Show Less

Wer zeugt für den Zeugen?

Positionen jüdischen Erinnerns im 20. Jahrhundert

Series:

Edited By Dorothee Gelhard and Irmela von der Lühe

«Niemand zeugt für den Zeugen» – die Schlusszeile aus Paul Celans Gedicht «Aschenglorie» hat den Titel des Bandes inspiriert. In poetisch verdichteter Form spricht es vom Vernichtungswillen der Täter auf der einen und vom verzweifelten Versuch des Überlebens zum Zwecke des Bezeugens auf der anderen Seite. Aus Anlass unterschiedlicher Texte, Dokumente und Medien und aus der Perspektive verschiedener Disziplinen (Theologie und Philosophie, Literatur-, Kultur- und Geschichtswissenschaften) wird in den Beiträgen nach Positionen jüdischen Erinnerns im 20. Jahrhundert und der Bedeutung von Zeugen und Zeugnissen gefragt.

Prices

Show Summary Details
Restricted access

„Denn unsere Erinnerungen sind Euer einziges Grab“. Institutionalisierte Formen der Erinnerung - Für Francesca Yardenit Albertini (z’’l) von Rainer Kampling

Extract

37 „Denn unsere Erinnerungen sind Euer einziges Grab“. Institutionalisierte Formen der Erinnerung Für Francesca Yardenit Albertini (z’’l) von Rainer Kampling Näherung Das Zitat, das dem Beitrag als Titel dient, liest man auf Denkmälern, die in ver- schiedenen Städten wie etwa New York, Paris oder Venedig zu finden sind. Der Verfasser des Satzes war André Tronc, Mitglied der französischen Résistance; die Denkmäler gestaltete der Bildhauer Arbit Blatas.1 Der Satz „Denn unsere Erinnerungen sind Euer einziges Grab“ verweist auf die Wörtlichnahme des Begriffes Holocaust: Ganzopfer. Wie bei Nelly Sachs2 oder Paul Celan3 ist die völlige Auslöschung der Menschen, denen man ein Grab verweigerte, prägend für diesen Gedanken. Hier wird die Erinnerung zum Grab, da es eine Grabstätte als aufsuchbaren Ort der Erinnerung nicht gibt. Die Erinne- rung ist zum Ort der Bewahrung der Ermordeten geworden. Sie sind gegenwär- tig, indem man ihrer gedenkt. Zweierlei ist daran festzuhalten. Die Erinnerung richtet sich nicht auf die In- dividuen, sondern auf das Kollektiv der Opfer. Weiterhin erinnern sich Nichtju- den der Juden. Beides entspricht einer der Phasen der Erinnerungskultur nach der Shoah. In Denkmälern wurden der Verlust und das Unrecht beklagt, das, während es geschah, weitgehend beschwiegen wurde.4 Diese paränetische und pädagogische Implikation prägt weitgehend die Erscheinungsform der instituti- onalisierten Erinnerung, d.h. die memoriale Vergegenwärtigung durch feste Formen und Einrichtungen.5 1 Vgl. Jean Bouret: Olocausto. Arbit Blatas. Venedig 1979. 2 Nelly Sachs: Das Leiden Israels...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.