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Theorie und Praxis des Chors in der Moderne

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Jae Min Lee

Die neueren Zeiten kennen den Chor kaum mehr als Bestandteil der Festkultur, deswegen ist seine Umsetzung im Theater ein großes Problem. Für Regisseure und Schauspieler wie auch für die Zuschauer war der Chor der fremdartigste Teil. Allerdings haben seit der deutschen Klassik Theatermacher dem Chor intensive Aufmerksamkeit geschenkt. Der Chor ist dabei nicht nur ein dramaturgisches Mittel, um eine Distanz zwischen Bühne und Zuschauer zu wahren, sondern auch ein wichtiges Mittel zur Herstellung einer neuen Theater- und Zuschauerkunst. Der Rekurs auf das antike Vorbild zielt somit nicht auf die Wiederbelebung dieses Vorbilds um seiner selbst willen, sondern auf die Eröffnung neuer Möglichkeiten für das moderne Theater im Ringen um ein neues Theaterkonzept. Unter diesem Gesichtspunkt analysiert die vorliegende Studie die höchst differenzierten Chorkonzepte der Moderne.

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5. Verflechtung des Chors in das geschichtliche Leben des Bürgertums

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Im fünften Kapitel geht es um die Verflechtung des Chors ins geschichtliche Le- ben des Bürgertums. Hier betrachte ich den Chor als einen repräsentativen Aus- druck der Emanzipation bürgerlicher Schichten: Der Chor wurde nicht mehr nur in seinen überkommenen musikalischen Gattungen, Formen und Einrichtungen, etwa in Kirche, Schule und Theater gepflegt, sondern neu als Inbegriff der bür- gerlichen Kultur verstanden. Friedhelm Brusniak zitiert den Jenenser Dichter Christian Eduard Dürre mit der Feststellung, mehrstimmigen Chorgesang habe man bis um 1800 nur aus der Oper gekannt (wo diese Chöre zur Darstellung des erhöhten sozialen Rangs von Hauptpersonen zugeordnet sind, ein Beispiel ist Sarastro mit seinem Priesterchor in der Zauberflöte).684 Jetzt rückt der Chor in das Zentrum des Bürgertums. Überall verbreitet sich der Chorgesang, in Lieder- tafeln und Liederkränzen. Die Chöre vereinen sich in den großen regionalen Mu- sikfesten, den Rheinischen Musikfesten zum Beispiel, wie 1832 in Düsseldorf, ein „Musikalisches Olympia“, wie vor anderthalb Jahrhunderten die Zeitgenos- sen sagten.685 Das Chorwesen wurde dann sowohl in Deutschland als auch in England und sogar in Frankreich zum Massenphänomen. Die Chöre gehörten damit zu den charakteristisch bürgerlichen Erscheinungen in der Musikkultur des 19. Jahrhunderts.686 Die Chorgesang-Vereine hatten im 19. Jahrhundert einerseits Teil an der Bil- dung und Entwicklung der bürgerlichen Kultur.687 Andererseits waren das natio- nale Pathos und seine Pervertierung durchaus Teil dieser geselligen Sozialisa- tion.688 Der Weg des Chors in der Moderne ist folglich...

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