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Ekstase im Kontext

Mittelalterliche und neuere Diskurse einer Entgrenzungserfahrung

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Christa Tuczay

Ekstase ist eine in allen Phasen der europäischen und außereuropäischen Geschichte bis zur Gegenwart vielfach belegte Erscheinung. Neuzeitliche Wissenschaften haben das Phänomen mit der je eigenen Methode zu ergründen gesucht, doch war es bereits Spekulationsfeld der mittelalterlichen Gelehrten. Im Zentrum der Untersuchung steht das Verhältnis der in unterschiedlichen literarischen Genres der mittelalterlichen Literatur bezeugten Entgrenzungserfahrungen zu den nicht-literarischen, aber gleichwohl über fiktionale Elemente verfügenden Quellen im jeweiligen Kontext. In der altnordischen Literatur bezeugen die bekannten Wutkrieger oder Berserker eine Methode des ekstatischen Kämpfertums, das noch in der hochmittelalterlichen Literatur Spuren hinterlässt, aber durch das höfische Ideal der Affektkontrolle abgelöst erscheint. Der häufige Empfang von Visionen und deren begleitende ekstatische Zustände gehörten zu den Merkmalen der mystischen Heiligen. Die mystische Literatur kreist um die Erfahrung der Gotteseinheit die in abstrakter Virtuosität thematisiert, aber auch affektiv somatisch erfahren werden kann. Eine «Entrückung» aus der ich-gebundenen Wirklichkeit und die damit verbundene Offenbarung, blieb für das Christentum bis in die Neuzeit eine akzeptierte Form der Wahrheits- und Gotteserkenntnis. Ekstatische Visionen und Prophezeiungen, im Hochmittelalter noch als wertvollere Geschichtsquelle ernst genommen, fanden in der um politische Suprematie kämpfenden Kirche des Spätmittelalters wenig Widerhall, in Bezug auf die Hexen entschiedenen Widerstand.

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IX. Die Fiktionalitätsdebatte: frühmittelalterliche Nachtfahrerinund spätmittelalterliche Hexe 413

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413 IX. Die Fiktionalitätsdebatte: frühmittelalterliche Nachtfahrerin und spätmittelalterliche Hexe Im bereits 1993 in der Zeitschrift kea erschienenen, anregenden und immer noch aktuel- len Aufsatz zu Carlo Ginzburgs Buch „Hexensabbat“ – eine Herausforderung an die Methodendiskussion in der Geschichtswissenschaft zieht Klaus Graf, einer der fleißigs- ten Historiographen der modernen Hexenforschung,1 Bilanz zu dem umstrittenen Thema und geht u. a. auch auf die ekstatischen Hexenfahrten und deren Parallelen in Visionserzählungen und andere im Kontext des Religiösen angesiedelte Phänomene ein. Er betont vor allem die enorme Kehrtwende, die die Hexenforschung seit dem Er- scheinen von Carlo Ginzburgs Publikationen2 genommen hat. Während das 19. Jahr- hundert noch vielerlei Zugänge zu dem Phänomen des Hexenfluges, den ekstatisch- dämonischen Kulten und den Verfolgungen verzeichnete, weshalb die Thematik von manchen Forschern als trivial abgelehnt wurde, blieb die eigentliche Verfolgung von devianten Menschen, die Verschreiung als Hexen in ruralen Gebieten dennoch traurige Realität. Es ist hier nicht der Ort, auf die verschiedensten Forschungsansätze des 19. und 20. Jahrhunderts einzugehen, doch kann ich auf den im Druck befindlichen Band verweisen, in dem mein Forschungsbericht den Forschungsansätzen und der literari- schen Rezeption des Hexenthemas im 19. Jahrhunderts gewidmet ist.3 (vgl. Abb. 29-33) Jene Frage, ob es so etwas wie Menschen gegeben habe, die in Ekstase mittels einer Salbe oder auf dem Rücken eines Tieres zu einem Tanz- bzw. Sabbatplatz geflogen sei- en, hatte z. B. Norman Cohn4 als reine Interpretation der Hexenjäger abgetan, wobei...

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