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«Die Toten schweigen nicht»

Brecht-Aufsätze

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Jost Hermand

Trotz mancher Diffamierungskampagnen, bei denen es vor allem um seine marxistischen Anschauungen ging, hat Brecht – im Gegensatz zu einer Reihe anderer linker Autoren – seinen Rang als einer der Klassiker der Weltliteratur des 20. Jahrhunderts behaupten können. Besonders angesichts der ökonomischen Krisen der letzten Jahre sind viele seiner Themenstellungen wieder höchst aktuell geworden. Eine verstärkte Auseinandersetzung mit seinen Werken ist daher nicht nur unter literaturhistorischer, sondern auch unter gesellschaftspolitischer Perspektive so relevant wie eh und je. Dabei sollte auf keine der von ihm aufgegriffenen Fragestellungen – ob nun seine Einstellung zu Krieg und Frieden, zur bürgerlichen Klasse, zum Problem der Utopie, zum Nazifaschismus, zu einer neuen Musik, zur trostlosen Eventkultur und zur Verneinung des Tragischen – verzichtet werden. Dem versucht auch dieses Buch nachzukommen.

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Unvorhersehbare Folgen. Die drei Eislers und Brechts Maßnahme (1930) 56

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56 Unvorhersehbare Folgen Die drei Eislers und Brechts Maßnahme (1930) I Der These, daß die 1930 entstandene Maßnahme einen entscheidenden Wendepunkt in Brechts Leben und Œuvre bildet, dürfte wohl kaum jemand widersprechen. Angesichts der durch die Weltwirtschaftskrise dramatisch anstei- genden Arbeitslosigkeit und des ebenso rapiden Anwachsens der NSDAP, das dieser Partei in den berühmt-berüchtigten Septemberwahlen des Jahres 1930 einen sensationellen Wahlerfolg bescherte, entschloß sich Brecht in diesem Jahr, ein Stück mit dem Titel Die Maßnahme zu schreiben, das sich in aller Offenheit zu den Zielen des Kommunismus bekannte. Schließlich erschien ihm die KPD – wie auch anderen linksliberalen oder anarchistisch-gesinnten Autoren – mit einem Mal als die einzige Partei, die sich in aller Entschiedenheit den demago- gischen Parolen der NS-Führungsschichten zur Lösung der sozioökonomischen Probleme entgegenzustemmen versuchte. Doch politische Entscheidungen und ihre Umsetzung ins Literarische sind oft zweierlei Dinge. Die neue ideologische Linie wurde zwar Brecht, der jahrelang als neusachlicher Zyniker gegolten hatte, zu diesem Zeitpunkt immer klarer. Aber welche literarische Gattung sollte er dabei aufgreifen? Etwa den massenwirksamen Roman, wie ihn Georg Lukács empfahl, oder das ihm eher nahestehende Drama? Er entschied sich für das Letztere, und zwar in Form des „Lehrstücks“, mit dem er bei der Abfassung seiner Stücke Der Ozeanflug, Das Badener Lehrstück vom Einverständnis und Der Jasager, alle drei 1929, ohnehin schon einige Erfahrungen gesammelt hatte. Viele Brecht-Forscher und -Forscherinnen sehen deshalb in der Maß- nahme – dramaturgisch betrachtet – vor allem...

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