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Stefano Guazzo «La Civil Conversazione» in der französischen Kultur des 16. und 17. Jahrhunderts

Helga Hübner

Mit Stefano Guazzos Dialog La Civil Conversazione erschien 1574 in Brescia ein Werk, das den Gesellschaftsfragen im Europa der Frühen Neuzeit entscheidende Impulse gab. Indem er alle sozialen Schichten in seine Überlegungen einbezieht, betont Guazzo das überständische Ideal einer umfassenden Kultivierung und Vervollkommnung des Menschen. Damit treibt er die Demokratisierung von Anstand und Bildung voran, die ihm als das geeignete Mittel der Verständigung zwischen den einzelnen sozialen Ständen und innerhalb derselben erscheinen. Er widerlegt Vorurteile, betont den Adel der Tugend und relativiert den Vorrang des Geburtsadels, um den menschlichen Beziehungen eine gerechte Grundlage zu geben. Der Schlüssel dazu ist die civil conversazione, der Guazzo eine moralische wie erkenntnisfördernde Kraft zuschreibt und diese im Verlauf seines Dialogs vorführt. Guazzo spielt im Kulturtransfer zwischen Italien und Frankreich eine herausragende Rolle, zu der in dieser Untersuchung erstmals präzise Informationen gegeben werden. Zudem wird gezeigt, wie Guazzos Vorstellungen in unterschiedlichen Strömungen des 17. Jahrhunderts ihren Niederschlag finden.

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VI Die Rezeption der CC im Frankreich des 16. und 17. Jahrhunderts

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1 Die französische Konversationsgesellschaft 1.1 Die Entstehung der französischen Konversationsgesellschaft In der französischen Konversationsgesellschaft lassen sich Einflüsse Guazzos beobachten. Auch gehören Guazzos Werke zur Bibliothek des in den Salons ge- schätzten Literaturkritikers und Dichters Jean Chapelain. Seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts muss der französische Adel und sein über Generationen ge- wachsenes mentales Universum einen Wandel über sich ergehen lassen. Ökono- mische Veränderungen, wissenschaftlicher Fortschritt sowie die Religionskriege zeitigen Rückwirkungen auf den gesellschaftlichen Status des Adels. Es sind insbesondere neue Formen der Gesellschaft und Regierung, die ein gefährliches Erwachen hervorrufen. Ursprünglich besaß der Adel das Privileg der Landesver- teidigung. Dieses ist ihm mehr und mehr abhandengekommen. Das Kriegshand- werk ist zu einem Beruf geworden und der adlige Krieger wird auf den Rang eines Offiziers des Königs herabgestuft. Der Adel ist jetzt immer weniger bereit, seine Truppen zu mobilisieren, wenn der König diese anfordert, und zahlreiche Adlige stellen lieber Ersatztruppen zur Verfügung. Wie sollen sie sich mit der Staatsraison eines Königs identifizieren, der nicht mehr primus inter pares sein möchte, den Adel auch aus den politischen Entscheidungen ausschließt und die Administration mehr und mehr ehrgeizigen und unterwürfigen Männern anver- traut?711 Die Möglichkeit des Kaufs von Ämtern durch Angehörige des dritten Standes besteht schon seit drei Jahrhunderten, doch die 1604 von Henri IV erlas- sene Paulette, die den Verkauf von Ämtern und die Möglichkeit ihrer Vererbung regelt,...

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