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Seesturm im Mittelalter

Ein literarisches Motiv im Spannungsfeld zwischen Topik, Erfahrungswissen und Naturkunde

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Carola Fern

Schilderungen von stürmischem Meer sind in der Literatur des Mittelalters weit verbreitet, bislang aber von der Forschung stark vernachlässigt worden. Diese Arbeit erschließt der Mediävistik ein neues Motiv und mit diesem einen neuen Blickwinkel auf die Forschung zur Naturwahrnehmung im Mittelalter. Das geschieht durch einen kommentierten Katalog literarischer Seesturmschilderungen und durch Analysen einer Stichprobenauswahl aus dem 9. bis zum 16. Jahrhundert. Alle Seesturmschilderungen werden im Hinblick auf die Topik des Motives, auf die Verarbeitung naturphilosophischer und technischer Entwicklungen der jeweiligen Entstehungszeit, auf den Realitätsgehalt der Schilderung und die Funktion des Motivs für die Gesamtkomposition und Deutung des jeweiligen Werkes hin untersucht. Der interdisziplinäre Ansatz kommt zu neuen Ergebnissen, die die bisherige Sicht auf Naturwahrnehmung im Mittelalter modifiziert.

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III. Methodisches Vorgehen und Verortung in der germanistischen Theoriedebatte

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Die vorliegende Untersuchung geht von der These aus, dass sich aus der Art und Weise der literarischen Schilderungen des Seesturmmotivs Rückschlüsse auf die Art und Weise der Naturwahrnehmung der jweiligen Epoche ziehen lassen und dies umso mehr, da der Seesturm als eine Naturkatastrophe zu einer Deutung der Naturmächte herausfordert. Diese Ausgangsthese befindet sich im Einklang mit den neuesten germanistischen Ansätzen zur Fragestellung nach der Naturwahr- nehmung im Mittelalter104, die wiederum unter dem Einfluss der neueren mediä- vistischen Öffnung für Text- und Kulturtheorien der Nachbardisziplinen stehen. In diesen Theorien wird der Text als Kunstwerk nicht mehr autonom betrachtet, son- dern eingebunden in seinen historischen Kontext.105 In der Mediävistik gab es eine solche Sichtweise auf Literatur schon seit ihren Anfängen.106 So können die neueren Kulturtheorien in der Mediävistik an alte Traditionen anknüpfen und die- se modernisieren.107 In dem Bereich der Naturwahrnehmungsforschung verfolgten schon Wilhelm Ganzenmüller, Willi Flemming u.a. einen Ansatz, aus den Texten auf die kollektive Natursicht und -wahrnehmung zu schließen und die Texte aus der Zeit heraus zu verstehen. Später verwies Curtius als Romanist, beeinflusst von der Psychoanalyse, auf die „Archetypenfunktion“ einiger Topoi (vgl. Kap. II. 2.). In der heutigen Wissenschaft wird davon ausgegangen, dass die Wahrnehmung der Men- schen dem geschichtlichen Wandel unterliegt.108 Auch die neueren Kulturtheorien gehen davon aus, dass man aus literarischen Texten und gerade auch aus topischen Motiven, d.h. solchen, die bestimmten, feststehenden Beschreibungsmustern fol- gen109, auf die kollektive Wahrnehmung der Menschen schlie...

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