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Seesturm im Mittelalter

Ein literarisches Motiv im Spannungsfeld zwischen Topik, Erfahrungswissen und Naturkunde

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Carola Fern

Schilderungen von stürmischem Meer sind in der Literatur des Mittelalters weit verbreitet, bislang aber von der Forschung stark vernachlässigt worden. Diese Arbeit erschließt der Mediävistik ein neues Motiv und mit diesem einen neuen Blickwinkel auf die Forschung zur Naturwahrnehmung im Mittelalter. Das geschieht durch einen kommentierten Katalog literarischer Seesturmschilderungen und durch Analysen einer Stichprobenauswahl aus dem 9. bis zum 16. Jahrhundert. Alle Seesturmschilderungen werden im Hinblick auf die Topik des Motives, auf die Verarbeitung naturphilosophischer und technischer Entwicklungen der jeweiligen Entstehungszeit, auf den Realitätsgehalt der Schilderung und die Funktion des Motivs für die Gesamtkomposition und Deutung des jeweiligen Werkes hin untersucht. Der interdisziplinäre Ansatz kommt zu neuen Ergebnissen, die die bisherige Sicht auf Naturwahrnehmung im Mittelalter modifiziert.

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VII. Seesturmschilderungen in der höfischen Epik

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Die höfische Epoche der mittelalterlichen Literatur gilt traditionell als die „Blüte- zeit“.527 Johnson hat darauf aufmerksam gemacht, dass der Begriff „Blütezeit“ die Werke davor und danach abwertet und den Blick für das Experimentelle und Neue in Form, Inhalt und Fragestellung der zu Klassikern gemachten höfischen Werke verstellt.528 Trotzdem ist die exponierte Stellung der höfischen Werke in der Lite- raturgeschichte insofern gerechtfertigt, als dass in ihnen plötzlich eine Fülle von neuen Impulsen verarbeitet wurde. Der sprachliche Stil wurde eleganter und viel- fältiger. Die holprigen Reime der Frühzeit wurden durch reine Reime und elegan- te Metrik abgelöst. Die höfischen Dichter schafften die sprachliche Basis für alle Nachfolger. Viele neue Stoffe kamen aus Frankreich und die Dichter traten in ihren Werken als individuelle Personen hevor und nahmen Stellung zu anderen Dichtern.529 Darum darf diese Epoche in einer Untersuchung zum Seesturmmotiv in mittelalterlicher Literatur auf keinen Fall ausgelassen werden. Die bisher unter- suchten Stofftraditionen wiesen aber keine Fassung auf, die dieser wichtigen Gruppe mittelhochdeutscher Dichtung zuzurechnen wäre. Darum sollen hier drei der wirkungsmächtigsten Werke, der „Eneas“ Heinrich von Veldekes, der „Parzi- val“ Wolfram von Eschenbachs und der „Tristan“ Gottfried von Straßburgs als Beipiele herangezogen werden. Veldekes „Eneas“ gilt als das Gründungswerk der deutschsprachigen höfischen Epik und hat viele Grundlagen geschaffen, auf denen die Nachfolger aufbauten. Der „Parzival“ und der „Tristan“ sind später ungefähr zeitgleich entstanden. Die Dichter dieser Werke aber waren so gegens...

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