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Philosophie der Lebensbejahung

Die platonischen Kardinaltugenden als Grundstruktur seelisch gesunder und spiritueller Selbstverwirklichung

Hans-Arved Willberg

Weil manche Philosophen des 19. Jahrhunderts das Wort „Tugend“ mit Moralismus gleichsetzten und sich die Bedeutung Platons für die Praktische Philosophie erst allmählich erschloss, geriet das platonische System der Kardinaltugenden im 20. Jahrhundert aus dem Blick. Die empirische „Positive Psychologie“ hat sie als Grundstruktur der seelischen Gesundheit wieder entdeckt. Dieses Buch gibt dem empirischen Befund die philosophische Begründung: Die Kardinaltugenden stellen nichts anderes als den logischen Vollzug gelingenden menschlichen Lebens dar, das vernunftbestimmt, selbstbestimmt und auf spirituelle Ideale ausgerichtet ist.

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2. Lebensbejahung und seelische Gesundheit

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2.Lebensbejahung und seelische Gesundheit

Der Philosophiehistoriker Heinrich Gomperz hat in der Geschichte der Philosophie drei Hauptströmungen wahrgenommen: Den „optimistischen Universalismus“, gekennzeichnet durch das „Ideal der inneren Freiheit“ als sein Leitmotiv auf der einen Seite, den „pessimistischen Universalismus“ und den Partikularismus, „der die Totalauffassung der Welt grundsätzlich verwirft“, auf der anderen. Letzterer sei „seiner Natur nach unfähig, eine Lebens-oder Weltanschauung im eigentlichen Sinne hervorzubringen“.175 Die beiden Grundrichtungen dieser Seite führten zur „Verzweiflung“, jene optimistische Strömung hingegen zur „Erlösung.“176 Die Unterscheidung dieser drei Hauptströmungen trifft zu. Gemeinsamer Nenner der philosophischen Schulen, die er unter den „optimistischen Universalismus“ fasst, ist die grundsätzliche Lebensbejahung. Das Gegenstück der Lebensbejahung „Verzweiflung“ zu nennen, ist semantisch nicht verkehrt, weil der Zweifel in diesen Weltanschauungen als der Weisheit letzter Schluss gilt. Philosophischer Skeptizismus, Relativismus, Reduktionismus, Pessimismus und Nihilismus scheinen aber insgesamt weniger auf die Verzweiflung hinauszulaufen oder gar, wie bei Kierkegaard, aus ihr zu resultieren,177 als ihr durch Rationalisierung vorzubeugen. Indem philosophischer Pessimismus und „Partikularismus“ die Idealität als philosophisches Movens verneinen, befindet sich die Gegenströmung zum philosophischen Optimismus scheinbar im Vorteil, „weil das untätige Abseitsstehen den Glauben an die Bestimmtheit des Mißerfolges über den Glauben an die Bestimmtheit des Erfolges triumphieren läßt“, wie Leonard Nelson feststellt.178 Salopp formuliert: Wenn man von vornherein davon ausgeht, dass etwas nicht sein oder werden kann, und wenn man darum apriorisch ausschließt, es zu versuchen oder auch nur überhaupt in Erwägung zu...

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