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Der andere Goethe

Die literarischen Fragmente im Kontext des Gesamtwerks

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Karina Becker

Die erste umfassende Interpretation der literarischen Fragmente Goethes eröffnet den Blick auf andere, weitgehend unbekannte Texte des Dichters. Im Kontext des Gesamtwerks entsteht jetzt ein anderes Goethebild, das literarisch, ästhetisch und inhaltlich überrascht. In einer thematischen Zusammenschau ergeben sich Bilder von den «würdigen Brüdern des Götz von Berlichingen», von Napoleon, von Faust und Wilhelm Meister als negativen und positiven Exempeln der Menschheit. Auch wird plötzlich das Fragmentarische der vollendeten Werke deutlich. Mithilfe kunstgeschichtlicher Kategorien wird der Fragmentbegriff präzisiert, indem literarische Werkstattformen wie croquis, esquisse, étude von abgebrochenen ( Non finiti) und als Fragment publizierten Texten ( Torsi) differenziert werden.

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Ästhetik des Fragments

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Schönheit, Ganzheit, Wahrheit werden in der Mitte des 18. Jahrhunderts unvoll- ständigen und zerstückten Statuen und Skulpturen1 aus der Antike zugesprochen, über Literatur, Sprache und Physiognomie wird in Fragmenten reflektiert und der „Torso im Belvedere zu Rom“ als das „Vollkommenste der alten Bildhauerei“2 be- zeichnet. Nahezu zeitgleich setzt jedoch Baumgarten in seiner Abhandlung über die Ästhetik „pulchritudo“ mit „perfectio“ gleich.3 Im 18. Jahrhundert ereignete sich nicht nur eine kopernikanische Wende durch die Kritiken Kants, sondern auch eine ästhetische. Fragmente werden nun als Kunstwerke betrachtet und mit Epitheta versehen, die gebräuchlich sind für die Beschreibung vollständiger, abgeschlossener Werke. Mit ‚Fragment‘ wird nicht mehr nur das Bruchstück (lat. fragmentum) bezeichnet, das Übriggebliebene, Zer- stückte, sondern auch das Stückwerk (lat. pars), das Unvollendete, das Stück hin zum disponierten, aber nicht realisierten Ganzen. 1. Das Fragment und der Perspektivwechsel um 1800 Als ‚geistiger Vater‘ des Perspektivwechsels vom Bruchstück zum Stückwerk gilt Jo- hann Georg Hamann.4 ‚Fragment‘ benutzt er zum Ausdruck eines „eigenwertigen 1 Zur Unterscheidung von Skulptur und Statue siehe den Artikel “statue” im “Oxford Art Lexi- con”: “A statue is distinguished from sculpture in relief: it is free-standing, even when it is not possible to inspect it from all sides. It may also be distinguished from a figurine or Statuette, for it is never much less than life-size and can be very much larger. Moreover, a statue is generally un- derstood to mean a single figure, not a group, and,...

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