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Politische Kultur und Theatralität

Aufsätze, Essays, Publizistik- Mit einem Vorwort von Joachim Fiebach

Gottfried Fischborn

Der Verfasser beschreibt und analysiert Elemente und Aspekte von Theatralität in der politischen Kultur Deutschlands zwischen 1990 und 2011. In diesem Sinne versteht sich das Buch als angewandte Theaterwissenschaft mit interdisziplinärem Bezug zur Politik- und Kommunikationswissenschaft. Dabei rücken vor allem die Schwierigkeiten und Widersprüche des deutschen Vereinigungsprozesses in den Focus. Die Theaterwissenschaft der DDR gab für das Diskursfeld «Theatralität» vor allem durch Rudolf Münz und Joachim Fiebach schon seit 1978 folgenreiche Anstöße. An Fiebachs kommunikationswissenschaftlich geprägtes Konzept schließt der Verfasser unmittelbar an. Die Studien und publizistischen Arbeiten werden ergänzt durch einige literaturwissenschaftliche, thematisch angrenzende Texte, unter anderem zu Peter Hacks, Heiner Müller, Alfred Matusche und Uwe Tellkamp.

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DER UNZEITGEMÄSSE

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In den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts haben meine Kollegin Gerda Baumbach und ich den Dichter Heiner Müller im Zusammenhang eines Forschungsprojektes mehrfach ausführlich interviewt, insgesamt etwa acht Stunden lang. Auch später kam es zu diversen Begegnungen. Meine wichtigste Erinnerung an Müller ist seine sehr ausgeprägte Höflich- keit. Sie hatte nichts mit „Umgangsfomen“, mit Benimmbüchern zu tun, sie erinnerte in keiner Weise an die etymologische Herkunft des Begriffs, sie war nicht bürgerlich konventionell und erst recht nicht „höfisch“ ze- remoniell. Es war „nur“ die Fähigkeit, zuhören zu können in einem Grade und in einer Art, wie ich sie seither kaum noch einmal erlebt habe. Sie gab einem das Selbstwertgefühl zurück noch bevor man durch das Bewußt- sein, mit einem Großen des Zeitalters zu sprechen, eingeschüchtert sein konnte. Es liegt mir nichts daran, mich an dem eben wieder neu belebten wissen- schaftlichen Diskurs um den Dichter und Regisseur Heiner Müller zu be- teiligen. Zu knapp ist hier der Platz für einen seriösen Versuch dieser Art, zu bedrängend sind, wenngleich sie mehr als zwanzig Jahre zurückliegen, einige Erinnerungen, zu verworren die einander durchkreuzenden Gedan- ken beim Versuch, seiner entschwundenen Aktualität nachzufragen. Zu stark bleibt auch trotz gegenteiliger Beteuerungen der Verdacht, die De- batte habe sich zuletzt allein um des im Januar 2005 bevorstehenden 75. Geburtstages willen neu belebt. Nein, es geht diesem Autor schlecht. Die Theater spielen ihn kaum...

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