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Politische Kultur und Theatralität

Aufsätze, Essays, Publizistik- Mit einem Vorwort von Joachim Fiebach

Gottfried Fischborn

Der Verfasser beschreibt und analysiert Elemente und Aspekte von Theatralität in der politischen Kultur Deutschlands zwischen 1990 und 2011. In diesem Sinne versteht sich das Buch als angewandte Theaterwissenschaft mit interdisziplinärem Bezug zur Politik- und Kommunikationswissenschaft. Dabei rücken vor allem die Schwierigkeiten und Widersprüche des deutschen Vereinigungsprozesses in den Focus. Die Theaterwissenschaft der DDR gab für das Diskursfeld «Theatralität» vor allem durch Rudolf Münz und Joachim Fiebach schon seit 1978 folgenreiche Anstöße. An Fiebachs kommunikationswissenschaftlich geprägtes Konzept schließt der Verfasser unmittelbar an. Die Studien und publizistischen Arbeiten werden ergänzt durch einige literaturwissenschaftliche, thematisch angrenzende Texte, unter anderem zu Peter Hacks, Heiner Müller, Alfred Matusche und Uwe Tellkamp.

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UNSERE STALINISTISCHE UTOPIE

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Schein und Sein: Wirkung und Gegenwirkung auf eine Generation Wir standen 1951 als Fünfzehnjährige während der Jugend-Weltfestspiele auf dem von Ruinen umgebenen, nächtlichen Berliner Marx-Engels-Platz, hinter uns im Fackelschein die Leere, die die kürzlich weggesprengte Fas- sade des Preußenschlosses hinterlassen hatte. Wir hielten uns – Jugend- liche und Studenten aus 100 Nationen – an den Händen und riefen im Sprechchor „Stalin, Stalin!“. Es war eine unio mystico, die doch alle Hoff- nungen einer Nachkriegsjugend enthielt. Hatten wir es nicht in der Hand, eine neue, gerechte und friedliche Welt zu schaffen, sogar auf diesem fa- schismusverseuchten deutschen Boden? Später, als Studenten der Theaterwissenschaft, schien uns, noch waren wir gläubig, der Sozialismus könne mitsamt dem Kapitalismus auch die anhaltende „Krise des Dramas“ beseitigen, von der wir in den Vorlesungen hörten. Diese, erfuhren wir, hatte ungefähr 1890 begonnen. Sie sei – und da käme es auf jeder der drei Punkte an! – eine Krise des gegenwärtigen zwischenmenschlichen Handelns. Unsere Großeltern erfuhren den Ver- lust der Gegenwärtigkeit zuerst durch die Ibsenschen Gespenster aus der Vergangenheit, den der Zwischenmenschlichkeit aus Strindbergs Ehekrie- gen oder der melancholischen Einsamkeit der aneinander vorbei lebenden Tschechowschen Figuren, und seither waren sie samt ihren Nachfahren ihrer Handlungsmöglichkeiten im Heute beraubt – sie konnten, das war die Grunderfahrung, in die Geschichte (und in ihre Geschichten) nicht mehr wirkungsmächtig eingreifen. Keiner hat das radikaler auf die Bühne gebracht als Samuel Beckett. Nun aber, das fühlten wir, hatten...

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