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Wegsperren oder einschließen?

Die Praxis der Freiheitsstrafe zwischen Inklusion und Exklusion

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Edited By Edeltraud Koller, Ferdinand Reisinger and Michael Rosenberger

«Schwerstkriminelle gehören für immer weggesperrt!» Diese Aussage kann man immer wieder und, wie es scheint, immer öfter hören – in Zeitungen, an Stammtischen, ja sogar in Reden von PolitikerInnen. Eine derartige Forderung sieht den Sinn der Freiheitsstrafe offenkundig in der gesellschaftlichen Exklusion von Menschen. Dieser Position stehen aber seit den 1970er Jahren eine Straftheorie und -praxis entgegen, die das Ziel von Strafe in der Reintegration der TäterInnen sehen: Menschen werden aus der Gesellschaft ausgeschlossen, um ihnen schrittweise die soziale Integration bzw. Inklusion zu ermöglichen. Inwiefern kann aber die Praxis des Strafvollzugs das Einschließen in die Gesellschaft überhaupt fördern? Welche Inklusions- und Exklusionsprozesse laufen im Mikrosystem Gefängnis selbst ab? Und was ist daraus für die Straftheorie und Strafpraxis zu folgern?

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Michael Rosenberger

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„Richtet nicht, dann werdet auch ihr nicht gerichtet werden!“ (Lk 6,37) Irdisches Strafen in theologischer Perspektive Über den Hauptportalen der meisten mittelalterlichen Kirchen befindet sich die Szene vom Jüngsten gericht. Christus als Weltenrichter sammelt zu seiner Rechten jene, die den Menschen Barmherzigkeit erwiesen haben und nun in die Seligkeit eingehen, und zu seiner Linken die anderen, die die Barmherzig- keit verweigert haben und zur ewigen Verdammnis verurteilt sind (vgl. Mt 25,33–46). auf diese Weise war den gläubigen Menschen im Mittelalter stets präsent, dass sie sich ihres Heils nicht allzu selbstverständlich sicher sein sollten – und dass es letztlich nur einen Richter gibt, auf den es ankommt: gott, der uns im gekreuzigten Menschensohn Jesus Christus barmherzig urteilen wird. „Richtet nicht, dann werdet auch ihr nicht gerichtet werden!“ Diese aufforde- rung Jesu aus der Feldrede (Lk 6,37) war für die Menschen damals eine Mah- nung, die sie sehr ernst nahmen. Und dennoch straften die Menschen auch im Mittelalter. Sie verwiesen Mis- setäter des Landes, züchtigten sie mit für heutige Verhältnisse drakonischen Methoden, richteten sie hin. Doch – so der Historiker Ernst Schubert in seinem großartigen Buch über das mittelalterliche Strafen1 – sie taten es im Dienst des sozialen Friedens, aus einer auch existenziell gefühlten notwehr und einer Si- tuation der Ohnmacht und Ratlosigkeit angesichts des jeweiligen normversto- ßes, gegen den sie sich nicht anders zu helfen wussten. Innerlich – so Schubert – seien die Menschen damals sehr unsicher gewesen, ob sie mit...

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