in der Behandlung der Beziehung zwischen verschiedenen intellektuellen Gebieten. Einerseits gibt es Poppers Methodologischen Individualismus und die klassischen ökonomischen Theorien. Andererseits gibt es verschiedene Aspekte ihrer Anwendung, wie in der Politik, der Soziologie, der Ethik und der Religion. Diese Diskussionen waren von signifikanter Bedeutung, weil sie Probleme unter die Lupe genommen haben, die vorher nicht oder allzu wenig diskutiert worden sind. Manche von Alberts vorgeschlagenen Lösungen sind aber problematisch. Hier werden ein paar solcher problematischer Vorschläge erwähnt, und des Weiteren wird erklärt, warum diese trotzdem zu einer Verbesserung unseres Verständnisses geführt haben: Sie haben Hinweise darüber gegeben, wie man zum Fortschritt beitragen könnte.

Drei Aspekte von Alberts Diskussionen werden hier kurz behandelt. Ich führe keine Analyse durch, ob diese drei Aspekte eine besondere Bedeutung für Alberts Beiträge besitzen. Diese drei sind:

(1)die Verbindungen zwischen verschiedenen Disziplinen durch ,Brückenprinzipien‘;

(2)die Beziehungen zwischen Anthropologie und Wissenschaft;

(3)die Verbindung von Rationalität und Religion.

Ausgangspunkt von Alberts Forschung in Bezug auf den kritischen Rationalismus ist Poppers Logik der Forschung. Jedoch noch wichtiger sind seine Die offene Gesellschaft und seine weiteren Schriften über die Sozialwissenschaften. Alberts Hauptthemen sind die Vorgehensweisen in sozialen Kontexten. Beispiele dafür findet man in der Gesetzgebung oder der sozialen Planung bzw. in den sozial←188 | 189→wissenschaftlichen Methoden. Auf den ersten Blick sind seine Beiträge nur Erläuterungen von Ideen, die schon vorher von Popper entwickelt wurden. Albert hat immer betont, dass er Poppers Ansichten vertreten hat. Aber diese Interpretation von Alberts Beiträgen nimmt keine Kenntnis davon, wie sehr Albert es für notwendig erachtet hat, Poppers Theorien zu verbessern und neue Ansätze hinzuzufügen. Er musste schließlich Poppers grundlegende Ideen in neuen intellektuellen Kontexten vertreten.

Ein Beispiel eines solchen neu entstandenen Problems ist das folgende. Poppers Darstellung von sozialwissenschaftlichen Methoden beschränkt sich weitgehend auf seine Beschreibung der ökonomischen Methoden. Er bietet kaum Ansichten über den Wert und die Methoden von anderen Sozialwissenschaften an. Als jedoch Albert damit begann, Poppers Ideen zu vertreten, waren diese von Popper kaum behandelten Themen in Deutschland im Zentrum der Diskussionen. Angesichts dieser Lage stellte Albert die Probleme, die Rolle und die Methoden der Sozialwissenschaften in den Mittelpunkt seiner Forschung. Ein Popperscher Überblick war nötig, um Poppers Ideen als aktuelle und wichtige Alternative in Deutschland darzustellen.

Diese Problematik wurde dadurch schwierig, dass Popper die ökonomische Theorie für ein unabhängiges Gebiet hielt; sie sollte scharf von nicht ökonomischen Faktoren abgegrenzt werden. Wie können nun ökonomische und andere soziale Entitäten miteinander und nach einer Popperschen Auffassung in Beziehung bzw. in Verbindung gebracht werden? Albert behandelte diese Problemlage dadurch, dass er die Trennung der verschiedenen Sozialwissenschaften aufrechterhalten hat. Er sagt aber gleichzeitig, dass deren Ergebnisse durch sogenannte ,Brückenprinzipien‘ in Kontakt miteinander gebracht werden können.

Alberts Reaktion auf diese Probleme war zugleich konservativ und innovativ. Sie war konservativ, indem er an Poppers Trennung von Wirtschaftstheorie und anderen Sozialwissenschaften festhielt; sie war innovativ, weil er neue Ansichten über die Beziehungen zwischen den Sozialwissenshaften miteinander sowie mit der Anthropologie und der Ethik erörterte.

Seine Ergebnisse wurden allerdings durch diese konkurrierenden konservativen und innovativen Einstellungen geschwächt. Sein Festhalten an Poppers Trennung der Sozialwissenschaften hat seine Suche nach neuen Alternativen scharf begrenzt. Die scheinbar einzige Lösung für dieses Problem liegt in seinen ,Brückenprinzipien‘. Um Beziehungen zwischen Gebieten herzustellen, müssen ,Brücken‘ aufgebaut werden, die gleichzeitig die Trennung aufrechterhalten und die Interaktionen ermöglichen. Albert hat keine überzeugende umfassende Theorie, wie so etwas möglich ist. In Alberts Darstellung sind die Bildung sowie die Anwendung solcher Prinzipien ad hoc und kompliziert. Kein klares und neues Bild von sozialwissenschaftlichen Methoden ist entstanden. Und noch dazu erscheint hierzu ←189 | 190→ein unbeabsichtigtes und noch nicht diskutiertes Problem: Wie wird die Anwendung von ,Brückenprinzipien‘ die sozialwissenschaftlichen Methoden verändern? Insofern als die Anwendungen von ,Brückenprinzipien‘ neue Wege zu neuen Auffassungen darstellen, müssen sie das tun. Aber die Annahme ihrer Anwendung setzt voraus, dass die bisherigen Methoden unverändert bleiben. Alberts problematische Theorie der ,Brückenprinzipien‘ bringt aber ein neues und interessantes Problem zum Vorschein: Wie können heute scheinbar getrennte Felder fruchtbar miteinander verbunden werden?

Eng verbunden mit dem gerade diskutierten Problem ist ein weiteres: Wie können oder sollen die Beziehungen zwischen anthropologischen Theorien, das heißt, nicht empirisch widerlegbaren Theorien mit sozialwissenschaftlichen Ideen fruchtbar verwendet werden? Unabhängig von Albert gab es auf diese Frage nur zwei von kritischen Rationalisten entwickelte Antworten. Popper hat vorgeschlagen, dass anthropologische Theorien als Quelle für Denkrichtungen dienen können, die innerhalb der Sozialwissenschaften angewendet werden können. Die sozialwissenschaftlichen und die anthropologischen Theorien bleiben allerdings getrennt; es gibt keine vorgeschriebenen methodologischen Wechselwirkungen zwischen den anthropologischen und den sozialwissenschaftlichen Theorien.

Agassi hat einen aus einer methodologischen Perspektive detaillierteren Vorschlag gemacht. Nach seiner Ansicht können anthropologische Theorien vereinende Rollen spielen. Die so vereinigten wissenschaftlichen Theorien beschreiben Beziehungen zwischen Entitäten, deren Rollen im Universum der anthropologischen Theorien vorausgesetzt werden. In der Physik gibt es z.B. metaphysische Theorien, die davon ausgehen, dass die Welt aus Atomen besteht, und andere, die davon ausgehen, dass die Welt aus Feldern aufgebaut ist. Wissenschaftliche Theorien können die eine oder die andere metaphysische Alternative weiter verwickeln.

Alberts Behandlung der Beziehung zwischen anthropologischen und sozialwissenschaftlichen Theorien hat etwas von Poppers und etwas von Agassis Theorie; er bietet aber keine klare Alternative an. Poppers Beobachtung ist klar, und es scheint, dass er im Einklang mit Agassis Theorie ist, wenigstens insofern als sie eine methodologische Wechselwirkung nicht verneint. Aber wie genau eine solche Wechselwirkung aussehen soll, ist durch Poppers Theorie nicht klar ersichtlich.

Diese drei unvollständigen bzw. problematischen Ansichten über die Beziehungen zwischen anthropologischen und sozialwissenschaftlichen Theorien liefern Hinweise darauf, wie eine verbesserte Analyse dieser Beziehungen möglich ist. Poppers Beobachtung ist klar, aber zu eng. Agassi bringt uns weiter, aber seine Beschreibung der methodologischen Beziehungen vernachlässigt die Rolle der anthropologischen Annahmen innerhalb der wissenschaftlichen Forschung. Alberts offene Einstellung ist auch ein Indiz dafür, dass eine detailliertere Beschreibung ←190 | 191→wünschenswert ist. Aber er sagt nicht, welchen Inhalt eine solche detailliertere Beschreibung haben soll. Alle drei geben uns Hinweise darauf, wo wir nach einer verbesserten Theorie suchen könnten: Wir können nämlich fragen, welche Rollen anthropologische Annahmen bei der Formulierung von neuen Problemen spielen.

Es gibt wenigstens zwei andere intellektuelle Gebiete mit Beziehungen zu den Sozialwissenschaften, die nicht ignoriert werden können, wenn man eine umfangreiche Darstellung der Sozialwissenschaften anbieten will. Ein solches Gebiet ist die Ethik. Normative Sätze beziehen sich auf aktuelle Zustände. Wenn man sie bewertet, kann man diesen Bezug nicht ignorieren. Für Albert gibt es hier ein außergewöhnliches und schwieriges Problem. Er behauptet, dass normative Sätze keine Sätze sind, das heißt, sie beschreiben keine Zustände. Wenigstens in Bezug auf Beschreibungen sind sie weder wahr noch falsch. Trotzdem findet Albert ,Brückenprinzipien‘. Man kann zum Beispiel die Frage stellen, ob das, was bestimmte normative Sätze fordern, durchführbar ist. Die Antworten auf solche Fragen stammen natürlich vor allem aus den Sozialwissenschaften.

Alberts Behandlung von Problemen der Beziehung zwischen normativen und deskriptiven Sätzen ist ziemlich eng. Sie hilft uns sehr wenig, wenn wir versuchen, richtige normative Sätze zu identifizieren. Diese Begrenzung ist augenfällig auf Alberts neopositivistische Theorie über normative Sätze zurückzuführen. Diese Theorie ist aber unnötig. Die scharfe Trennung zwischen Ethik und Sozialwissenschaften erzeugt eine Situation, in der allzu wenige Möglichkeiten von kooperativer Arbeit vorhanden sind.

Wenn wir die grundlegende Idee von Poppers Wissenschaftstheorie in Betracht ziehen, ist eine verbesserte Alternative leicht möglich. Nach Poppers Wissenschaftstheorie ist die Suche nach wissenschaftlichen Fortschritten zugleich die Suche nach Problemlösungen. Noch dazu ist es möglich, Probleme zu bewerten. Hier gibt es verschiedene Maßstäbe. Man kann zentrale Probleme formulieren, deren Lösungen weitreichende Änderungen herbeiführen könnten. Man kann Probleme formulieren, deren Lösungen bisher erfolgreiche, aber in Schwierigkeiten geratene Theorien retten könnten. Man kann auch Probleme formulieren, deren Lösungen getrennte Gebiete vereinigen können. Auch in der Ethik findet man solche Probleme. Diejenigen normativen Sätze, die wichtige persönliche oder menschliche Probleme formulieren und zu Lösungen führen können, sollten daher bevorzugt werden. Diese Sätze haben normative und deskriptive Aspekte. In dieser Hinsicht ähneln sie den methodologischen Regeln in Poppers Wissenschaftstheorie.

Ein weiterhin von Albert extensiv diskutiertes Gebiet ist die Beziehung zwischen Religion und wissenschaftlichen Theorien. Aber diesbezüglich geht Albert einen ganz anderen Weg. Als er sich in Richtung auf andere Verhältnisse zwischen sozialwissenschaftlichen Gebieten und nicht wissenschaftlichen Ideen bewegte, hat er auch über ,Brückenprinzipien‘ gesprochen. In Bezug auf mögliche Beziehungen ←191 | 192→zwischen Religion und den Sozialwissenschaften hat er hingegen argumentiert, dass die Religion völlig getrennt von den Sozialwissenschaften bleiben muss: Theologische Ansichten sind nicht mit dem wissenschaftlichen Weltbild vereinbar. Wenn man konsequent sein will, muss man entweder das eine oder das andere Forschungsgebiet wählen. Wenn man wissenschaftliche Theorien und Religion gleichzeitig vertritt, endet man unausweichlich in Widersprüchen. Albert machte zahlreiche Versuche, solche Widersprüche detailliert zu dokumentieren.

Auf diese Diskussion will ich aber in diesem Kontext nicht näher eingehen. Es mag sein, dass Albert Recht hat, dass zurzeit kein plausibler Zusammenhang zwischen einer religiösen Ansicht und den Sozialwissenschaften aufgebaut werden kann. In der Vergangenheit sind jedoch mehrere zusammenhängende Darstellungen entwickelt worden. Isaac Newton hat einen Platz für Gott in der Aufgabe gefunden, die Ordnung der Welt zu erhalten. Leibniz hat Gott in seinem Weltbild dargestellt als Fundament der universellen Prinzipien. Pierre Duhem hat sein religiöses Bild der Welt von seinen wissenschaftlichen Theorien getrennt und beide gleichzeitig verteidigt. Diese Alternativen sind natürlich heute nicht aktuell. Aber es gibt keine Möglichkeit, einen Beweis dafür zu liefern, dass heute keine Alternativen entwickelt werden können. Heute ist es nicht möglich, Thesen der Religionen und Thesen der Sozialwissenschaften durch gut vertretbare methodologische Regeln scharf und endgültig zu trennen.

Ein systematisches Vorgehen von Albert ist erstens die Trennung der Sozialwissenschaften voneinander und von anderen nicht wissenschaftlichen Gebieten. Zweitens sollen danach Verbindungen zwischen getrennten Gebieten durch ,Brückenprinzipien‘ hergestellt werden. Dabei wird aber klar, dass die Trennung unnötige und komplizierte methodologische Probleme schafft, die nur mit Ad-hoc-Vorgehensweisen behandelt werden können. Alberts diesbezügliche Fehlschläge zeigen in einer ziemlich klaren Weise, dass die zuerst vorgenommenen Trennungen und die nachher durch ,Brückenprinzipien‘ hergestellten Verbindungen einen falschen Weg darstellen. Die daraus entstandenen neuen und auch wertvollen Probleme sind, wie diese Trennungen überwunden werden können, und zwar durch Lösungen, die Fortschritt schaffen.

8.3Die Theorie der Wahrheitsnähe

In seinen beiden Theorien der Wahrheitsnähe hat Popper versucht, einen universellen Maßstab zu erreichen. In seiner ersten Theorie wollte er erklären, wie die Wahrheitsnähe von zwei empirischen Theorien verglichen werden kann. Die zu vergleichenden Theorien müssten das gleiche Phänomen erklären. Diese Theorie ist fehlgeschlagen, weil das Ergebnis der Vergleiche von Theorien in Bezug auf ihre Wahrheitsnähe durch kleine, einfache Umformulierungen der Beschreibungen des Phänomens geändert werden konnten. In der zweiten Theorie hat Popper eine ←192 | 193→abstrakte Analyse der Bedeutung der Wahrheitsnähe vorgestellt. Aber diese Analyse konnte in keinem Fall angewendet werden, um die Wahrheitsnähe von verschiedenen Theorien zu vergleichen.

Diese zwei falschen Theorien geben einen klaren Hinweis darauf, worin der gemeinsame Fehler liegt, und dadurch, welche Probleme eine neue Alternative lösen müsste. Der Fehler liegt darin, dass Popper seine Maßstäbe für eine adäquate Theorie allzu hoch gesetzt hat. Eine Theorie der Wahrheitsnähe von Theorien ist auch dann interessant und nützlich, wenn sie einfach eine kritische, aber fallibilistische Diskussion über Wahrheitsnähe eröffnet. Die Ergebnisse solcher Diskussionen brauchen nicht endgültig oder richtig zu sein. Ebenso wie bei der Behandlung von wissenschaftlichen Theorien kann die Behandlung der Probleme der Wahrheitsnähe auch in offenen Gesprächen bestehen.

Am Beispiel von Alberts Theorien habe ich erklärt, wie seine problematischen Theorien dennoch von Wert sein können: Sie bieten Grundlagen für die Formulierungen und Lösungen von neuen interessanten und wertvollen Problemen an. Ich mag mich in dieser Beurteilung täuschen. Man kann über mein Urteil über die Richtigkeit von Alberts Theorien oder über ihren Nutzen streiten. Aber auch dann könnten wir zu dem Ergebnis kommen, dass bestimmte neue und interessante Themen untersucht werden sollten.

Es ist auch so, dass die hier vorgeschlagene Theorie der Wahrheitsnähe weder eine Definition von Wahrheitsnähe noch eine umfassende Theorie der Wahrheitsnähe anbietet. Die Wahrheitsnähe von Theorien kann verschiedene Aspekte haben. Hier habe ich nur einen solchen Aspekt identifiziert und erklärt, wie Fortschritt erzielt werden kann, wenn wir die Wahrheitsnähe von Theorien näher unter die Lupe nehmen. Diese Analysen müssen wir nicht als den einzigen Weg betrachten, den wir gehen müssen, um nützliche Diskussionen über die Wahrheitsnähe von Theorien durchzuführen.

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