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Phänomenologie der natürlichen Lebenswelt

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Klaus Held Prof. em. Dr.

Die Untersuchung entwickelt hermeneutisch-phänomenologisch eine Antwort auf die Frage, wie die Lebenswelt als Natur erfahren wird. Sie zeigt, wie der Naturbegriff bei Kant, insbesondere in den mathematischen Grundsätzen der «Kritik der reinen Vernunft», verarmt und wie er sich schon bei Aristoteles verengt. Bei beiden eröffnet sich aber zugleich die Möglichkeit des Rückgangs zu einem ursprünglicheren Naturverständnis im frühgriechischen Denken von Anaximander und Heraklit. Diesen Rückgang realisiert eine Neuinterpretation der Kosmologie und Psychologie des Aristoteles im weiteren Verlauf der Arbeit. Das führt zu einer Phänomenologie der Erfahrung des «Elementaren», das wissenschaftsgeschichtlich in Gestalt der alten Elemente Feuer, Wasser, Erde, Luft in Erscheinung trat, aber eigentlich eine viel weitere Bedeutung hat, die in den sogenannten subjektlosen Sätzen zur Sprache kommt.

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1. Zur Geschichte des Naturbegriffs In der auf die Griechen zurückgehenden Sprache der Philosophie ausgedrückt verstehen wir unter „Natur“ zweierlei: erstens einen Gesamtbereich dessen, was es überhaupt gibt, des „Seienden“ im ganzen, und zweitens eine Weise, wie einzelnes Seiende ins Sein gelangt, wie es „wird“ oder „entsteht“. Etwas Seiendes kann da- durch entstehen, dass wir Menschen uns darin auskennen, wie das betreffende Seiende, z.B. ein Haus oder ein Stuhl, gemacht, herge- stellt, produziert wird. Solches Sich-Auskennen hieß im Griechi- schen téchne1, „Kunst“; von téchne ist der moderne Begriff „Tech- nik“ abgeleitet. „Natur“ als Weise des Entstehens meint, dass et- was nicht durch uns, unsere téchne oder Technik, sondern „von selbst“ zur Existenz kommt. „Natur“ als Gesamtbereich von Sei- endem bezeichnet denjenigen Bereich alles Seienden überhaupt, dessen Eintreten ins Sein durch eben diese Entstehungsweise des „von selbst“ gekennzeichnet ist. Die gerade skizzierte Unterscheidung beim Naturbegriff findet sich auch bei Immanuel Kant: Er bezeichnet die als Entstehungs- weise verstandene Natur als natura formaliter spectata, „Natur im Hinblick auf ihre Form betrachtet“; „Form“ meint hier die Weise, wie etwas ins Sein gelangt. Die Natur als Gesamtbereich dessen, was von selbst entsteht, heißt bei Kant natura materialiter spectata, „Natur im Hinblick auf ihre Materie, d.h. ihren Inhalt, betrachtet“. Der Inhalt, den die „Natur“ enthält, ist die Gesamtheit all desjeni- gen Seienden, das von selbst entsteht. Der formale Naturbegriff ist der grundlegende; denn wir könnten nicht von einem Gesamtbe- reich dessen, was von selbst entsteht, sprechen, wenn...

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