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Die Stimme des Körpers

Vokalität im Theater der Physiologie des 19. Jahrhunderts

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Petra Bolte-Picker

Physiologen des 19. Jahrhunderts produzieren in vielfältigen Experimenten Stimmen aus Leichen und Leichenteilen, welche die rhetorische Einheit von Stimme, Körper und Sprache in Frage stellen. Die Autorin legt vor dem Hintergrund analytischer Theatralität eine detaillierte Diskursanalyse dieser Experimente vor, die deren vorwissenschaftlichen Horizont sowie einen Vergleich mit literarischen und gesellschaftlichen Stimm- und Wahrnehmungsmodellen fokussiert. Die Ergebnisse ihrer Analysen führen, jenseits von Frequenz und Maschine, zu einer anderen Einschätzung des 19. Jahrhunderts sowie zu einer gesellschaftlich wirksamen Definition von Stimme, welche die theoretische Grundlage für ein Theater der Wissenschaft bereit stellt.

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Einleitung: Denk/Schnitt

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Zur Epistemologie theoretischer Erkenntnisse in wissenschaftlichen Diskursen Der Skandal wissenschaftlichen Denkens – so hat es Judith Schlanger in ihrem Werk Penser la bouche pleine im Jahr 1983 beschrieben – liegt ausgerechnet in den Praktiken begründet, mit denen die Wissenschaft ein kontinuierliches, monodisziplinäres Denken durchbrechen will: in den Diskurspraktiken selbst, wenn sie unter dem Zwang der Theoriebildung an ein Konsensdenken gebunden sind.1 Einseitig rezipierte Theorien ohne Berücksichtigung möglicher Gegenar- gumente führen unter Umständen zu vorschnellen Konzeptualisierungen und zu voreiliger Verbreitung von Thesen und Ideen. Der Wissenschaftsdiskurs unter- liegt schnell der Gefahr sich selbst abzuschaffen, sobald die wissenschaftliche Aussage nicht mehr durch analytisches Denken am Gegenstand gewonnen wird, sondern ihr Potential den Diskurspraktiken untergeordnet scheint. Damit wird unbewusst den Kontexten oder den gesetzten Referenzsystemen, auf die sich der Diskurs beruft und die ihn bilden, der Vorrang gewährt – nicht dem Erkenntnis- gewinn durch eine kritische Analyse. Die Konsequenzen sind weit reichend, insofern ein Gegenstand keineswegs als ein noch unbestimmtes Objekt zu analysieren ist. Vielmehr erweist sich der Gegenstand selbst als Konstrukt einer durch den spezifischen Bezug zum wis- senschaftlichen Diskurs geprägten Wahrnehmung, die die produktive Perspekti- vierung des Gegenstands und dessen theoretische Bearbeitung beeinflusst. Noch vor jeder Analyse ist der Gegenstand dann bereits als sein eigenes Ergebnis ein- gebunden in die dem Erkenntnisgewinn gewidmeten Aussagen im Theoriege- bäude eines offiziell geführten und von einer Wissenschaftsgemeinschaft akzep- tierten wissenschaftlichen Diskurses. Diese Hypothesen werfen einen Schatten auf die Konzeption von epistemi- schen Wahrheiten: Die Episteme bildet zwar...

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