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Politische Kultur und Theatralität

Aufsätze, Essays, Publizistik- Mit einem Vorwort von Joachim Fiebach

Gottfried Fischborn

Der Verfasser beschreibt und analysiert Elemente und Aspekte von Theatralität in der politischen Kultur Deutschlands zwischen 1990 und 2011. In diesem Sinne versteht sich das Buch als angewandte Theaterwissenschaft mit interdisziplinärem Bezug zur Politik- und Kommunikationswissenschaft. Dabei rücken vor allem die Schwierigkeiten und Widersprüche des deutschen Vereinigungsprozesses in den Focus. Die Theaterwissenschaft der DDR gab für das Diskursfeld «Theatralität» vor allem durch Rudolf Münz und Joachim Fiebach schon seit 1978 folgenreiche Anstöße. An Fiebachs kommunikationswissenschaftlich geprägtes Konzept schließt der Verfasser unmittelbar an. Die Studien und publizistischen Arbeiten werden ergänzt durch einige literaturwissenschaftliche, thematisch angrenzende Texte, unter anderem zu Peter Hacks, Heiner Müller, Alfred Matusche und Uwe Tellkamp.

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… WIE EINE TASSE KAFFEE

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Eine Anmerkung zur Dramaturgie von Vermarktungsstrategien In diesem langen Sommer des Jahres 2003 sahen wir den folgenden, amü- santen Werbespot: ein junger Mann mit seiner Freundin des nachts vor der Haustür. Die Eltern? „Die schlafen“, sagt der Junge und nimmt sein Mädchen mit in die Wohnung. Er hat ihr eine Tasse Kaffee bereitet. Der verführerische Duft, das wird ihm plötzlich klar, zieht unter der Tür ins elterliche Schlafzimmer: ungewollte Nebenwirkung. Er nimmt das Schul- tertuch des Mädchens, verstopft die viel zu große Türritze. Nebenan ist Vati selig lächelnd und schnuppernd am Aufwachen. Dann steht er in der Tür, Mutti sieht ihm über die Schulter. Der junge Mann, noch knieend, schaut verwirrt nach oben, sagt: „Papa – Kaffee?“ Hinter dem Rücken der Männer winken die Mutter und das Mädchen lächelnd einander zu. Stim- me aus dem Off: „Das kann nur das Verwöhn-Aroma.“ Dann Standbild, in der Mitte groß eine Packung Jakobs Krönung. Darunter der gleichzeitig aus dem Off gesprochene Text: „Jacobs Krönung. Das Beste von JACOBS. Wunderbar.“ Es lohnt sich, diesen 30-Sekunden-Spot dramaturgisch-analytisch zu sezie- ren. Er steht für eine Reihe ähnlicher Beispiele, für eine Tendenz, auf die ein anderer berühmter Werbespruch angewandt werden könnte: „Nicht immer – aber immer öfter“. Er erzählt nämlich eine Geschichte in Gestalt eines Minidramas. Das hat, wie es sich nach überkommenen Maßstäben gehört, einen zentralen Konflikt: in diesem Fall...

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