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Trennungsoperationen siamesischer Zwillinge

Eine Untersuchung des deutschen, englischen und australischen Strafrechts

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Kathrin Wolf

Die operativen Trennungen siamesischer Zwillinge durch Ärzte fordern nicht nur die medizinische Wissenschaft heraus, sondern auch die Rechtswissenschaft. Sie zwingen zur Aufarbeitung zahlreicher theoretischer Ansätze in Rechtsprechung und Wissenschaft. Viele Trennungsoperationen sind rechtlich unstreitig. Trennungsoperationen bei Zwillingen, die ein lebenswichtiges Organ teilen und zum Tod des einen Zwillings führen, sind jedoch moralisch, ethisch und rechtlich sehr komplex. In jüngster Vergangenheit haben Richter in zwei Urteilen – der englische Fall Re A (children) (conjoined twins: surgical separation) [2000] 4 All ER 961 und der australische Fall State of Queensland v Alyssa Nolan & Anor [2001] QSC 174 – entschieden, dass Trennungsoperationen siamesischer Zwillinge nicht gegen das Strafrecht verstoßen, selbst wenn einer der Zwillinge bei der Operation stirbt. Deutsche Gerichte haben sich mit diesen Fällen noch nicht befassen müssen. Der besondere Anreiz dieser Arbeit besteht in der Gegenüberstellung von deutschem, englischem und australischem Strafrecht und Rechtsprechung und einer möglichen Antwort auf die Frage, wie das deutsche Recht auf Trennungsoperationen reagieren kann.

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Dritter Teil: Falltyp 1

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104 105 § 8 Elektive Trennungsoperationen im Interesse beider Zwillinge A. Trennung von Säuglingen und Kleinstkindern I. Einleitung Bei elektiven Trennungsoperationen im Interesse beider Zwillinge sind die le- benswichtigen Organe doppelt angelegt. Es wird eine Trennungsoperation zur Verbesserung der Lebensqualität und/oder zur Lebensverlängerung beider Kin- der angestrebt. Dabei wird zwischen Säuglingen und Kleinstkindern einerseits und Erwachsenen andererseits unterschieden. Dies ist sinnvoll, denn die Schwer- punktsetzung der rechtlichen Probleme ist eine andere. Die rechtlichen Probleme folgen hier den medizinischen Möglichkeiten und Machbarkeiten und die sind sehr beschränkt bei Trennungsoperationen an Erwachsenen siamesischen Zwil- lingen. Es gibt in England, Australien und Deutschland bis heute noch keine Gerichtsurteile zu dieser Fallgruppe. II. Fallbeschreibungen Die folgenden Fälle sollen als typische Beispiele von elektiven Trennungen im Interesse beider Zwillinge dienen. Als unproblematisch stellt sich dabei die im Jahr 1959 an der Ludwig-Maximilians-Universität in München vorgenommene chirurgische Trennung eines weiblichen Xipho-Omphalogenpaares dar.386 Die Zwillinge teilten sich eine gemeinsame Leberbrücke, besaßen aber getrennte Bauchhöhlen und selbständige Kreisläufe. Der behandelnde Arzt befürwortete eine baldige Trennungsoperation u.a. deshalb, da eine längere körperliche Ver- bundenheit zu einer gegenseitigen Gewöhnung der beiden Kreisläufe aneinander führen würde, welche sich nachteilig auswirken könnte.387 Bei der Operation entstand ein großer Hautdefekt. Eine Wundheilung nach der Operation verlief 386 Weishäupl, Bericht über zwölf siamesische Zwillingspaare, S. 28 ff. 387 A.a.O., S. 29. 106 jedoch problemlos.388 Postoperativ entwickelten sich die Mädchen...

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