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Die poena naturalis im Straf- und Strafzumessungsrecht

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Sabrina Sprotte

Seit jeher ist die straftheoretische Fundierung des poena naturalis-Gedankens innerhalb des Strafrechtsystems umstritten. Bereits prima facie scheint eine zufällige, nicht durch eine übergeordnete Instanz verhängte Strafe nur schwerlich geeignet zu sein, die Funktion einer staatlichen Strafe zu erfüllen. Gleichwohl hat dieses Phänomen durch § 60 StGB Einzug in das geltende Strafrechtsystem gefunden. Im Fokus der Arbeit steht die Frage, ob die poena naturalis einen legitimen Stellenwert innerhalb des Strafrechts, insbesondere als Absehensgrund von Strafe im Rahmen von § 60 StGB hat bzw. haben kann, was nach ausführlicher Untersuchung verneint wird. Die poena naturalis ist und bleibt eine systemfremde Figur, welche keinerlei Daseinsberechtigung im geltenden Strafrecht hat.

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B. Die poena naturalis als Rechtsinstitut?

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Zu Beginn der Untersuchung ist zu prüfen, inwiefern die poena naturalis auf- grund ihres Wesens bzw. ihres Charakters geeignet ist, die an ein rechtlich legi- times Institut zu stellenden Anforderungen zu erfüllen. Es ist zu klären, ob eine solche „Form“ der Strafe als staatliche Strafe legitimierbar ist und welche Voraus- setzungen dann gegebenenfalls erfüllt sein müssen. Um diese Grundsatz- und weitere Folgefragen beantworten zu können, bedarf zunächst der Begriff der poena naturalis einer näheren Bestimmung. I. Allgemeine Grundlagen 1. Poena naturalis – eine Begriffsbestimmung Poena naturalis bedeutet – aus dem Lateinischen wörtlich übersetzt – „natürliche Strafe“. Das entsprechende Empfinden, welches in Verbindung mit bestimmten menschlichen Verhaltensweisen auftritt, ist eine uralte Erscheinung. Es basiert auf der Annahme, dass „die Natur sich rächt“, wenn gegen bestimmte Regeln verstoßen wird. Allgemeiner kann man sagen, dass alles auch seine Kehrseite hat: Wer das Eine erstrebt, muss auch das Andere in Kauf nehmen. Es ist nicht möglich, nur alle – tatsächlichen oder vermeintlichen – Vorteile zu erhalten, son- dern es müssen naturgemäß auch alle dadurch in Gang gesetzten Unannehm- lichkeiten und Nachteile mit in Kauf genommen werden. Deshalb findet so beispielsweise jeder Missbrauch oder jede Ausschweifung in sich selbst zumin- dest eine gewisse Begrenzung.4 In Bezug auf eine poena naturalis kann daher zunächst abstrakt festgehalten werden, dass sie als Kehrseite der Medaille eines begangenen Fehlverhaltens auftritt. Sie muss insofern als Folge dieses Fehlver- haltens zu diesem einen unmittelbaren oder jedenfalls nachvollziehbaren mittel- baren Bezug...

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