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Idylle und Tragik im Spätwerk Goethes

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Annette Schneider

Die vorliegende Untersuchung zeigt, daß die Konstellation von Idylle und Tragik nicht nur als Schlüssel für die strukturgesetzliche Eigenart des goetheschen Spätwerks dient, sondern darüberhinaus seinen literaturgeschichtlichen Ort zu kennzeichnen vermag. Die beiden einleitenden Kapitel erstellen durch einen knappen Überblick über die geschichtlichen Wandlungen des Idyllischen und Tragischen die historisch-poetologischen Voraussetzungen, um die spezifische Art ihrer Verschränkung im goetheschen Spätwerk prägnant hervortreten zu lassen. Dessen Analyse bildet den Schwerpunkt der Untersuchung, die, neben den lyrischen Einzelzyklen, den Modifikationen des Idyllischen und Tragischen in drei, jeweils eine Gattung repräsentierenden, Werken nachgeht: dem Roman «Die Wahlverwandtschaften», der Lyrik des «West-östlichen Divan» und der «Faust-II»-Tragödie. Dabei stehen «Divan» und «Faust» komplementär zueinander: Während jener als Idylle im Zentrum das Tragische birgt, ist es in der Faust-Tragödie die Idylle, die die Schnittstellen der dramatischen Struktur, Krisis und Verwandlung, markiert. «Die Wahlverwandtschaften» nehmen eine Sonderposition ein: in ihnen wird die Idylle, Arkadien, als immer wieder verfehlte Intention in ihrer Abwesenheit thematisch.

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2 METAMORPHOSEN DES TRAGISCHEN. EIN GESCHICHTLICHER ABRISS

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2.1 EINLEITUNG 2.1.1 »Edle Einfalt, stille Größe« Im Zentrum der klassizistischen Ästhetik steht die Spannung von »Anmut« und »Würde«1, bzw. des Idyllischen und Tragischen. Sinnfällig erscheint dies in Winckelmanns selbst schon klassischem Diktum über die Klassizität »griechi- scher Meisterwerke«: »Das allgemeine Kennzeichen der griechischen Meister- stücke ist endlich eine edle Einfalt, und eine stille Größe, sowohl in der Stellung als im Ausdrucke.« Das doppelte Oxymoron trennt ein Zusammengehöriges – »edle Größe« und »stille Einfalt« – und verschränkt durch Verbindung des Entgegengesetzten das Getrennte wieder miteinander, indem jeder der beiden zusammengesetzten Begriffe jetzt ein Element des andern erhält: »edle Einfalt« und »stille Größe«. Damit ist das »Einfältige« ›zwiefältig‹ geworden oder, wie in dem anschließenden Bild deutlich wird, es gibt nun Oberflächen- und Tiefenstruktur, Erscheinung und Wesen: »So wie die Tiefe des Meeres allezeit ruhig bleibt, die Oberfläche mag noch so wüten, ebenso zeigt der Ausdruck in den Figuren der Griechen bei allen Leidenschaften eine große und gesetzte Seele.«2 Die »edle Größe« weist auf den Bereich des »Erhabenen«. Das »Erha- bene« ist – als »Pathos« – zunächst rhetorische Kategorie. Es dient der Erregung der Leidenschaften und bildet eines der Hauptüberzeugungsmittel der antiken, römischen, ja auch noch der ›modernen‹ Rhetorik des 18. Jahrhunderts. »Erst im Pathos entfaltet der Redner seine eigentliche Macht.«3 Dem »Pathos« verknüpft sich eine bestimmte Gesinnung: die »magnitudo animi«, die Seelengröße.4 Sie bewährt sich nach Cicero...

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