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Simulation: Verhaltensstrategien und Erzählverfahren im neusachlichen Roman

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Maite Katharina Hagen

Der neusachliche Roman wird auf der Grundlage soziokultureller Texte der Zehner-, Zwanziger- und Dreißigerjahre analysiert. Zentrale Werke sind Das kunstseidene Mädchen von Irmgard Keun, Erich Kästners Fabian, Martin Kessels Herrn Brechers Fiasko und Bin ich ein überflüssiger Mensch? der österreichischen Autorin Mela Hartwig. Die Leitkategorie der Simulation ermöglicht es, die vielschichtigen Überschneidungen zwischen der Literatur und dem modernen Großstadtleben aufzuzeigen. Simulation bezeichnet dabei sowohl strategisch eingeübte Verhaltensmuster als auch Erzählverfahren. Aus der Untersuchung ergibt sich, dass im neusachlichen Roman zugleich Phänomene des Alltagslebens reflektiert und Wahrnehmungsstrukturen reproduziert werden.

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Fazit: Identitätskonstruktion durch Versprachlichung

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Die Untersuchung neusachlicher Texte ergibt die Herausforderung der Positio- nierung im urbanen Lebensumfeld als zentralen Konflikt, der nicht allein auf der Handlungsebene thematisiert, sondern darüber hinaus im Verfahren der narrati- ven Wahrnehmungsreproduktion reflektiert wird. Im Medium der Literatur ge- lingt es, die zum sozialen Phänomen verallgemeinerten Verhaltensstrategien des Simulanten sowie die zeittypische Wahrnehmung simulierter Realität zu simu- lieren. Oftmals hinter einem unterhaltenden Lektüreeindruck verborgen zeigt sich in der Analyse des Verhältnisses von Inhalts- und Darstellungsebene die Komplexität einer selbstreferenziellen Literatur, die den Prozess der Identitäts- konstruktion durch Versprachlichung reproduziert und in diesem Sinne „sach- lich“ erzählt. Im Zeichen des kalten Habitus entworfene Lebenspläne werden in den bei- spielhaft betrachteten Romanen von sozialen Determinanten, ökonomischen Be- dingungen und emotionalen Befindlichkeiten durchkreuzt. Die Figuren erproben sich in der Verstellungskunst des Simulanten und reproduzieren darin moderne- typische Strategien der Selbstinszenierung. Das Scheitern kalkulierter Selbstdar- stellung verweist auf die Konsequenzen der kalten Verhaltenslehren, deren Be- folgung die Negierung individueller Bedürfnisse erfordert. Der Einzelne erlebt sich als austauschbares Massenelement der richtungslos dynamisierten Groß- stadt und fürchtet die Degradierung zur Kreatur, zum Objekt der Beobachtung. In dem Bemühen um Abgrenzung enthüllt sich die Kehrseite des Außenseiter- postens, der distanzierte Beobachter muss seine Isoliertheit erkennen. Mit dem Entzug der Handlungsmöglichkeiten droht die Entmachtung des Subjekts in der Abgrenzung ebenso wie bei der Anpassung. Die Selbstwahrnehmung des Indi- viduums ist von verzerrten Spiegelungen irritiert, anstatt sich im Blick des Ge- genübers...

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