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Roman und Persönlichkeitsrecht

Ein partikulardogmatischer Entwurf

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Christoph Wege

Wer sich in einer Romanerzählung als Person wiedererkannt fühlt, muss das grundsätzlich hinnehmen, weil Kunstkommunikation nach außen wie ein Filter wirkt, der Verletzungen des Persönlichkeitsrechts abmildert. Die Arbeit konstruiert Kunstfreiheit und Persönlichkeitsrecht – aufeinander zugerichtet – neu. Dass Rechtsnormen nicht mit dem Buchstaben des Gesetzes identisch sind, sondern erst im Prozess ihrer eigenen Anwendung entstehen, bildet das nachpositivistisch-konstruktivistische Fundament hierfür. Dabei entsteht eine Landschaft partikulardogmatischer Innovationen, auf der sich die Lösung des juristischen Problems darbietet.

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Kapitel 1: „Esra“-Beschluss des BVerfG

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I. Sachverhalt Maxim Biller zeichnet in seinem Roman „Esra“ das Portrait zerrissener, neu zusammengefügter und stets wieder zerbrechender familialer, zwischenmen- schlicher und intimer Beziehungsnetzwerke: Adam, der Ich-Erzähler, ist Schrift- steller, lebt in München-Schwabing. Die türkischstämmige Romanfigur Esra, die ebenfalls dort wohnt, ist Schauspielerin, Trägerin eines Filmpreises, Mutter eines Kindes aus gescheiterter Ehe und unterhält eine wechselhafte, schließlich zerbre- chende Liebesbeziehung zu Adam. Dieser Beziehung folgt ein ebenfalls scheitern- des Verhältnis zu einem ehemaligen Schulfreund, mit dem sie ein gemeinsames Kind bekommt. Esras in dritter Ehe verheiratete türkische Mutter Lale ist Trägerin des alternativen Nobelpreises, den sie vor Jahren für ihre Umweltaktivitäten erhal- ten hatte. Esra stammt aus der Ehe Lales mit einem amerikanischen Soldaten, Esras drei Halbgeschwister aus zweiter Ehe mit einem Münchener Anwalt. Dieser Satz figurenbezogener Daten deckt sich mit den personenbezogenen Da- ten Billers, dessen ehemaliger Freundin und deren Mutter. Das gilt für Personen- konstellationen ebenso wie für Wohnorte, Handlungsorte, Herkunft, Berufe, Aus- zeichnungen, Reihenfolge der Beziehungen und Anzahl der Kinder. Übereinstim- mungen, deretwegen die Klägerinnen des Ausgangsverfahrens die Identifizier- barkeit ihrer Personen rügen und darüber hinaus vortragen, „Esra“ stelle insgesamt eine Biographie ohne wesentliche Abweichungen von der Realität dar. Die Be- schwerdeführerin vor dem BVerfG, Billers Verlagsgesellschaft, bestreitet das. Ein Großteil dessen, was in dem Roman passiere, habe sich in der Realität so nicht ereignet; dass Handlungen und Personen größtenteils den Biographien der...

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